Krise in Zypern: Die guten Russen von Limassol

Aus Limassol berichtet

Europa sieht Zypern als Waschmaschine für das Geld russischer Oligarchen, die von laxen Kontrollen und niedrigen Steuern profitiert haben. Die Insel bangt um ihren Ruf - und verteidigt die Russen. In Limassol, wo Zehntausende von ihnen leben, wächst die Furcht, dass sie fortgehen.

Das Haus da vorne: gehört einem Deutschen. Das Hotel da drüben: betrieben von einer deutschen Firma. Das Theater da hinten im Park: mit deutschem Geld wiederaufgebaut. Die Deutschen haben das Reederei-Geschäft in der Stadt großgemacht, sie arbeiten hart, sie zahlen Steuern, sie schicken ihre Kinder zur Schule.

Herr Andreou lenkt seinen 7er-BMW durch die Straßen seiner Heimat. Hier spricht kein Lokalpolitiker über Bremen oder Hamburg. Herr Andreou preist die Tüchtigkeit der Deutschen auf Englisch und fährt auf der linken Spur. Er spricht über Limassol, die zweitgrößte Stadt Zyperns, mit gut 200.000 Einwohnern etwa so groß Lübeck. Mit seinem Hafen, den Stränden und den Offshore-Firmen ist Limassol für die Wirtschaft des Inselstaates aber ungefähr so wichtig wie Frankfurt am Main, Hamburg und München für Deutschland.

Es ist also eine Aufgabe von nationaler Bedeutung, die Philokypros Andreou, 54, zu meistern versucht. Er ist Chef seiner eigenen Unternehmensgruppe, Vorsitzender der örtlichen Industrie- und Handelskammer sowie Reserveoffizier der zyprischen Nationalgarde mit einer Maschinenpistole im Schrank. Er muss jetzt den Ruf seiner Heimatstadt retten. Deshalb spricht er so viel über die Deutschen, die viel tun würden für seine Stadt. Und deshalb spricht er so wenig über die Russen.

Denn er weiß: Europa sieht Zypern zurzeit vor allem als Problem an der Peripherie der Euro-Zone. Der aufgeblähte Bankensektor der Insel, so ist überall zu hören und zu lesen, diente als Waschanlage für das Schwarzgeld russischer Oligarchen. Kaum Kontrollen, niedrige Steuern: Hier investierten keine ehrenhaften Geschäftsleute, hier bunkerten osteuropäische Schurken ihre Erträge aus der Schattenwirtschaft - das ist das Bild, gegen das Herr Andreou vorgehen will.

Ob man nicht ein Treffen mit Merkel arrangieren könnte?

Seine Methode erinnert dabei an die olympische Disziplin des Dreisprungs. Erst ein großer Satz: "Das ist finanzieller Völkermord an kleinen und mittleren Geschäften", sagt er über die Euro-Rettungsmaßnahmen, so verschafft er sich immer wieder Aufmerksamkeit. Dann Konzilianz, der nächste Schritt, weniger spektakulär, aber genauso wichtig: "Wir glauben an den Euro, wir schätzen die Deutschen." Schließlich der letzte Sprung, bei dem sich Herr Andreou als Stimme der Vernunft präsentiert. "Wenn wir zusammenhalten, haben wir eine große Zukunft", sagt er, "Merkel müsste nur öffentlich bekunden: 'Ich unterstütze Zypern.'" Er würde das alles am liebsten der Bundeskanzlerin persönlich erklären. Ob man nicht ein Treffen arrangieren könne? Er und seine Kollegen würden selbstverständlich auf eigene Kosten anreisen.

Herr Andreou fährt vorbei an Werbeplakaten mit russischen Schriftzeichen und an Schildern mit chinesischen. Limassol zieht Geschäftsleute und Touristen aus beiden Ländern an. Einige zehntausend gebürtige Russen leben hier. Gut eine halbe Million fliegt jedes Jahr ein, um sich für ein paar Tage in den Hotelbars und an den Stränden zu entspannen. Sie blättern dann in russischen Zeitungen, die hier erscheinen, und hören den örtlichen russischsprachigen Radiosender. Es gibt russische Restaurants, Schulen, Geschäfte, Cafés.

