SPIEGEL ONLINE: Herr Hartman, Sie wirken wirkt derzeit wie der große Blockierer der Energiewende.
Hartman: Das ist völliger Quatsch. Niemand investiert so viel in die deutsche Ökorevolution wie wir.
SPIEGEL ONLINE: Der Bau von Hochsee-Windparks liegt weit hinter Plan zurück - weil die Stromleitungen zu langsam verlegt werden. Das ist Ihr Job. Doch Tennet ist überfordert.
Hartman: Wir haben seit 2010 zehn Projekte für 5500 Megawatt Offshore-Windenergie in Arbeit. Das ist alles andere als langsam und mehr als jeder andere für die Energiewende tut.
SPIEGEL ONLINE: Nur sind die Projekte teils deutlich im Zeitverzug - weil Tennet das Geld fehlt, sie rasch umzusetzen.
Hartman: Wir haben unsere Aktivitäten auch innerhalb kurzer Zeit enorm ausgeweitet. Als wir 2010 das Stromnetz von E.on kauften, war es üblich, rund 100 Millionen Euro pro Jahr in die Netze zu stecken. Tatsächlich haben wir in den vergangenen zweieinhalb Jahren sechs Milliarden Euro investiert - und zwar nur für Offshore. Nun sollen wir bis 2020 weitere 15 Milliarden aufbringen. Das ist mehr als E.on oder RWE in die Energiewende stecken.
SPIEGEL ONLINE: Sie wirken überrascht. Aber es war doch lange absehbar, dass der Investitionsbedarf steigt. Die Offshore-Vision des Regierung existierte auch 2010 schon.
Hartman: Nicht in diesem Ausmaß. Und die Regierung hat absurde Vorstellungen, was unsere Rolle in dieser Vision betrifft. Da wird beschlossen, dass immer mehr riesige Windparks vor der Küste gebaut werden. Und dann soll eine einzige Firma die dafür nötige Infrastruktur allein finanzieren. Eine Firma, deren Kaufpreis Anfang 2010 gut eine Milliarde Euro betrug, soll mal eben 20 Milliarden Euro aufbringen. Wir erhöhen gerne unseren Umsatz, aber alleine können wir eine solche Summe nicht stemmen.
SPIEGEL ONLINE: Wie stehen die Chancen, Geldgeber zu finden?
Hartman: Prinzipiell gut, wir haben ja schon gezeigt, dass es geht. Aber die politischen Rahmenbedingungen sind noch viel zu unklar. Ich bin aber optimistisch, dass die Regierung das bald ändert.
SPIEGEL ONLINE: Woran hapert es?
Hartman: An fast allem. Heute ist nicht geregelt, wer wann für welches Risiko in welcher Höhe geradestehen muss. Das Investitionsvolumen muss klar sein. Wir brauchen einen Plan, was wann gebaut wird. Momentan müssen wir utopische Auflagen erfüllen. Sobald ein Offshore-Projekt geplant wird, sind wir verpflichtet, innerhalb von 30 Monaten einen Anschluss für den geplanten Windpark bereitzustellen. Heute gibt uns die Industrie aber bereits Lieferzeiträume von mindestens 50 Monaten vor.
SPIEGEL ONLINE: Warum dauert es bei Ihnen mehr als vier Jahre, ein Stromkabel zu verlegen?
Hartman: Es ist Pionierarbeit. In der Nordsee müssen Windparks mehr als 100 Kilometer vor der Küste mit neuester Gleichstromtechnologie angebunden werden - und zwar alle Projekte gleichzeitig. Dazu brauchen wir 10.000 Tonnen schwere Plattformen, die den Strom umwandeln. Es gibt weltweit nur eine Handvoll Unternehmen, die uns beides liefern können. Und die Plattformen müssen mit Spezialkränen aufs Meer gebracht werden. Wenn man einen der raren Termine für einen solchen Kran bekommt, kann es sein, dass das Wetter nicht mitspielt - und man monatelang warten muss, bis der Kran wiederkommt.
