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10. Dezember 2012, 16:13 Uhr

Studie

Betriebe ersetzen Vollzeitkräfte durch Minijobber

Sie sind billig und ihre Zahl wächst von Jahr zu Jahr: Viele Minijobber ersetzen laut einer Studie reguläre Vollzeitbeschäftigte, vor allem im Handel und im Gastgewerbe. Besonders kleine Unternehmen profitieren davon - schaffen aber kaum neue Stellen.

Nürnberg - Die Bundesregierung feiert angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in anderen europäischen Ländern gerne ihre Erfolge auf dem deutschen Jobmarkt. Doch ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt, dass nicht alle Entwicklungen nachhaltig sind. So wächst zwar die Zahl der Minijobber, doch nicht mit jeder geringfügig bezahlten Stelle entsteht ein zusätzlicher Arbeitsplatz. Minijobs gefährden laut einer Studie sogar sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze.

Wie aus einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervorgeht, gilt das vor allem für Dienstleistungsbranchen. Viele Minijobber verrichten dort Arbeit, die früher regulär Vollbeschäftigte verrichtet haben - nur für weniger Geld.

Hinweise auf eine Verdrängung fänden sich besonders im Einzelhandel, im Gastgewerbe sowie im Gesundheits- und Sozialwesen, schreibt das IAB, das hauseigene Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit. In diesen Branchen spielen lange Öffnungszeiten und eine schwankende Nachfrage eine große Rolle. "Hier lässt sich der Faktor Arbeit optimal nutzen, wenn er in Minijobs gestückelt zum Einsatz kommt", schreiben die IAB-Forscher Christian Hohendanner und Jens Stegmaier.

Betriebe könnten mit Minijobs flexibel auf Kundenwünsche und -ströme reagieren. "Wenn beispielsweise längere Öffnungszeiten im Einzelhandel oder ein hohes Gästeaufkommen in der Gastronomie zu bewältigen sind, lässt sich dies mit Hilfe vieler kleiner Beschäftigungsverhältnisse passgenauer bewältigen."

Große Betriebe schaffen eher neue Jobs

Besonders in kleinen Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten fanden die Forscher Indizien, dass die Schaffung neuer Minijobs oft mit dem Abbau von regulären Arbeitsplätzen mit voller Sozialversicherungspflicht Hand in Hand geht. "Allerdings ist hier zu bedenken, dass diese Betriebe nicht in jedem Fall zusätzliche sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse hätten schaffen können", schreiben die Forscher. "Sei es, weil die Arbeitnehmer Minijobs bevorzugen oder weil das Arbeitsvolumen zu gering ist."

In größeren Betrieben mit mehr als hundert Mitarbeitern würden sich dagegen beide Beschäftigungsformen eher ergänzen. Dort gehe die wachsende Zahl von Minijobs häufig auch mit einer steigenden Zahl sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze einher.

Laut IAB gibt es derzeit in Deutschland rund 7,4 Millionen Minijobs - 2,5 Millionen davon werden im Nebenjob ausgeübt. Seit einer Reform im Jahr 2003 können Minijobber bis zu 400 Euro verdienen, ohne Steuern und Sozialabgaben dafür zahlen zu müssen. Zum 1. Januar 2013 hat die schwarz-gelbe Bundesregierung die steuerfreie Einkommensgrenze auf 450 Euro angehoben.

Forscher warnen vor Folgen für die Sozialkassen

Die Verdrängung der regulären Jobs gerade in kleinen Betrieben bewerten die Autoren der IAB-Studie als problematisch. Zum einen schwäche das die Sozialkassen und damit das deutsche Sozialsystem. Vor allem Beschäftigten, die einen Minijob in Vollzeit ausübten, drohe später Altersarmut, weil sie nur eine geringe Rente zu erwarten hätten. Minijobber erhielten oft auch nicht den sonst üblichen Urlaub und müssten häufig auf betriebliche Sonderzahlungen und Zuschläge verzichten.

Das IAB schreibt aber auch, dass die geringfügige Beschäftigung für Arbeitslose eine Chance darstelle. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Minijobs den Übergang ins Erwerbsleben nach längerer Arbeitslosigkeit erleichterten.

mmq/Reuters/dpa

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