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Hans-Werner Sinn über Einwanderer: "Ich vermute per Saldo immer noch einen großen Gewinn"

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"Wie die Einwanderung nach Deutschland derzeit läuft, läuft sie falsch und ist ein großes Verlustgeschäft." So beginnt ein Aufsatz von Hans-Werner Sinn in der FAZ. Doch im Interview mit SPIEGEL ONLINE stellt der Ökonom klar: Zuwanderer bringen dem Land mehr, als sie kosten.

Hans-Werner Sinn: Findet Migration gut Zur Großansicht
REUTERS

Hans-Werner Sinn: Findet Migration gut

SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Sinn, Deutschland diskutiert über die antiislamischen Kundgebungen von Pegida, da platzen Sie mit einer provokanten These in die Debatte: Anders als bislang angenommen, würden Migranten den Staat mehr Geld kosten als sie ihm einbringen. Haben Sie sich den Zeitpunkt dafür eigentlich bewusst ausgesucht, um die Wirkung Ihrer Worte zu maximieren?

Sinn: Ich habe auf die Fehldeutungen der Studie des Arbeitsmarktforschers Holger Bonin in der Presse reagiert, die in den letzten Wochen die Runde machten. Mit den Pegida-Demonstrationen oder der AfD habe ich nichts zu tun. Diese Untersuchung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ist in weiten Teilen der Presse als Beleg dafür interpretiert worden, dass Migranten dem Staat netto Einnahmen bringen.

SPIEGEL ONLINE: Und das sehen Sie anders?

Sinn: Das sieht auch der Autor anders. Er berechnet einen Überschuss der staatlichen Einnahmen über die Sozialtransfers und die Schulkosten. Er betont aber selbst, dass die fiskalische Bilanz der Ausländer ins Defizit gerät, wenn man ihnen die allgemeinen Staatsausgaben wie Verteidigung, Infrastruktur, Rechtssystem, Polizeikosten und Ähnliches anteilig zurechnet. Auf Seite 56 seiner Studie heißt es explizit, dass die Gesamtbilanz des durchschnittlichen Migranten stark negativ wird, wenn man alle Kosten des Staates abzieht. Bonin kommt bei einer Lebenszyklus-Analyse auf ein Defizit pro Migrant von 79.100 Euro. Darüber hat die Presse nicht berichtet. Ifo hat statt dessen Bonins Jahresanalyse um die fehlenden laufenden Kosten erweitert und kommt auf ein jährliches Minus von 1800 Euro statt der in der Presse kolportierten 3300 Euro plus. So wie die Migration in Deutschland derzeit läuft, ist sie für den Staat ein Verlustgeschäft.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?

Sinn: Das liegt einfach daran, dass die Migranten im Schnitt nur über eine geringe Qualifikation verfügen, wenig verdienen und somit von der Umverteilungspolitik des Staates profitieren. Ich sage aber nicht, dass die Migration für das Land insgesamt negativ ist. Neben den fiskalischen gibt es positive volkswirtschaftliche Effekte der Migration, vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Die stehen völlig außer Frage.

SPIEGEL ONLINE: Gleich am Anfang ihres Aufsatzes in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" steht aber: "Wie die Einwanderung nach Deutschland derzeit läuft, läuft sie falsch und ist ein großes Verlustgeschäft." Wo bitte unterscheiden Sie in diesem Satz zwischen Staat einerseits und gesamter Volkswirtschaft andererseits?

Sinn: Sie wissen doch sicher, dass Titel und Vorspann von Namensbeiträgen stets von der Redaktion und nicht vom Autor stammen. Dies war eine Verkürzung, die nicht von mir stammt und von der ich nicht einmal wusste, bis Sie mich darauf hinwiesen. Aber lesen Sie bitte meinen Text aus der Printausgabe. Ich sage ganz klar: Es gibt neben den fiskalischen auch die Arbeitsmarkt-Effekte der Migration, und die sind positiv. Grundsätzlich erzeugen Migranten mehr Sozialprodukt, als sie selbst an Lohn bekommen. Es kommt deshalb zu einem Realeinkommensgewinn der bereits ansässigen Bevölkerung in ihrer Gesamtheit. Und ich sage dort auch, dass Deutschland wegen seiner absehbaren Rentenprobleme gar keine andere Wahl hat als immer mehr Migranten hereinzulassen, wenn es den eigenen Bevölkerungsschwund auch nur halbwegs ausgleichen will.

