Interview mit Reinhard Selten "So schwierig ist das Leben mit dem Nobelpreis auch nicht"

Heute wird der Nobelpreis für Wirtschaft verliehen. Der Bonner Ökonom Reinhard Selten war der letzte Deutsche, der ihn 1994 erhielt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verrät der 79-Jährige, was sich durch die Auszeichnung in seinem Leben verändert hat.

Reinhard Selten: "Da war plötzlich so viel Trubel"
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Reinhard Selten: "Da war plötzlich so viel Trubel"


SPIEGEL ONLINE: Herr Professor Selten, Sie sind der letzte Deutsche, der den
Wirtschaftsnobelpreis gewonnen hat. 1994 wurden Sie für Ihre Forschungen auf dem Gebiet der Spieltheorie ausgezeichnet. Haben Sie damals damit gerechnet?

Selten: Nein, die Spieltheorie war zwar als Forschungsgebiet schon länger für den Nobelpreis im Gespräch, aber ich war immer der Meinung, dass einige andere Kollegen führender waren als ich. Insofern war ich vollkommen überrascht.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie denn von der Auszeichnung erfahren?

Selten: Ich kam vom Einkaufen mit meiner Frau zurück nach Hause, und da standen dann ganz viele Journalisten herum. Als ich aus dem Auto ausstieg, gratulierten sie mir.

SPIEGEL ONLINE: Und wie haben Sie spontan reagiert?

Selten: Ich musste erst meiner Frau ins Haus helfen und dann noch die ganzen Lebensmittel reinschleppen, aber alle Journalisten stürmten mit ins Haus. Da war plötzlich so viel Trubel, dass ich gar nicht zum Nachdenken kam.

SPIEGEL ONLINE: Wann ist Ihnen die Ehrung denn richtig bewusst geworden?

Selten: Am Anfang war natürlich alles noch etwas unwirklich, aber dann wurde an meiner Bonner Uni gefeiert und ich bekam Glückwünsche von überall her. Erst als dann die Preisverleihung in Stockholm war, habe ich aber so richtig emotional verarbeitet, was eigentlich passiert ist.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hat der Nobelpreis für Sie?

Selten: Ich bin vor allem einer breiteren Öffentlichkeit bekanntgeworden. Zum ersten Mal haben sich viele Menschen außerhalb des Wissenschaftszirkels für meine Arbeit interessiert. Das war toll.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich Ihr Leben nicht verändert?

Selten: Ich habe natürlich deutlich mehr Einladungen für alles Mögliche bekommen. Dass ich vor Top-Managern einen Vortrag halte, war vor 1994 undenkbar.

SPIEGEL ONLINE: Und privat?

Selten: Eigentlich ist noch immer alles wie vorher, nur dass seit der Verleihung Journalisten bei mir anrufen. Aber ich habe mich immer bemüht, derselbe Mensch zu bleiben und bin deshalb nach wie vor sehr bescheiden. Eine Kreuzfahrt habe ich nicht gemacht, nur weil ich den Nobelpreis gewonnen habe.

SPIEGEL ONLINE: War die Auszeichnung rückblickend der Höhepunkt Ihres beruflichen Lebens?

Selten: Mit solchen Superlativen tue ich mich traditionell schwer. Die Verleihung war ein Punkt, an dem es sehr viel Aufmerksamkeit gab.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einen Tipp für die diesjährigen Gewinner Elinor Ostrom und Oliver E. Williamson, was sie künftig beachten müssen?

Selten: Mal ganz ehrlich: So schwierig ist es auch nicht, mit einem Nobelpreis zu leben.

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