Internes Strategiepapier: Atomlobby plante Wahlkampf minutiös

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Eine Liste mit vermeintlich wohlgesinnten Journalisten, Argumentationshilfe für Union und FDP, eine U-Boot-Strategie für die SPD: Die Atomlobby hat den Wahlkampf bis ins Detail vorbereitet - um ihn aktiv zu steuern. Das belegt ein internes Strategiepapier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt.

E.on-Reaktor Grafenrheinfeld: Das Ziel sind längere Laufzeiten für die Kernkraftwerke Zur Großansicht
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E.on-Reaktor Grafenrheinfeld: Das Ziel sind längere Laufzeiten für die Kernkraftwerke

Hamburg - Kernkraftwerke sind "Deutschlands ungeliebte Klimaschützer": So sieht sich die Atombranche selbst. In Anzeigen präsentieren die Energiekonzerne ihre Reaktoren, fotografiert in lieblicher Landschaft, mit Kühen davor und blauem Himmel darüber.

Die Realität sieht anders aus: Pannen in den Meilern Krümmel und Brunsbüttel, Lecks in der Atommüllhalde Asse, und noch immer gibt es - Stichwort Gorleben - kein Endlager für hochradioaktive Abfälle.

Auch die Atomlobby weiß um diese Probleme - doch am besten spricht man nicht darüber. Das zumindest empfiehlt ein internes Strategiepapier, das eine Berliner Politikagentur für die Atomlobby erstellt hat und das SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Der 109 Seiten lange Schriftsatz liest sich wie eine minutiöse Planung des Wahlkampfs. Demnach sollen Politiker und Journalisten gezielt auf Pro-Atom-Kurs gebracht werden. Das Ziel: längere Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke nach der Bundestagswahl am 27. September.

Das Papier hat die Unternehmensberatung PRGS verfasst. Der Titel: "Kommunikationskonzept Kernenergie - Strategie, Argumente und Maßnahmen." Als Datum ist der 19. November 2008 angegeben. Zum damaligen Zeitpunkt war PRGS für den größten deutschen Energiekonzern E.on tätig. Auf dem Deckblatt des Strategiepapiers heißt es, der Schriftsatz sei "für die E.on Kernkraft GmbH" erstellt worden.

Die Aufgabenstellung wird gleich zu Beginn klar benannt: "Das Gesamtziel der vorgelegten Strategie ist es, die politisch-öffentliche Debatte um die Verlängerung der Restlaufzeiten deutscher Kernkraftwerke positiv zu beeinflussen."

E.on soll sich Öko-Image verpassen

Dabei sollte sich die Atombranche selbst äußerste Zurückhaltung auferlegen, heißt es in der Studie. "Die Thematisierung der Kernenergie im Wahlkampf ist nicht im Sinne von E.on." Ziel müsse vielmehr sein, dass "eine scharfe emotionale Debatte unterbleibt". Ansonsten bestehe die Gefahr, dass vor allem die Anhänger von SPD und Grünen mobilisiert würden - also die Gegner einer Laufzeitverlängerung.

Stattdessen soll sich E.on so umweltfreundlich wie möglich geben. Erfolgreich sei die Pro-Atom-Strategie dann, wenn der Konzern "beharrlich mit dem Argument Klimaschutz und Versorgungssicherheit den Schulterschluss zwischen Kernkraft und erneuerbaren Energien betont". Diesen Kurswechsel habe E.on "mit dem Ausbau seiner Erneuerbare-Energien-Sparte bereits eingeleitet".

Mit anderen Worten: Das Unternehmen soll sich mit Solaranlagen und Windrädern ein Öko-Image verpassen, das letztlich aber vor allem das Ziel verfolgt, die Atomenergie voranzubringen.

Mindestens drei namhafte Fachleute nehmen dem Papier zufolge vergleichbare Positionen ein. Darin heißt es: "Die Argumentation 'erneuerbare Energien plus Kernkraft' vertreten auch Autoritäten wie etwa Fritz Vahrenholt (ehemaliger SPD-Umweltsenator in Hamburg), Claudia Kemfert (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) oder Norbert Walter (Chefvolkswirt der Deutschen Bank)."

Klares Dementi des Konzerns

E.on selbst distanziert sich von dem Papier. "An der Nummer ist nichts, aber auch gar nichts dran", teilte ein Konzernsprecher SPIEGEL ONLINE mit. Der PRGS-Schriftsatz sei "eine Art Bewerbungspapier", mit dem die Agentur einen E.on-Auftrag an Land ziehen wollte. "Zu einer Zusammenarbeit ist es aber nicht gekommen." Diese Version der Geschichte bestätigt auch PRGS.

