Bundesbank zum Immobilienmarkt "Nicht kaufen, nur weil die Zinsen niedrig sind"

In deutschen Großstädten droht der Immobilienmarkt zu überhitzen, warnt Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret. Im Interview erklärt er, warum Kredite gefährlich werden können - für Banken, aber auch Kunden.

Neubaugebiet (in Bayern)
imago

Neubaugebiet (in Bayern)

Ein Interview von


Deutschland, ein Immobilien-Wunderland! Vor allem in den Metropolen sind die Preise für Wohnungen und Häuser in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen. Zwischen 2010 und 2016 legten die Kaufpreise in Städten wie Hamburg oder Köln laut Zahlen der Immobilienwirtschaft um 70 Prozent zu, in Berlin sogar um 94 und in München um 114 Prozent.

Für die Bundesbank ist das ein Grund, sehr genau hinzuschauen. "Für Deutschland insgesamt sehe ich noch keine Blase", sagt Vorstand Andreas Dombret im Interview. "Es gibt aber in einigen Regionen die Gefahr, dass die Immobilienmärkte überhitzen."

Am Ende müsse "jeder für sich entscheiden", ob er in Großstädten noch Wohneigentum kaufen soll, sagt Dombret. "Aber ich würde niemandem raten, eine Immobilie zu kaufen, nur weil die Zinsen zur Zeit so niedrig sind. Das reicht als Grund nicht aus."

Die Banken und Sparkassen warnt Dombret davor, die Negativzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) an die deutschen Kunden weiterzugeben. "Noch stärker als bei steigenden Entgelten würden die Kunden hier nämlich vermutlich mit den Füßen abstimmen und einfach ihre Bankverbindung wechseln", sagt der Bundesbanker.

Lesen Sie im Interview außerdem, warum Dombret Verständnis für steigende Bankgebühren hat - und warum er mit einigen Vorschlägen des US-Präsidenten Donald Trump so gar nichts anfangen kann.

SPIEGEL ONLINE: Herr Dombret, vor zehn Jahren musste der deutsche Staat mit IKB und SachsenLB die ersten Banken retten - der Beginn der Finanzkrise. Jetzt wackeln Banken in Italien, und wieder müssen die Steuerzahler zur Hilfe kommen. Droht eine neue Finanzkrise, die auch auf Deutschland überschwappt?

Dombret: Weltweit müssen Banken und Sparkassen seit der Krise deutlich mehr Eigenkapital vorhalten als früher. Und stärker kapitalisierte Banken sind krisenfestere Banken. Es wäre aber völlig falsch, sich deshalb in Sicherheit zu wiegen. Denn diese falsche Sicherheit hat in der Vergangenheit oft das Erkennen von gefährlichen Blasen an den Finanzmärkten vernebelt. Wir sehen am Fall Italien, aber auch in anderen Ländern, dass es bei einigen Banken ein Problem mit notleidenden Krediten gibt - teils nur in einzelnen Sektoren. Diese Kredite sind kein flächendeckendes Problem in Europa - und deshalb erwarte ich auch nur punktuell bedrohliche Situationen. Aber viele Problemengagements sind "Zombie-Kredite", die nicht mehr lebendig sind, aber trotzdem in der Bilanz stehen.

SPIEGEL ONLINE: Kann das auch in Deutschland zu Verwerfungen führen?

Dombret: Hierzulande gibt es nur vereinzelt Probleme mit notleidenden Krediten; ihr Anteil liegt nur bei rund zwei Prozent des gesamten deutschen Kreditvolumens. Ich kann insofern aktuell keine bevorstehende Krise erkennen. In anderen europäischen Ländern ist der Anteil deutlich höher. Aber täuschen wir uns nicht, in Deutschland gibt es andere Herausforderungen.

