Luftchaos in London: Fünf Flughäfen sind nicht genug

Von , London

Nicht nur in Deutschland gibt es Ärger mit Flughäfen: London hat bereits fünf davon, britischen Wirtschaftsverbänden reicht das nicht. Sie fordern einen sechsten Airport. Billiger wäre eine neue Startbahn in Heathrow. Doch ausgerechnet in der Einflugzone wohnen viele Anhänger von Premier Cameron.

Verkehrsachse London: Die Hauptstadt der Flughäfen Fotos
REUTERS

Es war eines der zentralen Wahlversprechen von David Cameron: Keine dritte Startbahn für Heathrow. Mit dieser Botschaft pflegte der Tory-Chef im Wahlkampf nicht nur sein grünes Image, sondern punktete auch bei den vom Fluglärm geplagten Wählern im Londoner Westen.

Doch zwei Jahre später hat der Premier ein Problem: Das Land verharrt in der Rezession - und die dritte Startbahn für den Londoner Großflughafen gilt in konservativen Zirkeln plötzlich als Teil einer wirtschaftlichen Wachstumsstrategie. Als Handelsnation sei Großbritannien auf seine Flughäfen angewiesen, sagte Grant Shapps, nachdem er diese Woche zum Chairman der konservativen Partei befördert wurde. Der Ausbau von Heathrow dürfe daher nicht tabu sein. Auch Finanzminister George Osborne will wieder darüber nachdenken.

Premierminister Cameron hat zwar bekräftigt, sein Wahlversprechen in dieser Legislaturperiode nicht brechen zu wollen. Doch die Diskussion um die Flughäfen im Großraum London ist wieder voll entbrannt. Die Kapazitäten im Südosten Englands reichten nicht aus, mahnen Wirtschaftsverbände. Wenn nicht bald gehandelt werde, drohe London hinter die Rivalen auf dem Kontinent zurückzufallen.

Nach Passagierzahlen ist Heathrow immer noch der größte Flughafen Europas. 69 Millionen Menschen fertigte das Drehkreuz im vergangenen Jahr ab, mehr als die Flughäfen Charles de Gaulle in Paris (61 Millionen) und Frankfurt am Main (56 Millionen).

Doch Heathrow hat nur zwei Start- und Landebahnen. Das führt zu Verspätungen im Flugbetrieb und hindert die Fluggesellschaften daran, neue Ziele in Schwellenländern in den Flugplan aufzunehmen. Laut einer Studie des National Air Traffic Service landete 2010 die Hälfte aller Flugzeuge mit durchschnittlich 20 Minuten Verspätung. Bei schlechtem Wetter waren es sogar 45 Minuten.

Auch bei der Zahl der angeflogenen Ziele ist Heathrow nicht mehr die Nummer eins. 183 Städte können von hier aus erreicht werden, aus Frankfurt sind es 304, aus Amsterdam sogar 313. Zwar bietet kein europäischer Flughafen auch nur annähernd so viele Flüge nach Nordamerika wie Heathrow, aber bei den Verbindungen ins Aufsteigerland China liegen Frankfurt und Paris vorn.

"In Heathrow fehlt es schlicht an Asphalt"

Um diesen Rückstand aufzuholen, trommelt Flughafenbetreiber BAA seit Jahren für eine dritte Landebahn. Paris und Frankfurt haben je vier Start- und Landebahnen, Amsterdam sogar sechs. "In Heathrow fehlt es schlicht an Asphalt", sagt Peter Forbes, Direktor der Beratungsfirma Alan Stratford.

Das Problem: Der Platz in Heathrow ist begrenzt. Für eine neue Landebahn müssten Wohnviertel plattgemacht werden. Und der politische Widerstand ist enorm. In der Einflugschneise wohnen Hunderttausende konservative Wähler, die gegen jede Ausweitung des Flugverkehrs mobilmachen.

Der oberste Startbahngegner ist Londons Bürgermeister Boris Johnson. Camerons ärgster innerparteilicher Rivale argumentiert, Heathrow sei von Beginn an der falsche Standort für einen Flughafen gewesen. Keine andere Stadt in Europa lasse Flugzeuge vor der Landung einmal quer übers gesamte Stadtgebiet fliegen.

Johnsons Lösung: Ein neuer Flughafen im unbewohnten Marschland viele Kilometer östlich der Stadt, damit die Stadtbewohner vom Lärm verschont bleiben. Stararchitekt Norman Foster hat vergangenen November bereits ein Modell für ein neues Drehkreuz mit vier Landebahnen an der Themsemündung vorgelegt.

Ein neuer Flughafen gilt als unfinanzierbar

Ein solcher Flughafen würde langfristig zur Schließung von Heathrow führen - und damit einen der größten Alpträume der Londoner beseitigen. Es gibt jedoch ein zentrales Problem. Das Megaprojekt gilt als unfinanzierbar. In Zeiten der Krise ist schwer vorstellbar, wer die geschätzten Kosten von 50 Milliarden Pfund übernehmen würde. Allein die Anbindung an die Stadt würde Unsummen verschlingen. Dazu kommen Einwände von Vogelschützern, die um geschützte Arten in dem Naturschutzgebiet bangen. Auch die nationale Fluglotsen-Vereinigung hält den Standort für ungeeignet, weil genau hier die Anflugrouten von vier Londoner Flughäfen zusammenlaufen.