Allerdings ist in dem Papier explizit von einem "Auftrag" die Rede. An einer Stelle, an der es um diverse politische Gespräche geht, heißt es: "Selbstverständlich wurden diese Gespräche ohne Nennung E.ons oder des Auftrags geführt." Der Energiekonzern und die Unternehmensberatung bleiben trotzdem bei ihrer Darstellung: Es habe keinen Auftrag von E.on an PRGS zum Verfassen des Strategiepapiers gegeben. Der in dem Text erwähnte "Auftrag" müsse sich auf andere Tätigkeiten beziehen, die PRGS für E.on übernommen habe - zum Beispiel das Erstellen von Flyern.

"Ich halte das nicht für glaubwürdig", sagt dazu Tobias Münchmeyer, der stellvertretende Leiter der Greenpeace-Vertretung in Berlin. "Niemand erstellt eine ausführliche, 109-seitige Studie einfach umsonst."

Fest steht: PRGS war zu dem fraglichen Zeitpunkt für E.on tätig - auch wenn sich nicht klären lässt, wie das konkrete Strategiepapier entstanden ist. Damit war die Unternehmensberatung Teil der in Berlin aktiven Energielobby. Schon allein deshalb ist der Schriftsatz interessant - denn er verrät einiges über die Vorgehensweise der Lobbyisten.

"Angst vor Russland nutzen"

In dem Papier betonen die Autoren mehrfach, wie wichtig die Argumente Versorgungssicherheit und Klimaschutz für die Pro-Atom-Strategie seien. "Mit diesen beiden Themen kann E.on die emotionalen Bedürfnisse in der Bevölkerung befriedigen."

Als Variante biete sich aber auch das Thema Importabhängigkeit bei Erdgas an, um "die Ängste vor einer russischen Dominanz zu nutzen". Mit anderen Worten: Weil russisches Erdgas eine unsichere Sache sei, stehe die Atomkraft umso besser da. An anderer Stelle heißt es: "Dieses geostrategische Thema weckt historisch tradierte Ängste vor Russland. Diese Ängste kann E.on für sich nutzen."

Der Passus ist äußerst heikel: Schließlich ist E.on selbst in Russland engagiert, um Erdgas nach Deutschland zu importieren. Die Vertragspartner in Moskau dürften über die Formulierung in dem Strategiepapier kaum erfreut sein.

Um die Wahlkampfplanung umzusetzen, empfehlen die Studienautoren einen konkreten Zeitplan. Demnach sollte es im ersten Quartal 2009 vor allem Gespräche mit Vertretern von Union und FDP geben. "Der Ansprechpartner soll dadurch in seinem energiepolitischen Weltbild bekräftigt und für die anstehenden Debatten argumentativ aufgerüstet werden."

Ab dem zweiten Quartal 2009 sollte E.on dann in die öffentliche Debatte einsteigen - natürlich mit den Themen Klimaschutz und Versorgungssicherheit. "Dies geschieht durch eine 'leise' Kommunikationskampagne (viel 'Aufklärungsarbeit' mit den Medien bzw. diskrete PR)", heißt es in dem Strategiepapier. "'Laute' PR mobilisiert hingegen die Gegner unnötig."

Gleichzeitig geben die Studienautoren die Risiken der Atomenergie offen zu: "Emotional besetzte Themen wie die Kernkraft bergen immer die Gefahr, dass sie aufgrund externer Ereignisse (z.B. Schadensfall in einem osteuropäischen Kraftwerk) an Dynamik gewinnen."

U-Boot-Strategie für die SPD

Außerdem werden in dem Papier die einzelnen Parteien genau analysiert. Über CDU/CSU heißt es: "Beim kleinsten Störfall wird der Union das Wahlkampfthema Kernkraft auf die Füße fallen." Generell könne die "Positionierung pro Kernenergie" aber als gesichert gelten, unter anderem dank Fraktionschef Volker Kauder und Energiekoordinator Joachim Pfeiffer.

Zur SPD schreiben die Autoren, sie stehe fest zum Atomausstieg. Deshalb sei im Fall einer Neuauflage der Großen Koalition "eine Laufzeitverlängerung unmöglich". Ein wie auch immer gearteter Kompromiss "würde für die SPD als 'Umfallen' gewertet".

