Baupfusch in Italien Einstürzende Altbauten

Italiens Bauten bröckeln oder stürzen gar ein - auch ohne Erdbeben. Bis zu zwei Millionen Wohnhäuser in dem Land gelten als lebensgefährlich für ihre Bewohner.

AP/ANSA

Am Morgen des 7. Juli, um 6.20 Uhr hörten Bewohner eines Wohnblocks in Torre Annunziata, einer Stadt mit etwa 40.000 Einwohnern vor den Toren Neapels, ein lautes Geschepper, "so als würden ganz viele Flaschen zerbrechen". Tatsächlich zerbrach kein Glas, sondern ein Flügel des fünfstöckigen Nachbarhauses. Der fiel einfach in sich zusammen. Acht Bewohner starben, darunter zwei Kinder.

Unter den Opfern war auch Giacomo C., nebst Ehefrau und Sohn. Der Architekt war in der Stadtverwaltung für die Kontrolle der Sicherheitsstandards in den Wohnhäusern von Torre Annunziata zuständig.

Offenbar ist ihm im eigenen Haus nichts aufgefallen. Es ist eines wie fast alle in der Gegend, fünf oder sechs Stockwerke hoch, vorne die Straße, hinten die Eisenbahn. Vor 60 Jahren gebaut, aus Tuffstein, billig mussten die Bauten schon damals sein. Baubeschreibungen und Berechnungen der Statik gibt es vermutlich nicht mehr, gab es vielleicht nie. Selbst bei Großprojekten namhafter Architekten und bei öffentlichen Gebäuden sind die Papiere oft lückenhaft oder verschwunden.

Abflussgraben unterm Keller

In Rom brach ein Haus in der Via della Farnese zusammen. Scheinbar stabil und vergleichsweise jung. Es war freilich, was niemand wusste oder wissen wollte, auf einem Abflussgraben errichtet worden, der in den Tiber mündet. In alten Stadtplänen ist er eingezeichnet, in den Bauplänen existiert er nicht. Vermutlich ist er vergessen worden. Das Wasser hat nach und nach die Fundamente des Gebäudes unterspült bis es im Mai dieses Jahres zerbröselte. Die Bewohner konnten sich immerhin retten.

Mitunter sind zwar alle Dokumente auf den ersten Blick in Ordnung. Aber das heißt noch lange nicht, dass die darin verbrieften Materialien wirklich jene sind, die tatsächlich verbaut wurden. Wie viel Sand kam in den Beton, wie wenig Zement? Sind die Holzbalken wirklich stabile Kastanienbaumstämme?

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Italien: Häuser als Hochrisiko

Auch in Rom im Stadtteil Tuscolano wurde im April ein Mann schwer verletzt, als er auf dem Dachboden Wäsche aufhängen wollte. Der Boden unter seinen Füßen fiel mit lautem Krachen ein Stockwerk tiefer.

Schlimmste Folgen hat die miserable Bausubstanz bei Erdbeben, die Italien alle paar Jahre heimsuchen. 24 Millionen Italiener leben in der Erdbebenzone 1, der höchstgefährdeten. Dort seien 80 Prozent der Häuser vom Einsturz bedroht, wenn die Erde wackelt, behauptet der bekannte Seismologe Alessandro Martelli seit Langem.

75 Prozent aller Wohngebäude des Landes sind vor 1981 gebaut worden. Ein großer, nicht bezifferbarer Teil ist sehr, sehr alt. Pflege der Bausubstanz, Instandsetzung wo notwendig? Kostet viel, bringt nichts, so die Logik der Eigentümer. Doch ohne Pflege werden auch stabile Bauten nach 50 Jahren zu Schrottimmobilien.

Die Folge: Zwei Millionen Wohnhäuser sind nach Zahlen des Bauhandwerk-Verbands (Confartigianato) und des italienischen Statistikamtes (Istat) in mäßigem oder schlechtem Zustand. Sie gelten als Risiko für ihre Bewohner. Das ist im Schnitt jedes sechste bewohnte Gebäude Italiens. Im Süden ist es ganz schlimm. In Sizilien und Kalabrien ist jedes vierte Wohnhaus in einem solchen Zustand, dass man besser nicht darin wohnen sollte. Aber was soll man tun? Ganze Wohnviertel abreißen? Wohin mit den Mietern?

Überflüssige Auflage zu Lasten der Hauseigner

In vielen Ländern hat jedes Wohngebäude ein eigenes Hausbuch. Darin steht, wann und wie es hergestellt wurde, wie und wann es renoviert oder umgebaut wurde, welcher Gutachter es berechnet, welches Amt es genehmigt hat. Auch in Italien gibt es seit zwanzig Jahren Bemühungen, ein solches "Libretto del Fabbricato" einzuführen. Doch alle Bemühungen sind an der Lobby der Hauseigentümer gescheitert. Zuletzt jubelte deren Verband Confedilizio vor drei Monaten, es sei "wieder einmal gelungen, eine überflüssige Auflage zulasten der Hauseigner zu verhindern".

Dabei erstickt Italien in Bürokratie, besonders am Bau gibt es unendlich viele Vorschriften. Da müssen Erdbeben- und Grundwasserstudien bei jedem noch so kleinen Anbau neu erstellt werden, selbst für die Errichtung eines Gartenzauns. Das Ergebnis ist nie neu, weil ja schon viele Studien in derselben Gegend erstellt wurden. Aber viele Kommunen finanzieren sich über Genehmigungen. Vom Aufstellen eines Regenwassertanks bis zum Umbau des Badezimmers, alles will beantragt, genehmigt und bezahlt werden. Ohne Energiezertifikat kann keine Wohnung verkauft oder vermietet werden - obwohl der Energiezustand der Immobilie dadurch nicht verbessert, sondern nur beschrieben wird.

Doch der Versuch, Sicherheitsstandards über ein Baubüchlein einzuführen, ist bislang wegen beinharten Widerstands gescheitert.

Schuld ist der unehrliche Bauarbeiter

Auch der nächste Anlauf, den Infrastrukturminister Graziano Delrio gleich nach dem Unglück von Torre Annunziata bei Neapel Anfang Juli angekündigt hatte, wird wohl im Parlament hängenbleiben, bis die Legislaturperiode abgelaufen und der Gesetzentwurf damit hinfällig geworden ist. So ein Dokument bringe nichts, argumentiert die Immobilienlobby, "jedes Kind sei in der Lage zu begreifen", dass ein "unehrlicher Bauarbeiter" da hineinschreiben könne, was er wolle. Und ein solches Büchlein gaukele Sicherheit ohnehin nur vor, denn Statik sei "so komplex, dass man sie nicht einfach einem Dokumentenmäppchen entnehmen" könne.

Und im Übrigen, gab der Präsident des Hauseigentümerverbands, Giorgio Spaziani Testa, weiter zu bedenken, sei nur wenige Tage vor dem Unglück eine Statikkontrolle positiv gewesen, also ohne Befund. Und selbst der dortige Bürgermeister habe sich "überrascht gezeigt, dass der technische Beauftragte der Kommune (leider verstorben) keinerlei Probleme bemerkt habe, obwohl er dort gewohnt habe".

Nur der Gutachter einer Bank hat offensichtlich genauer hingeschaut, als ein Bankkunde einen Kredit beantragte, um eine Wohnung in jenem Haus zu kaufen.

Der Gutachter kam, sah und schüttelte den Kopf: Das Haus sei instabil, nicht sicher, dafür gebe es kein Geld.

Der Kunde war vorübergehend verärgert. Bis zum Morgen des 7. Juli.

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
rainerwäscher 16.07.2017
1.
Also kann man in Italien auch nicht mehr Urlaub machen. Die Unterkunft könnte jederzeit einstürzen.
sikasuu 16.07.2017
2. Nur der Gutachter einer Bank hat offensichtlich genauer hingeschaut,..
Was geht der auch dahin:-(.. Wäre der Kredit nach Aktemlage vergeben worden... wie es allgemein üblich ist :-) . Schrottimmobilien zu überhöhten Preisen sind auch in DE reichlich verkauft worden, aber da stimmte wenigstens die Statik&Bauausführung. . Wie bauen in vielen südeuropäischen Ländern abläuft, wird mir wohl immer ein Geheimnis blieben. Was man auf Reisen so zu sehen bekommt, nicht nur an runter gekommenen Gebäuden, sondern auch an Bauruinen, die nie fertig wurden, versöhnt doch mit der DE Erbsenzählerei bei vielen Bauprojekten. . In der Regel, bei Otto Normalbürger. Bei Großprojekten erscheinen viele Rahmenbedingungen&Vorgaben auf einmal sehr interpretationsfähig zu sein:-((
kkisslin 16.07.2017
3. Ablehnung verständlich
Ich besitze jeweils ein Haus in Italien und in Deutschland, beide etwa gleich groß. Die Papiere für das deutsche Haus passen in einen Schnellhefter, die Papiere für das italienische sind zwei prall gefüllte Aktenordner. Jedes kleinste Gewerk ist detailliert beschrieben (Sicherheitsmaßnahmen, Materialien, Lautstärkeentwicklung, Entsorgungsaufwand usw.). Dazu gibt es dann noch "Konformitätsbescheinigungen". Zudem finden tatsächlich Kontrollen statt. In Deutschland habe ich noch nie gehört, dass Jahre nach der Maßnahme mal jemand zu gucken vorbeikommt. So ein Libretto wäre noch mal ein zusätzlicher Akt. Meiner Ansicht nach regelt der Staat in Italien nicht zu wenig sondern zu viel. Möglicherweise so viel, dass manch einer auf die Idee kommen könnte, nicht den anspruchsvollen offiziellen Weg zu gehen, sondern eine "Abkürzung". Dass es hierbei deutliche regionale Unterschiede gibt, ist offensichtlich. So gibt es z. B. bei vielen Banken für eine Finanzierung auf Sizilien maximal 50.000 €, da kann man der Bank vorlegen was man will.
kevinschmied704 16.07.2017
4. @rainer
doch das is kein Problem, die Hotels erfüllen die europäische norm. nur bleiben sie auch in den ecken der Urlaubsorte. drum herum würde ich nicht die Hände für ins Feuer legen.
was-zum-teufel... 16.07.2017
5. Viel Sand. Wenig Zement. Keine Bewehrung.
Ist mir als 50% Italiener alles bekannt. Einfach machen. Später die Strafe zahlen und hoffen, dass es hält. Die Bürokratie in Italien ist völlig absurd. Da baut man eben irgendwie. Trotzdem: gerade in Süditalien, besonders in der Region Neapel dürfte fast alles ohne Genehmigung gebaut sein.
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