IEA-Weltenergieausblick Fracking verschafft US-Industrie Vorteile gegenüber Europa

In den USA wird Strom durch Fracking billiger, in Europa bleibt er teuer. Die Prognose der Internationalen Energieagentur: Bis 2035 könnten die EU und Japan gemeinsam rund ein Drittel ihrer Marktanteile bei Gütern verlieren, deren Herstellung viel Strom erfordert.

Stahlwerk in China: Verschärfter Wettbewerb um energieintensive Güter
REUTERS

Stahlwerk in China: Verschärfter Wettbewerb um energieintensive Güter


Hamburg - Die Umwälzungen in der Energiewelt könnten die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Industrieregionen verändern. Das schreibt die Internationale Energieagentur (IEA) in ihrem World Energy Outlook, einem jährlichen Ausblick, der am Dienstagmittag veröffentlicht wurde. Hauptgrund für den Wandel sei eine Veränderung der Energiepreise in verschiedenen Weltregionen - und die damit einhergehende Veränderung der Produktionskosten für stromintensive Güter wie Stahl, Glas oder Aluminium.

Der Energieträger Erdgas zum Beispiel dürfte durch neue Fördertechniken wie das Fracking global an Bedeutung gewinnen, schreibt die IEA. Durch neue Techniken zur Verflüssigung (LNG) lässt sich der Rohstoff zudem immer besser exportieren. Der regional geprägte Handel über Pipelines entwickelt sich so zum Weltmarkt. Das dürfte die Gaspreise nicht nur in den USA drücken, sondern auch in Asien, wo sie derzeit noch deutlich höher sind als in Europa, sagten Industrievertreter kürzlich SPIEGEL ONLINE auf dem Weltenergiekongress im südkoreanischen Daegu.

Fracking ist als Methode starker Kritik ausgesetzt: Neben enorm hohem Wasserverbrauch gilt sie als umweltschädlich, weil viele Chemikalien eingesetzt werden. Unklar ist, inwiefern diese in das Grundwasser oder das Erdreich gelangen. Während Fracking in Deutschland gerade verboten wurde, bis die Umweltrisiken komplett ausgeschlossen werden können, wird die Methode in den USA in großem Umfang praktiziert.

Viele Experten rechnen zudem damit, dass Gas künftig verstärkt zur Produktion von Elektrizität eingesetzt wird. Das könnte vor allem im Gas-Boomland USA die Strompreise drücken. Die Strompreise in Europa dagegen dürften auch künftig hoch bleiben, prognostiziert die IEA.

Mögliche Folge: Umwälzungen im Industriesektor. Die USA dürften bald mehr stromintensive Güter exportieren, schätzt die IEA. Auch in Asien dürfte, getrieben durch die Nachfrage, die Produktion solcher Waren steigen. Europa und Japan dagegen dürften bis 2035 gut ein Drittel ihres Weltmarktanteils verlieren.

Die EU hätte Möglichkeiten, den Verlust von Wettbewerbsfähigkeit zu dämpfen, indem sie die Effizienz ihres Energieverbrauchs steigert. Doch dürfte sie dieses Potential ebensowenig ausschöpfen wie der Rest der Welt. Rund zwei Drittel der Potentiale für Investitionen in Effizienz dürften bis 2035 ungenutzt bleiben, schreibt die IEA. Regierungen müssten dringend Voraussetzungen schaffen, diese Potentiale zu heben.

Sorgen ums Klima

Bislang sind Bemühungen für mehr Effizienz oft halbherzig. Aktuelles Beispiel dafür sind die Koalitionsverhandlungen in Deutschland. Zwar betont die künftige Regierung, Effizienz solle bei der Energiewende künftig eine gewichtigere Rolle spielen. Gleichzeitig hat sie jüngst ausgerechnet das konkrete Ziel aufgegeben, den Stromverbrauch der Bundesrepublik bis 2020 im Vergleich zum Jahr 2008 um zehn Prozent zu senken.

Das Forcieren von Maßnahmen für Energieeffizienz ist umso wichtiger, da der globale Energiehunger rasant wächst. Schwellenländer in Asien und Nahost werden die globale Nachfrage bis 2035 um rund ein Drittel steigern, schätzt die IEA. Bis Ende des laufenden Jahrzehnts werde China zum weltgrößten Ölimporteur - und Indien zum größten Importeur von Kohle. Das Epizentrum des Energiehandels verlagere sich zusehends nach Asien.

Für das Klima ist der Nachfrage-Boom schädlich. Zwar wird auch der Anteil erneuerbaren Energien in den kommenden Jahrzehnten rasch steigen, doch kann er laut IEA-Prognose nur die Hälfte des steigenden Bedarfs decken. Die restliche Energie wird unter anderem aus Kohlekraftwerken kommen. Deren CO2-Ausstoß ist im Vergleich zu anderen Kraftwerken besonders hoch.

