Tarifabschluss in der Metallbranche Nur Gewinner

Es war einer der härtesten Tarifkonflikte der vergangenen Jahre - und am Ende sind alle Gewinner: IG Metall und Arbeitgeber haben einen Kompromiss gefunden, der als Blaupause für die Arbeitswelt der Zukunft dient.

IG-Metall-Chef Hofmann, Arbeitgeber-Chef Dulger
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IG-Metall-Chef Hofmann, Arbeitgeber-Chef Dulger

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Dieser neue Tarifvertrag markiert eine Zäsur - nicht nur für die Metallbranche. Was die Verhandler von IG Metall und Arbeitgeber vereinbart haben, ist vorbildlich, ein Wegweiser für die Arbeitswelt der Zukunft.

Grob skizziert sieht diese Welt so aus: Ein Arbeitsleben wird nicht mehr gleichförmig verlaufen, sondern in Phasen unterschiedlicher Intensität. Jahre, in denen man länger als die normale Vollzeit arbeitet, werden sich mit Jahren abwechseln, in denen man kürzertritt, um kleine Kinder oder pflegebedürftige Eltern zu versorgen - oder einfach, um das Leben zu genießen.

Im Optimalfall wird man am Ende eines solchen Arbeitslebens insgesamt mindestens genau so viel gearbeitet haben wie in der bisherigen Arbeitswelt mit den immer gleichen Wochenarbeitszeiten - aber mit weniger schmerzhaften Konflikten zwischen familiärer Verantwortung und Beruf. Und mit einem deutlich geringeren Risiko eines Burn-outs.

Die Tarifpartner in der Metallbranche haben es geschafft, Regelungen zu finden, die allen Interessen gerecht werden - denen der Arbeitnehmer und denen der Arbeitgeber. Das ist umso bemerkenswerter, da sich die Kräfteverhältnisse deutlich zugunsten der Gewerkschaften verschoben haben. Arbeitskräfte, zumal qualifizierte, sind vielerorts in der Metallbranche derart rar, dass den Arbeitgebern ihr wichtigstes Druckmittel verloren gegangen ist: der drohende Verlust von Arbeitsplätzen.

Dennoch hat die IG Metall der Versuchung widerstanden, nach Jahrzehnten in der Defensive einen demonstrativen Triumph über die Arbeitgeber zu zelebrieren - obwohl in Teilen der Basis die Sehnsucht danach groß war. Die Gewerkschaft hätte wahrscheinlich viele ihrer Forderungen nach mehr Flexibilität für die Beschäftigten auch ohne große Zugeständnisse durchsetzen können: Ein Flächenstreik wäre für die Unternehmen der Metallbranche angesichts der derzeit hohen Auslastung so schmerzhaft gewesen, dass die Arbeitgeberverbände wahrscheinlich nach kurzer Zeit alles unterschrieben hätten, was ihn beendet.

Das hätte allerdings auch das Ende der konstruktiven Tarifpartnerschaft bedeutet, die eine Stärke des Standorts Deutschland darstellt - und den Beginn einer erbitterten Dauerkonfrontation, die auf lange Sicht Beschäftigten und Unternehmen gleichermaßen geschadet hätte.

Stattdessen ist die IG Metall den Arbeitgebern ihrerseits weit entgegengekommen, und das ausgerechnet bei der für sie so identitätsstiftenden 35-Stunden-Woche. Die wird durch den neuen Tarifabschluss noch weit mehr als bisher von einer gelebten betrieblichen Realität zu einer bloßen Rechengröße. Arbeitgeber haben künftig weitreichende Möglichkeiten, im Gegenzug zum Anspruch auf Teilzeit andere Beschäftigte 40 Stunden arbeiten zu lassen, sodass in vielen Betrieben nur noch eine Minderheit in der eigentlich normalen Vollzeit mit 35 Stunden in der Woche arbeiten wird.

Den meisten Mitarbeitern wird das nur recht sein. Schließlich bedeuten fünf Stunden mehr Wochenarbeitszeit auch entsprechend höhere Löhne und nicht zuletzt auch höhere Rentenansprüche - ein Ausgleich für die Lebensphasen mit verkürzter Vollzeit und geringeren Einzahlungen in die Rentenkasse. Und die Arbeitgeber sind ihrer schlimmsten Sorge entledigt: dass sie auf einem leergefegten Arbeitsmarkt zusätzliches Personal finden müssen - oder auf Aufträge und Umsatz verzichten.

Von Anfang an war klar, dass diese Tarifrunde in der Metallbranche wegweisend sein würde. Gut, dass sie am Ende nur Gewinner kennt.



