Interview mit Peter Bofinger: "Die Deutschen sparen sich zu Tode"

Die anhaltenden Niedrigzinsen werden zur Bedrohung für die Altersvorsorge. Ob Lebensversicherung oder Sparbrief - die meisten Anlagen werfen kaum mehr etwas ab. Die Deutschen sparen einfach zu viel, meint der Ökonom Peter Bofinger - und plädiert für ein Comeback der staatlichen Rentenversicherung.

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Euro-Münzen: Der Teufelskreis des Sparens

SPIEGEL ONLINE: Herr Bofinger, seit Beginn der Finanzkrise sind die Zinsen im Dauertief. Lebensversicherungen oder andere private Vorsorgemodelle werfen immer weniger ab. Viele Menschen in Deutschland fürchten um ihre Altervorsorge. Zu Recht?

Bofinger: Ja. Die Menschen in Deutschland suchen bevorzugt sichere Anlagen für ihre Altersvorsorge: Lebensversicherungen, Bausparverträge, Sparbriefe. Die meisten dieser Anlagen haben eins gemeinsam, sie hängen letztendlich vom Angebot sicherer Staatsanleihen ab - und dieses Angebot ist in den vergangenen Jahren dramatisch geschrumpft.

SPIEGEL ONLINE: Durch die Staatsschuldenkrise gibt es weniger solvente Schuldner.

Bofinger: Das wird zumindest so wahrgenommen. Anleihen von Ländern wie Spanien, Italien oder Portugal gelten heute nicht mehr als sichere Investments. Das engt das Angebot deutlich ein. Die Nachfrage nach sicheren Anlagen ist aber gleichzeitig sehr hoch. Das bedeutet: Der Preis dieser Papiere steigt und die Verzinsung sinkt. Das sehen wir ja gerade bei Bundesanleihen. Der deutsche Staat kann sich Geld quasi zum Nulltarif besorgen.

SPIEGEL ONLINE: Wird das zum Dauerzustand oder werden die Zinsen wieder steigen, wenn die Krise vorbei ist?

Bofinger: Am geringen Angebot sicherer Anlagen wird sich wohl nicht so viel ändern. Die Krise hat das Grundvertrauen zerstört, wonach Staatsanleihen per se sicher sind. Und dieses Vertrauen wird so schnell nicht wieder zurückkommen. In Ländern wie Italien oder Spanien wird der Schuldenstand hoch bleiben, selbst wenn die Wirtschaft sich wieder erholt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die Zinsen niedrig sind, sollen Unternehmen und Verbraucher eigentlich mehr Geld investieren und konsumieren. So sagt es zumindest die ökonomische Theorie. Das funktioniert derzeit aber nur bedingt. Die Menschen sparen einfach weiter.

Bofinger: Die Deutschen sparen sich zu Tode - und bekommen immer weniger dafür. Wenn jemand selbständig ist und eine Million Euro fürs Alter zurückgelegt hat, dann hat er bisher gedacht, er bekommt vier Prozent Zinsen darauf, also 40.000 Euro im Jahr. Jetzt stellt er fest: In zehn Jahren sind es vielleicht nur noch 15.000 Euro. Und was macht er? Er spart noch mehr. Das ist ein Teufelskreis.

SPIEGEL ONLINE: Was könnte die Politik tun, um den Menschen wieder eine vernünftige Altersvorsorge zu bieten?

Bofinger: Eine Möglichkeit wäre, dafür zu sorgen, dass es wieder mehr sichere Anleihen gibt. Das wäre zum Beispiel durch eine gemeinsame europäische Haftung möglich - ein Schuldentilgungspakt, wie wir ihn im Sachverständigenrat vorgeschlagen haben. Damit würde man einen großen Pool sicherer Anleihen schaffen, die höher verzinst wären als Bundesanleihen. Der Anlagenotstand würde erheblich reduziert. Eine andere Möglichkeit wäre die Stärkung der gesetzlichen Rentenversicherung.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Bofinger: Es war ein Fehler, dass wir in Deutschland jahrelang so massiv auf den Ausbau der privaten Altersvorsorge gesetzt haben. Heute haben wir dadurch ein fundamentales Problem. Einerseits fördern wir die private Vorsorge, andererseits darf durch die Schuldenbremse das Angebot an sicheren Staatsanleihen nicht mehr ausgeweitet werden. Besser wäre es deshalb, die gesetzliche Rente zu stärken. Denn die basiert auf einem Umlageverfahren. Das Geld muss nicht an den Finanzmärkten angelegt werden wie bei der privaten Vorsorge.

SPIEGEL ONLINE: Wie ließe sich das machen?

