Heimischer Investitionsmangel Deutsche verplempern Milliarden im Ausland

Deutschland bröckelt, weil es zu wenig investiert. Das liegt auch an den Sparern, die ihr Geld oft im Ausland versenken. Neue Finanzprodukte sollen nun Abhilfe schaffen - aber was taugen sie wirklich?

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Autobahnbaustelle: Sollten die Deutschen hier häufiger ihr Geld vergraben?
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Autobahnbaustelle: Sollten die Deutschen hier häufiger ihr Geld vergraben?


Hamburg - Sparen bringt nichts: Diese Botschaft wurde vergangene Woche einmal mehr in die Welt geschickt, als die Europäische Zentralbank ihren Leitzins auf Rekordniveau senkte. Angesichts der Mickerzinsen werden Sparbücher oder Tagesgeldkonten zum Verlustmodell. Dennoch stecken Anleger in Deutschland bislang rund vier Fünftel ihres Geldvermögens in solche zinsabhängigen Anlagen. Zu häufig fließt das Kapital der Deutschen dann auch noch in Investitionsprojekte im Ausland. Ein erheblicher Teil dieses exportierten Kapitals fiel der Weltfinanzkrise 2008 zum Opfer. Die spanischen Bürotürme, die mit deutschem Geld errichtet worden waren, standen plötzlich leer, die Lehman-Zertifikate waren wertlos.

"Unternehmen wie Verbraucher haben in den vergangenen Jahren extrem schlecht gespart", sagte der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, SPIEGEL ONLINE. Wenn Banken das Ersparte in anderen Ländern anlegten, dann oft mit Verlust: Seit dem Jahr 2000 machten die Deutschen nach DIW-Berechnungen auf die Nettoersparnisse im Ausland einen Verlust von fast 400 Milliarden Euro. Zugleich fehle es in Deutschland an dringend benötigten Investitionen, warnt Fratzscher in einem gerade erschienenen Buch (mehr dazu im neuen SPIEGEL).

Das soll nun anders werden. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hat eine Kommission ins Leben gerufen, zu der auch Deutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen gehört und die von Fratzscher geleitet wird. Ihr Ziel: Mehr privates Kapital für Investitionen in Deutschland zu mobilisieren. Statt weiter nur stur ihre Sparschweine zu füttern, sollen die Bürger einen Teil des Geldes lieber in den Bau von Straßen und Brücken stecken.

"Die Bevölkerung finanziert ihre eigene Infrastruktur: Die Idee ist grundsätzlich richtig und höchst charmant", sagt Christian Ahlers, Finanzmarktreferent beim Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV). Konkrete Modelle soll die Kommission erst noch erarbeiten. Denkbar wäre unter anderem, dass sich Bürger über den Kauf von Aktien, Anleihen oder speziellen Fonds an Bauprojekten beteiligen.

Sollten Privatanleger nun also auf eigene Faust Aktien von Bauunternehmen wie Bilfinger Berger oder Hochtief erwerben? "Für den Großteil der Verbraucher sind Einzelbeteiligungen keine sinnvolle Option", sagt Ahlers. Wenn überhaupt sollten sie Aktienfonds kaufen, die unter anderem auch in die Baubranche investieren: "So ein Fonds könnte dann zum risikoreichen Teil eines Portfolios gehören."

Verbraucherschützer sind skeptisch

Wenig Auswahl haben deutsche Anleger bislang auch bei Anleihen. In den USA finanzieren Städte seit Jahrzehnten mit sogenannten Municipal Bonds den Bau von Schulen oder Flughäfen. Auch in Kanada, Großbritannien und Australien wird Geld für Bauprojekte über spezielle Anleihen beschafft. In Deutschland sind Kommunalanleihen dagegen bislang die Ausnahme.

Als wahrscheinlichste Variante bleibt damit eine Beteiligung von Bürgern an speziellen Infrastrukturfonds. Die treibt auch die Europäische Union voran: Ab Herbst diskutiert sie einen Verordnungsentwurf für sogenannte Europäische Langfristige Investmentfonds, kurz ELTIF. Sie sollen Investitionen in Infrastrukturprojekte ermöglichen und sind ausdrücklich auch für den Verkauf an Kleinanleger vorgesehen. Doch die Verbraucherschützer überzeugt das Modell nicht. Diese Form der Anlage sei "vorrangig für professionelle Anleger geeignet", heißt es in einem Positionspapier des VZBV. "Die beabsichtigte Öffnung der neuen Produktklasse für Privatanleger sehen wir entsprechend mit Sorge." Der Verband fordert, die Fondsanteile nur ohne Werbung oder über Sekundärmärkte an Kleinsparer zu verkaufen.

Der Grund für die Sorge: Selbst gut informierte Anleger können die Risiken von Infrastrukturprojekten nach Ansicht der Verbraucherschützer kaum absehen. Nach dem jetzigen Stand seien die ELTIFs als geschlossene Fonds geplant - ein Modell, dessen Tücken in den letzten Jahren schon viele Käufer von verlustreichen Schiffsfonds kennenlernen mussten.

Besonders schwer sei die Risikobewertung zudem bei Fonds, die nicht an einer Börse gehandelt werden, warnt der VZBV mit Verweis auf den Windkraftfinanzierer Prokon. Der verkaufte trotz vieler Warnungen jahrelang erfolgreich sogenannte Genussrechte. Erst nach der Insolvenz merkten viele Käufer, wie wacklig das Geschäftsmodell von Prokon war und wie wenig Wert die gekauften Papiere hatten.