Zur Person
  • DPA
    Andreas Dombret ist im Vorstand der Bundesbank für Banken- und Finanzaufsicht zuständig. Er wurde in den USA geboren und ist in Westfalen aufgewachsen. Dombret arbeitete lange als Investmentbanker in Frankfurt und London, bis 2009 war er Deutschland-Chef der Bank of America. 2010 wechselte er zur Bundesbank.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Dombret: Das Umfeld für Banken und Sparkassen ist sehr viel rauer geworden und wird das wohl auch bleiben. Auch weil das Zinsniveau noch längere Zeit sehr niedrig sein wird. Und weil der technologische Wandel den Instituten abverlangt, effizienter zu werden und in die Digitalisierung zu investieren. Wir sehen eine Marktbereinigung vor uns, die den Finanzsektor auch in Zukunft weiter schrumpfen lassen wird - und zwar auch in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Weil sie im Zinsgeschäft nichts mehr verdienen, greifen vor allem kleinere und mittlere Banken immer häufiger in die Trickkiste und erhöhen die Gebühren. Bei manchen kostet die EC-Karte extra, bei anderen sogar das Geldabheben.

Dombret: Über ihre Entgelte entscheiden allein die Banken und Sparkassen. Ich habe aber Verständnis dafür, dass man die Kosten des Bankgeschäfts auch in irgendeiner Form an die Kunden weitergibt. Nehmen Sie zum Beispiel die Geldautomaten: Diese kosten auch Geld: in der Anschaffung, in der Wartung, in der Betreuung. Geldausgabeautomaten kann man im derzeitigen Umfeld auf Dauer nicht einfach gratis anbieten. Die Erwartungshaltung vieler Kunden, dass alles umsonst sein muss, wird nicht mehr aufgehen.

SPIEGEL ONLINE: Aber ist es ein sinnvolles Geschäftsmodell, die Kunden mit Gebühren fürs Geldabheben zu verärgern?

Dombret: Jedes neu eingeführte Entgelt muss sich am Markt beweisen und durchsetzen. Kunden haben in Deutschland die Möglichkeit, sehr schnell ihre Bank zu wechseln. Deshalb werden neue Entgelte nicht automatisch zu mehr Einnahmen führen, wenn man gleichzeitig Kunden verliert. Jede Preisgestaltung muss also durchdacht sein und von den Kunden als fair und angemessen wahrgenommen werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Europäische Zentralbank hält den Einlagensatz, zu dem Banken über Nacht Geld bei ihr parken können, seit längerer Zeit negativ. Erste Institute in Deutschland geben diese sogenannten Strafzinsen an die Kunden weiter. Werden noch mehr Banken und Sparkassen diesen Schritt gehen?

Dombret: Auch das ist einzig und allein eine Entscheidung der einzelnen Institute. Ich gehe aber nach wie vor davon aus, dass Banken und Sparkassen negative Einlagenzinsen an Privatkunden gar nicht oder in nur geringem Maße weitergeben. Noch stärker als bei steigenden Entgelten würden die Kunden hier nämlich vermutlich mit den Füßen abstimmen und einfach ihre Bankverbindung wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Fragt sich nur, ob solch ein Szenario die betroffenen Banken und Sparkassen überhaupt schreckt. Man hat ja bisweilen den Eindruck, dass sie froh sind, wenn die Kunden ihr Geld woanders hinbringen.

Dombret: Das ist eine Momentaufnahme. Sobald sich das Zinsniveau wieder normalisiert, werden die Banken froh sein, wenn die Kunden ihre Einlagen zu ihnen bringen. Es wäre kurzsichtig, das jetzt auszublenden und Kunden dauerhaft zu vergraulen.

SPIEGEL ONLINE: Die Niedrigzinsen haben auch die Immobilienpreise in Deutschland kräftig nach oben getrieben. Gibt es eine Blase am deutschen Wohnungsmarkt?

Dombret: Für Deutschland insgesamt sehe ich noch keine Blase. Es gibt aber in einigen Regionen die Gefahr, dass die Immobilienmärkte überhitzen. Insbesondere gilt das für die Großstädte; aber auch deren Umland und einige mittelgroße Städte sind bereits betroffen.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie persönlich bei diesen Preisen noch eine Eigentumswohnung in einer deutschen Großstadt kaufen?

Dombret: Da ich schon versorgt bin, stellt sich die Frage für mich nicht. Am Ende muss das jeder für sich entscheiden - das hängt nicht zuletzt von der persönlichen Lebenslage und den Präferenzen ab. Aber ich würde niemandem raten, eine Immobilie zu kaufen, nur weil die Zinsen zur Zeit so niedrig sind. Das reicht als Grund nicht aus. Man sollte im Zweifel nur Investitionen tätigen, die man auch bei einem anderen Zinsniveau getätigt hätte. Und man sollte dabei immer bedenken, dass man nach Ablauf der Zinsbindung wieder im Risiko steht - und die Zinsen dann möglicherweise ganz anders aussehen als heute.