Neue Techniken wie die unterirdische Speicherung des Klimagases (CCS) könnten dieser klimaschädlichen Entwicklung entgegenwirken. Doch entsprechende Projekte kommen laut IEA kaum voran. Bis 2035 dürfte weltweit gerade ein Prozent der Kohlekraftwerke mit CCS-Technik ausgestattet sein, schätzt die Energieagentur.

Die IEA rechnet mit einer Erderwärmung von 3,6 Grad. Das liegt weit über dem von der Weltgemeinschaft angestrebten Ziel, die Erwärmung auf maximal zwei Grad zu deckeln. Die Prophezeiung der IEA liegt am oberen Rand der Prognosen des Uno-Klimarats IPCC. Im jüngst veröffentlichten Weltklimareport gehen die Wissenschaftler davon aus, dass der Treibhauseffekt die Lufttemperatur auf der Erde um 1,5 bis 4,5 Grad Celsius erhöhen könnte.

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Seite 1
Steuerzahler0815 12.11.2013
1.
Wie wärs wenn man die Wahrheit sagt Er wird nur in Deutschland teurer und nur die Grünen und ihr EEG sind Schuld Vielleicht haben CDU, FDP und SPD eine Mitschuld weil sie den Wahnsinn nicht gestoppt haben...
micromiller 12.11.2013
2. die manipulation der strompreise in deutschland durch politiker und beamte
bringt den wirtschaftsstandort deutschland in gefahr. millionen von haushalte muessen ihren lebensstandard senken um die irrwitzigen ideen fehlgeleiteter politgeister zu befriedigen. die energiepolitik deutschlands und europas muss auf einen pruefstand.
freidimensional 12.11.2013
3. "Fracking verschafft..."
Zitat von sysopREUTERSIn den USA wird Strom durch Fracking billiger, in Europa bleibt er teuer. Die Prognose der Internationale Energieagentur: Bis 2035 könnten EU und Japan gemeinsam rund ein Drittel ihrer Marktanteile bei Gütern verlieren, deren Herstellung viel Strom erfordert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/iea-hohe-strompreise-drohen-europas-industrie-zu-schwaechen-a-933100.html
der US-Wirtschaft ein paar aktuelle Vorteile, ohne Zweifel, aber der US-Bevölkerung und seiner Ökologie mittelfristig möglicherweise einen nicht zu beziffernden Schaden. Noch ist ja nicht aller Tage Abend, und nach allem, was bisher über diese Technologie bekannt geworden ist, gibt es gute Gründe, diese außen vor zu halten und sich an die bekannten Programme (zB "Energiewende", Ausbau von PV, Windkraft, Biogas etc) zu halten, trotz aller Problemzonen in Bürokratie und Ausbau. Eine zerstörte Ökologie wieder aufzubauen ist ein Megading, wenn man es in monetären Begriffen definieren möchte, in der Gesamtbilanz eine Katastrophe. Das gilt natürlich auch für die Nuklearindustrie, wo man das Problem "Entsorgung" auch irgendwie vor sich her schiebt, um den Tag der Offenbarung nicht wahrhaben zu wollen.
Scriptmaster 12.11.2013
4. Schöne Lobbyarbeit
"In den USA wird Strom durch Fracking billiger" - in Europa auch. Leider wird der Strom durch eine geradezu schildbürgerliche Energiepolitik künstlich hoch gehalten. Daran würde die großflächige Verseuchung unseres Grundwassers auch nichts ändern.
divStar 12.11.2013
5.
Dafür bleibt unsere Erde sauberer als deren Erde, denn Fracking bedeutet, dass Chemikalien in eine riesige Tiefe eingeführt und wieder abgepumpt werden, wobei ständig etwas zurückbleibt. Diese Restbleibsel verseuchen dann das Grundwasser - und nehmen den Menschen damit die Lebensgrundlage, denn was nützt billiger Strom wenn dadurch ein bald ebenso teuer Gut verseucht wird. Das Problem ist nicht, dass Strom teuer bleibt, sondern teurer wird weil einige Stromkonzerne einfach ihren Rachen nicht voll genug bekommen können. Die schiere Gier dieser Profitgeier ist Schuld daran, dass Strom teurer wird. Hinzu kommen dann noch, dass wir immer mehr Hardware brauchen - mehrere PCs, mehrere Smartphones, mehrere Fernseher und Licht überall. Derzeit findet nämlich ein Umdenken statt - hin zum Sparen von Energie. Die Amis hatten noch nie etwas fürs Sparen übrig.
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