Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Inflation und Immobilienblase: China beschließt neue Geldpolitik

China wagt einen fundamentalen Kurswechsel. Die Führung des Landes will künftig eine "vorsichtige Geldpolitik" versuchen - Zinserhöhungen könnten anstehen und die Kreditvergabe erschwert werden, zur Freude der USA und des IWF. Das Ziel: Inflation bekämpfen, übermäßiges Wachstum vermeiden.

Skyline von Shanghai: IWF fordert China zum Kampf gegen drohende Blase auf Zur Großansicht
Getty Images

Skyline von Shanghai: IWF fordert China zum Kampf gegen drohende Blase auf

Peking - Am Immobilienmarkt droht eine Spekulationsblase, die Inflation nimmt zu - China sieht sich mit gewaltigen Problemen konfrontiert. Nun kündigt die Führung des Landes einen Wechsel in seiner Finanzstrategie an.

Im kommenden Jahr werde man von der "relativ lockeren" zu einer "vorsichtigen Geldpolitik" übergehen, teilte das Politbüro der Kommunistischen Partei Chinas laut Nachrichtenagentur Xinhua am Freitag mit. Der Fokus der Geldpolitik wird demnach verstärkt auf den Kampf gegen die Inflation gerichtet und nicht mehr ausschließlich auf die Förderung des Wirtschaftswachstums. Die staatliche Ausgabenpolitik solle jedoch weiter das Wachstum stützen, wurde beschlossen.

Chinas Inflations- und Immobilienproblem hat sich zuletzt verschärft. Die Verbraucherpreise waren im Oktober um 4,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen und dürften auch im November zugelegt haben. Die Immobilienpreise in einigen Städten der Volksrepublik China sowie im dicht besiedelten Hongkong sind in den vergangenen zwei Jahren um bis zu 50 Prozent gestiegen. Wie in anderen Ländern Asiens droht dort eine Spekulationsblase, weil die Wirtschaft rasant wächst und durch die extrem lockere Geldpolitik - nicht nur Chinas, sondern auch der Industrieländer - große Mengen Geld in den Markt fließen.

Die Regierung hatte schon vor Monaten Schritte zur Eindämmung der Immobilienspekulation und der Inflation eingeleitet. Im Oktober hob die Notenbank erstmals seit fast drei Jahren den Leitzins wieder an, im November wurde zweimal der Satz für die Mindestreserveanforderungen der Banken erhöht. Außerdem wurden im November Preiskontrollen unter anderem für Lebensmittel angekündigt.

Mit der strafferen Geldpolitik soll einer Überhitzung der Wirtschaft und einer Blasenbildung an den Immobilienmärkten vorgebeugt werden. "Es bedeutet, dass jetzt sämtliche Instrumente zur Kontrolle der Liquidität und zur Kontrolle der Inflation eingesetzt werden können", sagte Ken Peng, Citigroup-Ökonom in Peking. Von nun an könnten die Zinsen stärker wachsen, den Anstieg der Preise zu dämpfen. Er rechne bis Ende 2011 mit fünf Zinsschritten, fügte der Experte hinzu.

IWF: China und Hongkong müssen Immobilienmarkt dringend zügeln

Eine straffere Geldpolitik Chinas könnte auch zu einer Entschärfung des Währungsstreits mit den USA führen. Diese werfen China seit Jahren vor, den Yuan künstlich schwach zu halten, um die heimische Exportwirtschaft zu stützen. So hatte die Volksrepublik bislang eine extrem lockere Geldpolitik gefahren, um sich gegen die weltweite Krise zu stemmen. Dieses Problem stellt sich nun nicht mehr. "China muss sich überhaupt nicht um die allgemeine Nachfrage sorgen", sagte Dong Xian'an, Chefökonom bei Industrial Securities in Peking. "Die oberste Priorität ist vielmehr, die Inflation in Schach zu halten."

Die neue Linie der KP-Führung dürfte auch dem Internationalen Währungsfonds (IWF) gefallen. Er hatte China und Hongkong zum entschlosseneren Kampf gegen eine drohende Spekulationsblase am Immobilienmarkt aufgefordert. Steigende Hypothekenzinsen und höhere Kosten für den Immobilienbesitz seien zur Abkühlung des Marktes notwendig. Dies könne durch eine breit angelegte Grundsteuer erreicht werden. China müsse außerdem den Finanzmarkt weiterentwickeln, damit es Investitionsalternativen zum Häusermarkt gebe, schrieben IWF-Experten in einem Arbeitspapier.

China erwägt Billioneninvestitionen in Industrie

Neben einer strengeren Geldpolitik plant China weitere strategische Entscheidungen. Das Land will sich offenbar mit riesigen Investitionen als Technologieführer etablieren. Die Volksrepublik erwägt Insidern zufolge, in den kommenden fünf Jahren bis zu 1,5 Billionen Dollar in ausgesuchte Industrien zu investieren. Sieben Branchen stehen demnach im Fokus:

  • alternative Energien,
  • Biotechnologie,
  • neue Informationstechnologien,
  • hochwertige Produktionsanlagen,
  • moderne Werkstoffe,
  • Autos mit alternativen Antrieben sowie
  • energiesparende und umweltfreundliche Technologien.

