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Finanzkrise im Nordatlantik: Islands neue Eiszeit

Aus Reykjavik berichtet

Island / Finanzkrise: Auferstanden aus Finanzruinen Fotos
REUTERS

Banken gingen pleite, rigide Kapitalsperren stoppten Geldabflüsse: Mit harten Methoden haben die Isländer ihre vor fünf Jahren ausgebrochene Finanzkrise in den Griff bekommen. Eine Zeitlang funktionierte der Rettungsplan. Nun aber droht eine neue Spekulationsblase.

Als sich der Minister dem Wahrzeichen von Islands Wiederauferstehung nähert, bricht für einen Moment die Sonne durch die graue Wolkendecke. Sofort funkelt die Glasfassade der Harpa türkisgrün, violett und tiefblau. Touristen zücken ihre Kameras, nehmen Reykjaviks neues quaderförmiges Konzerthaus ins Visier, und Bjarni Benediktsson strahlt. "Dieser Ort zeigt, was möglich ist, wenn wir alle zusammenarbeiten", sagt der frisch ernannte Wirtschafts- und Finanzminister.

Die Harpa ist auferstanden aus Bauruinen, den Überbleibseln eines irren Plans. Einige "Viking Raiders", Islands berüchtigte Finanzjongleure, wollten rund um den Hafen von Reykjavik ein neues World Trade Center erschaffen. Bis der Crash sie stoppte.

Fünf Jahre ist es her, da stand Island plötzlich vor dem Staatsbankrott. Im Herbst 2008, gleich nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, brachen die drei Großbanken des 323.000 Einwohner kleinen Landes zusammen. Kaupthing, Glitnir und Landsbanki hatten bei einer wahnwitzigen Expansionstour durch Europa einen Schuldenberg angehäuft, etwa zehnmal so hoch wie Islands Wirtschaftsleistung.

"Gott segne Island"

Zehntausende verloren ihre Ersparnisse, die isländische Krone stürzte ins Bodenlose, Premier Geir Haarde rief den nationalen Notstand aus und schloss seine Rede mit "Gott segne Island". Nur Notkredite der nordischen Nachbarn sowie des Internationalen Währungsfonds (IWF) retteten den Staat vor dem Kollaps. Und das verlassene Betongerippe, der unfertige Rohbau der Harpa, drohte zum Mahnmal für den Größenwahn zu werden.

Heute brodelt hier am Hafen das Leben, Besucher stehen Schlange vor den Schaltern der Harpa. "Wir sind auf dem Weg zur Genesung", behauptet Minister Benediktsson, der 43-Jährige lächelt stolz. Islands Politiker haben die Harpa zum Symbol für ihren eigenwilligen Kampf gegen die Krise erkoren. Sie haben das Konzerthaus fertig gebaut, mehr als 100 Millionen Euro investiert, ungeachtet aller Finanznöte und Proteste gegen die vermeintliche Geldverschwendung. Es war ein kalkulierter Tabubruch, wie viele der Maßnahmen, mit denen die Isländer ihr Land aus dem Schlamassel holen wollen.

Serienweise haben die Isländer in den vergangenen fünf Jahren gegen ökonomische Lehrbuchregeln verstoßen. Die in diesem Jahr abgewählte Mitte-Links-Regierung hat die Banken pleitegehen lassen, statt sie zu retten und sich erdrückende Schulden aufzuhalsen. Und sie hat Islands Finanzsystem unter Quarantäne gesetzt: eine rigide Kapitalsperre eingeführt, welche die Investoren daran hindert, ihr Geld abzuziehen. Die unkonventionellen Aktionen haben die Wirtschaft zwischenzeitlich wieder in Fahrt gebracht. Exportindustrie und Tourismus profitierten von der Abwertung der Krone, die Arbeitslosigkeit sank unter fünf Prozent, die Rating-Agenturen setzten die Kreditwürdigkeit von "Ramsch" auf "Investment Grade" hoch. Im August 2012 erklärte die IWF-Missionschefin Island sogar zum Vorbild für andere Krisenstaaten in Europa.

