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"Schwarzbuch Leiharbeit": 127 Seiten Anklage

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Mehr als 900.000 Menschen arbeiten in Deutschland als Zeitarbeiter. Rund tausend Betroffene geben jetzt im "Schwarzbuch Leiharbeit" Einblick in ihren Job-Alltag. Eine schonungslose Abrechnung mit Arbeitgebern und Politik.

Konstrukteur bei Airbus: Auf vielen Seiten dominiert die Farbe schwarz
REUTERS

Konstrukteur bei Airbus: Auf vielen Seiten dominiert die Farbe schwarz

Hamburg - Das "Schwarzbuch Leiharbeit" kommt mit ungewohnter Wucht daher: Mehr als tausend Zeitarbeiter kommen in der von der IG Metall an diesem Donnerstag veröffentlichten Publikation zu Wort. In dieser Größenordnung hat es so etwas noch nicht gegeben. Die Geschichten der Betroffenen lassen einen schonungslosen Einblick in ihren Arbeitsalltag zu. Sie schildern, wie die Realität der deutschen Leiharbeiter im Jahr 2012 aussieht.

Dass diese nicht rosig ist, lässt sich schon anhand des Buchtitels und des Herausgebers vermuten. Und so lesen sich die Wortbeiträge auf den 127 Seiten auch wie eine einzige Anklage. Auch das Design hat eine gewisse Dramatik: Auf vielen Seiten dominiert die Farbe schwarz.

"Das Problem ist nicht, dass es Leiharbeit gibt, sondern dass sie nicht zum Abpuffern von Produktionsspitzen genutzt wird. Ich bin seit zehn Jahren Leiharbeiter", wird einer zitiert, der wie alle anderen Befragten in der Veröffentlichung anonym bleibt. Zu deren Schutz, wie die IG Metall schreibt.

Ein anderer wird auf einer der schwarz gefärbten Seiten mit weißer Schrift so wiedergegeben:

"Es zählen nur noch Zahlen und der Umsatz. Krank darf man als Leiharbeiter nicht sein."

Ein Dritter berichtet:

"Ich bekomme eine Leistungszulage, die der Betriebsrat durchgesetzt hat. Damit komme ich als Leihgurke noch ganz gut weg. Trotzdem sind es 500 bis 1000 Euro, die der feste Mitarbeiter mehr verdient."

Drei Aussagen, drei Beispiele für die Probleme der Leiharbeit. Fast ausschließlich geht es bei allen Interviews, die die IG Metall im Herbst 2011 mit den Betroffenen geführt hat, um die drei großen Themen: Unterbezahlung, fehlende Anerkennung und fehlende Perspektiven. Die Beispiele im "Schwarzbuch" sind mit Studien und Zahlen angereichert (siehe auch Grafiken unten). Die "Gegnerseite" kommt nicht zu Wort.

2004 fielen die letzten Schranken für die Zeitarbeit

Mehr als 900.000 Menschen arbeiten derzeit als Leiharbeiter in Deutschland - ein Rekord. Er ist das Ergebnis der rot-grünen Bundespolitik, die im Jahr 2004 die letzten Schranken für die Zeitarbeit abgeschafft und den Weg freigemacht hat für ein rasantes, teils ungezügeltes Wachstum der Branche. Mehr als 17.000 sogenannte Personaldienstleister tummeln sich inzwischen auf dem Markt. Leiharbeit wird inzwischen nicht mehr nur eingesetzt, um Auftragsspitzen abzufedern - obwohl sie dafür ursprünglich gedacht war. Viele Zeitarbeiter sind jahrelang in ein- und demselben Unternehmen beschäftigt.

"Ich mache seit achteinhalb Jahren Leiharbeit, davon sechseinviertel Jahre beim gleichen Großunternehmen, und keine Übernahmemöglichkeit. Viermal arbeitslos in der Zeit. Soll das die nächsten elf Jahre bis zur Rente so weitergehen?"

Das "Schwarzbuch" ist nicht nur Anklage, sondern Abrechnung mit Arbeitgebern und Politik zugleich. Neben den teils aufrüttelnden Aussagen der Leiharbeiter bleibt daher kein Platz für Positives zum Thema: Zum Beispiel, dass diese Form der Beschäftigung manchen immerhin eine Chance bietet, der Arbeitslosigkeit zu entkommen.

