EU-Kommissarin Hedegaard: "Die Menschen merken jetzt, was Klimawandel bedeutet"

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Hochwasser in Halle: Eine Folge des Klimawandels?

Der Handel mit CO2-Zertifikaten ist quasi zum Erliegen gekommen, Europa beschäftigt sich mit der Krise statt mit der Umwelt. Ein Fehler, sagt EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard: Die jüngste Flut in Ostdeutschland zeige deutlich die Folgen des Klimawandels.

SPIEGEL ONLINE: Frau Hedegaard, wissen Sie, wie viel ein Emissionszertifikat für eine Tonne CO2 heute kostet?

Hedegaard: Zwischen drei und vier Euro?

SPIEGEL ONLINE: Fast richtig, um die 4,30 Euro - jedenfalls zu niedrig, als dass die Industrie einen Anreiz hätte, ihren CO2-Ausstoß zu verringern. Sie wollten die Menge der gehandelten Zertifikate reduzieren, sind aber am EU-Parlament gescheitert. Was werden Sie jetzt tun?

Hedegaard: Das Parlament hat meinen "Backloading"-Plan zwar abgelehnt, der Umweltausschuss hat aber einen Kompromiss verabschiedet, über den das Parlament am 3. Juli erneut abstimmen wird. Ich bin sicher, das wird klappen. Zudem ist die zeitweilige Reduzierung der Zertifikate, das "Backloading", ja nur ein Teil der Reform - damit soll nur der Preisverfall gestoppt werden. Die Kommission arbeitet gerade weitere Vorschläge für strukturelle Änderungen und die neuen Ziele für 2030 aus.

SPIEGEL ONLINE: Wird da nicht zu viel Arbeit in etwas gesteckt, das sowieso tot ist?

Hedegaard: Der Emissionsrechtehandel ist nicht tot. Er ist nur in einem Fall nicht so lebendig, wie er sein sollte. Er schafft nämlich derzeit keine Anreize dafür, in alternative Lösungen zu investieren. Immerhin reduzieren wir trotzdem den CO2-Ausstoß in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Aber das liegt daran, dass die Industrie wegen der Krise weniger produziert. Gleichzeitig fahren die Energieversorger in Europa ihre alten Kohlekraftwerke wieder hoch, weil die bei einem CO2-Preis von unter fünf Euro deutlich billiger sind als neue Gaskraftwerke.

Hedegaard: Wir wollen deshalb ja auch Anreize dafür schaffen, in CO2-sparende Lösungen zu investieren. Dazu gibt es gar keine Alternative. Ja, wir haben eine Wirtschaftskrise in Europa und viele Unternehmen haben zu kämpfen. Wenn wir aber den Emissionshandel abschaffen, dann werden die EU-Mitgliedstaaten eigene Systeme einführen - dann haben Sie einen Flickenteppich von 27, bald 28 Systemen.

SPIEGEL ONLINE: Die EU will Strafzölle auf chinesische Solarmodule erheben - sollten wir im Sinne des Klimaschutzes nicht froh sein, dass China uns günstig die Möglichkeit liefert, Sonnenenergie zu nutzen?

Hedegaard: Nein. Es spielt ja keine Rolle, ob hier ein "gutes" oder ein "schlechtes" Produkt zu Dumpingpreisen verkauft wird. Die Frage ist, ob wir in Europa akzeptieren, dass China Preisdumping betreibt. Und das müssen wir verhindern, egal ob es um Solarmodule oder Schuhe geht.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Fällen ist es die Industrie, die sich gegen strengere Regeln wehrt. Aber stoßen Sie nicht auch in den eigenen Reihen auf Widerstand? Die Kommissare für Energie, Industrie, Verkehr, Landwirtschaft und selbst Kommissionspräsident Barroso gelten nicht gerade als Klimaschutz-Vorkämpfer.

Hedegaard: Jeder Vorschlag, den ich vorlege, hat die Zustimmung der gesamten Kommission.

SPIEGEL ONLINE: Lassen Sie uns über die Energiepolitik in Deutschland sprechen. Könnte die deutsche Energiewende als Vorbild für die EU gelten?

Hedegaard: Ich kenne mich in den Einzelheiten nicht gut genug aus, um mit voller Überzeugung zuzustimmen. Aber die Idee einer stimmigen Energieplanung, wie man die verschiedenen Landesteile mit intelligenten Netzen verbindet, wie man Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt und zu den Großverbrauchern bringt, ist für ganz Europa natürlich sehr interessant.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie denn diese stimmige Energieplanung in Deutschland?

Hedegaard: Ich werde dazu nichts sagen, denn ich weiß, dass darüber sehr viel diskutiert wird und viele Entscheidungen auf die Zeit nach der Bundestagswahl verschoben werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie erleben bei jedem Ihrer Vorschläge, wie die Industrie versucht, Vorgaben zu verwässern, wie Regierungen die Interessen ihrer Unternehmen vertreten. Die vergangenen Klimagipfel in Kopenhagen oder Doha gelten als gescheitert - sind Sie nicht frustriert, dass alles so lange dauert?

