Hamburg - Iran präsentiert das eigene Vorgehen als Signal des Stärke - Experten im Ausland werten die neusten Vorstöße Teherans eher als Zeichen, dass die Sanktionen gegen das Land zu wirken beginnen: Laut "Financial Times" ("FT") versucht Iran, das Ölembargo der EU zu unterlaufen, indem es den Rohstoff zu Discountpreisen in Asien feilbietet.
Die Regierung in Teheran biete ausgewählten Investoren inzwischen an, Lieferungen über einen Zeitraum von 180 Tagen zinsfrei bezahlen zu können, berichtet die Zeitung unter Berufung auf mehrere Brancheninsider. Bislang hatte Iran ausgewählten Abnehmerländern 60 bis 90 Tage Zahlungsaufschub gewährt.
Berechnungen aus der Branche zufolge entspricht jeder zinsfreie Monat einem Preisnachlass von 1,2 bis 1,5 Dollar pro Barrel (159 Liter). Insgesamt gewährt die islamische Republik ausgewählten Kunden demnach inzwischen einen Discount bis zu neun Dollar. Das Angebot richte sich unter anderem an potentielle Abnehmer in Indien, berichtet die "FT". Das Land ist nach China einer der größten Abnehmer iranischen Öls.
Das Discountangebot erfolgt unmittelbar vor dem Beginn wichtiger Verhandlungen zwischen Iran und wichtigen Industriestaaten. Länder wie die USA werfen der Führung in Teheran vor, unter dem Deckmantel der zivilen Nutzung der Kernenergie ein Atomwaffenprogramm zu betreiben - was diese selbst bestreitet. Am Samstag beginnen in Istanbul internationale Atomgespräche zwischen Iran, den fünf Veto-Mächten des Uno-Sicherheitsrats (USA, Russland, Frankreich, Großbritannien und China) und Deutschland.
Ölproduktion in Iran sinkt bereits
Irans Versuch, verstärkt Abnehmer in Asien zu gewinnen, ist eine direkte Reaktion auf ein anstehendes Ölembargo gegen Teheran. Die EU-Staaten hatten dieses am 24. Januar beschlossen, um verstärkt Einfluss auf das iranische Atomprogramm zu nehmen. Bis zum 1. Juli soll das Embargo voll in Kraft treten. Bereits jetzt haben Abnehmerländer begonnen, ihre Importe aus Iran zurückzufahren. Zuletzt hatte ein chinesischer Versicherer von Öltankern für Schlagzeilen gesorgt: Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters will der China P&I Club keine Tanker mehr gegen Schäden versichern, die Öl aus Iran transportieren.
Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA), der obersten Interessenvertretung westlicher Öl-Importeure, ist Irans Ölproduktion bereits jetzt so niedrig wie zuletzt 2002. Im Februar sei die Produktion um 50.000 Barrel pro Tag zurückgegangen - auf nun 3,38 Millionen Barrel. Die weltweiten Ölpreise sind durch das anstehende Embargo gestiegen. Die Nordseesorte Brent kostete am Dienstag rund 120 Dollar pro Barrel. Laut Analysten wie Christof Rühl von BP ist in dem Preis ein deutlicher Risikoaufschlag für die unruhige Lage in Iran enthalten.
Der hohe Preis sorgt in den USA verstärkt für Unruhe. Zuletzt warnte die US-Notenbank Fed am Mittwoch in ihrem aktuellen Konjunkturbericht vor den negativen Auswirkungen steigender Energiekosten. Weil die Benzinsteuer in den USA sehr niedrig ist, machen sich Preissteigerungen beim Öl deutlicher bemerkbar als etwa in Deutschland. Autofahrer sparen das Geld an anderer Stelle, das schadet dem Konsum, der rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung der USA ausmacht. Ein hoher Ölpreis verstärkt zudem die Inflation und erhöht den Druck auf die Notenbank, die Zinsen zu erhöhen. Kredite werden teurer - was den ohnehin fragilen Aufschwung belastet. Die Kombination von steigenden Zinsen und hohen Ölpreisen macht Amerika verwundbar.
Iran stoppt Öllieferungen nach Deutschland
Iran fährt angesichts des Embargos eine Doppelstrategie: Unter der Hand bemüht sich Teheran um neue Abnehmer, offiziell dagegen versucht das Land, Stärke zu demonstrieren. So hat Iran inzwischen seine Erdölexporte in mehrere EU-Länder eingestellt, um dem Embargo zuvorzukommen. Erst am Mittwoch hatten der Nachrichtensender Press TV und der arabischsprachige Sender al-Alam gemeldet, die Lieferungen nach Deutschland seien eingestellt worden. Auch die Ausfuhren nach Italien würden gestoppt, hieß es. Eine offizielle Bestätigung gab es zunächst nicht.
Bereits Mitte Februar hatte Irans Ölministerium Pläne vorgestellt, laut denen auch Lieferungen nach Spanien, Frankreich, Portugal und in die Niederlande zurückgefahren werden sollen. Lieferungen nach Griechenland wurden ebenfalls gestoppt. Der symbolische Effekt dieser Drohungen ist allerdings größer als ihre tatsächliche Auswirkung. Schätzungen zufolge gehen rund 18 Prozent des iranischen Öls in die EU - hauptsächlich nach Griechenland, Italien und Spanien. Deutschland importierte im vergangenen Jahr gerade 821.000 Tonnen Rohöl aus Iran.
Der iranische Handelsfunktionär Sasan Khodaei kündigte zudem am Mittwoch an, man werde 100 europäische Unternehmen boykottieren und ihre Produkte künftig nicht mehr importieren. Um welche Firmen es konkret geht, sagte er nicht.
ssu
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