US-Ökonom Dennis Snower: "Obama hat Macht, er soll sie nutzen"

In seiner zweiten Amtszeit muss Barack Obama für mehr Chancengleichheit in den USA sorgen, fordert der Ökonom Dennis Snower im Interview. Der US-Präsident sollte mutiger sein, sich mehr um Details kümmern - und genauer auf die Auswahl seiner Berater achten.

Obama beim Besuch einer Aluminiumfabrik: "Er kümmert sich ungern um Details" Zur Großansicht
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Obama beim Besuch einer Aluminiumfabrik: "Er kümmert sich ungern um Details"

SPIEGEL ONLINE: Herr Snower, bei seiner Dankesrede hat Barack Obama gesagt, das Beste für die USA komme noch. Stimmt das auch aus wirtschaftlicher Sicht?

Snower: Das war der gefährlichste Teil der Rede. Damit weckt Obama Hoffnungen, die er nicht erfüllen kann. Amerika hat riesige Probleme, mit denen er nicht wirklich fertig geworden ist: die Arbeitslosigkeit, versteckte Risiken der Banken, wachsende soziale Ungleichheit und Zinssätze, die viel zu niedrig sind. Die Amerikaner leben noch immer über ihre Verhältnisse.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel davon ist Obamas Schuld?

Snower: Natürlich hat er ein schreckliches Erbe übernommen. Und er hat verhindert, dass die US-Wirtschaft in eine Depression schlittert. Aber die sonstigen Hoffnungen hat Obama größtenteils enttäuscht. Die Wurzeln der Finanzkrise etwa hat er nicht bekämpft, wir machen mehr oder weniger mit dem alten System weiter.

SPIEGEL ONLINE: Bislang sind die Finanzmarktreformen nur zum Teil umgesetzt. Kann er die in seiner zweiten Amtszeit vollenden?

Snower: Natürlich ist der Widerstand von Finanzlobby und Republikanern sehr groß. Doch bevor Obama Präsident wurde, war er ein phantastischer Kommunikator. Sobald er im Amt war, hat er aufgehört zu kommunizieren. Deswegen hat er nicht vermitteln können, dass das US-Finanzsystem grundlegend reformiert werden muss. Außerdem hat er sich Berater gesucht, die zwar sehr kompetent waren, aber das heutige Finanzsystem selbst mit aufgebaut haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie den Finanzminister und Ex-Goldman-Sachs-Mitarbeiter Timothy Geithner…

Snower: … oder Chefökonom Larry Summers, der entscheidend an der Deregulierung der Finanzmärkte in den Neunzigern beteiligt war. Man konnte kaum erwarten, dass ausgerechnet solche Leute das System umkrempeln. Aber Obama kümmert sich ungern um Details, das hat man auch bei der Gesundheitsreform gesehen. Da hat er die Zustimmung demokratischer Politiker mit teuren Geschenken für Wahlkreise erkauft - was zu vehementem Widerstand der Republikaner führte.

SPIEGEL ONLINE: Was ist aus wirtschaftlicher Sicht jetzt das wichtigste Projekt, das Obama angehen muss?

Snower: Mehr Chancengleichheit. Es gilt als Markenzeichen der USA, dass sich Ärmere nach oben arbeiten können. Doch tatsächlich nimmt die Ungleichheit seit 20 Jahren zu. Es ist sehr wichtig, dass Obama sich um dieses Problem kümmert.

SPIEGEL ONLINE: Er will die Steuern von Reichen erhöhen, die von Unternehmen senken. Ist das der richtige Ansatz?

