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Industriezone Kaesong: Nordkorea stoppt sein kapitalistisches Experiment

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In der Sonderwirtschaftszone Kaesong machten Nord- und Südkoreaner gemeinsam Geschäfte. Nun hat der stalinistische Norden das Gebiet abgeriegelt. Doch am Weiterbetrieb der kapitalistischen Exklave haben beide Seiten großes Interesse.

AFP

Hamburg - Angesichts der jüngsten Nachrichten sei seine Firma natürlich froh über ihre Entscheidung, sagt Daniel Stuckert. Er ist Sprecher von Prettl, einem schwäbischen Automobilzulieferer. Auf der Suche nach billigen Arbeitskräften sicherte sich das Unternehmen vor einigen Jahren ein Grundstück in Kaesong, einer Sonderwirtschaftszone in Nordkorea. "Uns gehört immer noch eine Fläche", bestätigt Stuckert SPIEGEL ONLINE, "aber wir haben dort nie gebaut." Schließlich habe sich die politische Lage zwischen Nord- und Südkorea schon länger zugespitzt.

Die Schwaben könnten den richtigen Riecher bewiesen haben. Seit Mittwoch hat das Regime von Kim Jong Un die Industriezone für Südkoreaner abgesperrt. Bislang stellten in Kaesong nordkoreanische Arbeiter unter Aufsicht von südkoreanischen Managern unter anderem Kleidung, Sportschuhe, Autoteile und Halbleiter her - nur wenige Kilometer von der schwer gesicherten Grenze entfernt (siehe Grafik).

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Davon profitierten beide Seiten: Die Firmen aus dem Süden mussten nur einen Bruchteil der in ihrer Heimat üblichen Löhne zahlen, die nordkoreanischen Machthaber bekamen von ihnen im Gegenzug dringend benötigte Devisen. Und Diplomaten auf beiden Seiten hatten mit Kaesong zumindest ein Projekt vorzuweisen, bei dem die offiziell verfeindeten Länder zusammenarbeiteten.

Diese Rolle unterscheidet Kaesong von den meisten anderen Sonderwirtschaftszonen dieser Welt. Egal wo diese sich befänden, das "Schicksal ihrer Arbeitskräfte ist von deprimierender Ähnlichkeit", schrieb die Globalisierungskritikerin Naomi Klein in ihrem Klassiker "No Logo". Die Arbeitszeiten seien lang, die Bezahlung schlecht und die Verwaltung "militärisch" streng.

Tatsächlich zogen auch die Arbeitsbedingungen in Kaesong viel Kritik auf sich und beschäftigten sogar die Uno. Als der SPIEGEL die Industriezone 2007 besuchte, waren die Arbeiterinnen in einer Fabrik des Schuhherstellers Safild zwar adrett herausgeputzt, Gespräche mit dem Reporter aber waren ihnen nicht erlaubt.

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Industriezone Kaesong: Wo Kim Jong Un zum Kapitalisten wurde
Doch militärische Strenge gehört in Nordkorea ohnehin zum Alltag. Und so stand Kaesong bislang vor allem für die Hoffnung auf eine Entspannung der koreanischen Beziehungen. Ähnlich wie einst zwischen BRD und DDR schien hier aus der wirtschaftlichen Not des Nordens heraus eine Annäherung möglich - Wandel durch Handel.

Seit der Eröffnung im Jahr 2004 wurden die Geschäfte stetig ausgebaut, aus anfangs 18 Unternehmen sind inzwischen 123 geworden. In ihrem Auftrag produzierten mehr als 53.000 Nordkoreaner nach Angaben des südkoreanischen Einheitsministeriums im vergangenen Jahr Waren im Wert von 470 Millionen Dollar. Wenn das Gelände einmal fertig entwickelt sein sollte, wäre es in etwa so groß wie halb Manhattan.

Allen Krisen getrotzt

Der Handel trotzte bislang selbst schweren diplomatischen Krisen. So blieb die Industriezone auch dann noch geöffnet, als das nordkoreanische Militär 2010 zunächst das südkoreanische Kriegsschiff "Cheonan" versenkte und später die Grenzinsel Yeonpyeong angriff. Insgesamt starben dabei fast 50 Menschen, die offiziellen Beziehungen liegen seitdem auf Eis. Auch ein gemeinsam betriebenes Tourismusprojekt im nordkoreanischen Kumgang-Gebirge wurde längst aufgegeben, nachdem dort 2008 eine südkoreanische Touristin von einem Grenzsoldaten erschossen wurde.

