Immobilien-Abgabe Griechenland macht mobil gegen Monstersteuer

Fast ihr gesamtes Vermögen haben die Griechen in Häusern und Wohnungen angelegt, auf den Konten liegt dagegen kaum noch Geld. Deshalb schreckt die von der Regierung beschlossene Immobiliensteuer viele Einwohner mehr als Spekulationen über eine Pleite des Landes - und eine Rückkehr zur Drachme.

SPIEGEL ONLINE

Aus Aigaleo berichtet


So wie Jannis Foteinos rauchend in einem Hauseingang hockt, sieht er nicht gerade vermögend aus. Der 57-Jährige trägt Sandalen mit Socken, eine Gürteltasche und schlichte Brille, von seinen Zähnen sind nicht mehr allzu viele übrig. Doch der Frührentner besitzt zwei Wohnungen - eine mit 100, die andere mit 130 Quadratmetern. Und deshalb hat Foteinos an diesem sonnigen Montag im Athener Arbeitervorort Aigaleo wenig zu lachen. "Wir können uns alle die Kugel geben", sagt er.

Seit Sonntag gibt es in Griechenland eine neue Immobiliensteuer. Mit Abgaben von durchschnittlich vier Euro pro Quadratmeter will die Regierung zwei Milliarden Euro zusätzlich einnehmen. Was für Premierminister Georgios Papandreou die vorerst letzte Hoffnung im Kampf um neue Finanzhilfen von EU und Internationalem Währungsfonds (IWF) ist, bedeutet für Menschen wie Foteinos eine weitere Belastung. Die Rente des früheren Ladenbesitzers ist bereits um 200 Euro monatlich gekürzt worden. Jetzt könnte ihm schon in wenigen Tagen eine Rechnung über rund 1000 Euro ins Haus flattern.

Mit diesen Aussichten ist es Foteinos denn auch ziemlich egal, dass deutsche Politiker offen einen griechischen Staatsbankrott und eine Rückkehr zur Drachme diskutieren. Er hätte nichts gegen die alte Währung, sagt Foteinos. "Alle hier haben mit dem Euro schlechte Erfahrungen gemacht."

Das mag etwas übertrieben sein - doch für viele Griechen bedeutet die Immobiliensteuer den deutlich größeren Schrecken als die Frage nach der Währung. "Ich kann nicht beurteilen, ob die Drachme besser oder schlechter wäre", sagt Irida Thanopolous, die ein paar Meter weiter ein kleines Straßencafé betreibt. Nicht weniger als sechs Wohnungen besitze sie, erzählt die 40-Jährige mit etwas verlegenem Lachen. Eine hat sie mit ihrem Mann gekauft, die übrigen fünf gehörten zur Mitgift. Fast 500 Quadratmeter, die nun plötzlich besteuert werden. "Das ist absolut tragikomisch."

Thanopolous hat nicht nur sechs Wohnungen, sondern auch drei Jobs. Mit ihrem Mann betreibt sie direkt neben dem Café ein Bekleidungsgeschäft, am Wochenende tippt sie Klageschriften in einer Rechtsanwaltskanzlei. Zusammen mit den Mieteinnahmen kommt sie auf ein Netto-Einkommen von 4000 Euro. Mit zwei Kindern im Teenageralter sei das nicht besonders viel, sagt Thanopolous. Die Wohnungen sollen helfen, den Lebensstandard zu sichern.

Die Protestmaschine springt an

So wie Thanopolous haben es viele Griechen gemacht. Gerade weil die Drachme früher keine harte Währung war, vertrauten sie vor allem auf Immobilien: Rund 85 Prozent des Volksvermögens steckt in Häusern und Wohnungen. Entsprechend empört reagiert das Land auf die überraschende neue Belastung. "Monstersteuer" titelt die linksliberale Zeitung "Eleftherotypia", die konservative "Eleftehros Typos" fürchtet: "Die Bürger gehen bankrott."

Auch die gutgeölte griechische Protestmaschine sprang umgehend an. Der einflussreiche Verband der Immobilienbesitzer will die Steuer nur dann akzeptieren, wenn es keinerlei andere Extra-Abgaben gibt. Noch weiter geht die Gewerkschaft des staatlichen Energieversorgers DEI, der die Steuer eintreiben und bei ausbleibenden Zahlungen den Strom abstellen soll. Fall es so weit komme, sagte der Gewerkschaftschef, "werden wir die Ausstellung dieser Stromrechnungen verhindern". Die Drohung ist glaubhaft - nahezu alle DEI-Angestellten sind gewerkschaftlich organisiert.