Snower: Es ist nicht falsch. Aber das US-Steuersystem ist phantastisch kompliziert, mit unendlich vielen schädlichen Subventionen. Wenn man die abschafft, kann man auch die Steuern senken. Bis jetzt ist Obama diesem Problem aus dem Weg gegangen. Ich hoffe, dass er in der zweiten Amtszeit viel mutiger sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Als erstes muss er sich mit dem "Fiscal Cliff" auseinandersetzen: Falls Demokraten und Republikaner keinen Kompromiss finden, treten ab Anfang 2013 automatische Kürzungen von insgesamt mehr als einer Billion Dollar in Kraft. Zusammen mit geplanten Steuererhöhungen könnten sie zu einer neuen Rezession führen. Wie soll Obama damit umgehen?

Snower: Er sollte eine Schuldenbremse durchsetzen, die eine langfristige Reduzierung der Schulden auf eine bestimmte Quote festlegt, in der Krise aber höhere Defizite erlaubt. Damit würde die ganze Unsicherheit beseitigt.

SPIEGEL ONLINE: Die Republikaner haben die Lage in Europas Schuldenstaaten im Wahlkampf als Beleg für das Versagen des Sozialstaats dargestellt. Driften die wirtschaftspolitischen Ansichten zwischen den USA und Europa auseinander?

Snower: Nein. Die Probleme sind relativ ähnlich. Beides sind Industriegesellschaften, die hochverschuldet sind und nicht nachhaltig wachsen. Deshalb wäre es intelligent, die Lage ähnlich zu sehen.

SPIEGEL ONLINE: In der Klimapolitik scheint eine Annäherung möglich: Obama hat angekündigt, das Thema zu einem Schwerpunkt seiner zweiten Amtszeit zu machen. Glauben Sie daran?

Snower: Obama hat Macht, er soll sie nutzen. Das hat er in der ersten Amtszeit nicht getan. Sobald es etwas Gegenwind gab und die Wirtschaft abstürzte, war das Thema Klimawandel vom Tisch. Das darf es nicht noch einmal geben, es war verantwortungslos.

Das Interview führte David Böcking

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Soso also "nachhaltig wachsen"?
ReneMeinhardt 07.11.2012
Herr Snower, nicht so viel Schnee verbreiten. Man kann nicht bis ins unendliche wachsen, wachsen, wachsen .... , das ist ökonomischer und ökologischer Unfug.
2. Wieso, stimmt doch
zeitmax 07.11.2012
Die Marionette Obama wird nichts von ihren Versprechungen halten können - und dürfen...
3. Träum weiter
hxk 07.11.2012
Zitat von sysopAPIn seiner zweiten Amtszeit muss Barack Obama für mehr Chancengleichheit in den USA sorgen, fordert der Ökonom Dennis Snower im Interview. Der US-Präsident sollte mutiger sein, sich mehr um Details kümmern - und genauer auf die Auswahl seiner Berater achten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/interview-mit-us-oekonom-dennis-snower-zu-obamas-wiederwahl-a-865871.html
Er hat in seiner ersten Amtszeit wenig hinbekommen. Als 'lame duck' Präsident und ohne Mehrheit im Kongress wird das bestimmt nicht besser werden. Weiterhin Stagnation ist wahrscheinlich.
4. Wie kann es dann sein...
bonandi 07.11.2012
...dass der zu Recht gescholtene (ehemalige) Chefökonom Larry Summers von Dennis Snower mit dem Weltwirtschaftspreis 2011 ausgezeichnet wurde???
5. Ohne
wahrsager11 07.11.2012
Kompromisse in Sachen Schuldenanbau und Steuer-Reform wird er nicht weit kommen mit dem Kongress. Zu hoffen ist auch, dass er nicht ( aehnlich wie mit healthcare) wieder an den falschen stellen herum bastelt. Man muss befuerchten ,dass seine verfehlte Energiepolitik fortgefuehrt wird.-Windmuehlen und Bankrott-Solar anstatt Erdgas und domestic oil.
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Zur Person
  • DPA
    Dennis Snower, 63, ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Der US-Amerikaner wurde in Wien geboren und studierte in Oxford und Princeton. Er forscht unter anderem zu Arbeitslosigkeit und Inflation.
US-Wahl 2012 Ergebnisse

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Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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