Die Autoren des "Schwarzbuchs" bügeln dieses Argument ab. Zwar seien viele Leiharbeiter zuvor arbeitslos gewesen, viele aber rutschten anschließend auch wieder in die Erwerbslosigkeit ab. So sei das Risiko Arbeitslosigkeit für Leiharbeitskräfte im Jahr 2010 vier- bis fünfmal höher als in der Gesamtwirtschaft. Auch würden weniger als zehn Prozent aller Leiharbeiter "kleben" bleiben, also vom Einsatzbetrieb übernommen.

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Leiharbeit: Weniger Geld, häufiger krank
Das Thema Bezahlung findet auf fast allen Seiten des "Schwarzbuchs" statt: Die Gewerkschaft kritisiert, dass Leiharbeiter bis zu 50 Prozent weniger verdienen als regulär Beschäftigte. Dadurch sind der Gewerkschaft zufolge sieben Prozent aller Leiharbeiter trotz Vollbeschäftigung auf Hartz IV angewiesen, also sogenannte Aufstocker. Das belastet nicht nur die Betroffenen, sondern auch den Sozialstaat, so der Vorwurf. Kostenpunkt für die Bundesagentur für Arbeit: 500 Millionen Euro pro Jahr.

"Ich habe am Ende des Monats trotz einer Vollzeitstelle nur 900 Euro. Die Jobs bedürfen einer Einarbeitungszeit von etwa zwei Wochen. Danach werde ich eingesetzt wie eine Festangestellte, verdiene aber nur die Hälfte. Sonderzahlungen sind auch nicht drin."

Politiker und Arbeitgeber bekommen Post

Dass die IG Metall gerade jetzt mit dem "Schwarzbuch" aufwartet, ist kein Zufall. Seit 2008 kämpft die mächtige Gewerkschaft für die gleiche Bezahlung von Leih- und Stammarbeitskräften. Bis heute hat sie "Equal Pay" aber nur in einigen Betrieben durchsetzen können. Jetzt hofft sie auf den großen Durchbruch: In der aktuellen Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie hat sie die gleiche Bezahlung zum Bestandteil der Verhandlungen gemacht. Nun hofft sie auf größere öffentliche Aufmerksamkeit. Das "Schwarzbuch" wurde deshalb auch an Bundespolitiker und Arbeitgeberverbände verschickt - unbestellt.

