Gewerkschafts-Kongress IG BCE warnt vor Deindustrialisierung Deutschlands

Gewerkschaftsboss Michael Vassiliadis sorgt sich nach dem Einzug der AfD in den Bundestag um die politische Kultur in Deutschland. Einen Grund für den zunehmend raueren Ton sieht er aber auch in der schleichenden Deindustrialisierung.

Gewerkschaftschef Vassiliadis
DPA

Gewerkschaftschef Vassiliadis


Der Chef der Industriegewerkschaft IG BCE, Michael Vassiliadis, sieht erste Zeichen einer schleichenden Deindustrialisierung in Deutschland. Statt die industrielle Wertschöpfung im Land zu halten, würden Industrieprojekte verzögert, Investitionen behindert und Arbeitsplätze gefährdet, sagte Vassiliadis am Montag auf dem Gewerkschaftskongress der IG BCE in Hannover. Dem Land fehle es an industriepolitischer Orientierung, kritisierte er: "Exportweltmeisterschaft finden alle cool und sexy, aber Flächen vor Ort für die Ansiedlung von Produktion, Logistik und Lagerhaltung undenkbar."

Zurückdrängen wolle die IG BCE die um sich greifende Tarifflucht, sagte Vassiliadis. "Wir kämpfen für eine soziale Ordnung in der Arbeitswelt, die auf Tarifautonomie und Mitbestimmung setzt." Wollten die Arbeitgeber geordnete Verhältnisse, "dann müssen sie auch selbst dazu beitragen".

Vassiliadis, warnte aber auch vor einer Spaltung der Gesellschaft und radikaleren Tönen in der Politik. "Ungleichheit frisst den Glauben an Gerechtigkeit und Demokratie auf". Von der Politik erwarte er, dass sie die Ursachen von "Radikalisierung an den Rändern und Frustration in der Mitte der Gesellschaft bekämpft".

Er rechnet durch den Einzug der AfD in den Bundestag mit einem raueren Ton im politischen Diskurs: "Er wird radikaler und unappetitlicher werden." In der IG BCE sei für "Chauvinismus und Rassismus, Spaltung und Ausgrenzung" kein Platz. Wer völkisches Gedankengut vertrete, Menschen abwerte, Intoleranz predige und gegen Minderheiten hetze, der könne für die IG BCE kein Gesprächspartner sein, sagte Vassiliadis.

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) legt in Hannover in dieser Woche ihre Politik für die kommenden Jahre fest. Zudem steht die Neuwahl des Hauptvorstands an - Vassiliadis' Wiederwahl gilt als sicher. Bis Freitag stehen zahlreiche Politiker auf der Rednerliste, darunter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und SPD-ChefMartin Schulz, aber auch FDP-Chef Christian Lindner oder Jürgen Trittin von den Grünen.

mik/dpa-AFX

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.