Regulierung der Finanzbranche "Der Bankensektor muss schrumpfen"

Europas Geldhäuser sind viel zu hoch verschuldet, warnt der Finanzexperte Martin Hellwig. Im Interview erklärt er, warum die Institute deutlich strengere Regeln brauchen - und warum Politik und Aufseher trotzdem lieber auf die Bankenlobby hören.

Finanzviertel in Frankfurt: " Jedes Land will eine große Bank haben"
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Finanzviertel in Frankfurt: "Jedes Land will eine große Bank haben"

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Hamburg - Dunkelblauer Anzug, Krawatte, sorgfältig gescheiteltes Silberhaar: Vom Auftreten her könnte Martin Hellwig auch selbst Banker sein. Tatsächlich ist der Professor und Chef des Bonner Max-Planck-Instituts einer der größten Kritiker des Finanzgewerbes. Mit seiner US-Kollegin Anat Admati hat Hellwig ein Buch über die gigantische Verschuldung der Banken geschrieben - und über die Gefahren, die daraus resultieren.

Hellwig und Admati fordern eine radikale Reform der Bankenregulierung. Sie wollen die Institute zwingen, sich deutlich mehr durch Eigenkapital zu finanzieren und deutlich weniger über Schulden. Im Interview erzählt Hellwig, warum sich die Politik mit solchen Reformen so schwertut, wie stark die Macht der Bankenlobby ist und wo in Deutschland die größten Wackelkandidaten sitzen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch "Des Bankers neue Kleider" gehen Sie und Ihre Co-Autorin Anat Admati hart mit der Finanzbranche ins Gericht. Wie haben die Banker darauf reagiert?

Hellwig: Ich habe nicht so viel mit Bankern zu tun. Anat Admati, die als Professorin in den USA lehrt, hat viele Banker getroffen, die ihr gesagt haben, dass wir völlig recht haben. Aber natürlich auch andere, die ihr widersprechen.

SPIEGEL ONLINE: Sie kritisieren in Ihrem Buch vor allem die hohe Verschuldung der Banken und fordern, die Institute müssten deutlich mehr eigene Mittel einsetzen. Die weltweiten Finanzaufseher sind da viel vorsichtiger und haben die Eigenkapitalanforderungen nur leicht erhöht. Liegen die denn alle falsch?

Hellwig: Eindeutig. In den vergangenen 20 Jahren hat man sich angewöhnt, die Kompetenz der Banker beim Risikomanagement zu bewundern. Dabei ist die Einsicht verloren gegangen, dass Eigenkapital auch die Risiken abfangen muss, die man vorher noch nicht gesehen hat, und dass es zwischen dem Privatinteresse der Bank und dem öffentlichen Interesse am Risikomanagement einen Unterschied gibt.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch Banker müssen doch ein Interesse daran haben, dass ihre Bank nicht beim ersten Krisenhauch zusammenbricht.

Hellwig: Je höher die Verschuldung, desto größer ist das Rad, das man dreht. Wenn man damit einige Jahre Glück hat, so kann man sehr viel verdienen. Und hat man Pech und die Bank kommt in Schwierigkeiten, so hilft vielleicht der Staat. Dieser Too-big-to-fail-Faktor bedeutet einen erheblichen Wettbewerbsvorteil. Wenn alle erwarten, dass der Staat die Bank nicht pleitegehen lässt, kann sie sich sehr billig verschulden - auch deshalb ist das Schuldenmachen für Banken so attraktiv.

SPIEGEL ONLINE: Die Banken warnen, sie könnten die Wirtschaft nicht mehr ausreichend mit Krediten versorgen, wenn sie so viel Eigenkapital einsetzen müssten.

Hellwig: Die Banken behaupten, wenn das vorgeschriebene Verhältnis von Eigenkapital zu Krediten verdoppelt wird, dann könnten sie nur noch halb so viele Kredite vergeben. Warum aber erhöhen sie ihr Eigenkapital nicht? Dann könnten sie auch mehr Kredite vergeben. Eine Aktiengesellschaft kann neue Aktien ausgeben. Andere Institute können Gewinne einbehalten, so etwa die deutschen Sparkassen, die sehr profitabel sind.

