Ausbau von Kohlekraftwerken Indien setzt auf den Klimakiller

Mehr als 400 Millionen Inder haben keinen Strom. Die Regierung will zahlreiche neue Kohlekraftwerke bauen. Doch deren Abgase gefährden das Weltklima und die heimische Bevölkerung.

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi

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Die Pläne der indischen Regierung, bis 2019 doppelt so viel Kohle wie bislang abzubauen und zu verheizen, sind umstritten. Noch haben mehr als 400 Millionen Inder keinen Strom. Kohlekraftwerke seien der richtige, weil erschwingliche Weg, um ihnen Elektrizität zu bringen, sagen die Befürworter des Regierungsvorhabens. Zur Armutsbekämpfung sei Strom unerlässlich.

"Selbst in den großen Industriezentren fällt heute vier bis fünf Stunden am Tag der Strom aus. Das schadet der Wirtschaft und schreckt ausländische Investoren ab", so Amarjit Singh vom India Energy Forum, einem Verband von Stromproduzenten. Nur durch den Einsatz von Kohlekraftwerken könne man schnell jene Energie produzieren, die Indien in den kommenden Jahren brauche.

Kritiker warnen hingegen, dass der indische Kohleboom zu einer lokalen Umweltkatastrophe führen und zum Katalysator für weltweiten Klimawandel werden könnte. "Der Kohleabbau zerstört Wälder und die Lebensweise der Menschen, die in und von diesen Wäldern leben. Die Kohlekraftwerke verpesten die Luft, verursachen Erwärmung und lassen die Meeresspiegel steigen", sagt Nandikesh Sivalingam, Energieexperte von Greenpeace Indien. Indien sei jetzt schon der drittgrößte Umweltsünder weltweit, da sei der Kohleboom eine ernste Gefahr für das globale Klima. "Wir schlagen einen äußerst zerstörerischen Pfad ein", so Sivalingam.

Skeptiker fürchten sogar, dass Indien den Abschluss des geplanten neuen weltweiten Klimaabkommens verhindern könnte. In der vergangenen Woche hatten sich mit den USA und China die beiden anderen größten CO2-Emittenten auf Klimaziele verpflichtet. China, das in der Vergangenheit oft gemeinsam mit Indien Klimaschutzabkommen torpedierte, will nun den Ausstoß von Treibhausgasen nach 2030 nicht weiter steigern.

"Die Luft ist schrecklich, ja"

Bei der nächsten Verhandlungsrunde für einen Klimapakt im Dezember steht Indien unter Druck, ähnliche Versprechen zu machen. Im kommenden Jahr soll in Paris ein Abkommen unterzeichnet werden, in dem sich die Nationen ähnlich wie im 1997 beschlossenen Kyoto-Protokoll auf weitreichende Klimaziele verpflichten.

Derzeit fördert Indien rund 550 Millionen Tonnen Kohle jährlich. "2019 werden wir eine Milliarde Tonnen schaffen", sagte Indiens Energieminister Piyush Goyal kürzlich. Die indische Kohle ist von geringer Qualität, dafür aber wesentlich billiger zu haben als sauberer verbrennende Importware. In den vergangenen fünf Jahren hat Indien viele neue Kohlekraftwerke hochgezogen und seine Stromproduktion um 73 Prozent gesteigert. Einwände gegen diese Politik lässt Goyal nicht gelten: "Indiens Zwang zur Entwicklung kann nicht auf dem Altar eines eventuellen Klimawandels in ferner Zukunft geopfert werden", so der Minister.

Kritik aus dem Westen tun Regierungsvertreter als dogmatisch und ungerecht ab. Die Regierung in Neu-Delhi verweist darauf, dass ein indischer Bürger im Schnitt nur sieben Prozent der Energie verbraucht, die ein US-Amerikaner benötigt. Der durchschnittliche Inder produziert auch nur etwa ein Viertel der Umweltgifte eines Chinesen.

Doch nicht nur international steht die im Mai angetretene Regierung von Narendra Modi unter Druck. Trotz des explosionsartig wachsenden Bedürfnisses nach Strom sind immer größere Teile der Bevölkerung über die massive Umweltverschmutzung empört. Indiens Großstädte gelten weltweit als diejenigen mit der schlechtesten Luftqualität. Dass dafür auch der Kohlestrom verantwortlich ist, geben sogar seine Befürworter zu. "Die Luft ist schrecklich, ja", sagt Singh vom India Energy Forum. "Das ist ein Dilemma, das nicht zu lösen ist."

