Irlands Angst vor Horrorzinsen Ohnmächtig in die Krise

Die irische Regierung stemmt sich gegen den Sog der Spekulanten, doch das Land driftet immer weiter in Richtung Abgrund. Die Risikoaufschläge auf irische Staatsanleihen steigen unaufhörlich - die meisten Experten rechnen inzwischen mit einer Rettungsaktion.

Von , London

Straßenszene in Dublin: "Haben sie den Verstand verloren?"
AFP

Straßenszene in Dublin: "Haben sie den Verstand verloren?"


Die Parallelen zu Griechenland sind erschreckend. Zum dreizehnten Mal in Folge stiegen am Donnerstag die Zinsen für zehnjährige irische Staatsanleihen - auf ein neues Rekordhoch von knapp neun Prozent. Gleichzeitig dementierten EU-Kommission und Internationaler Währungsfonds (IWF) vehement, dass die irische Regierung bald Hilfe brauche.

Genauso lief die Ouvertüre zum großen Griechen-Bail-Out im Mai: Am Feitag noch wurde abgewunken, am Wochenende stand das Rettungspaket.

Ganz so schnell wird es im Fall Irland wohl nicht gehen. Die irische Regierung hat im Unterschied zu den Südeuropäern noch einen letzten Trumpf in der Tasche. Während Athen seine Schulden nicht mehr bedienen konnte, reichen Dublins Reserven noch bis zum nächsten Sommer. Erst dann muss die Regierung wieder Geld an den Märkten leihen, um ihre Schuldzinsen zu zahlen. Die aktuellen Horrorzinsen haben daher keinen direkten Einfluss auf die Staatsfinanzen.

Die Regierung des konservativen Premiers Brian Cowen will bis zum Sommer durchhalten und hofft, dass die Zinsen bis dahin wieder gesunken sind. Finanzminister Brian Lenihan bekräftigte am Donnerstag, dass das Land die Krise allein meistern werde.

Doch viele Experten halten das für reines Wunschdenken. 20 von 30 befragten Ökonomen erwarten laut einer Reuters-Umfrage, dass Irland vor Ende 2011 auf die Hilfe von EU oder IWF zurückgreifen wird. Auch die Anleger rechnen damit, dass die irische Regierung und die europäischen Partner bald die Nerven verlieren: Die Zinsen für zweijährige irische Staatsanleihen sind in den vergangenen Wochen rasant gestiegen. Das zeige, dass der Markt eine Rettungsaktion bereits einpreise, schrieb der Ökonom Karl Whelan in dem Blog "Irish Economy".

Auch die Aktienkurse der größten Gläubiger des irischen Staats, darunter britische und irische Banken, stehen seit Wochen unter Druck. Die Märkte hätten Irland bereits aufgegeben, kommentieren Analysten düster. Wenn sich die Zinsen nicht bald von allein stabilisieren, wird Irland wohl nichts anderes übrig bleiben, als den europäischen Rettungsschirm in Anspruch zu nehmen - schon um die Märkte zu beruhigen.

"Dr. Doom" vermutet weitere Milliardengräber in irischen Banken

In Dublin wird der Bundesregierung die Schuld an der jüngsten Eskalation gegeben. Das deutsche Trommeln für einen permanenten EU-Krisenmechanismus, in dem private Gläubiger bei einer Staatspleite zuerst herangezogen werden, verjage die Anleger aus dem Anleihenmarkt, heißt es missbilligend in der irischen Hauptstadt.

Doch gibt es noch genug andere Gründe für das Misstrauen der Märkte, allen voran das unklare Schicksal der irischen Banken und die wacklige Regierung von Premier Cowen.

Wirtschaftsprofessor Morgan Kelly vom University College Dublin rechnete diese Woche in der "Irish Times" vor, warum Irland de facto bereits bankrott ist. Die Rettung der irischen Banken, von der Regierung mit maximal 50 Milliarden Euro veranschlagt, werde am Ende eher 70 Milliarden Euro kosten, schrieb Kelly. Das bedeute, dass jeder Cent Einkommensteuer in den nächsten sieben Jahren für die Banken draufgehe: "Mit anderen Worten, der irische Staat ist insolvent."

