Sachspenden-Start-up Innatura "Es ist günstiger, Waren zu vernichten, als sie an Bedürftige zu geben"

Zurückgeschickt, falsch beschriftet oder beschädigte Verpackung: Jährlich wandern Waren im Milliardenwert in die Schrottpresse oder werden verbrannt. Innatura-Chefin Juliane Kronen erklärt, wie sie das ändern will.

Innatura-Lager in Köln
imago/epd

Innatura-Lager in Köln

Ein Interview von


Die Meldung war aufsehenerregend: Der Onlinehändler Amazon vernichte massenhaft Retouren und neuwertige Produkte, berichten das ZDF-Magazin "Frontal 21" und die "Wirtschaftswoche" kürzlich - und sorgten damit für allgemeine Empörung.

Tatsächlich ist die Vernichtung unversehrter Waren in Deutschland gang und gäbe. Jedes Jahr würden hierzulande Konsumgüter im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro vernichtet, schätzt Juliane Kronen, Gründerin des gemeinnützigen Unternehmens Innatura. Oft reiche schon eine kleine Berührung mit dem Gabelstapler, um die Verpackung so zu beschädigen, dass die Produkte nicht mehr verkauft würden - obwohl sie eigentlich völlig in Ordnung seien.

Mit Innatura will Kronen verhindern, dass unversehrte Waren verbrannt oder verschrottet werden. Die Plattform nimmt die Produkte entgegen und verteilt sie an Bedürftige. Wie das funktioniert - und welche Probleme dabei auftauchen, erklärt sie im Interview.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kronen, Sie haben vor fünf Jahren die Plattform Innatura gegründet, um Sachspenden von Unternehmen an gemeinnützige Organisationen wie Wohneinrichtungen, Kitas und Heime zu vermitteln. Was können die alles bei Ihnen bestellen?

Juliane Kronen: Wir haben mehr als 1500 Artikel auf Lager. Am beliebtesten sind Produkte der Körperpflege, Windeln sowie Putz- und Reinigungsmittel. Es gibt aber auch Spielzeug, Werkzeug, Sportbekleidung, Schwangerschaftstests, Haarfärbemittel, Kondome, Bettwäsche, Yogahandtücher und vieles mehr. Gerade erst hat sich jemand mit zwei Containern voller Schneeketten gemeldet.

Zur Person
  • Karin Desmarowitz
    Juliane Kronen ist Geschäftsführerin von Innatura. Sie hat die Plattform 2011 gegründet. Zuvor arbeitete sie 16 Jahre lang bei der Boston Consulting Group.

SPIEGEL ONLINE: Sie nehmen auch Artikel mit leichten Fehlern oder Makeln an. Woher stammen die?

Kronen: Die fallen entlang der gesamten Wertschöpfungskette an. Es sind falsch abgefüllte oder fehlerhaft beschriftete Produkte, Marktforschungsmuster, Waren mit Farbabweichungen und Webfehlern oder Reste von Sortimentswechseln, Saison- und Aktionsangeboten oder einfach Übermengen. Eine andere Quelle sind sogenannte Relaunches: Wenn ein Markenhersteller seinen Schriftzug leicht ändert, holt er zu einem Stichtag alle Artikel mit der alten Aufmachung aus den Regalen.

SPIEGEL ONLINE: Dabei sind sie noch funktionsfähig?

Kronen: Ja, meistens. Sie sind trotz kleiner optischer Mängel einwandfrei verwendbar.

SPIEGEL ONLINE: Was geschieht sonst mit diesen Sachen?

Kronen: Sie werden vernichtet. Wir hingegen retten sie vor der Schrottpresse oder Verbrennung.

SPIEGEL ONLINE: Um die häufige Entsorgung gab es zuletzt eine Diskussion. Vor allem Amazon wurde dafür kritisiert, Retouren wegzuwerfen, anstatt sie wieder ins Sortiment aufzunehmen. Ist der Onlinehandel eine Maschine der Verschwendung?

Innatura-Lager in Köln-Westhofen
imago/epd

Innatura-Lager in Köln-Westhofen

Kronen: Retouren sind ein Problem, machen aber nur einen kleinen Teil des Müllbergs aus. Diese Produkte werden nämlich nicht gleich vernichtet, sondern - auch von Amazon - auf ihren Zustand geprüft und zum Teil wieder verkauft. Mengenmäßig gravierender sind andere Ursachen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Kronen: Defekte Umverpackungen. Ein Beispiel: Ein Lagerist fährt mit seinem Gabelstapler aus Versehen gegen eine mit Schrumpffolie umwickelte Palette Windeln. Die Ware bleibt unbeschädigt - trotzdem nimmt der Handel die Palette nicht an. Er müsste sie nämlich prüfen und rügen - und dazu ist er in den standardisierten Prozessen, die wir heute haben, nicht mehr in der Lage.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel wird insgesamt weggeworfen?

Kronen: Exakte Zahlen gibt es nicht, aber als ich noch als Unternehmensberaterin gearbeitet habe, haben wir das mal durchgerechnet. Ich gehe davon aus, dass von allen in Deutschland jedes Jahr produzierten Konsumgütern Waren im Wert von mindestens sieben Milliarden Euro entsorgt werden. Ein Drittel davon ist einwandfrei verwendbar. Es werden also Produkte im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro vernichtet, obwohl sie unversehrt sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel vermittelt Innatura davon an gemeinnützige Zwecke?

Kronen: Wir haben mehr als 70 Spenderunternehmen und konnten in den ersten fünf Jahren Produkte im Wert von 15 Millionen Euro vermitteln. Sie sehen also: Wir kratzen gerade mal an der obersten Schneeflocke von der Spitze des Eisbergs.

