Hartz-IV-Biografie "Geld allein rettet niemanden"

Undine Zimmer hat Kindheit und Jugend auf Sozialhilfeniveau verbracht. Solange sie denken kann, seien ihre Eltern arbeitslos gewesen, erzählt die 33-Jährige im Interview. Sie hat ein Buch über die Zeit geschrieben - und nun die Seiten gewechselt.

Undine Zimmer: Autorin des Buchs "Nicht von schlechten Eltern"
Andreas Labes

Undine Zimmer: Autorin des Buchs "Nicht von schlechten Eltern"


SPIEGEL: Frau Zimmer, Ihre Eltern waren immer von Sozialhilfe abhängig. Wie fühlt es sich an, zur Unterschicht zu gehören?

Zimmer: Den Begriff benutze ich eher als Provokation. Natürlich hatten wir wenig Geld. Aber wir fühlten uns irgendwie gar keiner Schicht zugehörig, was vielleicht ein bisschen das Besondere an meiner Familie war. Meine Mutter zum Beispiel interessierte sich immer für Literatur und klassische Musik und übertrug auf mich auch den Traum, mal zu studieren.

SPIEGEL: Was bedeutet Armut in einem reichen Land wie der Bundesrepublik?

Zimmer: Für mich basierte Armut natürlich auch auf der Knappheit finanzieller Mittel. Dazu kam aber das Gefühl, in einer Situation gefangen zu sein, die man nicht selber gestalten kann. Meist kommt da noch irgendein Problem dazu. Bei mir war's die soziale Isoliertheit meiner Eltern.

SPIEGEL: Sie waren drei Jahre alt, als Sie mit Ihrer alleinerziehenden Mutter zum ersten Mal auf ein Arbeitsamt mussten und sie wegen eines mürrischen Sachbearbeiters in Tränen ausbrach. Was tat Ihnen selbst am meisten weh?

Zimmer: Das Gefühl, meine Mutter nicht verteidigen zu können. Später in der Schule hatte ich oft das Gefühl, dass die anderen einfach die schöneren Kleider hatten. Bei mir kam so ein undefinierbares Gefühl dazu, mich in meiner Haut nicht wohl zu fühlen, irgendwie nicht normal zu sein. Andererseits gewöhnt man sich als Kind schnell an viele Dinge. Meine Mutter war auch ziemlich geschickt darin, mich den Mangel so wenig wie möglich spüren zu lassen. Dienstags und donnerstags war bei uns immer Wochenmarkt, auf dem es Pommes gab. Einmal habe ich zu Hause all meine Spargroschen zusammengekratzt, um mir da eine Portion zu leisten. Wenn Sie so wollen, war das auch ein wunderbares Erlebnis.

SPIEGEL: Ihr Buch möchte auch zeigen, dass nicht alle Hartz-IV-Empfänger dem Klischee der Verlierer, Arbeitsverweigerer oder Vollprolls entsprechen, wie man sie von RTL II kennt. Ist es nicht aber ähnlich pauschal, wenn Sie Sozialhilfeempfänger zu "unsichtbaren Helden" küren?

Zimmer: So nenne ich nur meine Eltern. Aber schauen Sie sich Hunderttausende alleinerziehende Mütter im Land an. Die halte ich schon für Alltagsheldinnen angesichts der Probleme, die sie zu stemmen haben. Das ist eine unheimliche Kraftanstrengung, von der diese Frauen über viele Jahre auch nie Pause machen können.

SPIEGEL: Wem geben Sie die Schuld am Arbeitslosen-Elend Ihrer Eltern?

Zimmer: Niemandem.

SPIEGEL: Es gibt doch so viele Erklärungsmuster: der böse Kapitalismus, eine gleichgültige Gesellschaft, ein falsch fördernder Staat, ein schwieriger Arbeitsmarkt, manchmal ja sogar das Unvermögen des Individuums.

