Unesco-Weltkulturerbe Lutyens' Delhi Wo ein Abbruch-Bungalow 80 Millionen Euro kostet

600 denkmalgeschützte Häuser aus der Kolonialzeit bröckeln im Zentrum Delhis vor sich hin. Dennoch sind die maroden Bungalows hoch begehrt. Da werden selbst Ex-Minister zu Hausbesetzern.

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

SPIEGEL ONLINE

Neu-Delhi ist nicht das, was man landläufig als schöne Stadt bezeichnen würde. 16 Millionen Menschen drängen sich entlang der Kloake, der einst als Yarmuna-Fluss bekannt war. Kilometerhoch steht der Smog über der Stadt. Beim Anflug sieht man, wie man in eine Wolke gelbbraunen Gifts eintaucht. In den schlimmsten Vierteln (über)leben 30.000 Menschen pro Quadratkilometer. Doch im Zentrum dieses Molochs, wo man den Hexenkessel erwartet, findet sich Verblüffendes: Leere, Stille, Grün.

Lutyens' Delhi, wie das Viertel nach seinem Architekten genannt wird, ist ein Relikt imperialen Größenwahns. 1911, als Indien noch das Juwel in der Krone des Britischen Großreichs war, machten die Kolonialherren mit Delhi einen Ort zu ihrer Hauptstadt, der zwar geschichtsträchtig, aber heruntergekommen war. Das hatte den Vorteil, dass es sehr viel Platz gab: Edwin Lutyens ließ Achsen für stadionbreite Boulevards durch den Dschungel schlagen. Und er schuf ein Wohnviertel, in dem die Elite der britischen Kolonialverwaltung herrschaftlich von vielen Dienern umsorgt leben konnte.

Die Grundstücke sind oft größer als ein Fußballfeld

Etwa 600 Bungalows aus dieser Zeit stehen heute noch im Zentrum Delhis. Die Grundstücke, oft größer als ein Fußballfeld, gleichen mit ihren hohen Bäumen privaten Parks, in deren dunklen Ecken sich bis zu 30 Dienstbotenwohnungen verstecken. In dieser schattigen Enklave, umzingelt von einer brodelnden Stadt, leben auch heute noch die mächtigsten Männer und Frauen Indiens.

Gut 440 der historischen Bauten sind Ministern, den höchsten Richtern und Regierungsbeamten vorbehalten. Denen gefällt es hier so gut, dass 30 Politiker sich nach ihrer Abwahl im Mai weigerten, auszuziehen. Vier Monate lang machten unter anderem der ehemalige Luftfahrtminister Ajit Singh und der ehemalige Sportminister Jitendra Singh einen auf Hausbesetzer. Dann stellte ihnen die Stadtverwaltung Neu-Delhis Wasser und Strom ab.

Das ultimative Statussymbol von Indiens Superreichen

Nur etwa 60 Häuser sind im Milliardärsquartier genannten Dreieck zwischen Amrita Shergil Road und Aurangzeb Road Privatleuten vorbehalten. Eine Adresse hier ist das ultimative, weil streng limitierte Statussymbol von Indiens Superreichen.

  • Im Juni legte der Immobilienkönig Rajiv Rattan umgerechnet 28 Millionen Euro für einen heruntergekommenen Bungalow in der Amrita Shergil Road hin.
  • Im vergangenen Jahr hatte der Telekom-Magnat Rajan Mittal für das Haus gegenüber umgerechnet 21 Millionen Euro gezahlt.
  • Die ehemalige Residenz der mexikanischen Botschafter, ein vordem hübscher Flachbau, von dem heute in dicken Placken der rote Putz bröckelt, soll für sagenhafte 80 Millionen Euro auf dem Markt sein, heißt es - da der Verkauf der Bungalows immer privat verhandelt wird, schießen die Gerüchte über Bieterkämpfe und Intrigen ins Kraut.

Für ein viele Millionen Euro bekommt man in New York, Paris oder London edle Apartments mit Luxusausstattung in bester Lage. In Delhi bekommen die Käufer dafür baufällige Häuser, durch deren Decken es durchregnet und deren Wasserleitungen und Elektrik gut 90 Jahre alt sind. Lutyens' Delhi ist zudem denkmalgeschützt, Weltkulturerbe der Unesco. Die Neubesitzer dürfen die alten Häuser zwar abreißen, aber nur so hoch und groß neu bauen wie das Originalgebäude.

