Iran-Streit "Deutsche Betriebe wollen erst einmal weitermachen"

Auch Deutschland solle Geschäfte in Iran stoppen, fordern die USA nach ihrem Austritt aus dem Atomabkommen. Viele Firmen dürften das ignorieren, sagt Amir Alizadeh, Vizegeschäftsführer der Deutsch-Iranischen Handelskammer in Teheran.

Amir Alizadeh
Asal Bigdeli

Amir Alizadeh

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Alizadeh, Donald Trump hat den Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen und neue Sanktionen gegen den Iran angekündigt. Wie reagieren die Iraner?

Alizadeh: Insgesamt ruhig. In den sozialen Netzwerken gab es während der Rede wütende Kommentare. Aber jetzt leben die Menschen ihr normales Leben weiter. Und die lokalen Finanzmärkte hatten sich schon vorher auf dieses Szenario eingestellt. Der Rial etwa (die iranische Landeswährung, d. Red.) hatte monatelang abgewertet. Gestern Vormittag nach Trumps Rede hat er dann etwas nachgegeben, später aber wieder aufgeholt. Auch der Aktienmarkt ist stabil.

SPIEGEL ONLINE: Und die Politik?

Alizadeh: Konservative Medien und Politiker greifen Präsident Hassan Rouhani wegen des Abkommens an, aber neu ist das nicht. Und die liberalen Kräfte halten weiter zu Rouhani. Sie hoffen, dass er jetzt zusammen mit den Europäern eine Lösung findet.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich die äußere Gelassenheit?

Alizadeh: Wissen Sie: Wir Iraner haben uns eine dicke Haut zugelegt. Seit Jahrzehnten werden wir wieder und wieder mit solchen Herausforderungen konfrontiert. Diesen Schritt von Trump haben viele erwartet. Überrascht hat allerdings Trumps Vehemenz: dass es nun gleich neue Sanktionen geben soll…...

SPIEGEL ONLINE: …... die vor allem die Wirtschaft treffen sollen. Wie groß sind die Sorgen der Unternehmen im Iran?

Alizadeh: Natürlich ist man besorgt, ganz besonders in der Erdölindustrie. Schon jetzt hat der Staat Finanzprobleme, und wenn die Ölverkäufe sinken, wird das Geld noch knapper. Aber Panikreaktionen gibt es keine: weder bei heimischen noch bei den deutschen Unternehmen im Iran. Die deutschen Betriebe wollen erst einmal weiter machen und beobachten, wie sich die Verhandlungen mit den Europäern entwickeln. Die erste Reaktion der EU war ja sehr konstruktiv. Vieles ist anders als bei den letzten Sanktionen von 2011/2012. Damals war der gesamte Westen gegen den Iran, jetzt stehen viele auf seiner Seite. Denn der Iran hat sich an das Atomabkommen gehalten. Die USA nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der neue US-Botschafter Richard Grenell hat die deutschen Unternehmen im Iran aufgefordert, ihre Aktivitäten "sofort herunter zu fahren". Was sagen die Betriebe selbst dazu?

Alizadeh: Sie sind verärgert. Wie kommt ein US-Botschafter dazu, so etwas von deutschen Unternehmen zu verlangen, noch dazu per Tweet, fragen sie. DIHK-Präsident Eric Schweitzer hat darauf hingewiesen, dass es die USA sind, die von sich aus das Abkommen mit dem Iran kündigen. Dass darunter nun die deutschen Unternehmen leiden sollen, ist nicht nachvollziehbar.

SPIEGEL ONLINE: Mag sein. Aber können die Unternehmen ernsthaft dem Druck der US-Regierung standhalten? Oder werden sie sich fügen müssen?

Alizadeh: Unterschiedlich. Große Firmen, die auch in den USA Geschäfte machen und denen dort Probleme drohen könnten, werden es sich natürlich zweimal überlegen. Aber der deutsche Mittelstand ist hier traditionell sehr stark vertreten; es gibt viele Partnerschaften deutscher und iranischer Firmen. Viele dieser Betriebe haben kein US-Geschäft. Ich denke, sie werden weiter machen, wenn der Iran und die Europäer eine gemeinsame Lösung finden.

