24-Stunden-Streiks in der Metallbranche Auf Konfrontation

Die IG Metall legt zahlreiche Betriebe mit 24-Stunden-Streiks lahm, die Arbeitgeber klagen auf Schadensersatz: Der Tarifstreit steht kurz vor der letzten Eskalation.

Mitarbeiter von Bosch am 01.02.2018 vor dem Betriebsgelände in Waiblingen (Baden-Württemberg)
DPA

Mitarbeiter von Bosch am 01.02.2018 vor dem Betriebsgelände in Waiblingen (Baden-Württemberg)

Von


Ob bei Ford in Köln oder bei Autozulieferern in Bayern und Baden-Württemberg wie Bosch - über die ganze Bundesrepublik verteilt bot sich am Donnerstagmorgen an vielen Orten ein ähnliches Bild: Hunderte Mitarbeiter teils mit Warnwesten bekleidet vor Werkstoren, Transparente in der Hand.

Zum ersten Mal setzt die IG Metall eine neue Waffe im Arbeitskampf ein: 24-Stunden-Streiks. Seit Dienstagabend und bis Samstagmorgen will die Gewerkschaft insgesamt 275 Betriebe aller Größen für jeweils einen ganzen Tag bestreiken, sie hofft darauf, dass bis zu einer halben Million Beschäftigte die Arbeit niederlegen.

Die Arbeitgeber reagierten umgehend. Wie angekündigt verklagen die ersten regionalen Verbände die Gewerkschaft auf Schadensersatz. Der ganze Arbeitskampf sei illegal, argumentieren sie, weil die Forderung nach einem Lohnzuschuss für bestimmte Beschäftigtengruppen rechtswidrig sei.

Vorletzte Eskalationsstufe

Damit hat der Tarifkonflikt in der Metall- und Elektroindustrie die vorletzte Eskalationsstufe erreicht. Gesteigert werden kann er nur noch mit unbefristeten Flächenstreiks - was in der jetzigen Situation eine wirtschaftliche Katastrophe wäre: Viele Betriebe der Branche sind komplett ausgelastet und arbeiten am Rande ihrer Kapazität, um die Nachfrage befriedigen zu können. Schon nach einigen Tagen würden Umsatzverluste in Milliardenhöhe anfallen.

Beide Seiten beteuern, dass sie diesen Katastrophenfall verhindern möchten. Niemand habe Lust auf einen großen Arbeitskampf, sagt etwa IG-Metall-Chef Jörg Hofmann und verweist ausdrücklich auf die Schäden für die Volkswirtschaft. Sein Pendant auf Arbeitgeberseite, Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger, sagte im Bayerischen Rundfunk: "Unser Einigungswille ist nach wie vor gegeben, und wir werden auch so schnell wie möglich wieder an den Verhandlungstisch zurückkehren."

Allerdings werde nicht schon am Wochenende verhandelt, sagte ein Arbeitgebersprecher am Vormittag. Ein möglicher Verhandlungstermin könne Anfang der kommenden Woche sein, hieß es aus Arbeitgeberkreisen. Wie es aussieht, wird es die letzte Gelegenheit zu einer halbwegs friedlichen Einigung sein.

Kaum zu stoppende Dynamik

Die Frage scheint allerdings weniger zu sein, ob sich die Verhandlungsführer einigen wollen - sondern, ob sie die enorme Dynamik überhaupt noch stoppen können, die diese Tarifrunde entwickelt hat. Sowohl die Gewerkschaftsspitze als auch der Arbeitgeberverband stehen unter enormen Druck ihrer Basis, ein offensichtliches Einknicken können sie sich nicht erlauben. Doch selbst ein gesichtswahrender Kompromiss scheint schwer vermittelbar, wie die Verhandlungen des vergangenen Wochenendes zeigten.

Seitdem ist eigentlich klar, wo Kompromisslinien verlaufen können: Die Gewerkschaft kommt den Arbeitgebern bei der Arbeitszeit entgegen, indem sie im Gegenzug für das Recht auf befristete Teilzeit zulässt, dass mehr Mitarbeiter als bislang länger als 35 Stunden in der Woche arbeiten dürfen. Auf diese Weise könnte das Arbeitsvolumen insgesamt auf gleicher Höhe beibehalten werden.

Das Problem der möglicherweise rechtswidrigen Lohnzuschüsse ließe sich umgehen, indem diese als sogenanntes "ergänzendes zusätzliches Urlaubsgeld" deklariert würde und die Beschäftigten zudem die Wahl zwischen Lohnerhöhung oder mehr Freizeit hätten. Und die Höhe der Lohnsteigerungen ist angesichts der glänzenden Geschäfte der Branche ohnehin kein unüberwindbares Hindernis. Dennoch scheiterten die Verhandlungen, gefolgt von beiderseitigen harschen Schuldzuweisungen, eine Einigung gezielt hintertrieben zu haben.

