Deutschland in Zahlen Steckt der Staat genug Geld in die Infrastruktur?

Schlaglöcher, bröckelnde Brücken, geschlossene Bahnhöfe: Deutschlands Infrastruktur scheint marode. Investiert der Staat zu wenig - oder ist das Bild verzerrt?

Autobahnbaustelle (auf der A8 in Bayern)
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Autobahnbaustelle (auf der A8 in Bayern)

Von und (Grafik)


Die überwiegende Mehrheit der Deutschen findet, dass der Bund zu wenig Geld in die Infrastruktur steckt. Auf die Frage: "Investiert der deutsche Staat Ihrer Meinung nach eher zu viel oder zu wenig in Infrastruktur?", antworteten im SPON-Wahltrend im Juli 2017 86,1 Prozent der Befragten, es werde "(eher) zu wenig" getan. Lediglich 9,8 Prozent sind zufrieden mit dem derzeitigen Ausmaß und nur 2,3 Prozent halten die Investitionen derzeit für zu hoch.

Tatsächlich sind Straßen, Schienennetz, Brücken und Wasserwege in Deutschland in einem insgesamt sehr guten Zustand - noch. Denn die öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur gehen seit Jahren zurück, wenn man den Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung misst: Steckte der Staat laut Bundesverkehrsministerium im Jahr 1992 noch 0,73 Prozent der Wirtschaftsleistung in die Infrastruktur, lag der Anteil im Jahr 2015 bei nur noch 0,41 Prozent.

Die Länge des Schienennetzes ist von 38.100 Kilometern (1998) auf 33.300 Kilometer geschrumpft, bei den Straßen sank die Zahl von 230.700 auf 230.100 Kilometer. Das Autobahnnetz verlängerte sich dagegen von 11.427 auf knapp 13.000 Kilometer. Auch die Zahl der Bahnhöfe ist entgegen der öffentlichen Wahrnehmung in den vergangenen Jahren wieder gestiegen. Waren es im Jahr 2003 nur noch 5046, stieg die Zahl bis 2015 auf 5681.

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Klar ist: Deutschland steckt mehr Geld in Straßen als in den Ausbau des Schienennetzes. Der Interessenvertretung "Allianz pro Schiene" zufolge investiert der deutsche Staat jährlich 64 Euro pro Einwohner in die Bahninfrastruktur und liegt damit in Europa auf dem drittletzten Platz, nur noch gefolgt von Spanien und Frankreich. Die Niederlande investieren 133 Euro pro Einwohner - mehr als das Doppelte.

Insgesamt steht Deutschland mit seinen Infrastrukturausgaben im internationalen Vergleich nur mittelmäßig da. Im Jahr 2015 gab Deutschland Daten der Industrieländerorganisation OECD zufolge 239 Dollar je Einwohner aus. Zum Vergleich: Frankreich kam auf 283 Dollar, Großbritannien auf 392 Dollar, China investierte sogar 426 Dollar je Einwohner.

Heißt das, Deutschland lässt seine Straßen, Schienen, Brücken und Kanäle verrotten? Internationale Studien zeigen, dass sich die sinkenden Investitionen bisher noch nicht ausgewirkt haben: Die Weltbank beispielsweise setzt die deutsche Transportinfrastruktur im weltweiten Vergleich immer noch an die Top-Position.

Deutschland lebt also von der hervorragenden Substanz, die aber langsam zu bröckeln beginnt. Eines der größten Hindernisse für höhere Ausgaben dürften allerdings nicht die fehlenden Finanzmittel sein, sondern die langwierigen Planungsprozesse, die effektives Geldausgeben zuweilen arg behindern.