SPIEGEL ONLINE: Und wie wird das mit der Bezahlung gehen? Trump will Transaktionen zwischen ausländischen und iranischen Finanzinstituten verbieten.

Alizadeh: Die Zahlungsabwicklung wird schwieriger. Allerdings gibt es schon jetzt nur einige wenige spezialisierte Banken, die Geschäfte mit dem Iran abwickeln. Das sind oft kleinere Banken, die kein nennenswertes US-Geschäft haben und keine US-Sanktionen fürchten müssen.

SPIEGEL ONLINE: Etwa welche?

Alizadeh: Zum Beispiel regionale Banken aus Italien oder Frankreich - oder manche deutsche Sparkassen und Volksbanken. Sie könnten also auch in Zukunft die Zahlungen abwickeln. Immer vorausgesetzt natürlich: Iran, die EU und Deutschland finden eine Einigung, eine Perspektive für das Abkommen. Daran hängt alles.

SPIEGEL ONLINE: Hat Rouhani denn überhaupt noch genug Rückhalt im eigenen Volk?

Alizadeh: Ich glaube, dass die 24 Millionen Menschen, die ihn gewählt haben, noch immer zu ihm stehen. Aber gerade diese liberalen, moderaten Iraner sind bitter enttäuscht von den USA. Denn nicht die Regierung, sondern die normalen Bürger werden am meisten von den neuen US-Sanktionen betroffen sein. Sie hätten miterleben sollen, wie die in den sozialen Netzwerken getobt haben bei der Trump-Rede. Als Trump behauptete, er stehe dem iranischen Volk bei, haben sie gepostet: "Wir wollen Dich nicht bei uns stehen haben."

insgesamt 4 Beiträge
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Medienkritiker 10.05.2018
1. Ignorieren?
Da irrt Herr Alizadeh aber ganz gewaltig. Die wichtigen Player der deutschen Industrie werden ihr geplantes oder auch real existierendes Engagement in Iran umgehend beenden. Die Geschäfte mit Iran sind viel zu unbedeutend, als das dadurch die Beziehungen zu den USA gefährdet würden...
fixik 10.05.2018
2.
@Medienkritiker Wenn keine Beziehungen zu USA bestehen, braucht man sich auch keine Sorgen zu machen. Was soll geschehen? Frage ist natürlich wie viele Firmen es sind, die in Iran Geschäfte machen und in USA nicht. Und eines sollte man nicht vergessen. Trotz Deals hat Iran aus dem Westen nichts bekommen. Von Anfang an kam nichts an was Iran wirklich helfen kann. Also kann auch kaum was wieder das Land verlassen. Was verloren gegangen ist, ist nur die Hoffnung. Jetzt läuft alles auf Krieg hinaus. Saudis hätten sich alleine gegen den Iran nicht getraut. Aber zusammen mit kriegswilligen USA und Israel ist das kaum noch zu verhindern.
Horch und Guck 10.05.2018
3. Die Gier wird sie führen
"Trump hat in Davos Europas Wirtschaftselite getroffen. Mit dabei: Die CEOs von Siemens, SAP, Adidas, Bayer und Thyssen-Krupp. Sie schmeichelten Trump " http://www.handelsblatt.com/politik/international/davos2018/trump-dinner-mit-dax-chefs-wie-joe-kaeser-den-us-praesidenten-kontert/20896064.html Und zwar in die Arme der gierigen Staaten von Amerika!
Hamberliner 10.05.2018
4. Die Sekundärsanktionen sind doch vom Tisch.
Der neue U.S.-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, hat doch gerade sinngemäß bekanntgegeben: deutsche Unternehmen, die weiterhin Geschäfte mit dem Iran machen, haben keine Sanktionen in den USA zu befürchten (konkret, es sei nicht Sache der USA, sondern der deutschen Regierung, die Frage zu beantworten, was mit denen passiert (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/iran-ausstieg-us-botschafter-richard-grenell-verteidigt-umstrittenen-tweet-a-1207183.html)).
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