Anzeichen einer neuen Blase

Nun aber zeigt sich die Kehrseite der Isolation. Investitionen bleiben aus, die Konjunktur erlahmt, viele Bürger sind überschuldet - und zugleich bilden sich schon wieder neue Finanzblasen auf der Vulkaninsel. "Wir haben die Krise noch lange nicht hinter uns", sagt der Ökonom Olafur Isleifsson, Professor an der Universität Reykjavik. Das angesehene US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" nannte Island gar "eine tickende Zeitbombe".

Vor allem die Kapitalsperre schafft immer neue Risiken. Sie schreckt ausländische Investoren ab: 2012 wuchs Islands Wirtschaft nur noch um 1,4 Prozent. Vor allem aber zwingt sie heimische Großanleger, wie die Pensionsfonds fast ihr ganzes Geld in die winzigen nationalen Finanzmärkte zu stecken. Das treibt die Kurse der gerade zehn Aktien an der Reykjaviker Börse in teils surreale Höhen. "Wir sehen Anzeichen einer neuen Blase", sagt Ökonom Isleifsson. "Das gilt auch für den Immobilienmarkt." So sind Häuser und Wohnungen in der Hauptstadt mittlerweile noch teurer als vor dem Crash vor fünf Jahren. Und die Bürger so frustriert, dass sie Ende April die alte Regierung mit großer Mehrheit abwählten.

Nun soll es Bjarni Benediktsson richten. Seine konservative Unabhängigkeitspartei und ihr Koalitionspartner, die Fortschrittspartei, haben den Wählern versprochen, die Kapitalsperre abzuschaffen. Nur: Wie soll das praktisch geschehen? Der Minister weiß es selbst noch nicht recht. Umgerechnet 12,5 Milliarden Euro hat Island eingefroren, das ist mehr als seine gesamte Wirtschaftsleistung eines Jahres. "Wenn wir die Kapitalkontrollen morgen aufheben würden", sagt Benediktsson, "dann würden wir eine starke Abwertung der isländischen Krone erleben." Die Folge wäre ein rapider Anstieg der Inflation - und noch höhere Schulden der Bürger. Schließlich sind fünf von sechs isländischen Hypothekenkrediten an den Teuerungsindex gekoppelt.

"Jemand muss die Rechnung bezahlen"

Schon der erste Zusammenbruch der Krone im Jahr 2008 hat viele Häuslebauer in Not gestürzt. Sie müssen nun 30 Prozent mehr tilgen, als sie geliehen haben, Zinsen nicht einberechnet. In Umfragen bekennt fast jeder zweite Isländer, kaum noch über die Runden zu kommen. Und dass die neue Regierung ihr zweites Wahlkampfversprechen erfüllen wird, die Gläubiger zu erheblichen Schuldenerleichterungen zu zwingen, bezeichnet selbst Benediktssons eigener Parteigenossse Vilhjalmur Bjarnason als Voodoo-Ökonomie: "Jemand muss die Rechnung dafür bezahlen."

Die Rating-Agentur Standard & Poor's warnt bereits, Island könnte wieder auf Ramsch-Niveau herabgestuft werden. Der Regierung läuft die Zeit weg. Um Island aus der Isolation zu holen, müsste sie jetzt schnell einen Deal mit den ausländischen Gläubigern schließen: die Hedgefonds, die das eingefrorene Vermögen aufgekauft haben, zum Verzicht auf den großen Teil ihrer Forderungen bewegen und ihnen im Gegenzug das Geld freigeben.

Bjarni Benediktsson sagt, er sei "überzeugt, dass beide Seiten einen Kompromiss wollen". Dann deutet der Minister auf die Harpa. "Dieses Projekt ist auch nur zustande gekommen, weil einige Gläubiger einen beachtlichen Teil ihrer Forderungen abgeschrieben haben", sagt er.

Der Himmel zieht sich zu, plötzlich hat es Benediktsson eilig. Der Minister hastet zurück zum Büro. Island will endlich gerettet werden.