Deutschland in Zahlen
In unserer Reihe "Deutschland in Zahlen" nehmen wir uns in den Wochen bis zur Bundestagswahl ausgesuchte Themen vor und analysieren sie grafisch. Dazu gehören zum Beispiel die Finanzierung des Gesundheitssystems, die Energiewende oder die Familienförderung.
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ansv 04.09.2017
1.
Was soll mir denn hier suggeriert werden? Langwierige Planungsprozesse können bei der Instandhaltung wohl kaum die große Rolle spielen - und die ist es, die in der Regel zu kurz kommt. Da verfallen Brücken vor aller Augen aber man wartet lieber, bis man dann eine neue bauen kann, statt die vorhandene zu reparieren. Und auch wenn es jetzt so aussieht als würde die Schieneninfrastruktur sogar wachsen: Die Zahl der Langsamfahrstrecken ist es, die den Verkehr behindert. Die fehlende Elektrifizierung zahlreicher Bahnstrecken, die jetzt so deutlich wird, wo man im Rheintal plötzlich keine Alternative mehr hat. Und wo ist Deutschland hingekommen, wenn man ab 30° im Sommer nur noch mit 80 über die Autobahn schleichen kann? Das kann mir niemand schönreden, auch nicht mit so einem Artikel.
RenRlp 04.09.2017
2. Spiegel+ Artikel
Ich meine mich zu erinnern, im letzten Jahr erst hier auf SPON einen (Plus?)Artikel darüber gelesen zu haben, der das Thema relativ ausführlich beleuchtet hat. Demnach wird einfach nur ein Bruchteil dessen in vielen Ressorts abgerufen, was zur Verfügung stände. Die Politik begründet das mit dem Fachkräftemangel sprich, Ingenieure etc pp und natürlich den ewig dauernden Prozessen bis zur Realisation. Das Geld ist also da, nur nicht genug die es ausgeben können. Uns geht es wirklich zu gut ;-)
chardon 04.09.2017
3. "langwierigen Planungsprozesse"
Und nicht zu vergessen, die "gestörten" Bundesbürger, die zwar Autofahren wollen - auf Strassen, die aber an Nachbars Haus vorbeigehen. Das gleiche mit Bahntrassen, "bitte nicht hier, ich habe hier einmal eine ganz seltene Kröte oder seltenen Käfer gesichtet, oder ein Blümchen blühen sehen"! Schon gehts los. Über Jahre! Hier muss endlich das Interesse der Gemeinschaft über Einzelinteresse gehen. Ausserdem gibt es viel zu viel Radfahrwege, auf die höchstens mal sonntags sich ein einsamer Fahrer verliert! Rausgeschmissenes Geld. Von Flugverbot will ich erst bgarnicht anfangen, alle wollen in die Türkei, nach Dubai, thailand, Teneriffe, Mallorca, aber ohne den Fluglärm. Man muss lachen, oder heulen?
jaspertk 04.09.2017
4. Wie wäre es mal mit Internet?
Vielleicht auch mal den Hinweis an die "Wirtschafts-Partei" FDP: Diese hat verhindert dass unter der letzten schwarz-gelben Koalition der Zugang zum Internet als Grundbedarf wie Wasser, Strom im Gesetzt festgeschrieben wurde. Heute wissen wir dass die BRD hier deutlich als Industrie-Standort hinterher hängt. Die Milliarden, die bei der Versteigerung der Funkfrequenzen eingenommen wurden wurden im Straßenbau verbetoniert (vermutlich in erster Linie in Bayern bzw. zum Ausbau 6 spurig .... Als 1998 in Asien die Länder wirtschaftlich es nicht leicht hatten haben einige den Ausbau Internet (auf Basis Glasfaser) als Konjunkturprogramm aufgesetzt. S-Korea ist heute führend! Wir haben immer noch schwarze Flecken auf der Landkarte in einigen Regionen.
dasistdasende 04.09.2017
5. Artikel ist Unsinn
Viele Brücken sind verrottet. Die vorhandenen Autobahnen und Bundesstraßen, wenn auch größtenteils von der Fahrbahn noch in akzeptablem Zustand, sind vielerorts völlig unterdimensioniert und dem Verkehrsaufkommen nicht gewachsen. Der heutige Straßenverkehr ist halt nicht mehr der aus den 80ern. Eine Erweiterung dauert Jahrzehnte. Und Deutschland hat eine zentrale Lage in Europa und somit trägt es auch einen Großteil der Infrastrukturnutzung. Von kommunalen Straßen möchte ich gar nicht erst reden. Vielerorts sind das die reinsten Schlaglochpisten. Seit Jahrzehnten nur durch Flickschusterei zusammengehalten. Verglichen mit den 80ern zumindest im ehemaligen Westdeutschland , ist die Infrastruktur eine Katastrophe die Millionen Pendler jeden Tag 2 mal "genießen" dürfen.
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