Risiko Immobilienkauf

SPIEGEL ONLINE: Wer in Deutschland einen Immobilienkredit aufnimmt, sichert sich die Niedrigzinsen häufig für 15 oder sogar 20 Jahre.

Dombret: Das stimmt, die Zinsbindung wird immer länger. Die Kreditnehmer übertragen das Zinsrisiko damit stärker von sich auf die finanzierende Bank oder Sparkasse. Das ist ökonomisch auch sinnvoll. Denn Finanzinstitute, die sehr viele Immobilienkredite vergeben, managen dieses Zinsänderungsrisiko viel besser als jeder einzelne Kunde für sich. Bankenaufseher müssen genau hinschauen, ob Banken und Sparkassen das auch tatsächlich gut schaffen. Und ob sie gewappnet sind für den Fall, dass die Konjunktur sich eintrübt, die Arbeitslosigkeit steigt und mehr Wohnungskäufer ihre Kredite nicht mehr zurückzahlen können.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Eindruck, dass einzelne Banken zu hohe Risiken bei der Vergabe von Immobilienkrediten eingehen?

Dombret: Bei einzelnen kann das sein, aber im Großen und Ganzen gehen die deutschen Banken und Sparkassen mit den Immobilienrisiken verantwortungsvoll um.

SPIEGEL ONLINE: In den USA hat Präsident Trump eine massive Deregulierung angekündigt - eine Entfesselung der Banken. Wird da der Grundstein für die nächste Finanzkrise gelegt?

Dombret: Bei einem Wettlauf um die niedrigste Regulierung würden alle verlieren. Das können wir nicht wollen. So habe ich aber das US-Finanzministerium bisher auch nicht verstanden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben selbst einen deutschen und einen amerikanischen Pass: Machen Sie sich Sorgen um die Entwicklung, die die Wirtschaftspolitik dort nimmt?

Dombret: Man muss zwischen Ankündigungen und wirklichen Maßnahmen unterscheiden. Und an Maßnahmen haben wir noch nicht viel gesehen. Alle Erfahrung zeigt, dass eine Abschottung von Märkten zu einem sinkenden Wohlstandsniveau führt. Deshalb setze ich mich für einen freien Handel ein. Gleichzeitig muss man aber auch feststellen, dass es bei Globalisierung und technischem Fortschritt nicht nur Gewinner gibt. Es gibt Bevölkerungsgruppen, bei denen sich die Einkommensverhältnisse in den letzten Jahren nicht verbessert oder sogar verschlechtert haben. Deshalb kann man sehr wohl darüber nachdenken, ob die Wohlfahrtsgewinne, die durch Globalisierung und technischen Fortschritt entstehen, nicht anders verteilt werden, um zu mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft zu kommen. Investitionen in Bildung sind da nur ein Beispiel von vielen. Sonst passiert genau das, was wir im Brexit-Referendum oder auch bei der Präsidentschaftswahl in den USA gesehen haben.

SPIEGEL ONLINE: Man sollte die Folgen der Globalisierung also durch staatliche Eingriffe abfedern?

Dombret: Der Erfolg des Populismus ist doch ein Anzeichen dafür, dass viele Bürger unzufrieden sind mit der wirtschaftlichen Entwicklung. Darauf muss man reagieren und sollte sich genau anschauen, wie es zu einer besseren Verteilung kommt. Den von Globalisierung angestoßenen Wandel durch den Bau einer Mauer aufzuhalten, ist ein Konzept, das sich mir dagegen noch nicht erschlossen hat. Ebenso wenig sehe ich eine Lösung für fairen Handel darin, dass künftig mehr amerikanische Autos auf deutschen Straßen und weniger deutsche Autos auf amerikanischen Straßen fahren - dies entscheiden allein die Konsumenten. Dass wir einen fairen Handel brauchen, steht außer Frage. Dass der Handel auch frei sein muss, steht für mich aber genauso fest, wenn wir unser Wohlstandsniveau erhalten wollen.

