Finanzkrise "Die Märkte schreien nach immer mehr Geld"

Um die Finanzkrise zu bekämpfen, haben die Notenbanken die Finanzmärkte mit billigem Geld geflutet. Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel hält diese Politik für potentiell gefährlich und erklärt im Interview, warum sich die Finanzinstitute künftig auf härtere Zeiten einstellen müssen.

Börsenplatz Frankfurt: "Wir haben alles dafür getan, die Investoren zu verunsichern
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Börsenplatz Frankfurt: "Wir haben alles dafür getan, die Investoren zu verunsichern


SPIEGEL ONLINE: Griechenland ist gerettet, Länder wie Spanien und Italien bekommen von den Investoren wieder Geld zu vertretbaren Zinsen. Ist die Finanzkrise überstanden?

Nagel: Nein. Es ist zu früh, jetzt zu sagen, wir sind mit allem durch. Das Vertrauen der Banken untereinander ist noch nicht wieder ganz zurückgekehrt. Aber die ersten Monate in diesem Jahr sind zumindest besser gelaufen, als wir es erwartet hatten.

SPIEGEL ONLINE: Daran hatte auch die Bundesbank einen Anteil. Die Notenbanken des Euro-Systems haben die Märkte mit billigem Geld geflutet: Insgesamt haben sich die Geschäftsbanken dabei mehr als eine Billion Euro geliehen, die sie für drei Jahre behalten dürfen. Wo fließt dieses Geld hin?

Nagel: Das Geld wird derzeit zum großen Teil bei den Notenbanken des Euro-Systems geparkt. Im November hatten einige Institute erhebliche Schwierigkeiten sich zu refinanzieren, also sich am Markt frisches Geld zu leihen. Deshalb mussten wir diese außergewöhnliche Maßnahme ergreifen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass die Banken in den Krisenländern Südeuropas das geliehene Geld vor allem in Staatsanleihen ihrer Heimatländer investieren und diesen Staaten so helfen, ihre Schulden zu finanzieren?

Nagel: Dazu gibt es zwar keine belastbaren Zahlen, aber es ist naheliegend, dass Banken, die sich das Geld bei den Notenbanken besorgt haben, damit auch Staatsanleihen kaufen. Aber das war ja auch vor der Krise nicht ungewöhnlich.

SPIEGEL ONLINE: Hätte es ohne die Hilfen der Notenbanken in den vergangenen Monaten Bankpleiten in Europa gegeben?

Nagel: Klar ist, dass im November einige Banken kaum Zugang zum Markt hatten. Das ist eine Situation, in der es aus Notenbanksicht gerechtfertigt ist, zu solchen Mitteln zu greifen. Aber jetzt müssen wir aufpassen: Das System darf sich an diese überreichliche Versorgung mit Geld nicht gewöhnen. Die Banken müssen sich darauf einstellen, dass es damit irgendwann wieder vorbei sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Gefahr, dass die Banken anfangen, mit dem billigen Geld zu zocken und hohe Risiken einzugehen?

Nagel: Wir müssen aufmerksam beobachten, was mit dem Geld passiert. Noch parken die Institute einen Großteil bei den Notenbanken, aber dafür bekommen sie nur 0,25 Prozent Zinsen. Da sie selbst ein Prozent Zinsen bezahlt haben, ist das für sie auf Dauer ein schlechtes Geschäft. Es besteht also die Gefahr, dass die Banken Risiken eingehen, die wir eigentlich nicht sehen wollen. Für uns ist deshalb wichtig, dass wir jetzt schon über Ausstiegsszenarien reden und den Märkten signalisieren: Es ist nicht selbstverständlich, dass es so wie in den letzten Monaten weitergeht.

SPIEGEL ONLINE: Es sind ja nicht nur die hohen Summen und die lange Dauer der Leihgeschäfte: Auch die Anforderungen an die Sicherheiten, die die Notenbanken im Gegenzug für das Geld verlangen, wurden in der Krise drastisch gesenkt. Muss man nicht auch hier zurück zu strengeren Regeln?

Nagel: Die Qualität der Sicherheiten ist schlechter geworden. Wir akzeptieren mittlerweile Wertpapiere, die wir vor der Finanzkrise ganz sicher nicht genommen hätten. Deshalb hoffen wir auch hier, dass wir bald rauskommen aus der Krise und die Qualität der Sicherheiten wieder erhöhen können. Die Bundesbank hat diese Diskussion ja schon angestoßen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie da wieder rauskommen? Die Banken haben sich doch längst wie Süchtige daran gewöhnt, unbegrenzt billiges Geld zu bekommen.