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1.
marthaimschnee 25.09.2013
Zitat von sysopREUTERSBanken gingen Pleite, rigide Kapitalsperren stoppten Geldabflüsse: Mit harten Methoden haben die Isländer ihre vor fünf Jahren ausgebrochene Finanzkrise in den Griff bekommen. Eine Zeit lang funktionierte der Rettungsplan. Nun aber droht eine neue Spekulationsblase. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/island-droht-eine-neue-finanzkrise-a-923064.html
Und fällt vielleicht irgendwem der Irrsinn auf, der dahinter steckt? Nein? Kein Wunder, der Wachstumsfanatismus ist ja eine der unumstößlich richtigen Regeln unseres Wirtschaftslebens! Wo jedoch das Wachstum an seine natürlichen Grenzen kommt, beginnen die Probleme, entweder mit solch unsinnigen Blasen - übrigens nicht nur in Island, die Aktienkurse weltweit stehen inzwischen vollkommen contraire zur tatsächlichen Entwicklung - oder damit, das Geld einfach ins Ausland zu schaffen. Mit letzterem löst man nur leider das Problem nicht (mit ersterem schon gar nicht), man verlagert es legiglich in den globalen Rahmen, wo man in Form eines so kleinen Landes sicherlich noch nette Gewinne mitnehmen kann. Nur hat dieser Markt prinzipiell das gleiche Problem, wohin mit dem Geld, daß man sich überall für praktisch nichts leihen kann? Zu Wachstum verdammt, aber kein reales Wachstum mehr schaffend, so sieht es momentan aus. Und in einem Punkt haben die Isländer recht: die Krise ist noch lange nicht vorbei. Sie wird durch politische Arbeitsverweigerung am Leben gehalten, vorsätzlich! Ach ja, die zeitweiligen Erfolge in Island zeigen, daß es auch anders ginge. Dummerweise ist man der Meinung, wenn man das gröbste überstanden zu haben glaubt, einfach wie vorher weiter machen zu können. Um zu verstehen, daß das nicht funktioniert, sondern wieder exakt in die gleichen Probleme führt, muß man wahrlich kein Experte sein!
2. Was? Ein graues wölkchen?
sonkaioshin 25.09.2013
Am ansonsten blauen Himmels des unorthodoxen Krugmanschen Heilsbringers? Allerdings wird dieser sofort auf die wachsende Wirtschaft, Arbeitslosigkeit, Abwertung und Inflation kommen. Das ist ja immer noch besser als in Griechenland.
3. Die Welt im Kleinen
anbue 25.09.2013
Vor allem aber zwingt sie [die Kapitalsperre] heimische Großanleger wie die Pensionsfonds fast ihr ganzes Geld in die winzigen [...] Finanzmärkte zu stecken. Das treibt die Kurse der [...] Aktien an der [...] Börse in teils surreale Höhen
4. FDP-Ökonomie
Dr.W.Drews 25.09.2013
Voodoo-Ökonomie, in Deutschland als freier Markt für freie Bürger bekannt funktioniert einfach nicht. Eine Blase folgt der Krise. Und der Krise folgt eine Blase. Die privaten Haushalte verarmen und werden Opfer. Explodierende Wohnungspreise in Island. Ein Land mit 3 Einwohnern/qkm. Das ist ein Witz.
5. hellas
demoforcrazy 25.09.2013
wenns die isländer nicht schaffen obwohl sie wirklich was änderten dann ist hellas garantiert pleite und deutschland bezahlt die griech. korruption und faulheit danke angela für die vernichtung unserer altersvorsorge aber berufspolitiker sind ja immun dagegen wir haben ja mehr von diesen schmarotzern als die usa und ach ja der un antikorruption ist deutschland ja nicht beigetreten....
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Fläche: 103.000 km²

Bevölkerung: 332.491 Einwohner

Hauptstadt: Reykjavík

Staatsoberhaupt:
Guðni Th. Jóhannesson

Regierungschef: Sigurður Ingi Jóhannsson

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