insgesamt 71 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
der_nachtarbeiter 28.06.2017
1. Keine Blase...?
Wundert mich immer, dass man in Deutschland von keiner Blase ausgeht. Bei mir in Berlin würde ich mittlerweile schon für eine Garage Kaufpreise zahlen, die an die 100 TEUR liegen. Wahnsinn. In der Innenstadt bekommt man selten eine 3 Zimmer-Wohnung für unter 1300,- EUR. Aus Bekanntenkreisen erlebe ich Mietpreise von knapp 2000 EUR bzw. Kaufpreise für 3 bis 4 Zimmer Wohnungen über teils deutlich über 500 TEUR. Da frag ich mich immer: Wer kann das denn bezahlen? Wer verdient so viel Kohle? Die Leute verreisen ja trotzdem, überall neue SUVs, Markenprodukte werden groß geschrieben-alles auf Kredit?!? Mal ehrlich, aber aus meiner Sicht ist da eine gewaltige Blase am wachsen.
laracrofti 28.06.2017
2. Viel heiße Luft, statt dem guten Mann
mal richtig auf den Zahn fühlen, wenn er denn so ein Experte ist. "Zombie-Kredite" und ähnliche Ausdrücke zeigen den Irrsinn der Finanzwelt. Was soll das? Hinter jedem Kredit steht eine Person die ihn beantragt und unterschrieben hat, eine juristische Person; sind diese Kredite geplatzt, abwickeln, Verluste verbuchen, basta. Wer sowas nicht schafft und immer nur schwafelt von "komplex", "kompliziert" und "systemrelevant" der soll Platz machen für Leute die willens sind den Dreck aufzuklären und aufzuräumen.
i_be_em 28.06.2017
3. Seit März 2009 ...
warnt der SpOn (H-J.Tenhagen) vor einer Immobilienblase in Deutschland. Und eben dieser Herr empfahl den Lesern auch, Bausparverträge abzuschließen. Fast zeitgleich. Man kann nur hoffen, dass niemand diesen Ratschlägen gefolgt ist und sein Geld versenkt hat!
joomee 28.06.2017
4. Steht doch da
Zitat von der_nachtarbeiterWundert mich immer, dass man in Deutschland von keiner Blase ausgeht. Bei mir in Berlin würde ich mittlerweile schon für eine Garage Kaufpreise zahlen, die an die 100 TEUR liegen. Wahnsinn. In der Innenstadt bekommt man selten eine 3 Zimmer-Wohnung für unter 1300,- EUR. Aus Bekanntenkreisen erlebe ich Mietpreise von knapp 2000 EUR bzw. Kaufpreise für 3 bis 4 Zimmer Wohnungen über teils deutlich über 500 TEUR. Da frag ich mich immer: Wer kann das denn bezahlen? Wer verdient so viel Kohle? Die Leute verreisen ja trotzdem, überall neue SUVs, Markenprodukte werden groß geschrieben-alles auf Kredit?!? Mal ehrlich, aber aus meiner Sicht ist da eine gewaltige Blase am wachsen.
Da steht doch in dem Artikel, dass Berlin einer der Städte ist, wo der Immobilienmarkt zu überhitzen droht. Wo lesen Sie einen Widerspruch in dem Artikel heraus? Allerdings gibt es in vielen Regionen in Deutschland auch kaum steigende Preise.
muellerthomas 28.06.2017
5.
Zitat von der_nachtarbeiterWundert mich immer, dass man in Deutschland von keiner Blase ausgeht. Bei mir in Berlin würde ich mittlerweile schon für eine Garage Kaufpreise zahlen, die an die 100 TEUR liegen. Wahnsinn. In der Innenstadt bekommt man selten eine 3 Zimmer-Wohnung für unter 1300,- EUR. Aus Bekanntenkreisen erlebe ich Mietpreise von knapp 2000 EUR bzw. Kaufpreise für 3 bis 4 Zimmer Wohnungen über teils deutlich über 500 TEUR. Da frag ich mich immer: Wer kann das denn bezahlen? Wer verdient so viel Kohle? Die Leute verreisen ja trotzdem, überall neue SUVs, Markenprodukte werden groß geschrieben-alles auf Kredit?!? Mal ehrlich, aber aus meiner Sicht ist da eine gewaltige Blase am wachsen.
nunja, das ausstehende Kreditvolumen der Privathaushalte ist in den letzten Jahren um ca. 1,5% pro Jahr angestiegen, also in etwa mit der Inflation. Von einer kreditfinanzierten Blase kann da nun wirklich nicht die Rede sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.