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Repair Café: Basteln gegen den Konsumwahn

Ein Beitrag aus dem Wirtschaftsmagazin "enorm" von Katja Scherer

Nachhaltigkeit: Die Retter vom Repair Café Fotos
DPA

Einige Menschen haben handwerkliches Talent, andere defekte Dinge. Die Idee der Repair Cafés bringt beide Gruppen zum Werkeln zusammen - ganz ohne Geld.

Unten im Foyer warten sie schon, die Stimmen verraten es. Kristina Deselaers bleibt nicht mehr viel Zeit. Ein letztes Mal eilt sie im ersten Stock durch die Räume, streicht Tischdecken glatt, rückt Stuhle zurecht. Dann ruft sie ihr Team zusammen, knapp vierzig Frauen und Männer. "Seid ihr bereit?" Alle nicken. Deselaers läuft zu den Empfangstischen, winkt der Aufseherin am Fuß der Treppe, und schon trampelt ein Pulk von Menschen die Stufen hoch, ausgerüstet mit Staubsaugern, Stehlampen und Fahrrädern.

Kristina Deselaers ist den Ansturm mittlerweile gewohnt. Die 43-Jährige hat im vergangenen Jahr das erste Repair Café Hamburgs gegründet und organisiert das Treffen im Stadtteil Sasel nun zum vierten Mal. Routiniert teilt sie die Besucher den einzelnen Reparaturtischen zu. Eine ältere Dame schleppt ihre Kuchenmaschine die Treppen hinauf und hievt sie auf einen Empfangstisch. "Die will nicht mehr", schnauft sie. Deselaers reicht ihr einen Aufkleber mit der Nummer 127. "Dann schauen sie doch mal bei unseren Elektrikern vorbei."

In einem Repair Café helfen Leute mit handwerklichen Fähigkeiten den Besuchern dabei, ihre kaputten Dinge zu reparieren. Einfach so, kostenlos, in ihrer Freizeit. Deselaers hat ihre Helfer dafür je nach Können in kleine Gruppen aufgeteilt und so verschiedene Stationen geschaffen.

In einem Saal rattern Nähmaschinen, im Flur schrauben zwei Männer an aufgebockten Fahrrädern und in zwei weiteren Räumen zerlegen einige Freiwillige Drucker, Wasserkocher und andere Geräteleichen.

Karsten Moos schraubt gerade den Deckel einer schwarzen CD-Anlage ab und betrachtet die Hauptplatine, eine handflächengroße Platte mit unzähligen silbernen Drähten. "An den Kondensatoren ist Flüssigkeit ausgelaufen", sagt er und zeigt auf drei zylinderförmige Stecker. Hans Jürgen Rothenhöfer schaut ihm über die Schulter. Mehr als 25 Jahre lang höre er seine Musik schon mit dieser Anlage, sagt der 72-Jährige. "Die lässt sich doch nicht ersetzen!"

Gefunden in
Kristina Deselaers kann viele solche Anekdoten erzählen. Von geretteten Erbstücken, von denen sich die Besitzer einfach nicht trennen wollen. Aber auch von Geräten, die gerade erst gekauft wurden und trotzdem schon nicht mehr funktionieren. Gerade bei neueren Geräten sei das oft der Fall, sagt die studierte Innenarchitektin, die sich derzeit zuhause um ihre zwei kleinen Kinder kümmert. "Mit unserem Repair Café wollen wir dazu beitragen, dass all diese Dinge nicht mehr so schnell im Müll landen wie sie es heute oft tun."

Das Konzept dafür stammt aus Amsterdam. Dort veranstaltete die Journalistin Martine Postma im Jahr 2009 das erste Repair Café, und weil der Erfolg so groß war, gründete sie im Jahr darauf gleich die Stiftung "Stichting Repair Café". Diese unterstutzt nun weltweit lokale Gruppen, die weitere Reparaturtreffs eröffnen wollen. Interessierte können für knapp fünfzig Euro im Internet ein Handbuch mit Vorlagen für Flyer und Poster sowie einer Gründungsanleitung bestellen. Welche Räume eignen sich? Welches Material wird benötigt? Solche Fragen werden darin detailliert beantwortet.