Nun aber wird auch Kaesong in den einmal mehr verschärften politischen Konflikt hineingezogen. Offiziell begründet wurde das mit Aussagen aus Südkorea, wonach Kaesong dem Norden als Devisenbringer diene. Dieser Hinweis verletze "ernsthaft unsere Würde", sagte ein nordkoreanischer Kaesong-Sprecher. Dabei ließen sich noch deutlich unangenehmere Details über Kaesong enthüllen - etwa, dass die Südkoreaner ihren technisch unterentwickelten Nachbarn sogar die Stromversorgung stellen.

Doch an diplomatischem Auftreten hat Südkorea nicht nur aus Sorgen um den Frieden in der Region Interesse. Kaesong gilt auch als Versuch, den Wohlstand im bitterarmen Norden zumindest ein wenig zu heben. So sollen die Folgekosten gemindert werden, falls sich die beiden Länder eines Tages doch wiedervereinigen.

Eine völlige Schließung von Kaesong gilt angesichts der Interessenlage beider Seiten denn auch vorerst noch als wenig wahrscheinlich. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters wird in den Fabriken bislang trotz Blockade weitergearbeitet. Von rund 800 Südkoreanern, die sich noch auf dem Gelände befinden, sind nach Regierungsangaben bislang nur wenige in die Heimat ausgereist. Vielmehr warteten in der Grenzstadt Paju Hunderte Menschen darauf, nach Kaesong zurückkehren zu dürfen.

Völlig aufgeben will selbst der schwäbische Mittelständler Prettl die Sonderwirtschaftszone noch nicht. Zwar konzentriere man sich nun auf den Standort Vietnam, sagte Firmensprecher Stuckert. Verkauft werde das Grundstück in Kaesong aber nicht - für den Fall, dass sich die Lage in Nordkorea doch wieder entspannt.

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1. Provokation!
spon-facebook-1810274577 03.04.2013
Zitat von sysopAFPIn der Sonderwirtschaftszone Kaesong machten Nord- und Südkoreaner gemeinsam Geschäfte. Nun hat der stalinistische Norden das Gebiet abgeriegelt. Doch am Weiterbetrieb der kapitalistischen Exklave haben beide Seiten großes Interesse. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/industriezone-kaesong-nordkorea-beendet-den-wandel-durch-handel-a-892342.html
Ohne die US-amerikanische Provokation wäre es niemals so weit gekommen! Dass jetzt kein "Business as usual" mehr möglich ist, war doch jedem denkenden Menschen klar! Wirklich naiv, wer sich jetzt noch die Augen reibt!
2. Stricklieferung
ernstmoritzarndt 03.04.2013
Der moderne Kapitalist finanziert heute den Strick selbst vor, an dem er später von den Kommunisten aufgehängt wird. Es ist mir unverständlich, wie die Südkoreaner das kommunistische System auf diese Weise fördern können. Das Leiden der nordkoreanischen Bevölkerung wird auf diese Weise nur verlängert.
3. Eine ganz "normale"....
Airkraft 03.04.2013
Eine ganz "normale" Aussperrung, das kommt bei Arbeitskampfmaßnahmen auch in Deutschland gelegentlich vor.
4. auf der Suche nach billigen Arbeitskräften
nixda 03.04.2013
Zitat von ernstmoritzarndtDer moderne Kapitalist finanziert heute den Strick selbst vor, an dem er später von den Kommunisten aufgehängt wird. Es ist mir unverständlich, wie die Südkoreaner das kommunistische System auf diese Weise fördern können. Das Leiden der nordkoreanischen Bevölkerung wird auf diese Weise nur verlängert.
hach ist das nicht schön. Man gibt offen zu, dass man billige Sklaven sucht und dafür nun auch wirklich mit jedem zusammenarbeitet der einem selbst ein viel Geld aufs Bankkonto bringt. Wahrscheinlich kann man diese schwäbische Firma nicht mal boykotieren weil in jedem Auto was davon steckt.
5.
pauschaltourist 03.04.2013
Zitat von spon-facebook-1810274577Ohne die US-amerikanische Provokation wäre es niemals so weit gekommen! Dass jetzt kein "Business as usual" mehr möglich ist, war doch jedem denkenden Menschen klar! Wirklich naiv, wer sich jetzt noch die Augen reibt!
Von welchen amerikanischen Provokationen schwadronieren Sie? Wer kündigt denn seit Wochen fast täglichen den Blitzkrieg gegen Südkorea an? Wenn Südkorea (vertreten übrigens durch eine vom Volk frei gewählte Regierung...) die verbündeten USA um Militärunterstützung bitte, sollten Sie die souveräne Entscheidungsfreiheit Südkoreas akzeptieren.
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