Zimmer: Okay, dann ist alles schuld und zugleich nichts. Oft sind ja nur Zufälle ausschlaggebend, ob jemand wieder Schritt fasst oder aus der Bahn fliegt.

SPIEGEL: Im Wahlkampf wurde in den vergangenen Monaten vielfach mehr soziale Gerechtigkeit und Umverteilung eingefordert. Wie haben Sie das erlebt?

Zimmer: Das ist jetzt peinlich für mich, aber ich lese viel zu wenig über die Parteiprogramme. Die Worte zählen für mich nicht so sehr. Das sind alles erst mal nur Versprechungen oder Absichtserklärungen. Ich weiß auch immer noch nicht, wen ich wählen soll.

SPIEGEL: Wie hat es Ihre Mutter eigentlich geschafft, Ihnen die Ausbildung zu ermöglichen? Sie haben nach dem Studium jetzt zwar selbst fünfstellige Bafög-Schulden, aber das Geld reichte ja sicher nicht.

Zimmer: Typisch für uns war wahrscheinlich auch, dass wir nicht mal wussten, was es alles für Fördertöpfe gibt für sozial Schwache. Die Strategie meiner Mutter war immer, sich jeden Groschen vom Mund abzusparen, um bestimmte Träume irgendwann wahr werden zu lassen. So hat sie mir auch Ballett- und Klarinettenunterricht möglich gemacht. Ich weiß bis heute nicht, wie sie es geschafft hat, mir auch noch das Instrument zu kaufen. Sie hat extrem an sich gespart. Ein Stück weit hat sie sich für mich aufgegeben.

SPIEGEL: Öffnet Bildung Türen?

Zimmer: Das ist echt die Frage… Aber doch, ja, ich denke schon. Nur öffnen sich vielleicht nicht immer gleich die, die man selbst im Auge hatte. Ich selbst wäre wohl eher nicht für so eine durchstrukturierte Berufsausbildung in Frage gekommen. Aber im Studium habe ich dann eben auch viele kennengelernt, denen es im Zweifel wie mir selbst wichtiger war, sich mal ein Buch zu kaufen als neue Klamotten. Bildung hat mir ermöglicht, mein Leben selber zu gestalten.

SPIEGEL: Manchen gelten Sie als Beweis dafür, dass man sich eben doch von ziemlich weit unten hochkämpfen kann. Wie beurteilen Sie die viel kritisierte soziale Durchlässigkeit des Landes?

Zimmer: Theoretisch sind die Wege nach oben da, aber man muss sie immer noch selbst einfordern. Ich konnte dank Bafög direkt nach der Schule studieren. Aber es gab eben auch vieles, worauf mich meine Mutter nicht vorbereiten konnte: die Konkurrenzkämpfe im Gymnasium, die Small Talks in der Uni… Gleichzeitig ist es gerade für Leute wie mich unglaublich mühsam, wenn man eben nicht immer jemanden hat, der an einen glaubt. Wer wie ich nicht in so ein behütetes Umfeld reingeboren wurde, mag da dünnhäutiger sein. Und dauernd beschleicht einen das Gefühl, dass man vielleicht doch nicht genug leistet.

SPIEGEL: Haben Sie eigentlich Ihre Eltern je um Erlaubnis darum gebeten, deren Leben öffentlich auszubreiten?

Zimmer: Ja, klar. Ich hätte das nie geschrieben und auch nicht schreiben können, wenn sie nicht einverstanden gewesen wären. An vielen Stellen habe ich mit ihnen um Worte gefeilscht. Manchmal gab es die Angst: Werde ich vorgeführt? Das Schreiben hat uns allen geholfen. Manchmal war es schmerzhaft. Manchmal haben wir geweint. Unser Verhältnis zueinander ist intensiver geworden. Wir verstehen uns heute besser. Ich weiß nicht, ob man das verstehen kann, aber die Arbeit am Buch* hat mir etwas vom Glück der Kindheit zurückgegeben, die ich damals oft als trist empfunden habe.

