IEA-Chefökonom Birol "Europa braucht das Superstromnetz"

Ölquellen versiegen, der CO2-Ausstoß steigt, die Stromnetze sind veraltet: Der Energiesektor steht vor gewaltigen Herausforderungen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview warnt IEA-Chefökonom Fatih Birol vor der wachsenden Abhängigkeit von Brennstoffexporteuren - und nennt Strategien für die Energiewende.

Europa bei Nacht: "Die Energiepreise werden rasant steigen"
DDP

Europa bei Nacht: "Die Energiepreise werden rasant steigen"


SPIEGEL ONLINE: Herr Birol, Sie gelten als Vordenker der Energiewirtschaft. Wagen Sie eine Prognose: Wie wird der Markt in zehn Jahren aussehen?

Birol: Ich sehe eine Zeit, in der Energie viel mehr kostet und ein noch viel stärkeres geopolitisches Machtmittel sein könnte als jetzt.

SPIEGEL ONLINE: Worauf stützen Sie Ihre Annahme?

Birol: Der Energiebedarf steigt, gleichzeitig schwinden die Ressourcen. Und ein strategischer Markt wie Öl oder Gas wird immer stärker von wenigen staatlichen Konzernen kontrolliert.

SPIEGEL ONLINE: Klingt bedrohlich.

Birol: In der Tat. Aber es gibt Gegenstrategien. Teure, regional konzentrierte Energie kann uns wirtschaftlich schaden. Sie kann uns aber auch zwingen, Ressourcen sparsamer einzusetzen, die Energieeffizienz zu erhöhen und den Ausbau erneuerbarer Energien und neuer Technologien zu beschleunigen. Da sehe ich große Chancen.

SPIEGEL ONLINE: Was müssen wir tun?

Birol: Wir müssen Energie-Technologien entwickeln, die wie das iPhone sind: bahnbrechend für die Branche, erschwinglich für Verbraucher.

SPIEGEL ONLINE: Die westliche Ölindustrie behauptete vor kurzem noch, eine solche Technologie entwickelt zu haben. Sie bohrte viele Kilometer unter dem Meer und versorgte Industriestaaten mit erschwinglichem Öl. Dann explodierte BPs Bohrplattform "Deepwater Horizon" und verursachte eine entsetzliche Ölpest. Welche Folgen hat das Desaster?

Fotostrecke

7  Bilder
Riskante Energiegier: Spektakuläre Unfälle bei Offshore-Bohrungen
Birol: Die Tiefseeförderung ist in einer extrem schwierigen Lage. Ohne diese Quelle sinkt die Ölproduktion des Westens rapide, und die Abhängigkeit von wenigen Nahost-Produzenten vom Opec-Kartell steigt.

SPIEGEL ONLINE: Wer sagt denn, dass der Westen die Bohrungen stoppt? Brasilien und Norwegen haben gerade erst neue riskante Tiefseebohrungen auf den Weg gebracht.

Birol: Keine Frage, das Rohstoff-Roulette geht ungebremst weiter. Dennoch steht die Branche durch die Ölpest vor großen Unsicherheiten.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Birol: Neue Auflagen könnten etwa bewirken, dass bei jeder Tiefseeförderung zwei Löcher gebohrt werden müssen - eins für die Förderung, eins als Absaug-Alternative für Notfälle. Alle Anbieter müssen ihre Sicherheitskonzepte verbessern, um riskante Bohrungen zu rechtfertigen. Das aber wird die Kosten in die Höhe treiben und den Bau neuer Bohrinseln verlangsamen.

SPIEGEL ONLINE: Öl wird durch die Katastrophe teurer?

Birol: Ja, die Ära des billigen Öls ist vorbei, vermutlich für immer. 75 Dollar kostet das Barrel Öl zurzeit - in Zukunft könnte uns das günstig vorkommen. Es gibt kaum Hoffnung, dass wir uns rasch aus unserer Ölabhängigkeit befreien. Es wird noch ein paar Jahrzehnte dauern, ehe wir Autos flächendeckend mit Strom betreiben - mindestens.

SPIEGEL ONLINE: Der Gasmarkt erlebt schon jetzt eine Revolution. Durch verbesserte Fördermethoden können Rohstoffjäger riesige neue Vorkommen erreichen. Und durch Flüssiggas-Transporte kann der Rohstoff erstmals weltweit gehandelt werden. Was bedeutet das für den Energiesektor?