Nagel: Finanzmärkte brauchen Orientierung. Die müssen wir ihnen frühzeitig geben. Unsere Botschaft ist: Wir sind in einer außergewöhnlichen Situation und haben zu außergewöhnlichen Maßnahmen gegriffen. Aber bald müssen die Banken wieder die Kraft haben, sich selbst am Markt zu refinanzieren. Das ist - um in Ihrem Bild zu bleiben - ein gradueller Entzug, den man frühzeitig mit klaren Ansagen vorbereiten muss. Die Finanzmärkte schreien sonst immer nach mehr Geld und tun so, als würde die Welt zusammenbrechen, falls sie es nicht bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Der Bundesbank scheint der Ausstieg aus der Krisenpolitik deutlich wichtiger zu sein als der Europäischen Zentralbank. Fühlen Sie sich von den Kollegen ausreichend unterstützt?

Nagel: Wir fühlen uns jedenfalls nicht isoliert. Es gibt immer einen Wettbewerb der Argumente, der momentan in der Öffentlichkeit ein bisschen überinterpretiert wird. Ich bin überzeugt, dass die Bundesbank mit ihren Ratschlägen ernst genommen wird. Dass man sich dabei nicht immer durchsetzt, ist völlig normal. Die EZB ist aber grundsätzlich auch der Meinung, dass man die Maßnahmen nicht dauerhaft fortführen kann.

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Seite 1
marthaimschnee 19.03.2012
1. Griechenland ist gerettet!
Nett, wenn man sich sowas einreden kann. Blöd nur, wenn man genau hinsieht: die Griechen haben nur etwa 20% von dem bekommen, was an "Hilfsgeldern" ausgeschüttet wurde, der Rest verschwindet bei den Banken. Und dafür geben die großzügig Kredite zu weitaus schlechteren Konditionen, als vorher. Im Gegenzug durfte man die Wirtschaft ruinieren und das Volk in die Armut treiben, wobei die Wachstumsziele, an die die Rettungsauflagen gekoppelt sind, schon keine Utopie mehr, sondern bereits geisteskranke Visionen sind, weswegen die Konstruktion weiter zusammenbröseln wird. Tolle Rettung - Das dicke Ende kommt erst noch und wenn nicht bald was sinnvolles getan wird, hat das keine Chance auf eine gewaltfreie Lösung! Nicht in Griechenland, nicht in Portugal und wenn man dort überall mit Plündern fertig ist, auch nicht HIER!
BettyB. 19.03.2012
2. Vertuschung?
Was will die Redaktion mit solch einer Überschrift vertuschen? Märkte können nämlich bekanntlich nicht schreien!!!
skully 19.03.2012
3.
Also "wir" leihen den Banken über die Bundesbank etc. Geld, damit diese dann "uns" dem Staat dieses Geld wieder leihen (Staatsanleihen kaufen). Das klingt für mich doch irgendwie nach einem schlechten Geschäft für uns.
Gerdtrader50 19.03.2012
4. Haben die Probleme, wo war derer Geschrei, als Währungsgenies den Schrott generierten
Zitat von sysopDPAUm die Finanzkrise zu bekämpfen, haben die Notenbanken die Finanzmärkte mit billigem Geld geflutet. Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel hält diese Politik für potentiell gefährlich und erklärt im Interview, warum sich die Finanzinstitute künftig auf härtere Zeiten einstellen müssen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,821835,00.html
"Stellen Sie sich einen Investor vor, der in Asien vor seinem Bildschirm sitzt, und dem Europa als politische Idee ziemlich egal ist." Stellen Sie sich europäische Bürger vor, denen die politische Idee Europas zwar nicht ganz egal ist, aber die Einführung der europäischen Schrottwährung immer für einen Fehler gehalten haben. Die negativen Wirkungen einer Multinationalwährung mussten ja da enden, wo sie jetzt sind, nämlich beim Öffnen der Geldschleusen, wenn die Mitgliedsländer nicht der Reihe nach pleite gehen wollen. Die Möglichkeiten für schwächere Länder innerhalb der EU, sich billigst Geld zu besorgen, in einer Menge, welche der Wirtschaftskraft nicht angemessen war, haben ihnen doch erst die überschlauen nordeuropäischen Länder Deutschland und Frankreich verschafft. Macht Euch keine Sorgen, trotz EFSF und ESM: Schrott bleibt Schrott und wenn dort noch so viele unnötige Billionen Euro reingepumpt werden, der Schrott wird trotzdem zusammenkrachen. Die kontinentale Dummheit europäischer Politiker wird nur übertroffen durch die kontinentale Dummheit der EU-Strategen.
deus-Lo-vult 19.03.2012
5. ...
Zitat von sysopDPAUm die Finanzkrise zu bekämpfen, haben die Notenbanken die Finanzmärkte mit billigem Geld geflutet. Bundesbank-Vorstand Joachim Nagel hält diese Politik für potentiell gefährlich und erklärt im Interview, warum sich die Finanzinstitute künftig auf härtere Zeiten einstellen müssen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,821835,00.html
Die Märkte schreien nach immer mehr Geld und bekommen es. Der deutsche Arbeiter bittet um 5% mehr Lohn und bekommt ihn nicht. Schöne, neue Welt...
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