Studie Betriebe ersetzen Vollzeitkräfte durch Minijobber

Sie sind billig und ihre Zahl wächst von Jahr zu Jahr: Viele Minijobber ersetzen laut einer Studie reguläre Vollzeitbeschäftigte, vor allem im Handel und im Gastgewerbe. Besonders kleine Unternehmen profitieren davon - schaffen aber kaum neue Stellen.

Reinigungskraft: Sorge vor Verdrängung von Vollzeitstellen
DPA

Reinigungskraft: Sorge vor Verdrängung von Vollzeitstellen


Nürnberg - Die Bundesregierung feiert angesichts der hohen Arbeitslosigkeit in anderen europäischen Ländern gerne ihre Erfolge auf dem deutschen Jobmarkt. Doch ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt, dass nicht alle Entwicklungen nachhaltig sind. So wächst zwar die Zahl der Minijobber, doch nicht mit jeder geringfügig bezahlten Stelle entsteht ein zusätzlicher Arbeitsplatz. Minijobs gefährden laut einer Studie sogar sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze.

Wie aus einer Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervorgeht, gilt das vor allem für Dienstleistungsbranchen. Viele Minijobber verrichten dort Arbeit, die früher regulär Vollbeschäftigte verrichtet haben - nur für weniger Geld.

Hinweise auf eine Verdrängung fänden sich besonders im Einzelhandel, im Gastgewerbe sowie im Gesundheits- und Sozialwesen, schreibt das IAB, das hauseigene Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit. In diesen Branchen spielen lange Öffnungszeiten und eine schwankende Nachfrage eine große Rolle. "Hier lässt sich der Faktor Arbeit optimal nutzen, wenn er in Minijobs gestückelt zum Einsatz kommt", schreiben die IAB-Forscher Christian Hohendanner und Jens Stegmaier.

Betriebe könnten mit Minijobs flexibel auf Kundenwünsche und -ströme reagieren. "Wenn beispielsweise längere Öffnungszeiten im Einzelhandel oder ein hohes Gästeaufkommen in der Gastronomie zu bewältigen sind, lässt sich dies mit Hilfe vieler kleiner Beschäftigungsverhältnisse passgenauer bewältigen."

Große Betriebe schaffen eher neue Jobs

Besonders in kleinen Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten fanden die Forscher Indizien, dass die Schaffung neuer Minijobs oft mit dem Abbau von regulären Arbeitsplätzen mit voller Sozialversicherungspflicht Hand in Hand geht. "Allerdings ist hier zu bedenken, dass diese Betriebe nicht in jedem Fall zusätzliche sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse hätten schaffen können", schreiben die Forscher. "Sei es, weil die Arbeitnehmer Minijobs bevorzugen oder weil das Arbeitsvolumen zu gering ist."

In größeren Betrieben mit mehr als hundert Mitarbeitern würden sich dagegen beide Beschäftigungsformen eher ergänzen. Dort gehe die wachsende Zahl von Minijobs häufig auch mit einer steigenden Zahl sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze einher.

Laut IAB gibt es derzeit in Deutschland rund 7,4 Millionen Minijobs - 2,5 Millionen davon werden im Nebenjob ausgeübt. Seit einer Reform im Jahr 2003 können Minijobber bis zu 400 Euro verdienen, ohne Steuern und Sozialabgaben dafür zahlen zu müssen. Zum 1. Januar 2013 hat die schwarz-gelbe Bundesregierung die steuerfreie Einkommensgrenze auf 450 Euro angehoben.

Forscher warnen vor Folgen für die Sozialkassen

Die Verdrängung der regulären Jobs gerade in kleinen Betrieben bewerten die Autoren der IAB-Studie als problematisch. Zum einen schwäche das die Sozialkassen und damit das deutsche Sozialsystem. Vor allem Beschäftigten, die einen Minijob in Vollzeit ausübten, drohe später Altersarmut, weil sie nur eine geringe Rente zu erwarten hätten. Minijobber erhielten oft auch nicht den sonst üblichen Urlaub und müssten häufig auf betriebliche Sonderzahlungen und Zuschläge verzichten.