Fotostrecke

8  Bilder
Gas aus der Tiefe: Unkonventionelle Vorkommen
Birol: Die USA könnten im Gasbereich vollkommen unabhängig sein. Und Erdgas spielt weltweit eine immer größere Rolle, auch bei der Stromerzeugung - zum Leidwesen für den Erneuerbare-Energien-Sektor, die Kohle- und die Atomindustrie.

SPIEGEL ONLINE: Ausgerechnet die Atomindustrie leidet? Sprechen deren Branchenvertreter nicht seit Jahren von einem globalen Atom-Comeback?

Birol: Das weltweite Interesse an neuen Kernkraftprojekten steigt - in China etwa oder im Nahen Osten. Doch ich glaube nicht, dass dies einen Bau-Boom bei Kernkraftwerken auslöst.

SPIEGEL ONLINE: Was spricht dagegen?

Birol: Es gibt zu wenige Fachkräfte, zu wenige Produktionskapazitäten für spezielle Kraftwerksteile und zu wenig Investitionssicherheit, insbesondere in den OECD-Ländern.

Fotostrecke

7  Bilder
Grafiken: Fakten zur globalen Atomindustrie
SPIEGEL ONLINE: Der Weltklimarat der Uno warnt vor den verheerenden Folgen von zu viel CO2-Ausstoß. Kernkraftwerke produzieren zwar Atommüll, haben aber eine vergleichsweise gute CO2-Bilanz. Wenn die Chancen einer Atom-Renaissance so schlecht sind - wie kann der Planet dann gerettet werden?

Birol: Neben erneuerbaren Energien und Atomenergie sind Kohlekraftwerke, die CO2 unter der Erde speichern, eine vielversprechende Idee.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich? Sogenannte CCS-Kraftwerke haben doch kaum erforschte Risiken und bringen es bei Pilotversuchen der Firma Vattenfall gerade mal auf einen Wirkungsgrad von 40 Prozent. Das iPhone der Energiebranche ist das sicher nicht.

Birol: Ich habe gesagt, CCS-Kraftwerke sind eine gute Idee. Tatsächlich könnte die Technologie viel weiter sein, vielleicht sogar marktreif. Doch es fehlen Anreize, in CCS zu investieren. Zum Beispiel ein globaler Emissionshandel, der Staaten mit geringem CO2-Ausstoß Standortvorteile beschert.

SPIEGEL ONLINE: Die Verhandlungen der G-20-Staaten über eine globale Finanzreform sind gerade spektakulär gescheitert. Ist es nicht naiv zu glauben, man könnte eine weltweite CO2-Steuer durchsetzen?

Birol: Nicht naiv - ambitioniert. Alle Staaten wissen, welch verheerende Folgen eine zu starke Erderwärmung hätte. Das sollte Motivation genug sein, verbindliche CO2-Regeln zu vereinbaren, auch wenn es schwer ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht gleich auf erneuerbare Energien umsteigen?

Birol: Warum nicht CCS und erneuerbare Energien voranbringen? Mir ist jede Technologie recht, die den globalen CO2-Ausstoß mindert. Vor allem sollte man sich in der Debatte das Moralisieren sparen. Der Betreiber eines Kohlekraftwerks und der Besitzer einer Offshore-Windanlage sind doch im Prinzip gleich: Beide wollen Geld verdienen.

Fotostrecke

12  Bilder
E-Auto und Co.: Bausteine der Energie-Revolution
SPIEGEL ONLINE: Geld verdienen schön und gut, doch damit die erneuerbaren Energien funktionieren, müssen die Energiekonzerne erst einmal Milliarden in den Ausbau der Stromnetze investieren.

Birol: In der Tat. Es ist absurd, wie die Infrastruktur der Energieerzeugung hinterherhinkt. Die Politik versäumt es seit Jahren, einen Investitionsrahmen für den Ausbau der Stromnetze zu schaffen. Schon jetzt verpuffen Unmengen von Ökostrom in den Netzen - eine gewaltige Verschwendung!

SPIEGEL ONLINE: Was muss getan werden?

Birol: Regional brauchen wir ein schlaues Stromnetz, das Energieerzeugung und -verbrauch in Echtzeit misst und das Über- noch zu Unterversorgung ausgleicht. Europaweit brauchen wir ein Supergrid, über das etwa überschüssiger Solarstrom aus Andalusien in einem norwegischen Wasserkraftwerk zwischengespeichert werden kann.