SPIEGEL ONLINE: Die Regulierer wollen eine Untergrenze für das Eigenkapital bei drei Prozent der Bilanzsumme festsetzen. Sie fordern dagegen 20 bis 30 Prozent. Warum sind Sie denn so sicher, dass das die richtige Größe für das Eigenkapital ist?

Hellwig: Drei Prozent Eigenkapital entspricht einer Verschuldung von 97 Prozent der Investitionen. Das ist eindeutig zu gefährlich. Drei Prozent ist der Satz, den die US-Bank Lehman Brothers auswies, bevor sie in die Insolvenz ging.

SPIEGEL ONLINE: Aber warum sollen es ausgerechnet 20 bis 30 Prozent sein?

Hellwig: Wir maßen uns da keine Präzision an. Wir orientieren uns an dem, was es vor dem Ersten Weltkrieg gab - also bevor der Staat den Wunsch entdeckte, von Banken finanziert zu werden und bevor es staatliche Sicherungssysteme für Bankengläubiger gab. Im Jahr 1913 haben sich die deutschen Banken im Durchschnitt zu 22 Prozent aus eigenen Mitteln finanziert.

SPIEGEL ONLINE: Auch heute brauchen die Staaten die Finanzwirtschaft zur Finanzierung ihrer Schulden. Nach den derzeit geltenden Kapitalregeln müssen Banken für den Kauf von Staatsanleihen überhaupt kein Eigenkapital vorhalten. Wenn man dieses Privileg schlagartig abschaffen würde, könnte es zu schweren Verwerfungen kommen, gerade für die Krisenländer der Euro-Zone.

Hellwig: Die Erfahrungen der Euro-Zone zeigen, dass sich hier etwas ändern muss. Weil die Banken für Staatskredite kein Eigenkapital einsetzen mussten, haben einige Länder zu viele Kredite aufgenommen und sind süchtig geworden. Eine Sucht kuriert man nicht dadurch, dass man das Suchtmittel beliebig nachliefert. Im Augenblick beobachten wir in einigen südeuropäischen Ländern eine Rückkehr der Politik von vor 1990. Damals wurden die Banken so reguliert, dass sie vor allem ihrem eigenen Souverän Geld gaben. Das ging zu Lasten der Unternehmen und des Wirtschaftswachstums. Inzwischen finanzieren die dortigen Banken wieder in hohem Maße ihren eigenen Souverän. Und die Politiker haben verstanden, dass sie durch die Banken einen Zugang zur Notenpresse bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern?

Hellwig: Wenn die Banken schwach sind, muss die Europäische Zentralbank ihnen billige Kredite geben, um einen Zusammenbruch des Geldsystems zu vermeiden. Und die Banken verleihen das Geld weiter an ihre Regierungen. Bei einem EZB-Zinssatz von einem Prozent und Zinsen auf die Staatsanleihen von vier, fünf oder sechs Prozent ist das sehr profitabel. So finanziert die EZB die Mitgliedstaaten indirekt. Die direkte Finanzierung ist ja verboten.

SPIEGEL ONLINE: Anfang 2014 will die Europäische Zentralbank ihre Bilanzprüfung bei 130 europäischen Banken starten. Wird das die Probleme offenlegen und vielleicht sogar lösen?

Hellwig: Das ist die 100-Milliarden-Euro-Frage. Der EZB muss daran gelegen sein, dass alle Probleme bereinigt werden, bevor sie die Verantwortung für die Bankenaufsicht übernimmt. Einige Mitgliedstaaten wollen das eher nicht, denn vielleicht müssten sie dazu viel Geld aufbringen.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für die Bundesregierung?