"Gerade in Deutschland sind die Menschen sehr umweltbewusst"

So ist aus einer guten Idee mittlerweile eine globale Bewegung geworden. Ob in Kanada, Brasilien, England oder Belgien - an mehr als 400 Orten auf der ganzen Welt treffen sich Menschen bereits zum gemeinsamen Basteln. Auch hierzulande gibt es derzeit schon knapp 60 Repair Cafés. Und Postma erwartet, dass es bald noch deutlich mehr sein werden. "Gerade in Deutschland sind die Menschen sehr umweltbewusst", sagt sie. Weil die Zahl der Anfragen aus der Bundesrepublik seit Monaten steigt, arbeitet die Niederländerin seit Anfang des Jahres mit der deutschen Stiftungsgemeinschaft Anstiftung & Ertomis zusammen, die nun die Projekte im Land betreut.

Doch wie lässt sich der Erfolg der Initiative erklären? Dass es sinnvoller ist, Dinge zu reparieren, anstatt sie einfach wegzuwerfen - dieser Gedanke ist schließlich nicht neu. Warum also opfern plötzlich überall auf der Welt Menschen ihre Freizeit, um Basteltreffs zu organisieren? Deselaers zum Beispiel schreibt mittlerweile fast täglich einige E-Mails und telefoniert, weil ständig neue organisatorische Aufgaben anfallen. Schlimm findet sie das nicht: "Zu sehen, dass sich so viele Leute für diese Idee begeistern", das treibe sie an.

Genau das ist wohl auch das Erfolgsgeheimnis der Repair Cafés. Während Bastlertreffs bisher in der Regel mit staubigen Namen wie Stadtteilreparaturwerkstatt eher wenig Zuspruch finden, kommt die junge Initiative frisch und sozial daher. Dafür steht das einheitliche Logo aus verschnörkelten, lila-orangen Druckbuchstaben ebenso wie die globale Gemeinschaft, der man als Gründer automatisch angehört.

Deselaers ist inzwischen sogar eine Art Botschafterin geworden. Eine Woche vor dem Reparaturtreff in Sasel: Die Stiftungsgemeinschaft Anstiftung & Ertomis veranstaltet im Hamburger Umweltzentrum Gut Karlshöhe einen Infotag für weitere potenzielle Repair-Café-Gründer. Deselaers soll dort von ihren Erfahrungen berichten. Sie ignoriert das Rednerpult und tritt näher an die rund 40 Teilnehmer, die dicht gedrängt an den Gruppentischen sitzen.

Heidi Niehaus ist extra aus dem rund anderthalb Stunden entfernten Bad Schwartau angereist. Im Gegensatz zu den meisten anderen im Raum ist die 61-Jährige nicht als Vertreterin einer sozialen Einrichtung oder eines Vereins gekommen, sondern als Privatperson. Sie wolle in ihrem Ort einen Treff eröffnen, vor allem, um die vielen älteren Menschen einzubinden, sagt sie. "Aber ich sehe viele Hürden vor mir."

Deselaers hört ihr aufmerksam zu und nickt, auch sie hat schließlich ganz alleine angefangen. Dann beginnt sie zu erzählen. Wie sie vor anderthalb Jahren einen Bericht über das erste deutsche Repair Café in Köln sah und von der Idee begeistert war. Wie sie monatelang wartete und in Hamburg nichts dergleichen geschah. Und wie sie schließlich beschloss, selbst zu gründen.