Hedegaard: Klimapolitik ist wichtiger denn je. Fragen Sie mal die Menschen in Sachsen-Anhalt, die nach der Flut gerade erst in ihre Häuser zurückkehren konnten. Die merken jetzt, was Klimawandel bedeutet. Und für die europäische Industrie bedeuten ambitionierte Klimaschutzziele, dass sie sich auf die Herausforderung des 21. Jahrhunderts vorbereitet: Nur die Unternehmen, die im internationalen Vergleich am effizientesten mit Energie und Rohstoffen umgehen, werden weiter wachsen.

Das Interview führte Nicolai Kwasniewski

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1. Jetzt kommen sie wieder...
simon2012 25.06.2013
Jetzt kommen wieder die ganzen Klimaleugner und stellen die seriöse Wissenschaft als einen Club von Trotteln und / oder zynischen Manipulatoren dar. Klimaleugner verstehen oft einfache, geschweige kompliziertere Zusammenhänge der komplexen Materie nicht. Statt jedoch sich an die Fachleute zu wenden, tun sie sich mit anderen Leuten zusammen, die es ebenfalls nicht verstehen - und dann geht das Geschrei los: Wie war das noch mal? Klimaskepsis 1.0: Eine globale Erwärmung findet nicht statt. Irgendwann, als auch dem Dümmsten auffiel, dass die Rekordsommer sich häufen, die Gletscher schmelzen, etc., also als man diese abstruse These nicht aufrecht erhalten konnte, kam Klimaskepsis 2.0: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, aber das CO2 bzw. Klimagase sind nicht Schuld. Als diese These auch nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte,weil der Zusammenhang zwischen CO2 und Treibhauseffekt unstrittig ist, kam Klimaskepsis 3.0: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, hat es aber schon immer mal wieder gegeben. Aber der Mensch ist nicht Schuld. Wilde Theorien entstehen, um den anthropogenen Einfluss zu relativieren - die Beweise allerdings sind erdrückend und so kam es zu nächsten Stufe der Klimaskepsis 4.0: Eine Erwärmung? Ja vielleicht, vielleicht ist auch der Mensch Schuld, aber das Leben ist wie eine Pralinenschachtel: Vielleicht ist das für mich oder uns sogar von Vorteil - wer weiß? Und ausserdem gibt es andere Probleme, die wohl wichtiger sind. Wenn die Klimakatastrophe kommt, können wir - wir heisst in dem Fall hoffentlich nicht die aktuelle Generation - immer noch reagieren. Dies führt dann zu letzten Stufe: Klimaskepsis 5.0: Zu spät - jetzt hilft nur noch Geoengineering. In den USA werden solche Leute ja direkt von der Öl- und Kohle-Lobby bezahlt, andere laienhafte Wichtigtuer können sich zumindest in eine Reihe stellen mit angeblich aufrechten aber verfemten Wissenschaftlern. Man kann sich ein bisschen fühlen wie Galilei ohne Anstrengung und Gefahr...
2. Ich verstehe ..
spiegelklammer 25.06.2013
aber immer noch nicht was die Flut mit einem Klimawandel zu tun hat, was ein "Schmarrn und die Leuteverarscherei" geht fröhlich weiter. Allein im 19. Jahrhundert war die Elbe in Dresden 23 mal über einen Wasserstand von 700 cm geklettert und ist einmal bis 60 cm unter dem jetzigen Stand. Klimawandel im 19. Jhrdt. Also Hochwasser gab es immer und wird es immer geben.
3. Welchen Blödsinn will uns Brüssel noch aufbinden??
ash26e 25.06.2013
Immer mehr zeigt sich, daß die These vom anthropogenen Klimawandel an seine Grenzen stößt, aber bis Brüssel ist das noch nicht vorgedrungen! Die Kasper glauben immer noch, sie könnten die Gesetze der Natur mittels Verordnung ändern!
4. das ist ja wohl
wg2310 25.06.2013
ein dreistes Postulat, die Flutkatastrophe in direkten Zusammenahang mit der Klimaerwärmung zu bringen...go home Hedegaard - vergrab Dich!
5. Ein wenig schlicht
vorschau 25.06.2013
Ein wenig schlicht gedacht von Hildegaard, wenn sie glaubt, das Hochwasser sei eine Folge des Klimawandels. Aber was kann man von unseren EU-Größen noch erwarten.
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Zur Person
  • REUTERS
    Connie Hedegaard, Jahrgang 1960, ist seit 2010 EU-Kommissarin für Klimaschutz. Die Dänin war von 1984 bis 1990 und von 2005 bis 2010 Mitglied des Parlaments in Kopenhagen, in der Zwischenzeit arbeitete sie als Journalistin. Umwelt und Klima sind seit langem Hedegaards Themen: Von 2004 bis 2007 war sie dänische Umweltministerin, danach wechselte sie ins Klima- und Energieressort. 2009 stand sie der Uno-Klimakonferenz in Kopenhagen als Sonderministerin vor.