Hysterie um Euro-Krise Europas Wundergeld trotzt den Schwarzmalern

Deutschland ergeht sich in Euro-Pessimismus, Untergangspropheten warnen vor dem Zusammenbruch der gesamten EU. Ist die Lage wirklich so dramatisch? Keineswegs - unser Geld steht mindestens so gut da wie der Dollar: Der Wechselkurs ist stabil, die Inflation gering.

Ein Debattenbeitrag von Wolfgang Kaden

Europäische Zentralbank in Frankfurt: Die Erfolgsstory des Euro ist längst nicht zu Ende
dpa

Europäische Zentralbank in Frankfurt: Die Erfolgsstory des Euro ist längst nicht zu Ende


Es ist die Zeit der Prognosen. Und so lieferten vergangene Woche zwei Schweizer Banken, die große UBS und die kleine Privatbank Pictet, einen Ausblick aufs neue Jahr. Mit Blick auf die Währungsszenerie waren sich die Experten der beiden eidgenössischen Geldhäuser einig: Amerikas Wirtschaft wird 2011 weiter schwächeln - und der Dollar wird auf Talfahrt bleiben.

Der Empfänger der Botschaft staunt, vor allem, wenn er in Deutschland ansässig ist. Der Dollar verliert, und nicht der Euro? Wer zwischen Flensburg und Garmisch die Talkshows verfolgt, Zeitungen und Magazine liest, der mag es nicht fassen, dass es die US-Valuta und nicht die hiesige Gemeinschaftswährung treffen soll.

82 Prozent der Bundesbürger, so das ZDF-Politbarometer, sehen den Euro in Gefahr. Kein Wunder. Seit Wochen prasselt auf die Bundesdeutschen das Trommelfeuer jener ein, die das gesamteuropäische Geld in einem unaufhaltsamen Niedergang wähnen und uns das sichere Ende des Euro voraussagen. Wenn man eine Währung kaputtquatschen und kaputtschreiben kann - dann sind wir in Deutschland auf dem besten Weg, das zu tun.

Wir erleben den unvermeidlichen Hans-Olaf Henkel, wie er, verkaufsfördernd für sein neues Buch, in den TV-Talkrunden bekennt, sich mit seinem einstmaligen Eintreten für den Euro schrecklich geirrt zu haben. Wir lesen Woche für Woche, wie der Vorsitzende der Ludwig-Erhard-Stiftung, der ehrenwerte Kollege Hans Dietmar Barbier, der Währungsunion das baldige, "verdiente Ende" prophezeit - und gleich auch noch am liebsten "die ganze Europäische Union in einer politischen Umwälzung an den Wahlurnen entsorgt" (!) haben möchte. Oder wir verfolgen die Wiederauferstehung jener vier "Professoren", die schon beim Start des Euro dessen baldigen Exitus vorausgesagt haben, und nun ihre Freude über die späte, scheinbare Bestätigung öffentlich zelebrieren.

Überall herrscht Euro-Endzeit-Stimmung

Vordenker wie diese, und manche andere, liefern das Futter für die Hundertschaften an schlauen Analysten und Kommentatoren, die sich auf allen Wellen immer wieder neu in Euro-Endzeit-Stimmung hineinjubeln - und im ökonomisch wenig bewanderten Volk für Panikstimmung sorgen, nach dem Motto: Was wird aus unserem Geld?

Seltsam nur, dass der Euro bislang keine Anstalten macht, den Untergangspropheten Folge zu leisten. Es steht in Euro-Land, unbestreitbar, nicht alles zum Besten. Die Währungsunion muss Staaten beispringen, die sich mehr Schulden aufgeladen haben, als sie bedienen können. Denen die Investoren kein frisches Geld mehr geben wollen, und wenn, dann nur zu extrem hohen Zinsen. In diese Situation sind jene Länder durch unsolides Ausgabengebaren und durch die globale Finanzkrise geraten. Aber wieso muss deswegen der Euro untergehen? Nichts deutet auf eine solche Katastrophe hin: Der äußere wie der innere Wert der Europa-Währung ist trotz all der Turbulenzen von beeindruckender Stabilität.

Zunächst zum inneren Wert: Die Teuerungsrate in Euro-Land liegt unter zwei Prozent, und das bei einer guten Konjunktur bei wichtigen Euro-Mitgliedern wie Deutschland. Dieser Zustand ist nicht nur eine Momentaufnahme: Seit der Gründung der Europäischen Zentralbank vor elf Jahren kann diese Institution eine geringere Inflationsrate aufweisen als einstmals die Bundesbank zu den verherrlichten Mark-Zeiten.

Nicht schlechter steht es um den Außenwert. Der Euro kostet derzeit 1,32 Dollar. Gewiss, das sind 20 Cent weniger als auf seinem Höchststand. Der Preis liegt aber immer noch rund 15 Cent über der sogenannten Kaufkraft-Parität. Das ist jener Wechselkurs, bei dem man mit einem bestimmten Geldbetrag in den beiden Währungsräumen die gleiche Menge Güter erwerben kann. Diesen Kurs siedeln Volkswirte bei 1,15 bis 1,20 Dollar an, je nachdem, welcher Warenkorb zugrunde gelegt wird.

