Berthold Huber IG-Metall-Chef warnt vor Spaltung der Gesellschaft

Die IG Metall hat bei der jüngsten Tarifeinigung größere Lohnerhöhungen herausgeholt als viele andere Gewerkschaften. Und das in einer Zeit, in der nur der Konsum Deutschland vor dem Rückfall in die Rezession bewahrt. Gewerkschaftschef Huber warnt vor der wachsenden Kluft zwischen den Branchen.

IG-Metall-Chef Berthold Huber: Unterschiedliche Lohnerhöhungen spalten die Gesellschaft
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IG-Metall-Chef Berthold Huber: Unterschiedliche Lohnerhöhungen spalten die Gesellschaft

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Hamburg - Die letzte Runde endete ungewöhnlich schnell mit einem Kompromiss: Schon kurz vor 0 Uhr in der Nacht zu Mittwoch einigten sich IG Metall und Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie auf eine Lohnerhöhung in zwei Stufen. Zwar klagen die Maschinenbauer über hohe Belastungen und auch die Nachricht, dass der Stahlkonzern ThyssenKrupp 1500 Stellen in Deutschland abbauen will, trübte die Stimmung. Insgesamt aber äußerten sich die Verhandlungspartner zufrieden mit dem Abschluss.

Auch wenn die Gewerkschaft höhere Gehaltssteigerungen gefordert hatte, fällt das Plus in dieser Branche größer aus als in nahezu allen anderen - und könnte Signalwirkung haben. Während die Euro-Zone in der Rezession feststeckt, wuchs die deutsche Wirtschaft wenigstens um 0,1 Prozent; und zwar ausschließlich, weil die privaten Haushalte ihre Konsumausgaben erhöhten. Der von Ökonomen vielfach geäußerte Wunsch nach höheren Löhnen in Deutschland um die Binnennachfrage zu stärken, scheint sich hier zu erfüllen.

Allerdings zeigt sich selbst der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber im Interview mit SPIEGEL ONLINE besorgt über die zunehmende Spaltung der Gesellschaft in Deutschland und die wachsende Ungleichheit in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Herr Huber, die IG Metall hat mit den Arbeitgebern eine Tarifeinigung erzielt. Die Laufzeit ist länger als von Ihnen gefordert und auch bei der Höhe hätten sich einige mehr gewünscht. Wie bewerten sie den Kompromiss?

Huber: Der Abschluss ist angesichts der wirtschaftlichen Situation angemessen, schließlich sichert die erste Erhöhung von 3,4 Prozent ab Juli nicht nur den Inflationsausgleich, sondern beteiligt die Beschäftigten fair am wirtschaftlichen Fortschritt. Kompromisse haben immer die Eigenart, dass sie von verschiedenen Seiten unterschiedlich bewertet werden. Wichtig ist, dass die Beschäftigten zufrieden sind und wir haben gute Rückmeldungen aus den Betrieben.

SPIEGEL ONLINE: Die Einigung in der letzten Runde kam außergewöhnlich schnell - haben Sie nicht hart genug verhandelt?

Huber: Tarifverhandlungen sind ja keine Auseinandersetzungen mit dem blanken Messer, wir pflegen da schon einen ordentlichen Umgang und tauschen Argumente aus - und das schon seit Wochen. Außerdem: Wir haben in den vergangenen 14 Tagen Warnstreiks durchgeführt, an denen sich über 750.000 Leute beteiligt haben. Das ist schon eine beträchtliche Demonstration von Stärke und Kampfbereitschaft. Uns ging es nicht darum, einen großen Streik vom Zaun zu brechen, sondern ein gutes Ergebnis zu finden. Das haben wir offensichtlich geschafft. Wenn man den Tarifabschluss aus dem vergangenen Jahr mit einrechnet, dann haben wir in 36 Monaten Lohnerhöhungen von fast zehn Prozent durchgesetzt - kennen Sie jemanden, der ähnlich viel erreicht hat? Ich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Liegt das nicht daran, dass die IG Metall schlicht die größte Gewerkschaft in Deutschland ist und die Unternehmen der Branche besonders gut verdienen?

Huber: Die Metall- und Elektroindustrie ist erfolgreich und wir setzen durch dass die Beschäftigten fair daran beteiligt werden. Aber das hat nichts mit anderen Branchen, wie zum Beispiel dem Öffentlichen Dienst zu tun. Früher galt ja die These, die Gewerkschaften gehen im Geleitzug - die IG Metall lief möglicherweise mit geringfügig höheren Zuschlägen voraus. Aber die Kluft zwischen den Branchen ist im Verlaufe der vergangenen zehn, fünfzehn Jahre größer geworden. Und dieser Geleitzug, der die alte Republik ausgezeichnet hat, ist nicht mehr so deutlich zu erkennen. So etwas kann auf Dauer eine Gesellschaft spalten.

SPIEGEL ONLINE: Die Spaltung der Gesellschaft wird auch in Ihrer Branche deutlich, wenn man den Zuwachs der Leiharbeit betrachtet. Wie setzt sich die IG Metall für diese Gruppe ein?