SPIEGEL: Nach dem Studium von Publizistik, Literatur und Skandinavistik haben Sie einige Jahre als freie Journalistin gearbeitet. Wie prekär waren in dieser Zeit Ihre eigenen Lebensverhältnisse?

Zimmer: Die lagen so auf Bafög-Niveau. Ich kam gerade so über die Runden, aber auch nur, weil ich nebenher noch gekellnert habe.

SPIEGEL: Und wie kam es dazu, dass Sie nun ausgerechnet als Arbeitsvermittlerin in einem Jobcenter arbeiten?

Zimmer: Ich hatte eine Stellenanzeige gesehen und dachte: Damit kenne ich mich aus. Also bewarb ich mich einfach.

SPIEGEL: Hatten Sie den Eindruck, dass da Ihre Herkunft endlich mal ein Startvorteil war?

Zimmer: Das Schönste beim Bewerbungsgespräch war das Gefühl, dass ich mich mal gar nicht groß anstrengen oder verbiegen musste, sondern einfach ich sein konnte. Und ich hatte von vornherein Lust darauf, mich mit diesen Menschen zu beschäftigen. Eine Arbeitsagentur ist ja durchaus auch ein Ort, an dem ein Stück Sozialstaat umgesetzt wird.

SPIEGEL: Und - ist generell für Arbeitslose zu wenig Geld da oder wird es nur falsch verteilt?

Zimmer: Oje, schwere Frage! Sicher ist jeder zusätzliche Euro wichtig. Aber Geld allein rettet niemanden. Gerade für Kinder aus sozial schwachen Verhältnissen müssten sicher mehr Chancen geschaffen werden, Dinge zu erleben oder sich und ihre Talente auch einfach mal auszuprobieren. Es gibt da keine Patentrezepte. Es gibt ja auch nicht den Hartz-IV-Empfänger.

SPIEGEL: Worauf kommt's vor allem an?

Zimmer: Teilhabe. Man sollte sich nicht über jeden Flachbildfernseher eines Sozialhilfeempfängers lustig machen. Das Gerät kann ein Fenster zur Welt sein, wie Computer und Internetzugang.

SPIEGEL: Geben Sie's zu - aus Ihren Erfahrungen als Arbeitsvermittlerin machen Sie irgendwann Ihr nächstes Buch!

Zimmer: Oje, nein. Mein Job soll ja keine Undercover-Recherche sein, sondern meine berufliche Zukunft. Das ist eine Riesenverantwortung, der ich mich aber auch gern stelle. All die Fälle jeden Tag, all die Schicksale und Geschichten. Für mein erstes Buch habe ich über 30 Jahre gebraucht. Mit dem nächsten können Sie also möglicherweise zu meiner Verrentung rechnen.

SPIEGEL: Wie leben Ihr Vater und Ihre Mutter heute?

Zimmer: Im Prinzip genauso wie früher. Meine Eltern haben beide eine winzige Rente plus Grundsicherung. Ich bin froh, dass ich heute das Gefühl habe, ihnen auch mal helfen zu können. Meine Mutter musste neulich zum Zahnarzt. Das kostet ein paar hundert Euro. Sie hat das Problem, ganz wie früher, so gelöst, dass sie, um die Raten bezahlen zu können, drei Monate lang mit je 65 Euro zum Leben kalkuliert. Das kann ich nicht mehr zulassen.

SPIEGEL: Wie viel Geld hat sie monatlich konkret zur Verfügung?

Zimmer: Etwa 382 Euro, Minus 70 Euro Festkosten, abzüglich dem, was gerade auf dem Konto minus ist wegen größerer Anschaffungen wie zum Beispiel richtige Winterschuhe. Der Rest bleibt ihr zum Leben. Außerdem spendet sie monatlich 20 Euro an eine Hilfsorganisation für Kinder.

SPIEGEL: Welche Begleiterscheinungen der früheren Armut entdecken Sie noch an sich selbst?