Millionen vegetieren, ein paar Hundert residieren

Als Vivek Sahnis Großvater in den Vierzigerjahren ein Haus in der Amrita Shergil Road kaufte, erklärten seine Freunde ihn für verrückt: Viel zu weit draußen sei der Bungalow gelegen, hinter der Hausmauer beginne ja schon der Dschungel. Heute erstrecken sich außerhalb Sahnis von Grundstück in jede Richtung 50 Kilometer Stadt.

Sahni Senior hatte sein Geld als Zeitungsverleger gemacht, sein Enkel produziert exklusive ayurvedische Kosmetik und ist als Designer erfolgreich. Er denkt nicht daran, sein Elternhaus zu verkaufen. "Was soll ich mit 100 Millionen Dollar. Morgens aufzuwachen und mitten im Zentrum Delhis in einen riesigen Garten zu treten - das ist ein Luxus, der mehr wert ist als Geld."

Millionen vegetieren, ein paar Hundert residieren: Die ungleiche Platzverteilung in Indiens Hauptstadt ruft Kritiker auf den Plan. "Obszön" nennt Harini Narayanan die Größe der Anwesen in der Stadtmitte. Doch die Expertin für Stadtentwicklung schwankt, ob sie sich für die Verdichtung der Bebauung in Lutyens' Delhi einsetzen soll.

"Indien ist zutiefst korrupt", sagt sie. Die Chancen, dass es bei einer Umstrukturierung des Zentrums fair zugehen würde, seien gering. "Es besteht die Gefahr, dass Immobilienentwickler Strippen ziehen und mitten in der Innenstadt ein neues Gurgaon bauen", sagt die Stadtplanerin. Gurgaon ist eine wuchernde Satellitenstadt südlich von Delhi, berüchtigt für die dunklen Machenschaften der Grundstücks- und Baumafia.

Narayanan und ihre Kollegen entwerfen Visionen für einen dritten Weg zwischen Denkmalschutz und Wohnraumbeschaffung. "Man könnte das Zentrum behutsam verdichten, durch kleinteiligen sozialen Wohnungsbau", sagt sie.

"Theoretisch wäre ich nicht dagegen, das Zentrum Delhis neu zu planen und dichter zu bebauen", sagt auch Vivek Sahni. Eine Gefahr, dass seine Idylle tatsächlich bedroht sein könnte, sieht er jedoch nicht. Denn die Leute, die darüber entscheiden, ob sich die Massen im Stadtzentrum ansiedeln dürfen, sind jene Minister und Abgeordneten, die hier in vornehmer Abgeschiedenheit leben. "So lange die Politiker in Lutyens' Delhi Dienstwohnungen gestellt bekommen, wird es keine Veränderungen geben", sagt Sahni.



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insgesamt 2 Beiträge
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YourSoul Yoga 20.09.2014
1. Brecht hat recht
Brechts Wort hat nach wie vor Geltung: Reicher Mann und armer Mann standen da und sah'n sich an, und der Arme sagte bleich: 'Wär ich nicht arm wärst du nicht reich.'
josthenner 20.09.2014
2. Delhi
wird hier sehr einseitig dargestellt. Das entspricht wohl dem Bild-Trend von SPON, der leider immer deutlicher wird. Seicht, alle Klischees bedienend. Der gross herausgestellte Betrag von 80 Mill Euro ist nicht belegbar. Denn seit Jahrzehnten haben die Grundstuecke in Lutyens Delhi keinen Marktpreis mehr. Sie werden nur noch zu "Liebhaberpreisen" verkauft. Uebrigens verkommen nicht alle Bungalows. Sie waeren generell in wesentlich besserem Zustand, wenn sie nicht vornehmlich dem Staat gehoerten und von ihm ausschliesslich an Minister und andere Privilegierte vergeben wuerden. Diese Bewohner fuehlen sich nicht fuer Reparaturen und Unterhaltung zustaendig. Und der Staat macht kaum etwas. Privatbungalows und z.B. von Botschaften genutzte Gebaeude sind in hervorragendem Zustand. Dies ermoeglicht es, dass Delhi immer noch eine gruene Stadt ist. Bei engerer Bebauung waere das endgueltig vorbei.
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