Mit Bedauern konstatieren die Autoren, dass der Wirtschaftsflügel der SPD zurzeit geschwächt sei. Als Gründe werden angeführt:

  • der Abgang des ehemaligen Wirtschaftsministers Wolfgang Clement
  • der Rückzug des wirtschaftspolitischen Sprechers Rainer Wend
  • das Bekanntwerden einer "allzu großen Nähe zu Energieversorgern" einzelner Abgeordneter. Namentlich genannt wird Reinhard Schultz.

Grundsätzlich empfiehlt das Papier, "die Möglichkeiten für eine kooperative Haltung in der SPD auf längere Sicht auszuloten". Einzelne Parteimitglieder, die als heimliche Atombefürworter gelten, sollten gezielt angesprochen werden - eine Art U-Boot-Strategie.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich führende Genossen öffentlich pro Atom äußern, sei jedoch "nach den Erfahrungen mit Wolfgang Clement im hessischen Wahlkampf sehr gering". Clement hatte den Anti-Atom-Kurs der hessischen SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti scharf kritisiert, was parteiintern einen Sturm der Entrüstung auslöste. Mittlerweile hat Clement die SPD verlassen und arbeitet für den Energiekonzern RWE.

Über die FDP heißt es, ihre energiepolitischen Ziele stünden "in großem Einklang" mit denen der Union. Über Die Linke schreiben die Atomlobbyisten knapp: "Das einfache Strickmuster der Linkspartei gilt auch in der Energiepolitik: Protest pur." Als echte Gegner werden nur die Grünen wahrgenommen: Sie hätten das größte Anti-Atom-Mobilisierungspotential.

Detailliert untersuchen die Autoren auch die Rolle der Medien. In einer Liste werden Energie-Journalisten aufgeführt - jeweils mit ihrer angeblichen politischen Ausrichtung: schwarz-gelb, schwarz-grün, schwarz-rot, gelb-grün, rot-grün.

Namentlich genannt werden Redakteure von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE sowie "Financial Times Deutschland", "Welt", "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Rundschau", "taz", "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", "Wirtschaftswoche" und "Handelsblatt".

SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE werden ebenso wie "FTD", "SZ", "FR" und "taz" als atomkritisch wahrgenommen, dagegen wird der "FAZ", der "Wirtschaftswoche" und dem "Handelsblatt" ein Pro-Atom-Kurs unterstellt. Lediglich die "Welt" nehme "eine vermittelnde Position zwischen den Lagern" ein, schreiben die Autoren.

Generell fürchtet die Atomlobby offenbar die Macht der Medien. "Die sachliche Debatte pro Kernenergie wird durch Negativ-Ereignisse (z.B. Störfall, Endlager-Probleme) immer wieder gedeckelt", heißt es in dem Papier. E.on müsse deshalb alles daran setzen, "Emotionen" aus der Berichterstattung heraus zu halten. Andernfalls drohe dem Konzern ein "schädlicher Medientenor im Wahlkampf".

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Textes wurden die Namen der Journalisten veröffentlicht. Aufgrund von Bedenken einiger Betroffener wurde diese Übersicht entfernt.