Zimmer: Mein Freund lacht, wenn ich manchmal beim Einkaufen im Supermarkt den Taschenrechner raushole. Andererseits macht's mir ab und zu unglaublichen Spaß, irgendeine Kleinigkeit zu kaufen, ohne auf den Preis zu schauen. Das versteht sicher nicht jeder. Manchmal spüre ich aber auch noch diese Unsicherheit.

SPIEGEL: Die Angst, doch irgendwann so zu enden wie Ihre Eltern?

Zimmer: Auch die, ja. Oder dass ich mal den Job verliere könnte. Meine Reserven an emotionaler Sicherheit wären da schnell wieder aufgebraucht, glaube ich.


Das Interview führte Thomas Tuma


Buch-Angaben :

* Undine Zimmer: "Nicht von schlechten Eltern". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 256 Seiten; 18,99 Euro.

insgesamt 347 Beiträge
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Seite 1
jujo 07.09.2013
1. ....
Zitat von sysopAndreas LabesUndine Zimmer hat Kindheit und Jugend auf Sozialhilfe-Niveau verbracht. So lange sie denken kann, seien ihre Eltern arbeitslos gewesen, erzählt die 33-Jährige im Interview. Sie hat sie ein Buch über die Zeit geschrieben - und nun die Seiten gewechselt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/interview-mit-buchautorin-undine-zimmer-ueber-ihre-sozialhilfe-kindheit-a-920946.html
Eigentlich schade, das die Betroffenen, denen dieses Leben Mut machen könnte, diesen Bericht nicht lesen werden. Die nicht Betroffenen, welche ihn lesen, werden hoffentlich ihre Klischees und Abwertungen überdenken.
RALF ALG III 07.09.2013
2.
Zitat von sysopAndreas LabesUndine Zimmer hat Kindheit und Jugend auf Sozialhilfe-Niveau verbracht. So lange sie denken kann, seien ihre Eltern arbeitslos gewesen, erzählt die 33-Jährige im Interview. Sie hat sie ein Buch über die Zeit geschrieben - und nun die Seiten gewechselt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/interview-mit-buchautorin-undine-zimmer-ueber-ihre-sozialhilfe-kindheit-a-920946.html
Für mich - der ich die längste Zeit meines Lebens von Sozialhilfe bzw. Hartz IV gelebt habe - sind diese Einsichten nichts Neues. Ob mir die BA 5 Euro im Monat mehr oder weniger gibt, ist nicht entscheidend. Das ist höchstens für die Ministerin wichtig, die sich mit solchen Heldentaten brüstet. Liebe und Bildung sind wichtiger als Geld. Liebe bekommt man allerdings selten geschenkt, wenn man ohne Geld dasteht. Bleibt die Bildung. Jeder kann sich ein Reclam-Heft kaufen und Hölderlin lesen. Das geht sogar auf dem Wartegang des Jobcenters. Eine Jobmanagerin kann gar nicht so widerlich sein, dass sie mir den Tag verdirbt, solange ich die göttlichen Verse des Vergil oder Goethes Faust in der Tasche habe. Ich möchte mit meinem Plädoyer für Bildung aber nicht behaupten, es sei unwichtig, wie viel ein Arbeitsloser in Deutschland bekommt. 560 Euro im Monat (für einen Single) wären meines Erachtens angemessen.
nic 07.09.2013
3.
"Geld allein rettet niemanden" Vor was, familiären Problemen? Geld rettet einen vor der Armut und vielen mehr.
leroy 07.09.2013
4.
Ich bin auch unter sehr armen Verhältnissen groß geworden, Sohn einer Kriegerwitwe. Mein Verhältnis zu Geld und meine Stärke sich einzuschränken, ist heute mein großer Vorteil.
moin8smann 07.09.2013
5.
Dieser Teaser ist eine Unverschämheit - als wären ALG2-Bezieher und "normale" Beschäftigte zwei verfeindete Lager. Lächerlich und auf Bild-Niveau.
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