IG-Metall-Mitglieder vor dem Ford-Werk in Köln
DPA

IG-Metall-Mitglieder vor dem Ford-Werk in Köln

Verschobene Kräfteverhältnisse

Diese Streitlust speist sich auch aus einer rasanten Verschiebung der Kräfteverhältnisse zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Die schienen spätestens seit Anfang der Neunzigerjahre lange wie festgezurrt: Angesichts von Massenarbeitslosigkeit operierten die Gewerkschaften im Modus der Schadensbegrenzung, ließen sich bei der Arbeitszeit auf flexible Lösungen ein und verzichteten auf hohe Lohnsteigerungen. Die IG Metall mutierte von einer knallharten Interessenvertretung zum Prototyp einer pragmatischen Gewerkschaft.

Doch inzwischen sind nicht mehr Arbeitsplätze knapp, sondern Arbeitskräfte - insbesondere Fachkräfte und insbesondere in der boomenden Metallbranche. Viele der 2,4 Millionen Mitglieder der IG Metall sehnen sich geradezu nach einer Machtdemonstration, wollen beweisen, welche Wucht die Gewerkschaft entfalten kann. Der letzte wirklich große durch Streiks errungene Erfolg liegt mehr als 30 Jahre zurück, als der Einstieg in die 35-Stunden-Woche gelang.

Streik beim Autozulieferer ZF in Friedrichshafen
DPA

Streik beim Autozulieferer ZF in Friedrichshafen

Auf der anderen Seite sehen viele Unternehmen der Branche überhaupt nicht ein, dass sie sich auf Arbeitszeitverkürzungen einlassen und diese teilweise auch noch bezahlen sollen - zumal sich der Arbeitskräftemangel in den kommenden Jahren allein aufgrund der Demografie noch verstärken dürfte. Sie drohen unverhohlen mit Tarifflucht, falls sich die Arbeitgeberverbände auf diese Forderung einlassen. Eine Drohung, die IG-Metall-Funktionäre trocken mit dem Hinweis kontern, dass man in solchen Fällen eben Haustarifverträge erstreiten werde.

Ohnehin stellt sich die Frage, ob sich Unternehmen Tarifflucht künftig überhaupt leisten können, wie am Beispiel des Automobilzulieferers LuK deutlich wird. Die Schaeffler-Tochter hat sich unlängst dazu entschlossen, die Tarifbindung einzuführen - ausdrücklich auch deswegen, um als Arbeitgeber attraktiver zu werden und im Wettbewerb um Fachkräfte bestehen zu können.

Vor dem Hintergrund dieser Kräfteverschiebung markiert die aktuelle Metall-Tarifrunde eine Zäsur. Sie könnte mit darüber entscheiden, ob Arbeitgeber und Gewerkschaften auch in den nächsten Jahrzehnten pragmatisch und partnerschaftlich zusammenarbeiten - oder ob harte Arbeitskämpfe künftig zur Regel werden. Das Wochenende könnte dafür wegweisend werden.

insgesamt 88 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
chico 76 01.02.2018
1. Das sind keine
*Warn*streiks mehr.
samsix 01.02.2018
2. Falsches Timing
In der gegenwärtigen Situation ist die Forderung nach (teilweise) verkürzten Arbeitszeiten kaum zu vermitteln. Die IG Metall sollte diese Forderung aufgeben und dafür die 6% voll durchholen. Dagegen hätten dann die Arbeitgeber kaum ein Gegenargument.
kayakclc 01.02.2018
3. Kompromisse gefragt
Hier ist es Zeit das alle Betonfraktionen zur Besinnung kommen. Ich glaube, man kann da schnell zu einer Einigung kommen, wenn diese Leute auf beide Seiten von ihrem hohen Ross herunterkommen, und jede Seite zuhört und versteht, was der anderen Seite wirklich wichtig ist. Beide Seiten müssen sich von ihren Maximalforderungen verabschieden und Flexibilität zeigen. Wenn Produktivitätssteigerungen Hand in Hand mit den Lohnsteigerungen gehen, ist das einfach nur Teilhabe und dann gehen deutliche Lohnerhöhungen auch in Ordnung. Die Gewerkschaften sollten aber bei der SPD mal Druck machen, damit das Einsetzen des Spitzensteuersatzes an die Lohnentwicklungen angepasst werden, weil sonst es nur einen Gewinner der Lohnerhöhungen gibt: den Finanzminister!
ambulans 01.02.2018
4. also
so ähnlich wie damals, vor 45 jahren, als die arbeitnehmer in wilden streiks die gewerkschaften links überholten und dazu zwangen, ihre forderungen auch wirklich zu vertreten. leute, lest die klassiker!
mameluk 01.02.2018
5. Einknicken
Bin gespannt, wie lange es dauert, bis die IGM wieder einknickt. Die jetzigen Massnahmen halte ich für dringend notwendig angesichts der Milliardengewinne der Konzerne auf Kosten der Arbeitnehmer. Allerdings zeigt die Erfahrung der letzten Jahrzehnte eine Kumpanei zwischen den Arbeitnehmervertretungen und den Arbeitgebern ( nicht nur bei der IGM), die letzteren und ihren Aktionären die Beutel prall füllt. Hoffen wir, dass es nicht nur eine IGM - Schau ist zur Rekrutierung neuer Mitglieder. Übrigens: Was sagt eigentlich die IGM zu den mörderischen Rüstungsgeschäften der Regierung? Oder geniesst sie nur die Sicherung der Areitsplätze ihrer Mitglieder?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.