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Forum - Kernenergie - längere Laufzeiten trotz Reaktorpannen?
insgesamt 2342 Beiträge
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1.
Rainer Eichberg 11.07.2009
Zitat von sysopDie Kernenergie ist wieder diskutabel gewonnen, auch ein Ausstieg aus dem Ausstieg wird von Politikern erwogen. Wie zukunftsfähig ist die Atomenergie heute? Sollen die Reaktorlaufzeiten trotz der aktuellen Pannen verlängert werden?
Ja. Alles andere wäre Blödsinn. Der Strom würde sonst im Ausland eingekauft, und auch da bekommen wir wieder Atomstrom. Nur halt nicht Atomstrom "made in Germany". Und ob in Frankreich ein Reaktor in die Luft geht, in Polen oder in der Tschechei, ist ziemlich egal - es würde uns dennoch treffen.
2.
WillyWusel 11.07.2009
Zitat von Rainer EichbergJa. Alles andere wäre Blödsinn. Der Strom würde sonst im Ausland eingekauft, und auch da bekommen wir wieder Atomstrom. Nur halt nicht Atomstrom "made in Germany". Und ob in Frankreich ein Reaktor in die Luft geht, in Polen oder in der Tschechei, ist ziemlich egal - es würde uns dennoch treffen.
Sie und Ihr Nachbar stehen jeweils mit MG ausgerüstet einem gefesselten Mann gegenüber. Sie meinen, es ist kein Unterschied, ob Sie den Mann an der Wand erschiessen oder Ihr Nachbar? Tot ist der sowieso? Schon mal was von Verantwortung für sein eigenes Tun gehört?
3. Söder und Ramsauer sind realitätsblind
kellitom 11.07.2009
Herr Söder droht den Menschen damit, dass die CSU Strom aus Tschernobyl importieren müßte, wenn in Deutschland die Laufzeiten nicht verlängert würden.In einem Fernsehinterview. Der Ausspruch, blöd, blöder Söder bekommt hier eine ganz neue Berechtigung, denn in Tschernobyl wird schon lange gar kein Stropm mehr hergestellt. Alles abgeschsltet dort, Herr Söder. Alle 6 Blocks. Aber als Umweltminister in Bayern muss er so etwas nicht wissen. Dort kann selbst ein Söder Umweltminister werden und bleiben. Und Herr Ramsauer entblödet sich nicht zu sagen, dass es in Krümmel im egentlichen Inneren des Atommeilers keinerlei Probleme geben. Wo sind denn die Brennstäbelchen, Herr Ramsauer? Schweben die außen vorbei???? Oh weh, oh weh, die CSU verliert jegliche Glaubwürdigkeit. Hoffentlich merken das die Bayern VOR der Bundestagswahl, denn danach ist es zu spät.
4.
flowpower22 11.07.2009
Zitat von Rainer EichbergJa. Alles andere wäre Blödsinn. Der Strom würde sonst im Ausland eingekauft, und auch da bekommen wir wieder Atomstrom. Nur halt nicht Atomstrom "made in Germany". Und ob in Frankreich ein Reaktor in die Luft geht, in Polen oder in der Tschechei, ist ziemlich egal - es würde uns dennoch treffen.
Es macht eben schon einen Unterschied. Glauben sie es oder nicht, aber die Welt schaut schon auf das was Deutschland macht. Wenn wir weiter mit Siemens die Speerspitze der Atomstrombewegung spielen, so werden die Bedenken in der Welt zerstreut. Aber es wird dann eben so sein wie immer. Die ärmeren Länder rechnen bei Sicherheitstandards vieles runter im Vergleich zu Deutschland. Auch diese sonderbare Haltung es bliebe uns quasi gar nichts anderes übrig halte ich für grossen Käse. In den 70'er Jahren gab es von der Politik verordnete Autofreie Sonntage um Sprit zu sparen. Das waren die schönsten Sonntage seit lange. Niemand hat diese Dreckskisten auch nur eine Sekunde vermisst.
5.
flowpower22 11.07.2009
Zitat von kellitomHerr Söder droht den Menschen damit, dass die CSU Strom aus Tschernobyl importieren müßte, wenn in Deutschland die Laufzeiten nicht verlängert würden.In einem Fernsehinterview. Der Ausspruch, blöd, blöder Söder bekommt hier eine ganz neue Berechtigung, denn in Tschernobyl wird schon lange gar kein Stropm mehr hergestellt. Alles abgeschsltet dort, Herr Söder. Alle 6 Blocks. Aber als Umweltminister in Bayern muss er so etwas nicht wissen. Dort kann selbst ein Söder Umweltminister werden und bleiben. Und Herr Ramsauer entblödet sich nicht zu sagen, dass es in Krümmel im egentlichen Inneren des Atommeilers keinerlei Probleme geben. Wo sind denn die Brennstäbelchen, Herr Ramsauer? Schweben die außen vorbei???? Oh weh, oh weh, die CSU verliert jegliche Glaubwürdigkeit. Hoffentlich merken das die Bayern VOR der Bundestagswahl, denn danach ist es zu spät.
Ich kann nur hoffen, dass die Bayern endlich aufwachen und dieser CSU mal die rote Karte zeigen werden in ein paar Wochen. Das wäre ein sehr gutes Zeichen und ein Sieg für das schöne Bayernland.
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Atommüll: Schwierigkeiten bei der Endlagerung

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Atom-Comeback: Ja oder nein?

Sollen die Laufzeiten für die deutschen Kernkraftwerke verlängert werden?


Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.
Fotostrecke
"Mal richtig abschalten": Großkundgebung gegen Atomkraft