Huber: Wir konnten im vergangenen Jahr einen Tarifabschluss durchsetzen, der die Übernahme von Leiharbeitern nach 18 Monaten und deutliche Branchenzuschläge vorsieht. Mit den Zuschlägen erreichen Leiharbeiter 80 bis 90 Prozent des Einkommens der jeweiligen Stammbelegschaft. Wir freuen uns auch darüber, dass in den letzten zweieinhalb Jahren 45.000 Leiharbeiter in die IG Metall eingetreten sind. Insofern haben wir eine gewisse Durchsetzungsmächtigkeit erreicht.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem klagen viele Leiharbeiter darüber, dass ihre Interessen erst in zweiter Linie durchgesetzt werden.

Huber: Also, da gilt schon der Grundsatz, dass man auch selbst etwas tun muss. Der liebe Gott wird es nicht lösen - vielleicht lohnt es sich dann schon, den Hintern hochzubekommen und Gewerkschaftsmitglied zu werden.

SPIEGEL ONLINE: Die Euro-Zone steckt in der Rezession, die deutsche Wirtschaft ist im ersten Quartal nur deshalb gerade noch um 0,1 Prozent gewachsen, weil der private Konsum gestiegen ist. Wie wichtig sind hohe Tarifabschlüsse in Deutschland für die Bewältigung der Euro-Krise?

Huber: Ich mache mir große Sorgen über die Entwicklung in Südeuropa. In Griechenland haben wir eine Jugendarbeitslosigkeit von fast 60 Prozent, in Spanien sieht es ähnlich schlimm aus. Die Massenarbeitslosigkeit in den südeuropäischen Ländern kann Europa zerreißen. Nur können wir das allein von Deutschland aus nicht lösen - wir sichern den Beschäftigten ihren Anteil an der Produktivität, aber die Nachfrageschwäche in Spanien können wir nicht durch gute Tarifabschlüsse in Deutschland auffangen. Für ein vereintes Europa ist so eine Spaltung aber nicht hinnehmbar, das ist sehr gefährlich. Ich bleibe dabei: wir brauchen einen "Marshall-Plan" für Europa, um die Wirtschaft anzukurbeln.

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tomquixote 15.05.2013
1. Orthographie
Im zweiten Satz muss es "das" heißen und nicht "dass".
eigene_meinung 15.05.2013
2. Es ist wie bei Parlamentswahlen in Deutschland
Alle sind irgendwie Gewinner, auch wenn das Ergebnis mit dem ursprünglich gewollten und kommunizierten Ziel überhaupt nichts zu tun hat. Das Ergebnis der Tarifverhandlungen unterscheidet sich jedenfalls nur marginal von dem ursprünglichen Angebot der Unternehmerseite. Mit den Forderungen der IGM hat es absolut nichts gemeinsam.
elwu 15.05.2013
3. Herr Huber,
"Wir freuen uns auch darüber, dass in den letzten zweieinhalb Jahren 45.000 Leiharbeiter in die IG Metall eingetreten sind. Insofern haben wir eine gewisse Durchsetzungsmächtigkeit erreicht." "SPIEGEL ONLINE: Trotzdem klagen viele Leiharbeiter darüber, dass ihre Interessen erst in zweiter Linie durchgesetzt werden". "Huber: Also, da gilt schon der Grundsatz, dass man auch selbst etwas tun muss. Der liebe Gott wird es nicht lösen - vielleicht lohnt es sich dann schon, den Hintern hochzubekommen und Gewerkschaftsmitglied zu werden." Es HABEN immerhin in den letzten beiden Jahren 45.000 Leiharbeiter "den Hintern hochbekommen" und sind Gewerkschaftsmitglied geworden. Was genau wollen Sie also darüber hinaus von denen, damit sich die IGM mal um ihre Belange kümmert?
OWL-Dirk 15.05.2013
4. Schritt in die richtige Richtung
---Zitat von Berthold Huber--- (..)die Nachfrageschwäche in Spanien können wir nicht durch gute Tarifabschlüsse in Deutschland auffangen. ---Zitatende--- Dadurch allein wohl nicht, aber jahrzehntelang zu niedrige Tarifabschlüsse (v.a. in anderen Branchen) und v.a. das ausufernde, systematische Umgehen und Vermeiden von tariflichen Regelungen, haben einen erheblichen Anteil zur Krise beigetragen. Insofern sind lange überfällige, breite und deutliche Reallohnsteigerungen und eine damit verbundenen Stärkung der Nachfrage (auch nach importierten Konsumgütern) ein wichtiger Beitrag zum notwendigen Ausgleich der Leistungsbilanzen in Europa.
pepe_sargnagel 15.05.2013
5.
Zitat von sysopDPADie IG Metall hat bei der jüngsten Tarifeinigung größere Lohnerhöhungen herausgeholt als viele andere Gewerkschaften. Und dass in einer Zeit, in der nur der Konsum Deutschland vor dem Rückfall in die Rezession bewahrt. Gewerkschaftschef Huber warnt vor der wachsenden Kluft zwischen den Branchen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/interview-mit-ig-metall-chef-berthold-huber-ueber-die-tarifeinigung-a-900025.html
Interessantes Interview. Ich denke, dass es wichtig ist zu schreiben "Und dass in einer Zeit, in der nur der PRIVATE Konsum Deutschland vor dem Rückfall in die Rezession bewahrt." Ohne den Kauf von Konsumenten (Konsum) können herstellende Unternehmen nie überleben. Dabei ist es wichtig zwischen privaten, staatlichen und unternehmerischen Konsumenten zu unterscheiden. Herr Huber spricht vom Konsum der Privaten.
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