Ein weiteres Szenario sieht vor, einen neuen Großflughafen nordwestlich der Stadt in den Grafschaften Berkshire oder Oxfordshire zu bauen. Die Anbindung wäre durch die geplante Bahn-Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen London und Birmingham gewährleistet. Doch Experten glauben, dass die Träume von einem neuen Flughafen nie umgesetzt werden. "Die Kosten wären einfach zu hoch", sagt Berater Forbes.

Stattdessen wird sich die Diskussion darauf konzentrieren, welcher der bestehenden Flughäfen erweitert wird. Zuletzt wurde 1987 eine neue Startbahn in London gebaut. Damals entstand im Zuge der Renovierung der Docklands der innerstädtische City Airport.

Eine neue Zugverbindung Heathrow-Gatwick wird diskutiert

Für einen Ausbau kommen neben Heathrow vor allem Gatwick und Stansted in Frage. Beide liegen außerhalb der Stadt. Der Lärm einer zusätzlichen Start- und Landebahn würde weniger Anwohner treffen als in Heathrow. Auch Platz gäbe es reichlich.

Aber Einwände gibt es auch hier: Beide Flughäfen sind keine internationalen Drehkreuze, sondern Standorte der Billig- und Ferienflieger. Gatwick (Hauptkunde Easyjet) ist zu 80 Prozent ausgelastet, Stansted (Hauptkunde Ryanair) nur zu 50 Prozent. Eine neue Startbahn hier würde die Überlastung in Heathrow nicht lösen, argumentiert British-Airways-Chef Colin Matthews. Kapazitäten ließen sich nicht einfach übertragen.

Als Kompromiss wird eine neue Zugverbindung zwischen Heathrow und Gatwick diskutiert. Entstehen würde ein neuer Hybridflughafen namens "Heathwick": Passagiere könnten in Gatwick ankommen, Grenzkontrollen passieren und in Heathrow weiterfliegen. Dass dieses Modell umgesetzt wird, ist jedoch auch unwahrscheinlich: Die Lösung gilt wegen der langen Umsteigezeiten als nicht praktikabel.

Letztendlich könnte es doch die von Lärm geplagten Anwohner rund um Heathrow erwischen. Am Ende, prognostiziert Forbes, sei eine dritte Startbahn für Heathrow unvermeidlich. Zumal hier die Finanzierungsfrage bereits geklärt ist: Betreiber BAA würde die Kosten übernehmen. Doch bis die Regierung grünes Licht gibt, dürften noch einige Jahre vergehen. Eine Arbeitsgruppe soll zunächst den Bedarf an weiteren Start- und Landeplätzen feststellen und die verschiedenen Modelle prüfen. Vor dem Ende der Legislaturperiode 2015 wird Cameron kaum einknicken. Die Branche stellt sich daher auf weiteres Warten ein. "Gebaut wird frühestens in zehn Jahren", sagt Forbes.

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1. Außerhalb von London
Bobby Lobby 09.09.2012
Zitat von sysopREUTERSNicht nur in Deutschland gibt es Ärger mit Flughäfen: London hat bereits fünf davon, britischen Wirtschaftsverbänden reicht das nicht. Sie fordern einen sechsten Airport. Billiger wäre eine neue Startbahn in Heathrow. Doch ausgerechnet in der Einflugzone wohnen viele Anhänger von Premier Cameron. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,854221,00.html
Und das ist jetzt so dramatisch wichtig? Was spricht gegen einen neuen Flughafen gut 100 km außerhalb von London? Herrje, es wird doch wohl noch möglich sein, Passagiere innerhalb von 60 Minuten mittels einer Schnellbahn von dort in die City zu bekommen.
2. Interessant
MarkusK124 09.09.2012
Schon interessant, dass eine Vielzahl von Häusern einer neuen Startbahn geopfert werden sollen. Immerhin sind diese ja Eigentum anderer Menschen. Sinnvoller wäre es doch, wenn Großbritannien sich dezentralisieren würde. So könnte der Staat Unternehmen dazu bewegen, ihre Hauptstandorte in anderen britischen Städten zu errichten. In Deutschland sind ja schließlich auch nicht alle wichtigen Unternehmen in Berlin konzentriert.
3.
spon-facebook-10000267907 09.09.2012
Endlich mal paar Leute die sich gegen diese Willkür ernsthaft zu Wehr setzen werden.
4.
tarvos 09.09.2012
Zitat von Bobby LobbyUnd das ist jetzt so dramatisch wichtig? Was spricht gegen einen neuen Flughafen gut 100 km außerhalb von London? Herrje, es wird doch wohl noch möglich sein, Passagiere innerhalb von 60 Minuten mittels einer Schnellbahn von dort in die City zu bekommen.
Gerade für Geschäftsreisende und Wochenendheimflieger dürften diese 2x60 Minuten einen gewaltigen Unterschied machen. Zudem müsste die angesprochene Schnellbahn auch erst noch gebaut werden für einen zweistelligen Milliardenbetrag.
5. Wo ist das Problem?
Bobby Lobby 09.09.2012
Zitat von tarvosGerade für Geschäftsreisende und Wochenendheimflieger dürften diese 2x60 Minuten einen gewaltigen Unterschied machen. Zudem müsste die angesprochene Schnellbahn auch erst noch gebaut werden für einen zweistelligen Milliardenbetrag.
Wer es eilig hat, wird sicherlich eine Linie finden, die in Heathrow landet. Wer es nicht so eilig hat (oder weniger Geld), der kommt halt außerhalb an. Wo ist das Problem?
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