SPIEGEL ONLINE: Also nochmal im Klartext: Ist Migration für Deutschland unterm Strich nun ein Verlustgeschäft oder nicht?

Sinn: Ich vermute einmal, dass sie trotz der vermeidbaren Fehlentwicklungen per Saldo immer noch einen großen Gewinn bedeutet. Dafür spricht nicht nur die Migrationstheorie, sondern auch der Blick auf die deutsche Immigrationsgeschichte der letzten Jahrhunderte. Wir brauchen die Migration wegen des Rentenproblems und auch für den Arbeitsmarkt.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie nun aber das Problem?

Sinn: Meine Zweifel beziehen sich allein auf den Umstand, dass wir von unserem Sozialstaat subventionierte Billiglöhner ins Land locken, die nach den Statistiken der OECD vergleichsweise gering qualifiziert sind. Das ist teuer und verschärft die sozialen Probleme. Wir brauchen auf jeden Fall hinreichend qualifizierte Zuwanderung aus Drittländern außerhalb der EU. Das sollten wir über ein Punktesystem regeln, so wie es zum Beispiel Kanada praktiziert. Das ist übrigens eine alte Forderung der SPD.

SPIEGEL ONLINE: Einverstanden, aber da haben wir bislang eher ein Nachfrageproblem: Hochqualifizierte von außerhalb der EU zieht es kaum nach Deutschland.

Sinn: Das mag so sein. Wir können aber für unser Land werben und uns dann die Migranten mit einem Punktesystem aussuchen.

SPIEGEL ONLINE: Faktisch lässt sich damit nur ein sehr kleiner Teil der Zuwanderung beeinflussen. Ein Großteil der Zuwanderer kommt aus der EU, und in der herrscht Freizügigkeit. Wollen Sie die einschränken?

Sinn: Nein, im Gegenteil. Ich sehe wegen des EU-Prinzips der Inklusion aller Migranten in den Sozialstaat des Gastlandes derzeit die Gefahr, dass Länder ihre Grenzen dicht machen. Denken Sie nur an die überaus rigorosen Maßnahmen der Franzosen und die neuerliche Diskussion in Großbritannien. Wenn wir hingegen die Sozialleistungen für Personen, die nicht arbeiten, nach dem Heimatland-Prinzip organisieren, können wir die Freizügigkeit verbessern. Bedürftige EU-Bürger erhalten die steuerfinanzierten Sozialleistungen grundsätzlich im Heimatland, und es steht ihnen völlig frei, sie in einem Land ihrer Wahl zu konsumieren. Also völlige Freizügigkeit bei Abschaltung des Wohlfahrtsmagneten. Für arbeitende Ausländer würde ich freilich nichts ändern.

SPIEGEL ONLINE: Das von ihnen geleitete ifo-Institut errechnet, dass jeder Migrant die Staatskasse im Schnitt 1450 Euro pro Jahr kostet, wenn man die allgemeinen Staatsausgaben abzüglich Verteidigungsausgaben anteilig auf die Migranten umlegt. Ohne Zuwanderung hätten wir in Deutschland aber schon lange eine schrumpfende Bevölkerung. Die Migranten helfen doch eher, eine öffentliche Infrastruktur auszulasten, die sonst teuer und konfliktträchtig zurückgebaut werden müsste. Wäre es nicht fairer, ihnen nur die Grenzkosten zuzurechnen? Also die tatsächlichen zusätzlichen Ausgaben, die sie für den Staat verursachen?

Sinn: Fast alle Kosten, die kurzfristig als Fixkosten erscheinen, sind langfristig variabel. Wir haben mit den langfristigen Grenzkosten gerechnet, so wie es bei vergleichbaren Studien Standard ist. Zehn Prozent mehr oder weniger Bevölkerung machen zehn Prozent mehr oder weniger Staatsausgaben.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht eine reichlich realitätsfremde Sicht? Man muss sich doch nur mal anschauen, welche Konflikte es auslöst, wenn wegen der sinkenden Einwohnerzahl in Ostdeutschland Schulen oder Polizeireviere geschlossen werden müssen.