SPIEGEL ONLINE: Die Windparkbauer haben für solche Argumente wenig Verständnis. Tennet wurde kürzlich von der Firma Windreich verklagt - wegen eines fehlenden Anschlusses für den Nordsee-Windpark "Deutsche Bucht". Die Bundesnetzagentur hat in dem Fall ein Missbrauchsverfahren gegen Sie eingeleitet.
Hartman: Ich kann die Probleme der Windparkbauer verstehen. Es ist für sie schwierig, Investoren zu finden, wenn sie diesen nicht garantieren können, dass der Windpark nach Fertigstellung ans Netz geht - und sofort Rendite abwirft. Aber ich bleibe dabei: Die Fristen, die man uns derzeit abverlangt, sind utopisch. Es gibt zu viele Lieferengpässe und technische Schwierigkeiten.
SPIEGEL ONLINE: Windreich verlangt Schadenersatz in Millionenhöhe. Sie dagegen fordern: Wenn Tennet seine Fristen nicht einhält, sollen die Verbraucher zahlen. Ein Großteil der Schadenersatzforderungen soll über eine Umlage auf die Stromkunden abgewälzt werden. Sie haben ein gutes Gespür, wie man sich unbeliebt macht.
Hartman: Für Investoren ist das Risiko bei Offshore heute unklar. Sie investieren nur in Windparks und die Anbindungen, wenn das Risiko klar geregelt und möglichst niedrig ist. Oder die Rendite, die ja von der Bundesnetzagentur festgelegt wird, müsste höher sein. Für die Verbraucher ist es günstiger, eine Haftungsregelung zu haben, bei der sie einspringen, als dass es eine höhere Rendite gibt, bei der das hohe Risiko schon eingepreist ist. Und mit einem echten Plan für Ausbau und Anschluss der Offshore-Windenergie würde zudem die Gefahr sinken, dass die Verbraucher mit hohen Schadenersatzforderungen belastet werden.
SPIEGEL ONLINE: Andere Firmen würden solche Gefahren als unternehmerisches Risiko verbuchen, für das sie selbst geradestehen müssen.
Hartman: Andere Unternehmen treffen auch freie unternehmerische Entscheidungen. Wir dagegen sind gesetzlich verpflichtet, die Anschlüsse für die Windparks zu bauen.
SPIEGEL ONLINE: Also ist die Regierung an allem schuld?
Hartman: Die Regierung ist im Moment noch der große Blockierer - nicht wir. Wir haben der Bundesregierung vor neun Monaten einen Brief geschickt, in dem wir die grundlegenden Probleme ansprechen und Lösungen vorschlagen. Damals bekam ich zwar Antworten wie: "Planung? Brauchen wir nicht. Haftung? Mal sehen, wie sich das regeln lässt." Das hat sich jetzt zum Glück geändert, jetzt wollen alle solche Regelungen, und es wird an entsprechenden Gesetzentwürfen gearbeitet. Und es ist vielleicht auch möglich, dass die Bundesregierung die Investorensuche unterstützen will, zum Beispiel über die Förderbank KfW.
SPIEGEL ONLINE: Die Rahmenbedingungen könnten sich bald ändern. Die Regierung unterstützt Ihren Vorschlag, Schadensersatzforderungen auf die Verbraucher abzuwälzen. Es kursieren entsprechende Gesetzesentwürfe.
Hartman: In der Tat. Derzeit sieht es so aus, als würden große Hindernisse aus dem Weg geräumt. Das macht mir Hoffnung.
SPIEGEL ONLINE: Die Verbraucher macht es weniger glücklich. Am Ende müssen wieder mal sie für die Planungsfehler der Energiewende zahlen. Tennet dagegen ist fein raus - und wird am Ende gut verdienen.
Hartman: Ich kann den Unmut der Verbraucher verstehen. Wahr ist aber auch: Die Energiewende ist politisch gewollt. Wir tragen unseren Teil zu diesem Projekt bei. Doch das können wir nur mit Hilfe der Verbraucher.
Das Interview führte Stefan Schultz
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