Von Stefan Schultz
Washington - Es wirkt wie ein deutliches Signal der sieben führenden Industrienationen: Die sogenannten G-7-Länder haben angesichts der gestiegenen Energiepreise eine Erhöhung der weltweiten Ölproduktion gefordert. Zugleich erklärten sie sich grundsätzlich bereit, ihre strategischen Ölreserven anzuzapfen, um negative Auswirkungen der Preise auf die globale Konjunktur zu verhindern.
Tatsächlich hilft die Ankündigung vor allem US-Präsident Barack Obama im Wahlkampf.
Der Ölpreis war zuletzt gestiegen. US-Leichtöl der Sorte WTI kostet derzeit rund 96 Dollar je Barrel. Nordseeöl der Sorte Brent notierte bei gut 112 Dollar. "Der Anstieg spiegelt geopolitische Sorgen und bestimmte Versorgungsunterbrechungen wider", hieß es in einer Erklärung der G-7-Staaten.
Gemeint sind unter anderem der Hurrikan "Isaac", der auf die US-Südküste zusteuert. Am Dienstag fiel deswegen die gesamte Ölproduktion sowie zwei Drittel der Gasförderung der USA im Golf von Mexiko aus, wie die amerikanischen Behörden mitteilten. Hinzu kommen Sorgen über eine Verschärfung des Konflikts zwischen Israel und Iran.
Der seit Monaten sehr hohe Ölpreis belastet vor allem die USA. Weil die Benzinsteuer dort sehr niedrig ist, machen sich Preissteigerungen beim Öl deutlicher bemerkbar als etwa in Deutschland. Autofahrer sparen das Geld an anderer Stelle, das schadet dem Konsum, der rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung der USA ausmacht. Ein hoher Ölpreis verstärkt zudem die Inflation und erhöht den Druck auf die Notenbank, die Zinsen zu erhöhen. Kredite werden teurer - was den ohnehin fragilen Aufschwung weiter belastet.
Obama bereitet das gleich doppelt Probleme. Erstens hat er versprochen, eine Million neue Jobs zu schaffen - was angesichts der schwächelnden Konjunktur schwerfällt. Zweitens steht er unter Druck, die Benzinpreise zu senken. Gerade erst hat die US-Regierung Regeln festgelegt, dass neue Autos künftig nur noch halb so viel Benzin verbrauchen dürfen wie bisher. Die Deklaration der G7, entschieden gegen den hohen Ölpreis vorzugehen, kommt Obama daher sehr gelegen.
Streit um strategische Reserve
In der Internationalen Energieagentur (IEA), der zentralen Interessenvertreterin der vom Öl besonders abhängigen Industrienationen, gibt es derzeit offenbar Streit um die sogenannte strategische Reserve. Die Industrienationen bunkern genug Öl, um mindestens 90 Tage ihren eigenen Bedarf autark decken zu können. Traditionell wird die strategische Reserve benutzt, um kurzfristig Versorgungssicherheit herzustellen, sie wurde beispielsweise eingesetzt, um die Auswirkungen des Wirbelsturms "Katrina" auf die Ölproduktion der USA einzudämmen.
Im Sommer 2011 zapften die Industriestaaten ihre strategischen Reserven erstmals aus einem anderen Grund an: Sie versorgten den Markt mit 60 Millionen Barrel Öl, um die Unterbrechung der Versorgung aus Libyen abzumildern. Die Produktion in dem nordafrikanischen Land war seinerzeit wegen eines Bürgerkriegs zum Erliegen gekommen. Die strategische Reserve diente in diesem Fall dazu, die Preise beeinflussen und die Konjunktur zu stützen.
Im Sommer 2011 ging es vor allem darum, Druck auf das Kartell der ölfördernden Länder - die Opec - auszuüben. Diese hatten sich seinerzeit geweigert, ihre Fördermenge auszuweiten, um die Lage am Markt zu entspannen. Saudi-Arabien, das Land mit den größten Reserven bei der Förderung, sprang schließlich ein.
Nun scheint in der IEA die Diskussion aufzuflammen, ob man die strategische Reserve erneut für dieses Ziel einsetzen sollte. Vor allem Frankreich und die USA scheinen nicht abgeneigt zu sein. Die IEA dagegen hatte erst vor zwei Tagen in einem Statement festgestellt, dass keine unmittelbare Knappheit drohe.
Andere Industrieländer scheinen eher auf Saudi-Arabiens Unterstützung zu hoffen. Der Golfstaat hatte im Juni zugesagt, notfalls Reservekapazitäten zu mobilisieren, um eine ausreichende Versorgung der Märkte sicherzustellen. Allerdings haben die Saudi-Araber kein Interesse daran, dass der Ölpreis zu stark sinkt - weil dies für sie mit erheblichen finanziellen Einbußen verbunden wäre. Das Statement der G7 könnte also vor allem dazu dienen, Druck auf den Golfstaat auszuüben.
Mit Material von Reuters
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