Hellwig: Die Bundesrepublik will im Großen und Ganzen, dass die Prüfung seriös sein soll. Allerdings hätte man es vielleicht auch lieber, wenn die Prüfer bei bestimmten deutschen Banken nicht ganz so genau hinsähen.

SPIEGEL ONLINE: An welche Banken denken Sie da?

Hellwig: Da wir hier in Hamburg sind, denke ich an die HSH Nordbank. Sie hat meines Erachtens bisher viel zu geringe Abschreibungen auf Schiffskredite vorgenommen. Da wird noch deutlich mehr nötig sein. Die Vorstellung, die Schifffahrtskrise könne Ende 2014 vorbei sein, ist reine Illusion. Doch das zusätzliche Eigenkapital, das bei einer Bereinigung der Bilanz einzubringen wäre, würde nicht in die Haushaltsplanung von Hamburg und Schleswig-Holstein passen. Auch die Commerzbank ist sehr stark bei Schifffahrtsbranche engagiert, zudem hat sie noch Altlasten bei ihrer Immobilientochter Eurohypo.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss sich die Bankenlandschaft verändern?

Hellwig: Der Banksektor muss insgesamt schrumpfen, sonst kommen wir aus dem Schlamassel nicht raus. Wenn es zu viele Banken gibt, müssen sie zocken, um überhaupt über die Runden zu kommen. In dem Punkt haben wir gerade in Deutschland zu wenig getan. Die einzige Bank, die wirklich abgewickelt wurde, war die WestLB - und das auch nur auf Druck der EU-Kommission. Insgesamt ist das Bankwesen in Relation zur Wirtschaftstätigkeit in Europa deutlich größer als in den USA. Das ist auch eine Folge des Irrglaubens, dass jedes Land, das etwas auf sich hält, mindestens eine große Bank haben muss.

SPIEGEL ONLINE: Die Staaten sollen also Banken dichtmachen?

Hellwig: Ja, aber ich fürchte, dass sich viele Staaten damit sehr schwer tun werden. Deshalb brauchen wir dringend eine europäische Bankenunion. Die Banken müssen aus dem Dunstkreis der Nationalstaaten herausgeholt werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nicht nur Wissenschaftler, sondern beraten auch die Politik. Haben Sie das Gefühl, dass Sie dort mit solchen Positionen Gehör finden?

Hellwig: Als Mitglied des Europäischen Systemrisikoausschusses habe ich sehr viel mit diesen Themen zu tun und versuche auch sehr stark, meine Vorstellungen einzubringen. Allerdings ist völlig klar: Da geht es um knallharte Interessenvertretungen der Nationalstaaten. Wir versuchen dort zwar deutlich zu machen, was die Risiken sind, ich habe aber keine Illusionen über die Wirkung, die das hat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie den Eindruck, dass die Politik auf die Vertreter der Banken besser hört?

Hellwig: Das sowieso. Für die Politik sind Banken eine Quelle von Geld und nicht eine Quelle von Risiken. Und so arbeiten Regierungen, Zentralbanken, Bankenaufsicht und Geschäftsbanken eng zusammen.