Nicht nur in der Stadt, auch auf dem Land hat die Luftverschmutzung Folgen: Die Ernten fallen ihretwegen um bis zur Hälfte schlechter aus, errechneten Wissenschaftler der Universität von Kalifornien. "Trotzdem wollen und brauchen auch die Bauern Strom", sagt Dipesh Dipu, Professor für Energiewirtschaft am Administrative Staff College in Hyderabad. "Ohne Strom keine Pumpe, die das Feld bewässert. Ohne Strom keine Glühbirne, in deren Schein die Kinder abends für die Schule lernen können."

Umweltschützer drängen darauf, dass Indien seine Entwicklungsziele mit grünem Strom erreichen soll. Das Argument, dieser sei wesentlich teurer als Kohlestrom, lassen sie nicht gelten. Der Abbau und die Verbrennung fossiler Brennstoffe verursache immense Gesundheitsschäden und - kosten. "Der steigende Meeresspiegel wird in den kommenden 30 Jahren zig Millionen Inder zur Umsiedlung zwingen", sagt Greenpeace-Mann Sivalingam. "Wenn man all diese Folgen in die Kosten des Kohlestroms einrechnet, sind alternative Energien gar nicht mehr viel teurer."

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best1964 22.11.2014
1. Steinzeitliche Regierung?
Man könnte glauben dass die heutige Regierung weder etwas von der Verringerung der CO2 Werte noch vom Ausbau alternativer Energien gehört haben. Dabei gibt es ja in Indien bereits die weltgrößte Solaranlage. Ausserdem wird bereits in vielen sehr großen Ashrams erfolgreich Strom mit Photovoltaik-Anlagen produziert. Also! Einfach nur kopieren und multiplizieren.
Beat Adler 22.11.2014
2. Indien tut nur das, was alle Anderen auch tun.
Die Reserven von Kohle und Erdgas sind sehr gross. Diese beiden fossilen Energietraeger bleiben billig. Niemand wird den Preis KUENSTLICH erhoehen, wenn ein wirtschaftlicher Mitbewerber es NICHT auch tut oder die volkswirtschaftliche Entwicklung dadurch gebremst wird. Das ist die Realitaet.Zusaetzliches CO2 in der Athmosphaere und die Auswirkungen auf die globale Erwaermung ist viel weniger wichtig, wie die Konkurrenzfaehigkeit und die Versorgung mit billiger elektrischer Energie. Das ist die Realitaet.Es wird also in den naechsten 2 bis 4 Jahrzehnten immer weiter immer mehr CO2 ZUSAETZLICH in die Luft geblasen. Das ist die Realitaet.Ausserdem mit der Anpassung, Kuestenschutz, Regenrueckhaltebecken in den Gebirgen, Erhoehung der Deiche, etc. laesst sich viel Geld verdienen. Das ist ja nicht uebel. Das ist die Realitaet.Alles Andere sind fromme Wuensche.mfG Beat
Worldwatch 22.11.2014
3. Fuer die Anhaenger ...
... der "Klimaschutz"-Religion sicher eine blasphemische Nachricht. Die Top-Bevoelkerungsnationen der Welt bauen umfangreich die Kohle-Verstromung aus, weil billig, und selbst auch Teile der "EU"-Staaten wollen dies (oder umfangreich Atomkraftwerk-Neubauten) ... Ja, da koennen auch aufrecht-glaeubigste "Klimaschutz"-Anhaenger vom rechten Glauben abfallen. Allein, es fehlt halt an DER Technik fuer die Premiumenergiegewinnung i.S.d. DER (finanzierbaren) Alternativstromgewinnung. Mit anderen Worten, es fehlt an klugen Erfinderkoepfen dazu. Schon und allein wegen der Umweltsauereien, und schon ganz ohne "Klima"-Rechtglaeubigkeit!
simon.meister6 22.11.2014
4.
Deutschland, das grüner als grün ist, vollgepfropft mit Windräder und Solaranlagen, Vorreiter in Sachen Umweltschutz, sind alle jetzt ab der Meldung schockiert. Dass der CO2 Ausstoss auch hier zunimmt und der Bürger in D im Durchschnitt x-mal mehr CO2 in die Luft bläst als ein Inder, scheint hier niemand zu interessieren. Hauptsache links, grün und gut.
nos999 22.11.2014
5. verantwortung: ja oder nein
ich bin mal gespannt, wie sich indien entscheiden wird. schnelles wachstum und kaputte umwelt oder oekologisches und soziales wachstum mit begrenzung des rohstoffverbrauchs, dafuer aber effiziente strukturen.wie ist das in china? davon kann man doch lernen, oder nicht?
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