Insider-Handel-Verdacht: Schweizer Notenbankchef weist Vorwürfe zurück
Wie der Fall Wulff in Deutschland könnte sich auch eine Affäre in der Schweiz zur Staatskrise auswachsen - doch der Schweizer Notenbankchef Hildebrand agiert erheblich geschickter als der Bundespräsident. Gegen den Vorwurf, Insider-Geschäfte getätigt zu haben, wehrt er sich souverän.
Hamburg - Er tritt nicht zurück. Er glaubt, sich stets korrekt verhalten zu haben. Und er will schnellstmöglich zum Tagesgeschäft zurückkehren. Zu den wirklich wichtigen Dingen.
Nein, die Rede ist nicht von Christian Wulff, sondern von einem anderen in Schwierigkeiten geratenen Mächtigen. Die oben skizzierte Verteidigungslinie ist die von Philipp Hildebrand, dem Präsidenten der Schweizer Notenbank (SNB), der sich am Donnerstagnachmittag gegen schwere Vorwürfe zur Wehr setzte.
Beobachtern zufolge hat die Affäre um Hildebrand das Zeug, in der Schweiz eine mittlere Staatskrise auszulösen. Bislang galt Hildebrand den Eidgenossen als absolut integrer Mann, der vor zwei Jahren die UBS gerettet hat und vor kurzem den Franken.
In der Weihnachtszeit war dann plötzlich bekanntgeworden, dass seine Ehefrau Kashya, eine Galeristin und frühere Ökonomin, am 16. August über ein Konto bei der Sarasin-Bank einen großen Geldbetrag, insgesamt 400.000 Franken, in Dollar umgetauscht hatte - nur rund drei Wochen, bevor ihr Notenbankchef-Gatte einen Höchstkurs für den Franken festlegte. Die Schweizer Währung verlor massiv an Wert - und als Kashya die Devisen am 4. Oktober wieder abstieß, machte sie rund 75.000 Franken Gewinn.
"Herr Hildebrand entpuppt sich als Gauner"
Philipp Hildebrand muss sich seitdem gegen den Vorwurf wehren, er habe von der Transaktion gewusst. Habe Insider-Handel betrieben. Sich persönlich bereichert. Und das ausgerechnet jetzt, in einer geldpolitisch höchst heiklen Zeit. Zeitungen, allen voran die rechtskonservative "Weltwoche", kritisierten Hildebrand scharf. Er "belügt die Öffentlichkeit", schreibt die Zeitung. "Der vielgerühmte und auffällig geschniegelte Herr Hildebrand entpuppt sich als Gauner, der sich illegal Vorteile erschleicht."
Am Donnerstag dann zog die "Weltwoche" den unvermeidlichen Wulff-Vergleich: "Seine Abwehrversuche erinnern fatal an die untauglichen Manöver des deutschen Bundespräsidenten, sich gegen die Wirklichkeit zu stemmen."
Gauner oder Medienopfer? Die Pressekonferenz am Donnerstag gibt keine endgültige Antwort auf diese Frage. Nur eines wird klar. Wenn man eine Parallele zwischen den beiden Präsidenten ziehen will, dann wohl die folgende: Wulff hätte sich bei Hildebrand einiges abschauen können, wie man sich souverän der Bevölkerung erklärt.
Wulff wählte zum Sich-selbst-Erklären das Exklusiv-Interview im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, sprach mit belegter Schuljungen-Stimme, schaute sein Gegenüber von unten an und sagte ständig "man". Hildebrand stellt sich mehr als eine Stunde den Fragen von Journalisten. Er redet mit fester Stimme von einem Podest herab. Er sagt "ich". Und er kassiert an der entscheidenden Stelle sogar einen Lacher, nämlich in dem Moment, in dem er betont, von den Währungsgeschäften seiner Frau nichts gewusst zu haben.
"Meine Frau ist eine starke Persönlichkeit"
"Ich will sie nicht mit meinen familiären Angelegenheiten belästigen", sagt er. Nur so viel: "Meine Frau ist eine starke Persönlichkeit." Lachen im Saal. Doch dann wird Hildebrand sofort wieder ernst. Seine Frau sei Ökonomin in der Finanzbranche, sie interessiere sich sehr für Weltwirtschaft und habe ihre Pläne für das heikle Währungsgeschäft mehrfach erwähnt. Sein Fehler sei gewesen, nicht früher zu sagen: "Hör auf, das sollten wir jetzt nicht diskutieren."