Sinn: Wir reden bei der Frage der Immigrationspolitik über extrem langfristige Effekte. Überlegen Sie einmal wie viele staatliche Strukturen in den neuen Bundesländern allein schon in den letzten 25 Jahren abgeschafft oder neu eingerichtet wurden. Nein, solche Aspekte spielen nur eine untergeordnete Rolle. Und meinen Sie allen Ernstes, Immigration sei gut, weil wir dann unsere Polizeireviere besser auslasten können? Ich halte solche Argumente für abwegig. Im Übrigen: Wenn es so wäre, dass es langfristige Fixkosten der öffentlichen Verwaltung gibt, dann müssten kleine Länder einen größeren Staatsanteil als große Länder haben. Davon kann nicht die Rede sein.

SPIEGEL ONLINE: Diese kleinen Länder waren schon immer klein. Wir reden aber über eine Bevölkerung, die in Deutschland ohne Zuzug schrumpfen würde. Es gibt kaum praktische Erfahrungen, wie sich da die Staatsausgaben proportional reduzieren lassen.

Sinn: Diese Auffassung mag an Ihrer Hamburger Perspektive liegen. Denn das ist doch schon geschehen: die massive Zusammenlegung von Gemeinden, zum Beispiel in Brandenburg, oder die Fusion von Kreisen in Mecklenburg-Vorpommern. Aber sei's drum. Wenn Sie unbedingt mit kurzfristigen Grenzkosten argumentieren wollen, müssen sie zumindest die vollständigen Grenzkosten zugrunde legen. Die beinhalten auch die so genannten Ballungsexternalitäten. Also zum Beispiel die Staukosten auf der Straße, die Wartezeiten in den Behörden oder die Gefährdung der Bevölkerung durch den unzulänglichen Strafvollzug einer total überlasteten Justiz.

SPIEGEL ONLINE: Wegen der Zuwanderer stehen wir also häufiger im Stau. Ist das denn wirklich relevant?

Sinn: Nachteile aus der gegenseitigen Behinderung der Nutzer gibt es außer bei der Verteidigung praktisch bei allen öffentlichen Einrichtungen. Das ist ein fundamentaler Aspekt von sogenannten Klubgütern, wie sie von den Staaten nun einmal angeboten werden. Würde man die Grenzballungskosten berücksichtigen, käme man zu noch höheren Kosten der Migration, als wir sie im ifo Institut in unserer Studie ausgewiesen haben. Eine Analyse, die nur auf die kurzfristigen pekuniären Grenzkosten abstellt, wäre aus ökonomischer Sicht grob fehlerhaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie von einem ernst zu nehmenden Ökonomen vorgenommen würde.

SPIEGEL ONLINE: Treibt Sie eigentlich die Sorge um, dass Sie mit ihren Debatten-Beiträgen den intellektuellen Überbau für Pegida und Co. liefern könnten?