In einem sitzt Jelena Rozova mit ein paar Freunden. Sie arbeitet bei einem Hedgefonds und sagt, sie kümmere sich nicht darum, was Deutschland oder sonst wer über die Russen denke. "Wir sind die Einzigen, die hier noch Geld ausgeben." Der Mann neben ihr schimpft, Amerikaner und Deutsche hätten mit dem Euro-Rettungsplan einen Weg gefunden, legal russisches Geld zu nehmen. Schließlich müssen Anleger damit rechnen, dass sie bis zu 60 Prozent ihres Geldes verlieren. "Sie stehlen nur, was schon gestohlen wurde", sagt eine Freundin von Jelena, die bei einer Baufirma arbeitet. Bleiben wollen sie aber alle auf Zypern, das Wetter sei so gut.

"Die Russen zahlen alle Steuern"

"Die zahlen alle Steuern hier", sagt Herr Andreou, und damit zahlten sie auch ein in den EU-Haushalt. Für ihn und seine Stadt wäre es eine Katastrophe, wenn die Russen wegblieben, auch wenn jetzt mehr Chinesen kommen. Und was ist mit dem Schwarzgeld der russischen Oligarchen? "Wir hätten uns ruiniert, wenn wir Geldwäsche zugelassen hätten", sagt Herr Andreou. Zypern habe keine Industrie, nur die Finanzdienstleitungen, da gehe es um Vertrauen und um Respekt.

Ein Mann, dem Herr Andreou vertraut, ist der Bürgermeister. Andreas Christou war einst Zyperns Innenminister, jetzt sitzt er im Rathaus von Limassol. "Illegales Geld gibt es überall", sagt er, je größer der Finanzplatz, desto mehr Geldwäsche. Aber Zypern habe strenger kontrolliert als andere. Er empfindet es als Angriff, was derzeit passiert. Mit dem kleinen Zypern probiere die Troika aus, was sie sich bei einem Staat wie Irland nicht getraut habe.

Herr Andreou lenkt seinen Wagen auf den Parkplatz von Winfried Gutmann, 54, geboren in Pfaffenhofen am Inn, gelernter Metzger und überzeugter Zyprer, allerdings mit deutschem Pass, den hat er behalten. Vor 21 Jahren kam er auf die Insel, seine Frau stammt von hier. Und: "In Deutschland habe ich nur für die Steuern gearbeitet." Das war in Zypern anders. Gutmanns Metzgerei in Limassol lief gut, ebenso seine Wurstfabrik, er belieferte die Hotels der Gegend. Dann kam die Krise, die Kunden bleiben weg. "Die Russen haben richtig Angst", sagt Gutmann. Warum nur kriegen die jetzt so auf den Deckel? Das fragt er sich, sind doch alles normale Leute, spendabel, anständig, die meisten aus dem Mittelstand. "Alles nur wegen vier, fünf Oligarchen?"

Klischees haben Konjunktur in der Krise, auf allen Seiten. Schurken aus Russland, drakonische Deutsche, faule Südeuropäer, solche Vorurteile kochen hoch. Auf Plakaten trägt die Kanzlerin dann einen Hitler-Bart, und in Netzforen wird gepöbelt, die EU verplempere deutsches Geld. Herr Andreou reagiert mit maximal ins Positive gewendeten Klischees: disziplinierte Deutsche, freundliche Russen, zähe und tolerante und verlässliche Zyprer. Da muss sich doch gemeinsam ein Weg finden lassen, das ist seine Botschaft, zumal in seiner Stadt Limassol jeder herzlich willkommen ist. Dann vibriert sein Blackberry, er muss los, der nächste Termin. Auch in der Krise müssen die Geschäfte irgendwie weitergehen.