Bei jedem Treffen kommen neue Freiwillige dazu

Da es damals die Partnerschaft mit der deutschen Stiftung noch nicht gab, besorgte sie sich das Handbuch aus den Niederlanden. Sie suchte mit einer Freundin nach passenden Räumen und sprach beim Bezirksamt vor, um für ihre Nachbarschaftsinitiative einen Zuschuss zu erhalten. Damit kaufte sie Tischdecken, Putzmittel und bezahlte die Raummiete. Die Werkzeuge bringen die Reparateure bei den Treffen selbst mit. Mittlerweile sei der Zuschuss ausgelaufen, sagt Deselaers, aber sie bräuchten ihn auch nicht mehr. Das knallrosa Spendenschwein auf dem Empfangstisch sei nach jedem Treffen so gut gefüllt, dass alle Ausgaben gedeckt werden könnten.

Niehaus hebt die Hand. "Und wie habt ihr so viele Helfer gefunden?", fragt sie. Deselaers lacht. "Das war das Einfachste - überraschenderweise!" Sie habe einen Aufruf in der Lokalpresse veröffentlicht und innerhalb von wenigen Tagen mehr als ein Dutzend Zusagen erhalten. Seitdem kämen bei jedem Treffen neue Freiwillige dazu: "Mittlerweile glaube ich, dass die Leute nur darauf warten, sich einbringen zu können." Am Ende des Infotags sind Niehaus' Zweifel deutlich weniger geworden. Sie wolle nun Helfer suchen und ebenfalls loslegen, sagt sie.

Deselaers freut sich, dass sie ihre Erfahrungen weitergeben kann. "Bald gibt es hoffentlich noch viele weitere Repair Cafés in und um Hamburg." Bedarf dafür scheint es zu geben: Auch zum vierten Treffen in Sasel sind wieder rund 300 Menschen gekommen, der Rekord liegt bisher bei 380 Besuchern. Von 135 Gegenständen konnte diesmal rund die Hälfte gerettet werden, auch die Musikanlage von Rothenhöfer.

Anderthalb Stunden tüftelt Reparateur Moos an dem Gerät, lötet Kondensatoren und baut neue Drähte ein. Dann hat er das Problem gelöst: Ein Widerstand muss ausgetauscht werden. Bei einem Testlauf leuchtet das Display, die CD dreht sich wieder. Rothenhöfer schluckt und klopft ihm auf die Schulter. "Guter Mann."

Am Abend sind alle erschöpft, nur wenige Reparateure schrauben immer noch an Geräten. Kristina Deselaers geht von Raum zu Raum, schüttelt Hände, lobt ihre Helfer. Schließlich lässt sie sich auf einen Stuhl fallen, streckt die Beine aus und holt tief Luft. Da läuft ein Mann an ihr vorbei in Richtung Ausgang, schwenkt einen Wasserkocher und ruft: "Unglaublich! Ihr seid die Besten." Deselaers lächelt.

In 5 Schritten zum Repair Café
1. Partner suchen
Räume besichtigen, Anzeigen schalten, Helfer begeistern - gerade anfangs warten viele Aufgaben. Man sollte einen Mitstreiter finden. Zu zweit oder dritt ist der Aufwand fur jeden geringer.

2. Förderung beantragen
Wer sich fur seine Nachbarschaft einsetzt, hat Unterstützung verdient - auch finanziell. Bezirksämter gewähren in der Regel Zuschüsse.

3. Um Rat fragen
Wie verteilt man die Stationen? Und wie lassen sich lange Warteschlangen vermeiden? Solche Fragen können am besten bereits aktive Ortsgruppen beantworten. Von den Erfahrungen anderer lässt sich am meisten lernen.

4. Rechtlich absichern
"Die Reparateure geben keine Garantie auf die mit ihrer Hilfe durchgeführten Reparaturen und sind nicht haftbar, wenn Gegenstände zu Hause nicht funktionieren." Ein solcher Satz in der Hausordnung vermeidet Probleme.

5. Ausprobieren
Keine Frage, zur Gründung gehört auch Mut. Aber wer erst einmal die Theorie hinter sich lässt und sich an die Praxis wagt, wird schnell feststellen: Es funktioniert!
Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen"

Zur Autorin
  • Katja Scherer studierte VWL und Germanistik in Mannheim, Hamburg und Istanbul. Heute arbeitet sie als freie Journalistin in Hamburg u.a. für "enorm", "Die Zeit" und "brand eins".

