SPIEGEL ONLINE: Die Schweizer gelten als Volk von Wirtschaftsliberalen. Dennoch stimmte nun eine große Mehrheit der Bürger dafür, Gehaltsexzesse bei Managern künftig auszuschließen. Was ist da passiert?
Borer: Die Entscheidung wird in Deutschland falsch interpretiert. Sie ist weder eine Überraschung, noch sind die Schweizer jetzt plötzlich zu Wutbürgern geworden. Der Hintergrund ist ein anderer: In der Schweiz gab es immer eine soziale Kontrolle der Gehälter. Und das hat sich vor etwa 15 Jahren geändert. Exzesse wie die 72-Millionen-Abfindung für den Novartis-Chef Daniel Vasella waren früher nicht vorstellbar.
SPIEGEL ONLINE: Die soziale Kontrolle funktioniert nicht mehr?
Borer: Früher galt der Grundsatz: Ein Generaldirektor, heute sagt man CEO, darf das Doppelte eines Bundesrates verdienen - das sind etwa 600.000 Schweizer Franken. Dieses System ist in der globalisierten Wirtschaft kaputtgegangen. Die großen börsennotierten Schweizer Konzerne haben sich an den internationalen Gehältern ausgerichtet.
SPIEGEL ONLINE: Und die Schweizer versuchen nun, mit der Abzocker-Initiative die Entwicklung rückgängig zu machen?
Borer: Ja, aber das hat mit Wutbürgern oder Neidgesellschaft nichts zu tun. Die Abstimmung wurde ja auch nicht etwa von linken Parteien gestartet. Der Initiator Thomas Minder ist mittelständischer Unternehmer und politisch eher Mitte-rechts einzuordnen. Dazu kommt: Die exzessiven Löhne der Top-Manager verstoßen auch gegen die Sozialmoral beider Konfessionen - sowohl der katholischen als auch der evangelischen.
SPIEGEL ONLINE: Der Lobbyverband Economiesuisse dagegen warnte vor verheerenden Folgen für die Schweizer Wirtschaft.
Borer: Nicht nur der. Nahezu alle großen Parteien waren dagegen. Das zeigt die Stärke der direkten Demokratie. In Deutschland habe ich oft gehört: Bei Volksabstimmungen gewinnt doch immer der mit dem meisten Geld. Und das war hier absolut nicht der Fall. Ein Einzelner hat sich hier durchgesetzt gegen das gesamte Establishment von Politik und Wirtschaft. Economiesuisse, quasi die Schweizer Variante des deutschen Bundesverbands der Industrie (BDI), hat Millionen in die Gegenkampagne gesteckt. Auch viele Medien waren dagegen. Das zeigt: Der Mann auf der Straße ist gar nicht so beeinflussbar, wenn es um eine für ihn nachvollziehbare Idee geht.
Borer: Die Initiative wäre auch ohne diesen Fall von einer großen Mehrheit angenommen worden, vermutlich mit etwa 60 Prozent statt nun 67,9 Prozent.
SPIEGEL ONLINE: Warum?
Borer: Die Schweizer haben ein sehr großes Gerechtigkeitsgefühl. Zwar kann ich jeden meiner Mitarbeiter innerhalb von drei Monaten kündigen, auch wenn der 30 Jahre bei mir gearbeitet hat. Das wird akzeptiert, da wird gesagt: Das ist im Interesse der Wirtschaft. Aber wenn ein angestellter Manager ein Millionengehalt kassiert, das Unternehmen schlecht führt und trotzdem eine dicke Abfindung bekommt, dann widerspricht das dem Gerechtigkeitssinn des Einzelnen. Da hört für die Schweizer der Spaß auf.
SPIEGEL ONLINE: Herr Borer, die Schweiz hilft mit dem Bankgeheimnis potentiellen Steuerhinterziehern. So groß kann das Gerechtigkeitsempfinden nicht sein.
Borer: Die Unterstützung in der Bevölkerung bröckelt - nicht zuletzt wegen der Fehleinschätzung einiger Wirtschaftsführer und Banker. Selbst die Finanzministerin hat mittlerweile erklärt, dass man über einen Informationsaustausch mit anderen Ländern nachdenken muss. Außerdem ist eine Volksinitiative im Gange, die besagt: Bankgeheimnis nur für in der Schweiz niedergelassene Personen. Wenn der deutsche Herr Müller in Zürich wohnt, ist das dem deutschen Fiskus egal. Wenn der Schweizer Borer aber in München lebt, soll er sich nicht auf das Bankgeheimnis berufen dürfen.
SPIEGEL ONLINE: Und diese Initiative hat Chancen?
Borer: Ja. Der durchschnittliche Schweizer legt Wert auf das Bankgeheimnis für sich selber. Er unterstützt aber nicht, dass zum Beispiel Deutsche, die in Deutschland leben, auf diesem Wege Steuerhinterziehung begehen können. Vielen ist mittlerweile klar geworden, dass man hier unseren Banken schon früher einen Riegel hätte vorschieben müssen.
Das Interview führte Christian Teevs
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