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insgesamt 78 Beiträge
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1. in Italien leben auch viele von der Mafia
temp1 31.03.2013
in Italien leben auch viele von der Mafia und wollen deshalb nicht, daß sie verschwindet ... Ist immer so, das wovon man lebt soll bleiben. Schwierig ist es, wenn es mit dem Gesetz kollidiert und eine größere Mehrheit außerhalb dieser Strukturen, diese beseitigen will.
2. optional
nikolay1988 31.03.2013
"Hier investierten keine ehrenhaften Geschäftsleute, hier bunkerten osteuropäische Schurken ihre Erträge aus der Schattenwirtschaft" - Selbstverständlich investieren da keine ehrlichen Leute. Alles russische ist unehrlich, deswegen koennen die Anlagen enteignet werden. Man soll uns Russen von Putin befreien und uns beibringen, wie die richrigen Menschen leben. Und noch ein paar Millionchen Russen dabei toeten.
3. Beim Lenin die Russen usw.
blob123y 31.03.2013
Zitat von sysopGetty ImagesEuropa sieht Zypern als Waschmaschine für das Geld russischer Oligarchen, die von laxen Kontrollen und niedrigen Steuern profitiert haben. Die Insel bangt um ihren Ruf - und verteidigt die Russen. In Limassol, wo Zehntausende von ihnen leben, wächst die Furcht, dass sie fortgehen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/in-limassol-fuerchten-die-zyprer-den-weggang-der-russen-a-891841.html
ich wohne in Phuket und seit etwa 2 Jahren hoehrt man hier nur mehr Russisch und Thai. Im Supermarkt gibts Kartoffeln und Kraut, ein paar Abenteurer haben versucht verschiedene Businesses hochzuziehen die grandios gescheitert sind. Vor zwei Wochen gabs einen Aufstand von Thai travel operators da die Russen denen das Business wegnehmen, die Supermarkt Frau beklagt sich das die nichts kaufen ausser Wodka und halbnackte Frauen rennen ueberall herum von den roten Schmerbaeuchen der fetten Maenner fang ich erst gar nicht an. Die Russenmafia hat sich mit den Thaipaten zusammengetan und offereirt Russen Go-Go in Patong und die Huren aus Moskau und der Ukraine stehen hart im Business, es ist absolut unglaublich was sich abspielt nicht mal die Polizei kommt mit denen mehr mit, in crime und korruption sind die Thais ja wahrlich selbst fast Weltmeister aber gegen die Neubolschewiken sind die echte Novizen.
4. Money makes the world go around
Antidotter 31.03.2013
wenn nicht in Zypern, dann sonst wo. Die neuen unter den Neureichen kennen keine Loyalität gegenüber den Wohlstandszonen dieser Welt, in denen sie doch einzig wegen ihres Geldes geduldet werden. Heute hier, morgen da. Niemand weiß wirklich, wer an der Spitze der Nahrungskette steht und die Fäden zieht. Das Erfolgsrezept ist einfach. Man lasse nutzbringende Kollaborateure mit sich reich werden und sie nie vergessen, welch starke Hand über ihnen schwebt.
5. ehrlich
juharms 31.03.2013
Zitat von temp1in Italien leben auch viele von der Mafia und wollen deshalb nicht, daß sie verschwindet ... Ist immer so, das wovon man lebt soll bleiben. Schwierig ist es, wenn es mit dem Gesetz kollidiert und eine größere Mehrheit außerhalb dieser Strukturen, diese beseitigen will.
mich nerven diese Kommentare. Purer Rassismus und Unterschwellig wird hier Russen Bashing vom feinsten betrieben. 1. Haben die Russen mittlerweile mitteleuropäischen Standard in Einkommen, Häuserpreisen, Warenangebot und -nachfrage. 2. Sind die Russen in Zypern zum größtenteil normale Besserverdienende, die nur nicht nach Mallorca fliegen, da Limassol in 2-3 Stunden zu erreichen ist und Palma eher 4 -5 Stunden dauert. Das gleiche Spiel warum soviele Deutsche auf Mallorca weilen. Wenn auf Mallorca die Sparguthaben eingefroren werden, möchte ich die Gesichter der Reichen einmal sehen. 3. Gibt es den klassischen Oligarchen in jedem Land der Welt. HIer heissen sie Liz Mohn und Friede Springer. Reicher Russe = Kriminell oder Oligarch ist so sehr mit Vorurteilen belastet, dass man sich fragen muss, ob einige der Alleswisser den 2. Weltkrieg noch kennen lernen durften....
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