Griechenland und der Euro Ifo-Chef Sinn lobt Syriza-Chef Tsipras

Griechenland kann nach Meinung von Hans-Werner Sinn eine neue Staatspleite nur abwenden, wenn es die Eurozone verlässt. Anders wird das Land nicht wieder wettbewerbsfähig, glaubt der Ifo-Chef - und setzt auf Syriza-Chef Alexis Tsipras.

Griechische Flagge vor der Athener Börse: "Grexit" oder Staatsbankrott
AP/dpa

Griechische Flagge vor der Athener Börse: "Grexit" oder Staatsbankrott


Berlin - Es gibt nur einen Weg für Griechenland - und der führt raus aus dem Euro, so lässt sich die Meinung von Hans-Werner Sinn zusammenfassen, die er im "Handelsblatt" vertritt. Nach Einschätzung des Präsidenten des Münchner Ifo-Instituts kann die Regierung in Athen eine neue Staatspleite nur abwenden, wenn das Land aus der Eurozone ausscheidet.

"Es steht ein weiterer Staatskonkurs mit einem heftigen offenen oder versteckten Schuldenschnitt an, dem in den kommenden Jahren immer wieder neue Kredite und Schuldenschnitte folgen werden, wenn das Land seine Wettbewerbsfähigkeit nicht durch den Austritt aus dem Euro und eine Abwertung seiner Währung wiederherstellt", sagte Sinn dem "Handelsblatt". Einfach wäre so ein "Grexit" genanntes Verlassen der Eurozone allerdings nicht.

Sinn setzt offenbar auf den Chef des Linksbündnisses Syriza, Alexis Tsipras. Dieser sei einer der wenigen griechischen Politiker, "die die Natur des Problems verstanden haben und deshalb bereit sind, Wagnisse einzugehen", sagte der Ökonom der Zeitung. Dass Tsipras die griechischen Reparationsforderungen gegenüber Deutschland wieder auf den Tisch lege, gehöre allerdings zu den "vielen unerfreulichen Aspekten des Geschehens", fügte Sinn hinzu.

Allerdings fordert der Ifo-Präsident jetzt auch eine internationale Schuldenkonferenz zu Griechenland. Es gebe historische Vorbilder, bei denen das funktioniert habe. Eine der Voraussetzungen für das deutsche Wirtschaftswunder sei der Forderungsverzicht der britischen und amerikanischen Gläubiger beim Londoner Schuldenabkommen von 1953 gewesen. Ganz ähnlich, wie das Linksbündnis Syriza. Allerdings habe Deutschland damals inklusive des Marshall-Planes nur 20 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes (BIP) bekommen, während Griechenland mit den expliziten und impliziten Schuldenschnitten des Jahres 2012 bereits 76 Prozent des BIP erlassen worden seien, so Sinn.

In jedem Fall sieht der Ifo-Chef dringenden Handlungsbedarf, weil sich die Lage in Griechenland seit Jahren verschlechtere. "Die griechische Wirtschaftssituation ist unerträglich für die Bevölkerung, und die fortwährenden Neukredite sind unerträglich für die Staatengemeinschaft", sagte Sinn dem Blatt. Griechenland habe heute doppelt so viele Arbeitslose wie noch im Mai 2010. Damals sei der Euroaustritt des Landes unter Bruch von Artikel 125 des EU-Vertrags durch öffentliche Kredite der Staatengemeinschaft verhindert worden. Gleichzeitig habe man beteuert, das Land komme schnell wieder auf die Beine.

"Die Wahrheit ist, dass Griechenland einen Einbruch der Industrieproduktion gegenüber dem Vorkrisenniveau um etwa 30 Prozent erlebt hat, dass es nach wie vor meilenweit von der preislichen Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft entfernt ist", sagte Sinn dem "Handelsblatt". So seien die griechischen Löhne doppelt so hoch wie die polnischen. Zudem fahre das Land nach dem Staatskonkurs des Jahres 2012 immer noch "riesige Staatsdefizite" ein, die von der EU-Kommission "mühsam und trickreich geschönt" werden müssten, obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) alles versucht habe, die Zinsen auf griechische Staatspapiere zu drücken.

nck

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insgesamt 109 Beiträge
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schwyz 06.01.2015
1. Un-Sinn? Starr-Sinn?
Alexis Tsipras sagt nicht, daß Griechenland den Euro verlassen will, muß oder soll. Herr Sinn interpretiert (mal wieder) recht eigenwillig, so wie es in sein inzwischen recht abgestandenes "Mantra" zur Situation Griechenlands passen könnte. Wirtschaftsweiser? Das war mal.
Thomas Ernst 06.01.2015
2. Die Pleite war und ist de facto gegeben
Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird sie auch weiterhin bestehen. Ob GR nun im Euroverbund bleibt oder nicht, das ändert an der staatlichen Insolvenz und an dem katastrophalen Zustand der griechischen Wirtschaft kaum etwas. Ein Wechsel vom Euro zu einer neuen Weichwährung Drachme spiegelt allerdings die Situation in GR wesentlicher richtiger wider.
Halcroves 06.01.2015
3. er ist ja nicht der sympathischste Volkswirt
Das er die Variable Mensch in seinen Berechnungen einbezieht macht ihn gegenüber den bonierten Politikern nun doch noch sympathisch. Ist das ein Umdenken ? Weg vom sturem Wachstum um jeden Preis. Fängt man endlich an zu begreifen, dass soziale Strukturen dauerhafte Stabilität und Wohlstand für alle bedeutet. Und jede Frustbewegenug, Menschenfeindlichkeit und Hass im nichts versickern würden. Oder sähen wir weiter Hass durch Umverteilung der Wertschöpfung?
rolantik 06.01.2015
4. Herr Sinn redet Unsinn
Man sollte die Gedankenmodelle des Herrn (Un)sinn überhaupt nicht abdrucken, sie gehen am Thema vorbei. Führt GR die Drachme wieder ein, droht dem Land der wirtschaftliche Kollaps, da zur Wettbewerbsfähigkeit in EU diese derart abgewertet werden müsste, um Exporterfolge zu*erzielen und würde damit die eurpäischen Märkte mit niedrigen Preisen für ihre Waren überschwemmen. GR muss seine Hausaufgaben machen, die sie bei Eintritt in die EU nicht wahrheitsgemäss deklariert hatte. Dazu muss das Steuersystem reformiert werden und Sparen als Tugens verstanden werden. Man kann nicht mehr ausgrben, als msn einnimmt. Herr Sinn, prüfen Sie mal was aus Ihren Prognosen in der Vergangenheit wurde?
Mellybo-at-SPON 06.01.2015
5. Wieso berichtet der SPON
über jede Flatulenz dieses Mannes? Und immer tendenziös? Ach ich krieg eh keine Antwort. Zum Thema: Offenbar ist dieser "Grexit" nicht nur geduldet inzwischen, nein er wird angepeilt von allen Beteiligten. Aber es darf so nicht aussehen. Und der SPON ist willfährig vor dem Karren und ziiiiiiieht... Mist. Welche Zeitung kann ich jetzt noch lesen?
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