Auch Helena Dougni besitzt eine Wohnung, 67 Quadratmeter im gediegenen Vorort Koukaki. Ihren Job als Radio-Producerin hat die elegant gekleidete 28-Jährige in der Krise verloren. "Ich bekomme gleich einen Hirnschlag", sagt Dougni, als sie von der neuen Steuer erfährt. "Wie soll man das mit einem niedrigen Einkommen bezahlen?" Eine Rückkehr zur Drachme dagegen fände sie persönlich nicht tragisch. "Ich habe keine Spareinlagen auf der Bank, für mich ist das kein Problem."

Für Helenas Schwester Maria ist die Steuer noch aus einem anderen Grund eine Hiobsbotschaft. Die 35-Jährige arbeitete bislang als Ingenieurin beim Bauträger der Athener Metro. Doch in der Krise ist die Branche weitgehend kollabiert, rund 90 Prozent der Bauarbeiter sind bereits arbeitslos. Auch Maria wird innerhalb des nächsten Monats entlassen, wenn nicht noch neue Aufträge hereinkommen. Durch die neue Steuer ist das nicht wahrscheinlicher geworden.

Ein Plus gibt es nur bei den Arbeitslosen

Griechenland wird kaputtgespart - in dieser Auffassung dürften sich Kritiker durch die neue Steuer einmal mehr bestätigt sehen. Zu ihnen gehört der Ökonom Savas Robolis, wissenschaftlicher Direktor des gewerkschaftlichen Wirtschaftsforschungsinstituts INE. Jedes Jahr geben die Forscher einen Report zur Entwicklung von Wirtschaft und Arbeitsmarkt heraus, der diesjährige ist gerade erschienen.

Daumendick ist der Bericht, doch Robolis genügt für seine Argumentation eine Tabelle auf der ersten Seite. Sie zeigt die Entwicklung von zahlreichen Konjunkturindikatoren zwischen 2009 und 2011. Überall geht es steil bergab.

Das Bruttoinlandsprodukt ist demnach auf den Stand von 2005 zurückgefallen, die Kaufkraft auf das Niveau von 2003, die Investitionen in Ausrüstungsgüter sind so gering wie 1998. "Ein Plus haben wir nur bei den Arbeitslosen", sagt der Professor. Die Arbeitslosigkeit sei nun auf dem Stand von 1950. "Das war die Zeit, als Griechen nach Deutschland auswanderten."

Schon seit Jahrzehnten stammten fast 70 Prozent der griechischen Staatseinnahmen von Lohn- und Gehaltsempfängern, kritisiert Robolis. Doch auch das griechische Sparprogramm treffe wieder vor allem die Arbeitnehmer. "Die großen Unternehmen zahlen dagegen kaum etwas. Mit anderen Worten: Sie hinterziehen Steuern."

Auch viele Bürger dürften nun versuchen, die neue Immobiliensteuer zu umgehen. Entweder über Ausnahmeregelungen, die es im griechischen Steuerrecht zur Genüge gibt. Oder durch blanken Boykott. Für den hat sich jedenfalls Frührentner Foteinos entschieden. "Ich werde nicht zahlen. Sollen sie mir doch den Strom abstellen!"

Mitarbeit: Ferry Batzoglou

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 251 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Beo21 13.09.2011
1. Bargeld
Die Griechen haben ihr Bargeld in die Schweiz und nach Deutschland transferiert. Die Griechen wissen genau, dass die Banken in Griechenland pleite sind.
belohorizonte 13.09.2011
2. Jammern gehoert zur osmanischen Tradition
oder ist hier von Absurdistan zu sprechen? Mir geht langsam die Ernsthaftigkeit über diese Finanzposse verlustig. Mir reicht es jetzt. Ich hab den Eindruck, die wollen sich gar nicht verwalten lassen, moderne Stadtindianer...
rhalpha 13.09.2011
3. 4000 Euro NETTO zu wenig?
"Zusammen mit den Mieteinnahmen kommt sie auf ein Netto-Einkommen von 4000 Euro. Mit zwei Kindern im Teenager-Alter sei das nicht besonders viel, sagt Thanopolous." Bei allem Respekt vor den angeblichen 3 Jobs, aber wenn 4000€ netto zu wenig sind, dann stimmt etwas ganz und gar nicht in Griechenland. SIcher, viele Griechen müssen mit sehr viel weniger auskommen, aber so eine Aussage ist schon dreist!
einuntoter 13.09.2011
4. Der arme Frührentner,
der nur zwei riesengroße Wohnungen sein Eigen nennt...
Paul Kessler, 13.09.2011
5.
Zitat von Beo21Die Griechen haben ihr Bargeld in die Schweiz und nach Deutschland transferiert. Die Griechen wissen genau, dass die Banken in Griechenland pleite sind.
Wenn sie, die Griechen, das getan haben, so ist das äusserst vernünftig gewesen. Nach dem Crash kanns dann getrost in "neue Währung" getauscht werden. Solange wird in USD oder CHF geparkt. Haben Sie das etwa noch Bargeld in Deutschland?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.