Sie sollen jährlich mit insgesamt bis zu 300 Milliarden Dollar gefördert werden. Der Großteil der Summe komme aber nicht vom Staat selbst, hieß es. Vielmehr wolle die Regierung Unternehmen anspornen, mehr zu investieren. Bislang machen die sieben ausgewählten Industriezweige rund zwei Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung aus. Bis 2015 sollen es nach den Plänen der Regierung acht Prozent und bis 2020 bis zu 15 Prozent werden.

Offiziell hat China bis jetzt keine Summe genannt, die das Land in den Ausbau der Zukunftsindustrien stecken will. Der nun bekannt gewordene Betrag entspricht fünf Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Er unterstreiche den Willen der Volksrepublik, das Wirtschaftssystem des Landes zu verändern, sagte Zha Changhui von der Export-Import-Bank of China. Das Vorhaben muss von der Central Economic Work Conference, die noch im Dezember zusammenkommt, genehmigt werden. Auch die Nationalkonferenz im März 2011 muss dem Plan zustimmen.

wit/Reuters/dpa-AFX/dapd

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Europa im vgl. zu China
ChristophM 03.12.2010
Die Zahlen hören sich, für sich selbst betrachtet, gigantisch an. Nichtsdestotrotz, würde mich interessieren, wie die Budgets für die jeweiligen Forschungsbereiche in Europa sind, also die Summen, die von den einzelnen EU-Staaten und deren Industrien eingesetzt werden zzgl. EU-Förderung. CM
2. i.m.h.o. balanceakt
autocrator 03.12.2010
dass China die ehrgeizig gesteckten ziele erreichen wird, daran besteht kaum zweifel: die vergangenheit zeigte, dass die dirigistische wirtschaft Chinas sich tatsächlich gezielt lenken lässt. Eine eindämmung des wirtschaftswachstums kann sich China allerdings nicht erlauben. Die auf den ersten blick exorbitanten prozentzahlen schnurren rasend zusammen, wenn man das bevölkerungswachstum, also die schiere masse an menschen auf der suche nach lohn und brot, die jedes jahr neu hinzukommen, und den gewaltigen nachholbedarf v.a. an infrastruktur, insbesondere im hinterland, einrechnet. Eine inflation kann sich die komm. führung auch nicht erlauben. Auch wenn China genügend potenzial gut ausgebildeter leute hat, in den beschriebenen hochtechnologie-bereichen voran zu kommen, und diese leute auch genügend geld verdienen, bei der eine inflation nicht so schmerzt: Auf der anderen seite gibte es ein gewaltiges heer an gering-verdienern, die eine inflation nicht hinnehmen können. - Und die tragende legitimation der KP ist nunmal der "deal", dass die KP die politische macht behält, im gegenzug aber dafür sorgt, dass es der masse der bevölkerung spürbar wirtschaftlich besser geht. Sowenig wie die folgen der finanzkrise im westen aufgearbeitet sind (faktisch hat man bloß bilanz-aufhübschung betrieben indem man die bösen posten in bad-banks ausgelagert hat und das schulden- und zinsproblem auf sankt nimmerlein vertagt und zukünftigen generationen aufgehalst hat), sowenig sind diese in China bisher überhaupt wirklich angekommen. Viel zeit, sich was einfallen zu lassen, bis die finanzkrise auch in Chinas dirigistische wirtschaft einsickert, hat die KP m.E.n. nicht nehr.
3. Mein erster Gedanke
krassmann 03.12.2010
bei der Liste war: Das ist doch genau die Liste an Technologien, die sich Deutschland auf die Fahne geschrieben hat... 1.5 Billionen USD - mal sehen wie viel wir ausgeben werden, bzw. ausgeben können.
4. Durchaus
Lovestern 03.12.2010
Zitat von krassmannbei der Liste war: Das ist doch genau die Liste an Technologien, die sich Deutschland auf die Fahne geschrieben hat... 1.5 Billionen USD - mal sehen wie viel wir ausgeben werden, bzw. ausgeben können.
Wir haben durchaus nicht erst seit Neuestem ähnliche Programme. Stichwort EEG. Biotechnologie wird von jedem einzelnen Bundesland gefördert. Usw.
5. ...
rplay 03.12.2010
ich gebe zu, ich hatte kurz die Befürchtung, wir könnten Probleme bekommen bei der schieren Menge an Förderung, die nun in China für die neuen Technologien frei werden soll ... aber nachdem ich gelesen hab, daß: "China müsse außerdem den Finanzmarkt weiterentwickeln, damit es Investitionsalternativen zum Häusermarkt gebe, schrieben IWF-Experten in einem Arbeitspapier." mach ich mir jetzt keine Sorgen mehr .... wenn die Chinesen die gleichen innovativen Finanzprodukte bei sich zulassen wie die Amis, dann dauert´s nicht mehr lange und dann sind sie auch unten durch ... diesmal sollten allerdings unsere Banken drauf achten, nichts davon zu übernehmen .... ;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Vier Risiken für Chinas Wirtschaft

Fläche: 9.572.900 km²

Bevölkerung: 1367,820 Mio.

Hauptstadt: Peking

Staatsoberhaupt: Xi Jinping

Regierungschef: Li Keqiang

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia| China-Reiseseite

Weltkrieg der Währungen


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: