Rezessionsangst: Wirtschaftsflaute raubt Italienern die Lebensfreude

Von , Rom

Ein Land verliert den Lebensmut: Wirtschaftsflaute und Sparkurs setzen den Italienern zu, das Land wird in diesem Jahr wohl noch tiefer in die Rezession rutschen. Die Politik ignoriert die drängendsten Probleme.

Geschlossenes Geschäft in Mailand: Die Zahl der Pleiten steigt Zur Großansicht
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Geschlossenes Geschäft in Mailand: Die Zahl der Pleiten steigt

"Die Römer lachen nicht mehr", sagt Loredana, 45, "so viele deprimierte Menschen wie jetzt habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen". Loredana ist Lehrerin in der italienischen Hauptstadt und will ihren Nachnamen lieber nicht in den Medien lesen. Sie klagt: "Bei vielen ist das Portemonnaie schon vor dem Monatsende leer." Kein Wunder, denn die Einkommen sinken, die Preise steigen, und die Regierung greift den Bürgern zusätzlich in die Taschen.

Die Krise zeigt sich überall in Rom: Die Restaurants in den von Touristen wenig frequentierten Vierteln sind ebenso leer wie Möbelhäuser oder Bekleidungsgeschäfte. Selbst der legendär dichte Straßenverkehr - "Römer haben keine Füße", sagt man hier, "sondern vier Räder" - wurde durch die extremen Benzinpreise kräftig ausgedünnt. Diesel liegt bei knapp 1,80 Euro, Benzin geht in Richtung zwei Euro. Der gewohnte morgendliche und abendliche Kollaps auf den Straßen fällt inzwischen aus - wenn nicht gerade wieder einmal Busse und Bahnen bestreikt werden.

An vielen Ladentüren oder Schaufenstern steht "vendersi", zu verkaufen. Die Zahl der Pleiten steigt, auch weil die öffentliche Hand sich immer mehr Zeit lässt, die Rechnungen von Handwerkern oder Lieferanten zu bezahlen. Ein Drittel der römischen Konkurse, so der Einzelhandelsverband, sei darauf zurückzuführen. "Niemand weiß, wo das alles noch hinführen soll", klagt Lehrerin Loredana.

Es scheint, als verliere eine ganze Nation ihre Lebensfreude - und das ausgerechnet in Italien. Jenem Land, dessen Bewohner man in Deutschland vor allem für ihre Fähigkeit bewundert, selbst unter widrigsten Umständen die gute Laune zu bewahren.

Doch von guter Laune ist im Moment wenig zu spüren. Nicht in Rom, und auch nicht im übrigen Italien. Ob in Mailand, Neapel oder in der Toskana: Wer nicht gerade zu den reichen zehn Prozent gehört, sieht sich in einem Tunnel ohne Licht. Seit 2008 ist Italiens Wirtschaftsleistung um 4,4 Prozent gefallen. Und 2012, das zeigen Umfragen des Unternehmerverbands Confcommercio bei seinen Mitgliedern, könnte gar das schlimmste Rezessionsjahr in der Geschichte des Landes werden. Denn Italiens Wirtschaftsakteure - Verbraucher, Betriebe und Staat - treiben sich gegenseitig talwärts. Die Konsumenten kappen ihre Einkäufe wie nie zuvor, als Folge brechen die Umsätze der Wirtschaft weg. In den ersten drei Monaten dieses Jahres sackte die Industrieproduktion um 2,3 Prozent ab, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also die gesamte Wirtschaftsleistung, um 1,6 Prozent. Die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone, so ist zu befürchten, rutscht noch tiefer in die Rezession.

Italiens Schuldenberg wächst weiter

Die Regierung hat ihren Anteil daran. Steuern und Abgaben steigen. Die kräftige Anhebung der Immobiliensteuern zum Beispiel, vor allem fürs Zweithaus, treibt viele Familien dazu, das ererbte Häuschen von der Oma oder das auf Kredit finanzierte Ein-Zimmer-Ferienapartment an Italiens Küste zu verkaufen. Dadurch fallen die Immobilienpreise - nicht gerade im Zentrum von Rom oder Mailand, aber dort, wo die Menschen von mittleren oder kleinen Einkommen leben - und an Neubauten denkt sowieso kaum noch einer. Immer mehr Baufirmen entlassen Beschäftigte oder schließen gleich ganz.

Die Zahl der Arbeitslosen steigt ständig. Und obwohl die Experten-Regierung des Wirtschaftsprofessors Mario Monti ja eigentlich einen beinharten Kurs zur Sanierung der Staatsfinanzen fahren will, wächst auch der Schuldenberg dramatisch weiter. Denn wenn die Wirtschaft schrumpft, fallen die Steuereinnahmen, auch wenn die Steuersätze für den einzelnen Betrieb oder Bürger noch so hoch sind. Im Februar letzten Jahres stand der italienische Staat mit 1875 Milliarden Euro in der Kreide, diesen Februar waren es gut 50 Milliarden mehr: rund 1930 Milliarden. "Wir sparen uns doch kaputt", sagt die römische Lehrerin Loredana. Doch die Mehrheit der Italiener steht weiter zu Mario Monti - einen anderen Strohhalm hat sie nicht.

Besserung ab 2013?

Der Leidensweg sei nötig, um "nicht in griechischen Verhältnissen zu enden", erklärt der Regierungschef seinen Landsleuten immer wieder und verspricht, ab 2013 werde es besser. Um die Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs zu bringen, werde seine Regierung Milliarden in die Infrastruktur stecken, also neue Straßen und Schienen, neue Häfen und Flughäfen bauen. Ein superschnelles Breitbandnetz soll bald das komplette Land internettauglich machen. Selbst die berüchtigte italienische Justiz werde auf Trab gebracht, so die staatliche Verheißung: Statt nach durchschnittlich 1210 Tagen, wie heute, sollen Zivilprozesse bald nach 394 Tagen abgeschlossen sein. Doch wie und wann das alles geschehen soll, sagt die Regierung nicht so genau. Schon gar nicht, wie sie das alles bezahlen will, ohne noch mehr neue Milliardenschulden aufzunehmen.

Von vielen scheinbar nichtökonomischen Strukturproblemen ist gar nicht die Rede, dabei dämpfen auch diese Faktoren das Wachstumspotential in Italien:

  • Der öffentliche Dienst ist völlig überbesetzt und häufig inkompetent - Investitionen scheitern oft an komplizierten und endlosen Genehmigungsverfahren.
  • Das Niveau vieler Schulen und Universitäten ist mäßig, die technische Ausstattung veraltet.
  • Der Justiz fehlt mitunter selbst für Fax- oder Schreibpapier das Geld, der Polizei mangelt es nicht selten an Benzin.
  • In vielen Regionen und Wirtschaftsbereichen will die Mafia mitverdienen. Und unter der Regentschaft von Silvio Berlusconi haben sich große Teile der politischen und wirtschaftlichen Elite daran gewöhnt, wo immer es geht, die Hand aufzuhalten.

Santo Versace, Präsident des Versacemode-Konzerns und einst Parlamentsabgeordneter in Berlusconis Partei, fasste jetzt in einem Satz zusammen, warum Italien nach seiner Meinung "am Abgrund" steht: "Wir sind die Höchst-Besteuerten und Korruptesten."

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insgesamt 85 Beiträge
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1. Die können es schaffen!
qranqe 23.04.2012
Italien hat ein höheres Prokopfvermögen und -einkommen als Deutschland. Die können es also schaffen. Das ist bei denen lediglich eine Frage des Willens!
2.
Gerdtrader50 23.04.2012
immer schön auf doofe Ex-DDR-Funktionäre hören, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Immer schön sparen, gelle, Signores, merke: Sparen kann Kaputtsparen sein, Rezession die Folge, Deflation begleitend, Depression das Ende. Wählt ihr Spinner in Deutschland oder in Italien ? Hört doch nicht auf diese thumbe Nuss.
3.
Steffmann40 23.04.2012
kommen mir die genannten Faktoren doch sehr bekannt vor....
4. Politics by Panic
prophet46 23.04.2012
Zitat von sysopEin Land verliert den Lebensmut: Wirtschaftsflaute und Sparkurs setzen den Italienern zu, das Land wird in diesem Jahr wohl noch tiefer in die Rezession rutschen. Die Politik ignoriert die drängendsten Probleme. Rezession, Schulden, Inkompetenz: Italien steht am Abgrund - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,829130,00.html)
Spielt der Spiegel mal wieder auf der Panikorgel, um den aktuellen Kursverfall an den Börsen zu beschleunigen? Klar, Italien geht unter, gerade jetzt im Moment, Spanien sowieso, auch die Franzosen sind nicht mehr zu retten und auch wir werden demnächst alle total pleite sein. Was soll das? Politcs by Panic?
5.
lupogal 23.04.2012
Was denn nun. Vor Tagen meldeten alle Medien, auch SPON, den "Wahnsinnserfolg" des Bankers und Ministerpräsidenten Mario Monti. Er hat das Land befriedet und die Finanzen im Griff. Und heute? Alles nichts, nicht hingesehen? Nein, wir haben von Presseagenturen ungeprüft abgeschrieben! Weil eigene Recheche zu teuer ist?
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