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addit 23.10.2013
1. Toll, ne!
'Und so arbeiten Regierungen, Zentralbanken, Bankenaufsicht und Geschäftsbanken eng zusammen'...und machen uns dabei kaputt. Wen interessiert's!?
cato-der-ältere 23.10.2013
2. Ach was
Mutti, und Großväterchen Schäuble, werden schon wissen was zu tun ist. Da lehne ich mich ganz entspannt zurück. Dafür haben wir die doch gerade gewählt. Die Bereiche Soziales und Umweltschutz sind nicht so ihr Ding, aber was Wirtschaft betrifft, da blicken sie doch am besten durch. Oder?
frankso 23.10.2013
3. Bankenforderung bei Darlehen
Für Privathaushalte fordert die Bank von mir i.d.R. 20% Eigenkapital bei Darlehen. Warum sollte für die Bank selbst bei Investitionen eine andere Regelung gelten?
Gerdtrader50 23.10.2013
4. Jeder schwafelt, so gut er kann
"Die Banken behaupten, wenn das vorgeschriebene Verhältnis von Eigenkapital zu Krediten verdoppelt wird, dann könnten sie nur noch halb so viele Kredite vergeben. Warum aber erhöhen sie Ihr Eigenkapital nicht? Dann könnten Sie auch mehr Kredite vergeben." Die Schlussfolgerung des Autors ist falsch. Die Einschätzung der Banker hier eher richtig. Im übrigen kommt es bei der Kreditvergabe an Firmen jeweils zu dinglichen oder vergleichbaren Sicherheitsanforderungen im werthaltigen Bereich. Das hat grössere Einflußnahme auf die Rückführung eines Kredites als eine Erhöhung von Eigenkapital. "Sie fordern dagegen 20 bis 30 Prozent. Warum sind Sie denn so sicher, dass das die richtige Größe für das Eigenkapital ist?" Der möchte, dass die Finanzbranche zusammenbricht, das heißt, er möchte es nicht, aber es würde. Die Risiken einer Währungsunion ( Euro ) und die negative Einflussnahme derselben auf das Verhalten der Staaten verwechselt dieser mit Bankenrisiken. Am besten schwiege er zu diesen Themen vehement. Weil Ahnung hat er nämlich nicht viel, das ist zu bemerken.
eule_neu 23.10.2013
5. Die Bankenlandschaft
Dem Herrn Hellwig ist zuzustimmen. Aber die Politik muss noch viel ausgeprägter Handeln. Aus meiner jahrelangen Tätigkeit als Bankenprüfer weiß ich, dass die unbedingt ein Trennbankensystem eingeführt werden muss mit unterschiedlichen Eigenkapitalanforderungen, so dass die Spielwiese der Zocker eingezäunt und überwacht werden kann. Zudem gehören die Schattenbanken (Hedgefonds etc.) unter die Kontrolle gebracht. Sie müssen prüfungspflichtig werden und ihre Bilanzen veröffentlichen. zudem brauchen auch sie eine Eigenkapitalquote, damit deren Kartenhaus nicht gleich beim ersten Wind zusammenbricht. Die Risiken der Finanzwirtwirtschaft müssen der Öffentlichkeit offengelegt werden. Die bankenlandschaft muss von der Politik regiert werden und nicht umgekehrt. Im Übrigen gehören alle Landesbanken abgewickelt und durch eine "Staatsbank" ersetzt, die die Kommunen und die Länder versorgt. Wie in Amerika gehören auch bei uns uns die Schlechtbankenvorstände für ihre ruinöse Bankpolitik vor den Kadi, schließlich ging es nicht um das eigene Geld, sondern das Geld der Ein- und Anleger. Schlechthandeln von Bankvorständen fällt unter Untreue. Aber leider verstehen unsere Staatsanwälte nichts vom "modernen" Bankwesen und so kommen diese Finanzkrisenunterstützer wieder einmal straffrei davon. die Bankenaufsicht - gleich ob europäisch oder national - muss schärfer gegen die Banken vorgehen können. Es muss wieder Qualität in den Banken herrschen, keine Provisionssucht, wo selbst langjährige Kunden über den "Tresen" gezogen werden, um den Ertrag zu steigern. So werden Banken nicht das Vertrauen zurück gewinnen können. Oder will man gemäß dem Motto "Ist der Markt erst ruiniert, zockt man völlig ungeniert" den "suizidalen Bankentod" herbeiführen, um dann finanziell weichgepolstert seine Abenteuer im Ausland zu suchen? Die neue Regierung hat alle Möglichkeiten, um eine neue Bankenlandschaft zu zimmern, die das Portemonnaie des Bürgers nicht mehr plündert, sondern die Banken dann geschlossen werden. Es darf nicht mehr das Motto geben "To big to fail"! Hoffen wir das Beste ...
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