Die neuesten Vorwürfe der rechtskonservativen "Weltwoche" weist er entschieden zurück. Die Zeitung hatte ihm am Donnerstag unterstellt, das nicht seine Frau hinter dem 400.000-Franken-Deal stecke, sondern er - und druckte einen Auszug von einem Konto Hildebrands.
Nun sagt der Notenbankchef, seine Frau habe den Devisen-Deal per E-Mail angeordnet, es gäbe also einen Beleg, dass sie es gewesen sei. Er sagt, sie habe eine Vollmacht für sein Konto gehabt. Und er sagt, dass er noch am selben Tag von dem Deal in Kenntnis gesetzt wurde - und der Sarasin-Bank schriftlich Anweisungen gegeben habe, ihn künftig über Währungsgeschäfte vorab in Kenntnis zu setzen.
Obendrein habe er den Vorfall umgehend dem Compliance-Beauftragten der SNB gemeldet, sagt Hildebrand. Zur Weihnachtszeit habe er außerdem 75.000 Franken an die Berghilfe überwiesen, um dem Verdacht entgegenzuwirken, er habe sich an dem Geschäft bereichern wollen. Er habe ferner dem Chef der Eidgenössischen Finanzkontrolle und den Buchprüfungsexperten von PricewaterhouseCoopers (PwC) die Vollmacht erteilt, seine Konten zu prüfen, und diese hätten ihn am 22. Dezember von allen Vorwürfen entlastet. Das alles klingt - mehr oder weniger - korrekt und anständig.
Enthüllung durch politische Feinde
Weniger anständig wirkt dagegen die Art, wie die Affäre wohl ans Tageslicht kam. Wie mehrere Zeitungen und nun auch Hildebrand selbst berichten, wurde der Skandal durch einen Mitarbeiter der Sarasin-Bank ins Rollen gebracht. Ob der aus freien Stücken handelte oder in jemandes Auftrag, ist unklar. Auf jeden Fall reichte er Kontoinformationen über den Notenbankchef offenbar an seinen Anwalt weiter. Über den sollen die Unterlagen an Christoph Blocher gelangt sein - einen politischen Widersacher Hildebrands von der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP).
Blocher wird von manchen Schweizer Medien höchst kritisch gesehen - nicht zuletzt, weil er schon früher versucht haben soll, Hildebrand zum Rücktritt zu bewegen. "Es herrscht ein Kampf der SVP gegen die Institutionen", schrieb kürzlich die "Sonntagszeitung". Hildebrand habe sich aus Blochers Sicht "viel zu stark in die Marktwirtschaft - Stichwort: Regulierung der Großbanken - eingemischt". Daher müsse er aus Blochers Sicht weg. Blocher selbst bestreitet solche Vorwürfe.
Doch auch selbst wenn die Enthüllungen gegen Hildebrand von politischen Feinden gestartet wurden, und auch wenn sich der SNB-Chef offenbar in vielen Punkten um korrektes Verhalten bemühte - die Zweifel an seinem Verhalten sind noch längst nicht ausgeräumt.
Die E-Mail von Hildebrands Frau etwa wurde bislang nur von internen Prüfern eingesehen. Es ist nicht ganz klar, ob die 75.000-Franken-Spende die Berghilfe erreichte, bevor die Affäre ins Rollen gekommen war oder danach. Und in Zeitungsberichten gab es immer wieder den Vorwurf, der Notenbankchef habe schon früher Devisengeschäfte getätigt.
Hildebrand verspricht auch hier Transparenz. Wenn es nötig sei, würde er auch besagte E-Mail publik machen, und wenn es gewünscht sei, würde er Prüfern sofort die Vollmacht erteilen, alle seine Konten restlos zu prüfen.
Klar ist auch, dass Hildebrand mit Fug und Recht behaupten kann, er habe sich stets konform zum Verhaltenskodex der Schweizer Notenbank verhalten. Denn dieser ist, wie das "Handelsblatt" ausführt, deutlich laxer als etwa der der Europäischen Zentralbank. EZB-Ratsmitglieder müssen demnach "alle Situationen, die zur Entstehung von Interessenkonflikten führen können", vermeiden. Erfasst werden davon auch alle persönlichen und privaten Interessen, die "diesen Anschein erwecken können".
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- Donnerstag, 05.01.2012 – 20:06 Uhr
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