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insgesamt 108 Beiträge
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1.
james-100, 29.03.2012
Es geht doch hier nur um Arbeitssklaven. Die sind nicht systemrelevant, also gehen die Schicksale dieser Menschen, der Politik, den Unternehmen, den Managern, den Aktionären und der sogenannten "Elite" völlig am Allerwetesten vorbei. Die Sklaven sollen nicht lamentieren, sondern für den Wohlstand der oben genannten sorgen. Und bald werden es nicht nur 900k Leiharbeitnehmer sein, sondern die Zahl wird sich vervielfachen.
2.
user124816 29.03.2012
Zitat von sysopREUTERSMehr als 900.000 Menschen arbeiten in Deutschland als Zeitarbeiter. Rund tausend Betroffene geben jetzt im "Schwarzbuch Leiharbeit" Einblick in ihren Job-Alltag - eine schonungslose Abrechnung mit Arbeitgebern und Politik. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,824514,00.html
wenn die politik sozial wäre, und das nicht nur behaupten würde, gäbe es diese probleme nicht. politkriminelle und abzocker, namentlich leute die ihr geld dadurch verdienen das sie sich vom lohn/arbeit anderer etwas für sich abzwacken, sind das problem, nicht arbeitslose. ich *HASSE* unsere wirtschaftsordnung. aber: nicht nur meckern, sondern vorschläge machen. festangestellte bekommen 100% des lohns, befristet angestellte 120% und leiharbeiter 150% - alles netto. einfach morgen ein gesetz machen und die sache ist gegessen.
3. ...
maturin001 29.03.2012
Leiharbeit ist differenziert zu sehen. Dennoch ist die in Deutschland praktizierte Variante nichts weiter als legalisierte Ausbeutung.
4.
user124816 29.03.2012
Zitat von james-100Es geht doch hier nur um Arbeitssklaven. Die sind nicht systemrelevant, also gehen die Schicksale dieser Menschen, der Politik, den Unternehmen, den Managern, den Aktionären und der sogenannten "Elite" völlig am Allerwetesten vorbei. Die Sklaven sollen nicht lamentieren, sondern für den Wohlstand der oben genannten sorgen. Und bald werden es nicht nur 900k Leiharbeitnehmer sein, sondern die Zahl wird sich vervielfachen.
DOCH. genau darum geht es: die billigarbeitskräfte sind relevant in einem abzockersystem. deswegen wird ja nichts dagegen gemacht. diejenigen denen das system nützt sitzen an den hebeln die das system verändern könnten, und diese hebel werdennicht angefasst. wie abgehoben das ist sieht man an der höhe eines ehrensoldes - das ist welten(!) von der realität der meißten bundesbürger entfernt was für "die oberen 10k" normal ist und was diese sich erhalten wollen.
5.
james-100, 29.03.2012
Es geht doch hier nur um Arbeitssklaven. Die sind nicht systemrelevant, also gehen die Schicksale dieser Menschen, der Politik, den Unternehmen, den Managern, den Aktionären und der sogenannten "Elite" völlig am Allerwetesten vorbei. Die Sklaven sollen nicht lamentieren, sondern für den Wohlstand der oben genannten sorgen. Und bald werden es nicht nur 900k Leiharbeitnehmer sein, sondern die Zahl wird sich vervielfachen.
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Schröders Erbe: Die Reformen der "Agenda 2010"
Wirtschaft und Steuern
Der Kündigungsschutz wurde flexibilisiert, heißt: Er besteht seit Januar 2004 nur für Betriebe mit mehr als zehn Arbeitnehmern (vorher fünf). Gesellen dürfen nun in einem Großteil der Handwerke nach sechs Jahren im Beruf auch ohne Meisterbrief einen Betrieb gründen. Eingangs- und Spitzensteuersatz sind auf schließlich 15 beziehungsweise 42 Prozent gedrückt worden.
Arbeitsmarkt
Der bekannteste Teil der Agenda-Reformen von Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD): Das Gesetzespaket Hartz I-IV zum Arbeitsmarkt. Im Mittelpunkt des Hartz-I-Gesetzes standen die Personal-Service-Agenturen (PSA). Sie stellten Arbeitslose ein und verliehen sie an Unternehmen. Dieser Teil der Reformen floppte allerdings. Hinzu kam noch das Programm "Kapital für Arbeit": Unternehmen, die Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen, konnten hierfür ein zinsgünstiges Darlehen von bis zu 100.000 Euro von der Kreditanstalt für Wiederaufbau erhalten. Mittlerweile ist diese Programm aber eingestellt - Mit dem Hartz-II-Gesetz wurden Minijobs eingeführt, die bis zu 400 Euro im Monat sozialversicherungsbegünstigt sind. Außerdem die Ich-AGs: Existenzgründer konnten einen über drei Jahre gestaffelten Zuschuss erhalten, wenn sie weniger als 25.000 Euro jährlich verdienten. Später wurde das Konzept der Ich-AG durch einen Gründerzuschuss ersetzt. Im Rahmen von Hartz II wurden die Arbeitsämter zu Job-Centern umgestaltet. Die Bundesanstalt für Arbeit wurde per Hartz III zur Bundesagentur für Arbeit umgebaut. Das Gesetz zu Hartz IV bewirkte die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II. Das bisherige Arbeitslosengeld wird seit 2006 in der Regel nur noch zwölf Monate (maximal 18 Monate) gezahlt, danach greift das Arbeitslosengeld II.
Bildung, Ausbildung und Familie
Im Bereich der frühkindlichen Förderung strebte Schröder eine Verbesserung von Betreuungs- und Bildungsangeboten bei den unter dreijährigen Kindern an. Zudem wurde ein Förderprogramm für Ganztagsschulen aufgelegt.
Rente und Gesundheit
Die Rentenformel wurde um einen Nachhaltigkeitsfaktor ergänzt, den Schröder bei Regierungsantritt erst abgeschafft hatte. Die Beitragssätze der Versicherten zur gesetzlichen Krankenversicherung sollten reduziert werden. Für Arztbesuche wurde eine Praxisgebühr von 10 Euro pro Quartal eingeführt, bei einem Krankenhausaufenthalt müssen nun zehn Euro pro Tag zugezahlt werden. Die Obergrenze für alle Zuzahlungen liegt aber bei zwei Prozent des Jahreseinkommens, für Familien gibt es Freibeträge. Veränderungen auch beim Leistungskatalog: Zuzahlungen für Medikamente wurden erhöht, nicht verschreibungspflichtige Präparate werden nicht mehr erstattet.


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