SPIEGEL ONLINE: Was hindert Unternehmen daran, mehr überschüssige Ware zu spenden?

Kronen: Es gibt zwei Gründe. Zum einen wissen die meisten Unternehmen gar nicht, was sie alles entsorgen. Darüber haben sie noch nie nachgedacht oder die Mengen und Werte festgehalten. Das müsste erst mal transparent gemacht werden. Im Idealfall wird gespendet. Das dauert aber. Bis alles geklärt ist und die erste Spende bei uns eintrifft, können bis zu zwei Jahre vergehen.

SPIEGEL ONLINE: Und der zweite Grund?

Kronen: Die Finanzämter schreiben vor, dass eine Sachspende wie ein Umsatz verbucht wird und damit bis zu 19 Prozent Mehrwertsteuer gezahlt werden muss. Es ist günstiger, Waren zu vernichten, als sie an Bedürftige zu geben. Bei manchen Produkten ist es sogar sieben- bis achtmal so teuer. Ich kenne Hersteller, die ihre Sachen Woche für Woche in die Müllverbrennung fahren, obwohl wir sie dringend benötigen. Sie sagen: Sorry, solange es mehr kostet, können wir nichts machen. Dieses ökonomische Kalkül kann ich verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen ihnen also keinen Vorwurf?

Kronen: Zum Teil kann ich das nachvollziehen. Allerdings kann man etwas gegen die Verschwendung tun. Es gibt umweltbewusstere Unternehmen, die keinen sogenannten harten Relaunch machen. Selbst wenn sie ein neues Logo haben, werfen sie vermeintlich alte Produkte nicht weg, sondern verkaufen sie noch ab. Diesem Vorbild könnten viel mehr Firmen folgen.

SPIEGEL ONLINE: In Großbritannien müssen Unternehmen keine Umsatzsteuer auf Sachspenden zahlen. Warum ist das nicht auch in Deutschland so?

Kronen: Idealerweise sollte das Spenden nirgendwo in der EU teurer sein als das Wegwerfen. Auf EU-Ebene bekommt man das aber kurzfristig nicht durch. In Deutschland könnte man den Paragraf 3 des Einkommensteuergesetzes ändern und sagen, dass die Umsatzsteuerpflicht bei Abgabe an gemeinnützige Organisationen entfällt. Steuergesetzänderungen sind aber auch schwierig. Es gibt einen praktikableren Weg.

SPIEGEL ONLINE: Welchen?

Kronen: Es gibt den sogenannten Bäckererlass: Als ein Bäcker, der an die Tafel gespendet hatte, sehr viel Umsatzsteuer nachzahlen sollte, gab es Proteste dagegen. Und jetzt ist es so, dass gespendete verderbliche Waren abgeschrieben werden können. Das sollte am besten für den gesamten gemeinnützigen Sektor gelten.

insgesamt 32 Beiträge
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theanalyzer 15.07.2018
1.
Einst warf man auch die EG-Überproduktion weg. Dann hieß es: Gebt es den Hungernden in Afrika. Darauf gab man die Überproduktion den Hungernden in Afrika. Daraufhin hieß es: Die günstigen EU Lebensmittel werden von den Hungernden gern angenommen, und zerstören somit die Wirtschaft in Afrika... Soweit zu Diskussionen von wohlmeinenden Menschen zum Thema Wirtschaft und Wegwerfen.
Fuxx81 15.07.2018
2. Der reale Irrsinn
---Zitat--- Die Finanzämter schreiben vor, dass eine Sachspende wie ein Umsatz verbucht wird und damit bis zu 19 Prozent Mehrwertsteuer gezahlt werden muss. Es ist günstiger, Waren zu vernichten, als sie an Bedürftige zu geben. ---Zitatende--- Wir leben nunmal in einer "marktkonformen Demokratie". Da können wir es uns nicht leisten, sinnvoll und nachhaltig mit unseren natürlichen Ressourcen umzugehen. Wenn Sie dieses Jahr einen Fernseher kaufen, müssen Sie nächstes Jahr zwei kaufen, sonst stagniert die Wirtschaft!
thermo_pyle 15.07.2018
3. Immer schön nach Recht und Gesetz...
Was für ein Blödsinn, auf Sachspenden noch Umsatzsteuer zahlen zu müssen. Das ist ähnlich bekloppt wie die Steuern auf die Rente, die aus versteuertem Einkommen (im weitesten Sinne) angespart wurde. Muss ich auf Parteienspenden auch Steuern zahlen ? Nicht ?! Aha !
GoaSkin 15.07.2018
4. besser verschrottet, als illegal entsorgt
Es wäre völlig in Ordnung, solche Waren an Bedürftige in den entwickelten Ländern zu spenden, in denen ein vernünftiges Abfallverwertungssystem existiert. Doch bevor sie in ein paar Jahren Landschaften in der Dritten Welt kontaminieren ist es das kleinere Übel, die Waren hier vorzeitig zu verschrotten.
Nordstadtbewohner 15.07.2018
5. Unternehmen zahlen keine Umsatzsteuer
" Jedes Jahr würden hierzulande Konsumgüter im Wert von mehr als zwei Milliarden Euro vernichtet, schätzt Juliane Kronen, Gründerin des gemeinnützigen Unternehmens Innatura." Ich würde mir wünschen, wenn Frau Kronen für ihre Schätzung auch entsprechende Belege liefert. Denn mittlerweile wird viel geschätzt und behauptet, aber wenig belegt. Ich halte es für richtig, dass Waren, die nicht den Qualitätsanforderungen entsprechen, aus dem Verkehr gezogen und "verschrottet" werden. Die entsprechenden Rohstoffe daraus werden wieder aufgearbeitet und weiterverwendet.
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