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Martin205 06.02.2018
1. genau meine Meinung
Nach diesem Tarifabschluss können sich beide Parteien noch in die Augen sehen. Gleichzeit gibt es für beide Parteien die Möglichkeit nach mehr Flexibilität, sowohl Richtung 40h, als auch Richtung 28h. Die Lohneröhung ist den guten Wirtschaftsdaten geschuldet und stellt eine Anerkennung für die Mitarbeiter dar. Bleibt zu hoffen, dass das ein Leuchtturm für die anderen Branchen darstellt und am Ende alle Arbeitnehmer davon profitieren können. -Chapeau-
alternativloser_user 06.02.2018
2. ...
Also nachdem die Gewerkschaften jahrelang auf Lohnerhöhungen wegen der "schlechten Wirtschaftslage" verzichtet haben, die Inflation aber jedes jahr so bei 2-3% lag, haben die Arbeitnehmer jetzt einmal 4% mehr Lohn bekommen und dafür wurde die 35 Stunden Woche aufgeweicht, was bei der aktuellen Wirtschaftssituation natürlich mehr Belastung für alle bedeutet. Die Arbeitgeber werden die Arbeitnehmer mehr arbeiten lassen, die prozentuale Steuerlast steigt so dass von den 4% mehr Lohn und den 5 Stunden Mehrarbeit pro Woche beim Geld nicht wirklich viel überbleibt. Und wenn es "der Wirtschaft" mal wieder schlecht geht (der geht es übrigens IMMER schlecht wenn man die Arbeitgeber fragt), dann wird wieder mit Kündigungen gedroht und im dann neuen Tarifvertrag steht plötzlich was ganz anderes. Bei dem aktuellen Boom hätten die Gewerkschaften 5% mehr Lohn pro Jahr fordern sollen, festgeschrieben auf 4 Jahre, mit der Option die Arbeitszeit pro Woche auf 25-30 Stunden zu reduzieren wenn der Boom nachlässt. DAS wäre Arbeitnehmerfreundlich gewesen.
whitewisent 06.02.2018
3.
Blaupause für die Arbeitswelt der Zukunft. Omg, aus welcher Phrasenkiste stammt sowas? Da haben sich 2 Partner gefunden, die völlig untypisch sind für Deutschland. Sowohl was die Bezahlung als auch die Bindung an Arbeitgeber betrifft, stehen diese Arbeitnehmer immer über allen Anderen. Gilt diese Blaupause auch für die Reinigungskräfte, Leiharbeiter und befristet Beschäftigte? Wahrscheinlich nicht. Es setzt sich nur die Spaltung der Gesellschaft fort, unter dem Jubel der Gewerkschaften, welche sich nur noch als Interessenvertreter ihrer Mitglieder darstellen. Was nicht schlimm wäre, wenn diese Lobby nicht immer behaupten würde, soziale Verantwortung für die gesamte Gesellschaft zu tragen.
MisterD 06.02.2018
4. Es gibt nicht nur Gewinner...
ganz im Gegenteil. Keiner meiner Kollegen ist scharf auf einen 40h- Vertrag. Die Jungen ohne Kinder nicht, die Alten schon gar nicht und die Mittdreißiger mit kleinen Kindern erst Recht nicht... das wird darauf hinauslaufen die Belegschaft gegeneinander auszuspielen... "Klar können Sie 28h auf 2 Jahre machen. Dann muss Herr XYZ eben auf 40h. Wollen Sie es ihm direkt selbst sagen? Achso und nach den 2 Jahren kommen Sie auch auf 40h, das Verpasste wieder aufholen. Schönen Tag noch..." Die Industrie soll Fachkräfte ordentlich bezahlen, dann findet man auch wieder welche. Wenn man alles über Ferchau und Co macht, ist es klar, dass für den Mickerlohn keiner arbeiten will...
aktiverbeobachter 06.02.2018
5. Weitreichende Möglichkeiten?
Wo sind denn für den Arbeitgeber die weitreichende Möglichkeiten, im Gegenzug zum Anspruch auf Teilzeit andere Beschäftigte 40 Stunden arbeiten zu lassen?? Das ist mit diesem Abschluss an strenge hoch interpretative und damit durch den Betriebsrat immer wegdiskutierende Faktoren limitiert. „Wenn in einem Betrieb Fachkräftemangel herrscht, kann die Quote auf 30 Prozent erhöht werden„ Das als win-win verkaufen zu wollen zeigt leider keine betriebliche Kenntnis. Es war sowieso hoch skurill, das AG individuelle Wünsche von Mitarbeitern/innen auf 40h Vollzeit nicht umsetzen konnten, da der Betriebsrat diesem widersprochen hat, obwohl Mitarbeiter/in und AG das wollen. Dieser Abschluss ist sicherlich für die IG Metall ein kurzfristiger Erfolg, aber für die AG langfristig eine Katastrophe. Und damit leider für alle Beschäftigten eine Bedrohung ihres Arbeitsplatzes.
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