Weltweit gibt es keine Alternative zum Euro

Dass sich die europäische Valuta auch international so gut behauptet, ist nicht verwunderlich. Was wäre denn die Alternative im globalen Szenario?

  • Außer dem chinesischen Renminbi, dessen Wechselkurs von den Pekinger Machthabern munter manipuliert wird, fällt einem da nicht viel ein.
  • Der japanische Yen wie das britische Pfund oder der Schweizer Franken bringen, gemessen an der Power ihrer Volkswirtschaften nicht das nötige Gewicht mit, um die europäische Währung ernsthaft herauszufordern. In Großbritannien und erst recht in Japan liegt zudem die Staatsverschuldung, wenn man sie denn als Wertmaßstab heranziehen will, deutlich über der vieler Euro-Länder.
  • Und der Dollar? Die Imperialmacht USA, die mit nur sechs Prozent der Weltbevölkerung 40 Prozent der globalen Militärausgaben bestreitet, lebt seit Jahren auf Kosten anderer: Sie fährt regelmäßig ein gigantisches Leistungsbilanzdefizit ein, verbraucht also mehr, als sie selbst bezahlen kann. Finanziert mit Krediten, vornehmlich aus China. Nicht besser sieht es mit dem Staatshaushalt aus. Die ohnedies schon hohe US-Verschuldung stieg von 2007 bis heute, als Folge der Finanzkrise, um satte 31 Prozentpunkte, auf zuletzt 93 Prozent des jährlichen Sozialprodukts; in zwei Jahren werden es 100 Prozent sein. In Euro-Land lag der Anstieg im gleichen Zeitraum bei 21 Prozentpunkten.

Die Schuldenorgie wird im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, anders als in Europa, frohgemut fortgesetzt. Erst kürzlich verkündete der Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, dass die Federal Reserve für weitere 600 Milliarden Dollar amerikanische Staatsanleihen aufkaufen werde - was bedeutet, dass die Investoren nicht mehr wie bisher bereit sind, Geld für Amerikas Schuldenmacherei bereitzustellen, und das Geld nun gedruckt wird. Obendrein verkündet Präsident Barack Obama dann noch unter dem Druck der wiedererstarkten Republikaner, dass er die einstmals von Vorgänger George W. Bush veranlassten massiven Steuersenkungen fortführen wird - ein Konjunkturpaket, das die Schulden in den kommenden zehn Jahren um weitere 858 Milliarden Dollar erhöhen wird.

Der Dollar also ist, was die staatlichen Defizite anbelangt, keineswegs besser dran als der Euro, zumal die USA zusätzlich noch eine tiefrote Leistungsbilanz produzieren. Die Amerikaner schert das alles nicht. Hierzulande aber wird gleich vom Zusammenbruch der europäischen Währungsunion geredet.

Die Zahlungsprobleme der Iren und Griechen, vielleicht auch der Portugiesen und Spanier, sollen, so heißt es, dem Euro den Garaus machen. Reflexartig wird dabei vom Haushaltsdefizit auf die Stabilität des Geldes geschlussfolgert - was aber, entgegen landläufiger Meinung, keineswegs zwingend ist.



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insgesamt 441 Beiträge
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unente, 20.12.2010
1. Jaja...
Erich war auch recht trotzig und ersann den Spruch mit "Ochs und Esel". Das "Europas" Plundergeld kann ganz schnell Gechichte werden!
Liberalitärer, 20.12.2010
2. Wechselkurs
Zitat von sysopDeutschland ergeht sich in Euro-Pessimismus, Untergangspropheten warnen vor*dem Zusammenbruch der gesamten EU. Ist die Lage wirklich so dramatisch? Keineswegs - unser Geld steht mindestens so gut da wie der Dollar: Der Wechselkurs ist*stabil, die Inflation gering. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,735585,00.html
Genau, und die Spreads steigen. Welch Wunder. Oder wie Dr. Merkel sagte, Innen- und Außenwert sind stabil. Nur wen interessiert das?
azorro, 20.12.2010
3. Schon wieder ein Euro-Propaganda Artikel ...
... nach dem Motto: Den Euro in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. Der letzte Artikel dieser Art verschwand recht schnell von der Titelseite, da der Euro plötzlich unter Schwindsucht litt. Ich hoffe für den Euro, dass dieser Artikel länger auf dem Titel bleiben darf
zynik 20.12.2010
4. unser geld?
Zitat von sysopDeutschland ergeht sich in Euro-Pessimismus, Untergangspropheten warnen vor*dem Zusammenbruch der gesamten EU. Ist die Lage wirklich so dramatisch? Keineswegs - unser Geld steht mindestens so gut da wie der Dollar: Der Wechselkurs ist*stabil, die Inflation gering. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,735585,00.html
Schön für "euer Geld". Die Bevölkerungen von Griechenland bis Irland scheinen da nicht gar so euphorisch zu sein, lieber Herr Kaden. Aber da werden noch ganz andere für "euer Geld" bluten müssen.
Akku, 20.12.2010
5. Na sowas
Es kann halt nicht sein, was nicht sein darf. Ich würde mir gerne die DM zurückwünschen, fürchte jedoch, dass bei diesem Umtausch 1€ = 0,50 DM herauskommt und die Preise um 50 % steigen.
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