"Lasst den Sparer doch sparen, wie er will"

Verbraucherschützer Ahlers sieht noch ein zweites Problem: Die Frage, wo bei öffentlichen Infrastrukturprojekten eine regelmäßige Rendite herkommen soll. Denkbar ist zwar, dass die privaten Investoren für die von ihnen gebauten Straßen anschließend Nutzungsgebühren erheben. Doch das aktuelle Gezerre um die geplante Pkw-Maut zeigt auch, wie wackelig solche Modelle sind. Dass auf Einnahmen aus öffentlichen Projekten wenig Verlass ist, erleben derzeit auch Fluglinien und Ladenbesitzer, die eigentlich längst am Berliner Hauptstadtflughafen Geld verdienen wollten.

Angesichts solcher Einwände könnte Gabriels Kommission zum Schluss kommen, dass die Bürger sich lieber indirekt beteiligen sollten - indem Banken oder Versicherungen ihr Erspartes verstärkt in Infrastrukturprojekte stecken. Nicht umsonst sitzen in der Fratzscher-Kommission Ergo-Chef Torsten Oletzky und Allianz-Vorstand Helga Jung. "Auch deutsche Versicherer sind im internationalen Vergleich sehr konservativ", sagt Fratzscher. "Sie investieren stark in Staatsanleihen, obwohl die kaum noch Rendite abwerfen." Die Branche hat bereits signalisiert, dass sie künftig gerne mehr Geld in die Infrastruktur stecken würde.

Verbraucherschützer Ahlers fände es richtig, wenn vor allem Profis in Bauprojekte investieren. "Lasst den Sparer doch sparen, wie er will", kommentiert er die Kritik an den risikoscheuen deutschen Anlegern. "Es ist die Grundaufgabe des Finanzsektors, das Kapital wachstumsfördernd anzulegen."

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ADie 08.09.2014
1. Die Bevölkerung finanziert ihre eigene Infrastruktur
Tut sie das jetzt etwa nicht? In Zukunft soll der Steuerzahler dann wohl auch noch garantierte Renditen für "die Sparer" bezahlen?
kdshp 08.09.2014
2.
Das liegt doch nicht am sparer sondern an dem system was wir haben. Warum investieren denn die investoren so wenig in deutschland? Dazu kommt das der staat selber immer weniger investiert und das geld in prunkbauten versenkt siehe schloss in berlin. Ich meine das wir in deutschland festgefahren sind weil die einzelnen gruppen (politik wirtschaft bürgerliche usw) nichts oder wenig verändern wollen. Man baut sich dann solche bauten um sich auf eine bstimmte geschichtliche art sich zu verewigen. Das haben schon die alten römer so gemacht und wo das geendet hatten wissen wir ja.
pepe_sargnagel 08.09.2014
3.
Ein schlechter Weg wären PPP. 1) Diese unterminieren meiner Mienung nach die Demokratie. Weil Private die Aufgaben des Staates übernehmen - will er diese Aufgaben weiterhin leisten, dann muss er alles tun, dass die Investoren wohlgesonnen bleiben. Andere Interessensgruppen sind dann egal. Aus Angst und Panikmache (Politics of Fear) wählen die Bürger dann noch genau so, dass sich der Trend manifestiert. Das mag ein paar Jahr(zehnt)e gut gehen, aber dann richtig knallen. 2) Die privaten Unternehmen werden ihr Geld dorthin umleiten, wo es die meisten Renditen bringt. Das können womöglich in naher Zukunft PPP sein - nur dann passiert genau obiges. Die Privaten übernehmen die Aufgaben des Staates und bekommen sichere Renditen. Diese sind erheblich sicherer als Investitionen in die deutlich unsichere Unternehmenszukunft, weil man die Erträge vorher nicht kennt. Es wird möglicherweise zu noch mehr Investitionsstau bei den Unternehmen kommen! Ich halte PPP als Möglichkeit für eine denkbar schlechte Alternative, weil ich dadurch die Freiheit einer Nation bzw. die Demokratische Grundordnung noch mehr gefährdet sehe als sie durch Lobbyismus eh schon ist. Auch der Lobbyismus gehört gehörig eingedämmt und Korruption bei jedem Politiker verfolgt und abgestraft wie bei anderen eben auch! Nur so kann man Demokratie aufrecht erhalten. Sonderregeln werden sie zersetzen und beseitigen. Aber wir haben unter vielen schlechten Alternativen eben keine bessere Gesellschaftsform.
static2206 08.09.2014
4. ich dachte ich bezahl die Infrastruktur schon
oder wo gehen ca 50% meines Geldes am Ende des Monats hin? Zu mal wie soll denn da Geld angelegt werden? Normalerweise investiert man doch um sein Geld zumindest vor der Inflation zu schützen, aber Brücken und Straßen werfen ja keine Gewinne ab, außer sie werden gebührenpflichtig. Also irgendwas kann doch da nicht ganz richtig sein oder versteh ich das Konzept nicht
Daniel 1956 08.09.2014
5.
""Die Bevölkerung finanziert ihre eigene Infrastruktur: Die Idee ist grundsätzlich richtig und höchst charmant",..." - Das macht die 'Bevölkerung' schon seit Jahrzehnten durch die von ihr gezahlten Steuern und Abgaben! Die Gelder werden nur leider immer wieder zweckentfremdet und daran ist nicht die 'Bevölkerung' schuld! "Charmant" wäre, wenn die Regierenden das Geld der 'Bevölkerung' endlich einmal auch zum Wohl und Nutzen derselben ausgeben würde!
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