Neben dieser gigantischen Summe wirken die 15 Milliarden Euro, die die irische Regierung bis 2014 einsparen will, nicht sonderlich ambitioniert. "Was bringt es, die Liegestühle an Deck umzustellen, wenn der Eisberg der Bankverluste uns ohnehin untergehen lässt?", fragt Kelly polemisch. Das einzige, was die Pleite noch hinauszögere, seien die Notkredite der Europäischen Zentralbank. Spätestens wenn es ans Zurückzahlen dieser Kredite zu griechischen Konditionen (mit einem Zinssatz von fünf Prozent) gehe, sei der Bankrott jedoch "unvermeidlich".

Der Ökonom sagt auch noch eine zweite, nicht weniger erschreckende Entwicklung vorher: einen Massenstreik der irischen Hausbesitzer, die ihre Hypotheken nicht mehr bedienen können.

Bislang liegen die privaten Kreditausfälle in Irland noch deutlich unter dem Niveau der USA oder Großbritanniens. Das sei aber nur den künstlich niedrigen Zinsen und einer gewissen sozialen Scham zu verdanken, argumentiert Kelly. Noch wolle kaum ein Ire zugeben, pleite zu sein. Kellys Prognose: Sobald die Zinsen steigen, wird die Schamgrenze fallen - und Hunderttausende Iren die Ratenzahlungen an die Bank einstellen. Die Folge: ein freier Fall der Hauspreise, der Wirtschaftscrash wäre da.

Kelly ist in Dublin als "Dr. Doom" bekannt - ein Ökonom, der gerne Untergangsszenarien malt. Doch hat er bisher mit seinen Befürchtungen häufig richtig gelegen.

Rehn warnt vor politischer Instabilität

Die Krise könnte sich auch schon deutlich früher zuspitzen - nämlich, wenn die Cowen-Regierung ihren Haushalt für 2011 am 7. Dezember nicht durch das Parlament bekommt. Die Regierungskoalition der konservativen Fianna-Fail-Partei mit Grünen und zwei Parteilosen verfügt über 82 Sitze. Die Opposition wird nach einer Nachwahl in einem Wahlkreis am 25. November voraussichtlich 80 Köpfe stark sein.

Die Mehrheit ist also denkbar knapp, und eine Niederlage Cowens würde Neuwahlen bedeuten. In der nächsten oder übernächsten Woche will Finanzminister Lenihan seinen Vier-Jahres-Sparplan vorstellen. 15 Milliarden Euro sollen bis 2014 aus dem Budget geschnitten werden, sechs Milliarden davon bereits im nächsten Jahr. Die Opposition hat ihre Zustimmung zum Haushalt davon abhängig gemacht, dass an den richtigen Stellen gekürzt wird.

Wie entscheidend der 7. Dezember ist, zeigte der Besuch von EU-Währungskommissar Olli Rehn Anfang der Woche. Der Finne war nach Dublin gekommen, um Druck auf die Opposition zu machen - und schon mal Fäden zu knüpfen, falls es bald einen Regierungswechsel gibt. Wenn nicht nach der Abstimmung im Dezember, wird es wohl spätestens im Mai so weit sein. Bis dahin muss der unbeliebte Cowen die nächste Wahl ansetzen, die er voraussichtlich verlieren wird.

Ihr jüngstes PR-Desaster erlebte die Regierung vergangene Woche, als sie der Bevölkerung ein besonderes Schmankerl versprach. Am 15. November soll Käse ans Volk verteilt werden - die Regierung hat insgesamt 53 Tonnen irischen Cheddars mit Hilfe von EU-Agrarmitteln aufgekauft. Es gehe darum, verkündete Agrarminister Brendan Smith, "zum Wohlbefinden der am meisten benachteiligten Bürger Europas beizutragen".

Viele Iren hielten die Ankündigung inmitten der ökonomischen Hiobsbotschaften für einen schlechten Scherz. Eine aufgebrachte Anruferin fragte im Radio: "Haben sie den Verstand verloren?"



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