Sinn: Ich meide Pegida. Und auch die AfD, um das auch gleich zu sagen, denn Sie haben mich ja schon in deren Nähe gerückt. Ich meide überhaupt die politischen Parteien oder politische Aktionsbündnisse. Ich bin ganz und gar unabhängig, übrigens auch unabhängig von privaten Geldgebern, denn ich arbeite an der Universität und für ein staatlich gefördertes Institut. Deswegen möchte ich mit meinen Argumenten nicht in irgendwelche politische Schubladen gesteckt werden, wie dies immer mal wieder versucht wird, sondern einfach nur Rationalität, Klarheit und Wahrheit in die öffentliche Debatte bringen. Die einzige Schublade, in die ich gehöre, ist die des Fachvolkswirts.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Kluger Mann
Eutighofer 03.01.2015
Die Argumentation des SPIEGELS, Infrastruktur werde immer gleich viel kosten, egal ob die Bevölkerung wachse oder schrumpfe ist abenteuerlich. Natürlich werden bei schrumpfender Bevölkerung Kosten reduziert da Schulen geschlossen, Behörden verkleinert, Buslinien eingestellt werden.
2.
zauselfritz 03.01.2015
Zitat von EutighoferDie Argumentation des SPIEGELS, Infrastruktur werde immer gleich viel kosten, egal ob die Bevölkerung wachse oder schrumpfe ist abenteuerlich. Natürlich werden bei schrumpfender Bevölkerung Kosten reduziert da Schulen geschlossen, Behörden verkleinert, Buslinien eingestellt werden.
Nix da abenteuerlich. Einfach mal den ursprünglichen Artikel des SPON zum UnSinn (oder wars jetzt doch alles nur wieder mal ein Missverständnis?) von Herrn Sinn lesen. Da wird glasklar zwischen Infrastruktur die bei schrumpfender Bevölkerung ebenfalls schrumpft und der Infrastruktur die genau so bleibt - z.b. Strassen, Brücken, Tunnels, Wasser- und Abwasser,infrastruktur Energie, Beamtenapparat abseits der Lehrer (Beamten kannst du nicht einfach feuern und gut ist, die kosten idr ihr Leben lang Geld!) usw. unterschieden.
3.
hotgorn 03.01.2015
Und wie gedenkt herr Sinn die Menschen auszubilden? Ein streichen der sozialen Ausgaben hat nicht den Effekt das Menschen sich mehr bilden sondern 2 oder 3 Jobs annehmen und dann noch weniger Zeit für Bildung und Kinder haben. Aber das interessiert Sinn nicht er ist ja Onkel im wirtschaftsinstitut und muss nicht richtig arbeiten.
4.
kiwir 03.01.2015
Zitat von zauselfritzNix da abenteuerlich. Einfach mal den ursprünglichen Artikel des SPON zum UnSinn (oder wars jetzt doch alles nur wieder mal ein Missverständnis?) von Herrn Sinn lesen. Da wird glasklar zwischen Infrastruktur die bei schrumpfender Bevölkerung ebenfalls schrumpft und der Infrastruktur die genau so bleibt - z.b. Strassen, Brücken, Tunnels, Wasser- und Abwasser,infrastruktur Energie, Beamtenapparat abseits der Lehrer (Beamten kannst du nicht einfach feuern und gut ist, die kosten idr ihr Leben lang Geld!) usw. unterschieden.
Eben deswegen sind das ja eben keine Fixkosten. Herr Sinn spricht ja ausdrücklich von "extrem langfristige[n] Effekte[n]".
5. ...da will aber einer mal so gar nicht verstehen...
prisma-4d 03.01.2015
...das es politisch nicht gewollt ist die Zuwanderungspolitik zu kritisieren. Wer hat den angefangen mit den "Kosten pro Zuwanderer"? ...und dann unvollständig (und damit falsch und tendenziös) zu zitieren? Und warum sind alle plötzlich Pediga und AFD wenn man der Regierung gegen redet? In USA nannte man das McCarty-Ära. Da war jede unbequeme Wahrheit = Kommunissmus. Und heute bei uns: Jedem ist klar das sozial schwache dem Staat mehr Geld kosten als die "Leistungsträger" ... darum sind wir auch ein Sozialstaat. Das der Zuwanderer und Migrationshintergrund-Anteil an den sozial Schwächeren größer ist, ist auch bekannt. Und wir sollte nicht vergessen: Hartz 4 und viele neue "Sozialgesetze" (witzigerweise vor allem von der SPD) zielen darauf ab, die ausufernden Kosten unserer (ansich guten) Sozialgesetzt im Zaum zu halten. Währe es deswegen nicht konsequent den Bereich "Zuwanderung als Sozialproblem" auch Gesetzgeberisch anzugehen? Was ist daran "Ausländerfeindlich" oder gar "Pediga" Man muß Sinn nicht mögen. Doch als Wissenschaftler hat er recht, wenn er fordert, alle Zahlen der Studie zu nennen. Und der Blödsinn mit den "Grenzkosten" und das diese ja nicht mehr werden wenn ein "paar" Zuwanderer hinzukommen. Wieviele Amtsstellen, Gefängniskosten und Polizeiposten liesen sich einsparen wenn wir unsere Migranten nicht hätten? - Nein ich fange nicht an so einen Blödsinn berechnen zu wollen... sondern will nur aufzeigen wie tendenziös diese Grenzkosten-Betrachtung ist.
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