Das Interview führte Stefan Schultz

insgesamt 72 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
doktorfisch 02.07.2010
1. Korrektur
Er heißt nicht Faith, sondern Fatih: http://de.wikipedia.org/wiki/Fatih_Birol
karsten112 02.07.2010
2. CO² mal wieder ...Gähn...
Zitat von sysopÖlquellen versiegen, der CO2-Ausstoß steigt, die Stromnetze sind veraltet: Der Energiesektor steht vor gewaltigen Herausforderungen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview warnt IEA-Chefökonom Fatih Birol vor der wachsenden Abhängigkeit von Brennstoffexporteuren - und nennt Strategien für die Energiewende. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,704058,00.html
Was hat denn der, fürs Klima völlig irrelevante,CO² Ausstoß mit dem Stromnetz der Zukunft zu tun? Man sollte lieber darauf achten das ich mir mit einem solchen Stromnetz nicht weiterhin die monopolistischen Strukturen der Konzerne gefestigt werden. Infrastruktur gehört in die Hände des Staates, zur Not muß man die Netze halt enteignen.
LouisWu 02.07.2010
3. Wer rettet uns vor den journalistischen Ökojüngern?
Zitat von karsten112Was hat denn der, fürs Klima völlig irrelevante,CO² Ausstoß mit dem Stromnetz der Zukunft zu tun? Man sollte lieber darauf achten das ich mir mit einem solchen Stromnetz nicht weiterhin die monopolistischen Strukturen der Konzerne gefestigt werden. Infrastruktur gehört in die Hände des Staates, zur Not muß man die Netze halt enteignen.
Aus dem Artikel: "Der Weltklimarat der Uno warnt vor den verheerenden Folgen von zu viel CO2-Ausstoß. Kernkraftwerke produzieren zwar Atommüll, haben aber eine vergleichsweise gute CO2-Bilanz. Wenn die Chancen einer Atom-Renaissance so schlecht sind - *wie kann der Planet dann gerettet werden*?" Falls der Verfasser das nicht subtil sarkastisch gemeint hat würde ich sagen: Wer immer das geschrieben hat, hat einen gehörigen Dachschaden. Vielleicht durch zuviel CO2? ;-)
promedico 02.07.2010
4. Im Gegenteil!
Zitat von sysopÖlquellen versiegen, der CO2-Ausstoß steigt, die Stromnetze sind veraltet: Der Energiesektor steht vor gewaltigen Herausforderungen. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview warnt IEA-Chefökonom Fatih Birol vor der wachsenden Abhängigkeit von Brennstoffexporteuren - und nennt Strategien für die Energiewende. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,704058,00.html
Da kann es einen gruseln. Ein "europäisches Supernetz" würde nichts anderes bedeuten, als einen riesigen neuen europäischen Wasserkopf mit einer kompletten Abhängigkeit und Anfälligkeit in allen Bereichen. Der einzig sinnvolle Weg ist imho vielmehr die Abkehr von der zentralen Versorgung mit möglichst kleinen, dezentralen Einheiten, politisch auf den Weg gebracht durch nationale Entmachtung der Energiekonzerne. Die Technik dazu ist in allen Bereichen längst vorhanden- die Umsetzung wird aber - verständlicherweise - von der Allmacht der Energiemonopolisten verhindert. Was wir ganz und gar nicht brauchen, sind Leute wie Birol samt dazugehörigem Wasserkopf. Was möchte er schaffen? Neue, gewaltige Abhängigkeiten, Unwägbarkeiten, politische Unwägbarkeiten - und natürlich ganz tolle Jobs - ganz oben.... P.S...ich bin ganz und gar kein linker "Gutmensch"....
SBasker 02.07.2010
5. Alternative Energien
Das Desaster im Golf von Mexiko zeigt, dass sich vieles ändern muss. Tiefseebohrungen, Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke und Spritfresser sind bestimmt der falsche Weg. Alternative Energien und und sparsamer Energieeinsatz sind der richtige Weg. Auch Verbraucher müssen sich stärker engagieren: Unabhängiger Stromvergleich (http://www.plantor.de/2010/billig-strom-vergleicht-stromanbieter-unabhaengig/).
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.