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insgesamt 48 Beiträge
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1. Nicht mehr lang...
zaphod1965 29.05.2014
...und ich werde ebenfalls ein Repair-Cafe gründen. Im privaten Bereich und bei freunden mache ich das schon seit Jahren so. Nur eben nicht organisiert oder öffentlich.
2.
Konfrontation 29.05.2014
Gratis Sachen reparieren. Minimale Kosten durch Zuschüsse aus der Gemeindekasse getilgt. Mir sträuben sich da die Nackenhaare. Bei soviel Sozialismus wird mir einfach nur schlecht. Was spricht dagegen, das Konzept so umzugestalten, dass es sich finanziell selber trägt und auch Anreize an die Dienstleister bietet? Die Idee find ich gut, bloss die Umsetzung ist für mein persönliches Befinden ein Graus.
3. Amateure
pffft 29.05.2014
ganz schön dreist, 45 EUR "Schutzgebühr" für rein digital zugeschickte Hinweise zu verlangen. Da bekommt Non-Profit einen ganz neuen Beigeschmack. Wahrscheinlich geht das Ganze auch (in D) nur so lange gut, bis mal ein Unfall mit einem reparierten Gerät passiert und dann nachgeschaut wird, ob der "Reparateur" auch die nötigen Fachkenntnisse hatte. (nicht umsonst -wegen der Gefahren von Spannung/Strom- ist Elektriker ein Ausbildungsberuf mit Prüfung). Und dann sind die empfohlenen "Haftungsausschlüsse" das Papier nicht wert, auf dem sie stehen. Schade eigentlich, das in D alles so reguliert ist. Manchmal ist es aber auch zum Schutz der Beteiligten sinnvoll, oder würden Sie die Bremsanlage Ihres Autos von einem Amateur-Reparatuer machen lassen?
4. Haftung?
mhwse 29.05.2014
wie ist es mit der Haftung beim z.B. Wasserkocher? Auch zum Abschuss der Softwareentwicklung gehört - leider - ein Kurs in BGB und Recht. (auch im Studium zum Journalismus, Medizin, etc. ja in Jura wohl auch .. auch der Jurist muss wissen ob er der Sekretärin den selbst reparierten Wasserkocher noch zumuten darf.. ) Bei Geräten die am Stromnetz betrieben werden gibt es da Auflagen derart, dass zumindest ein Elektro Meister verantwortlich zeichnen muss. Ich will nicht ätzen, aber wir leben in Deutschland ... Umweltschutz scheitert oft an unnötigen Auflagen. Habe gestern Äpfel im Supermarkt(!) gekauft, die explizit nicht der EU Norm genügen und eigentlich hätten vernichtet werden müssen .. (waren als solche deklariert ! .. und daher billiger )
5.
Zaunsfeld 29.05.2014
Zitat von KonfrontationGratis Sachen reparieren. Minimale Kosten durch Zuschüsse aus der Gemeindekasse getilgt. Mir sträuben sich da die Nackenhaare. Bei soviel Sozialismus wird mir einfach nur schlecht. Was spricht dagegen, das Konzept so umzugestalten, dass es sich finanziell selber trägt und auch Anreize an die Dienstleister bietet? Die Idee find ich gut, bloss die Umsetzung ist für mein persönliches Befinden ein Graus.
Das geht Sie doch nix an, was andere machen. Wenn Sie meinen, dass Sie es besser können, indem Sie sowas anbieten und Geld dafür verlangen, dann machen Sie's bitte! Aber wie ich solche Nichtskönner und Meckerer wie Sie kenne, meckern Sie eben immer nur über das, was andere tun, ohne sich selbst und den eigenen fetten Hintern jemals aus dem Sessel hochzukriegen. Für mein persönliches Befinden sind genau solche Leute wie Sie ein Graus.
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