Das IAB schreibt aber auch, dass die geringfügige Beschäftigung für Arbeitslose eine Chance darstelle. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Minijobs den Übergang ins Erwerbsleben nach längerer Arbeitslosigkeit erleichterten.

mmq/Reuters/dpa



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 66 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Tatsächlich 10.12.2012
1. Aussichtlos
Ich bleibe dabei: Die Globalisierung hat NUR Nachteile. Hier um die Ecke wurden gerade wieder Porschereifen im 5-stelligen Wert gestohlen, Autos verschwinden aus Flughafengaragen usw. usf. Der Ostblock hatte für uns NUR Gutes, durch die Ostöffnung dagegen verwässern bei uns die Löhne, prekäre Arbeitsverhältnisse nahe der Sklaverei nehmen überhand, SPON wird bald wöchentlich solche Artikel drucken müssen. Nur damit ein paar wenige Superreiche, die das angezettelt haben, noch mehr Milliarden scheffeln.
faistmeister 10.12.2012
2. Non Event
Was ist daran neu ? Das ist jedem, der sich ein bisschen damit beschäftigt schon länger klar. Ich bin mal gespannt, wann die erste Studie herauskommt, in der die Substitution von regulären Jobs durch Praktikantenstellen (Achtung, noch billiger, liebe Arbeitgeber !!!) untersucht wird. Tja, rot-grün hat's gemacht. Schwarz-gelb hat's zumindest nicht verschlimmert. Ist auch eine Leistung, oder ??
Progressor 10.12.2012
3. Die eine Seite
Ich betreue Langzeitarbeitslose in einer westdeutschen Kleinstadt bei einem dem Jobcenter nahestehenden gemeinnützigen Verein. Unsere Erfahrungen sind, dass sich die Leute wie die Geier auf die Beute auf Teilzeit- und Minijobs stürzen. Viele der Personen können aus vielfältigen Gründen gar nicht mehr Vollzeit arbeiten. Zusammen mit ergänzendem Hartz IV kommt man so auf rund 800 Euro netto im Monat. Jeder mit dem ich darüber gesprochen habe ist richtiggehend glücklich und zufrieden damit. Das ist nur die eine Seite, die man aber meines Erachtens kennen und berücksichtigen sollte.
Oberleerer 10.12.2012
4.
Zitat von sysopDPASie sind billig und ihre Zahl wächst von Jahr zu Jahr: Viele Minijobber ersetzen laut einer Studie reguläre Vollzeitbeschäftigte, vor allem im Handel und im Gastgewerbe. Besonders kleine Unternehmen profitieren davon - schaffen aber kaum neue Stellen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/iab-studie-minijobs-ersetzen-vollzeitstellen-a-872044.html
Bin froh, dass es endlich mal Forscher statt Experten sind. Generell muß ein Mindestlohn gelten. Wer für eine Leistung nichts bezahlen will, der darf diese eben nicht beanspruchen und erst recht nicht von der Gemeinschaft zahlen lassen. Wer hat uns das eingebrockt? Die C?U, FDP oder gar die SPD? Wen jetzt wählen?
Mojito Diver 10.12.2012
5. sehend Auges....
....steuert Deutschland auf ein gewolltes und geplantes Elend zu, dagegen ist Griechenland, Spanien und Bangladesch eine Randnotiz. Was diese angeblich "...beste ReGIERung seit der Wiedervereinigung...." hier anrichtet wird uns allen Angestellten hammerhart auf die Füsse fallen. Alle, die unsere Kanzlerin und ihr Pausenclowns-Kabinett im kommenden Jahr wiederwählen, sollten mal für 2 Jahre H4 zum Ausprobieren bekommen. - Gebt dieser ReGIERung keine Chance (mehr) -
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.