Bofinger: Zum einen darf bei der Betriebsrente die sogenannte Entgeltumwandlung nicht mehr sozialabgabenfrei sein. Es ist absurd, dass man die betriebliche Altersvorsorge fördert, indem man die gesetzliche Rente schwächt. Da muss man ran. Ein zweiter Punkt wäre, alle Selbständigen, die nicht einer berufsständischen Alterssicherung angehören, in die gesetzliche Rentenversicherung zu zwingen. Wir haben fast zweieinhalb Millionen Solo-Selbständige, die bisher keiner Versicherungspflicht unterliegen. Drittens könnte man überlegen, ob man nicht auch die Mini-Jobs rentenversicherungspflichtig macht.

SPIEGEL ONLINE: Sollten die Rentenbeiträge generell erhöht werden?

Bofinger: Im Augenblick gibt es keine Notwendigkeit. Mittelfristig sollte man darüber aber schon nachdenken.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollten die Menschen ausgerechnet dem Staat vertrauen, der seine Rentenversprechen der vergangenen Jahrzehnte immer wieder gekippt hat?

Bofinger: Teilweise war das natürlich notwendig wegen der demografischen Entwicklung. Aber man müsste die Rente trotzdem sicherer machen. Vertrauen könnte man durch eine Rentenverfassung schaffen, indem man den Eckpunkten der gesetzlichen Rentenversicherung Verfassungsrang gibt. Die Menschen könnten sicher sein, dass ihre Ansprüche nicht irgendwann vom Bundestag abgesenkt werden, nur weil die Regierung gerade Geld braucht.

Das Interview führte Stefan Kaiser

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insgesamt 161 Beiträge
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1. Hungerkanzler
Peter_Lublewski 05.12.2012
"Die Deutschen sparen sich zu Tode" Mit ein paar Blicken in ein Geschichtsbuch - Stichwort "Hungerkanzler Heinrich Brüning" - käme man zur selben Erkenntnis wie Her Bofinger.
2. Bofingers Küchenökonomie
gruenbonz 05.12.2012
was soll man dazu sagen: "...es wird zumindest so wahrgenommen, dass es weniger sichere Schuldner gibt". Mit dieser Aussage würde er durch jede Bachelorarbeit fallen. Herr Bofinger, das wird nicht nur so wahrgenommen, sondern das ist durch ökonomische Fakten belegt. Dass der Spiegel diesen tendenziell ausgerichteten Ökonomen immer noch befragt, ist nur durch die Zugehörigkeit zum rot-grünen Biotop zu erklären.
3.
c++ 05.12.2012
Es stimmt, es wird zu viel gespart. Allerdings weiß ich nicht, wie man das ändern kann, wenn es schon keine Zinsen mehr gibt und trotzdem so viel gespart wird. Das ist aber auch darauf zurückzuführen, dass den Bürgern Angst gemacht wird, ohne eigene Vorsorge im Alter arm zu sein. Dabei ist wahrscheinlich, dass sie in Altersarmut fallen, ob sie sparen oder nicht. Der Konsum setzt sich volkswirtschaftlich aus privatem und staatlichem Konsum zusammen. Alternative bei zu starkem privaten Sparen ist verstärkte staatliche Ausgabe, in Investitionen, aber auch in Konsum. Die Schuldenbremse ist typisch deutsch und volkswirtschaftlich schädlich, darüber hinaus politisch unsinnig, denn wir müssen ohnehin die Schulden des Restes von Europa übernehmen. Wer da spart, ist bescheuert. Also weg mit der Schuldenbremse, massive Steigerung der staatlichen Ausgaben für eine gute Gegenwart und gute Zukunft.
4. Was hat der einzelne Selbstständige...
di wa 05.12.2012
...davon, wenn er - sagen wir nach 20 Jahren der Selbstständigkeit - gezwungen wird, Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung einzuzahlen? Selbst wenn er das dann noch 20 Jahre lang macht, bekommt er doch hinterher nichts raus...
5. Soso
servius 05.12.2012
Schuldentilgungspakt für Europa... und denen soll ich mein Geld geben? Vorher versauf ichs!
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Zum Autor
DPA
Peter Bofinger gehört seit März 2004 dem Gremium der "Fünf Wirtschaftsweisen" an. Er hat Volkswirtschaftslehre in Saarbrücken studiert und promovierte dort 1984. Seit 1992 ist er Professor an der Universität Würzburg. In seinem aktuellen Buch "Ist der Markt noch zu retten?" beschäftigt er sich mit den Konsequenzen, die die Welt aus der Finanzkrise ziehen sollte. Mehr zu Peter Bofinger auf der Themenseite...