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13. Februar 2016, 16:09 Uhr

Plage in Italien

Die Störschweine

Von , Toskana

Wildschweine verursachen Tausende Verkehrsunfälle, richten gigantische Schäden in der Landwirtschaft an. In Italien wird nun diskutiert, ob man die Plagegeister mit Pulver und Blei dezimieren darf.

Wenn eine Wildschweinrotte sich nächtens über eine Wiese hermacht, sieht diese tags darauf aus wie ein Truppenübungsplatz. Auch das Gemüsegärtchen hinterm Haus ist einfach weg. Die Oleander sind ausgebuddelt, andere Pflanzen auf Bodenniveau abgebissen. Na und? Niemand muss mitten im Wildschweingebiet siedeln. Oder er muss eben Zäune setzen.

Das Problem ist nur: Die hungrigen Paarhufer durchstreifen und durchpflügen ein immer größeres Revier, das immer weiter über ihre angestammten Wälder hinausreicht. Denn ihre Zahl wächst dramatisch. Besonders in Italien. Gab es im Jahr 2000 allenfalls eine halbe Million, sind es heute doppelt so viele.

Schon sind sie an den Stadträndern von Rom und Bologna, Florenz und Genua heimisch. Man kennt die Bilder auch aus Berlin. Und ihre Fruchtbarkeit ist ungebrochen. Leider nehmen in gleichem Maße die Schäden zu, die sie anrichten. Und es wächst die Angst der Bürger.

Im vorigen Jahr tötete ein wütendes Wildschwein in Sizilien, nahe dem Touristenort Cefalu, einen älteren Mann, der seine Hunde gegen das wuchtige Wildtier verteidigen wollte. Viele Pilzsucher gehen seither nur noch bewaffnet in den Wald.

Vor allem die Toskana ist betroffen. Dort tummeln sich viermal mehr wilde Schweine als im Durchschnitt Italiens. Rund Tausend Verkehrsunfälle im Jahr gehen auf deren Konto, etliche mit tödlichem Ausgang. Die genaue Zahl wird nicht erfasst.

Dazu kommen die ökonomischen Schäden in der Landwirtschaft. Gerne werden Weinberge, Gemüse- und Kartoffeläcker, aber auch Getreidefelder von den possierlichen 70- oder 80-Kilo-Sauen und ihrem wuseligen Nachwuchs zum Schmausen aufgesucht.

Toskanische Winzer und Bauern haben voriges Jahr Ausfälle von rund zwölf Millionen Euro gemeldet - tatsächlich sind es wohl weit mehr. Denn der größte Teil der Schäden wird nicht gemeldet, weil die meisten Landwirte keine teure Wildschadenversicherung haben und keine Aussicht auf staatliche Entschädigungen sehen.

Insgesamt spricht man von Ausfällen der italienischen Agrarbranche von weit mehr als 100 Millionen Euro.

Kriegsziel: 170.000 Schadschweine

Deshalb wird nun im Norden wie im Süden eine Lösung des Problems geplant, die Toskana führt sie gerade ein: In den kommenden drei Jahren dürfen alle Wildschweine, große, kleine, ganzjährig, mit Flinten, Fallen oder Käfigen gejagt werden. Nicht nur von Jägern, auch von Bauern.

Fabrizio Filippi, Präsident der toskanischen Bauernschaft, hat mächtig für das Ausnahmegesetz gekämpft. "Wir sind nicht schießwütig", sagt er, "aber wir werden unsere Ernte verteidigen - und zwar richtig." Ein Bauer in der Dorfkneipe von Torniella - 325 Einwohner, rundum Wald und Wildschweine - formuliert es einfacher: "Jetzt ist Krieg!" Das Ziel: Mindestens 170.000 Schadschweine, dazu einige Zehntausend Problem-Rehe und -Hirsche weniger soll es im Kampfgebiet geben.

Massiv protestieren Umwelt- und Tierschützer gegen das, so der Schriftsteller Asor Rosa in der Zeitung "La Repubblica", "menschenunwürdige" Vorgehen. Sein Kollege Marco Vichi wütet im Interview mit der Lokalzeitung "Il Tirreno" über die "bis an die Zähne bewaffneten" Horden von Jägern in Militärklamotten, die ihm bei seinen Waldspaziergängen schon jetzt ständig begegneten.

Dabei gebe es viele Alternativen zur schlichten Ballerei, sagen die Naturschützer. Man könne mit Medikamenten die Vermehrung der Tiere begrenzen, man könne gefährliche Straßenabschnitte mit Zäunen schützen oder die Trampelpfade der Wildschweine mit Ober- oder Unterführungen ausstatten, wo sie die Straßen queren. Das alles kostet freilich sehr viel Geld, was die Kommunen nicht haben. Ganz mutige Tierschützer raten, mehr Wölfe auszusetzen. In US-Nationalparks habe das gute Ergebnisse gebracht, denn kleine Schweinchen gehörten zur Lieblingsspeise der Wölfe. Doch die Aussicht, künftig gemeinsam mit Schweinen und Wölfen im Naturpark zu leben, kam bei der Mehrheit der Toskaner ebenso wenig an wie bei der Regionalregierung.

Für die Tierfreunde ist die Sache ohnehin klar: Die ganzjährige Feuer-frei-Erlaubnis ist ein Geschenk der regierenden Sozialdemokraten an die Lobby der 80.000 toskanischen Jäger. Denn im späten Frühjahr wird in vielen großen Städten ein neuer Bürgermeister gewählt - ein Entscheid mit Signalwirkung auch für Regierungschef Matteo Renzi in Rom.

Dabei hätten die schießwütigen Jäger das Problem selbst geschaffen, als sie vor Jahrzehnten Tiere aus Ungarn und anderen Ostländern importiert und ausgesetzt hätten. Denn die heimischen Waldschweine waren von Wuchs und Gewicht eher klein, und ihre Würfe hatten in der Regel nur drei, vier Nachkommen. Deshalb waren sie nahezu ausgestorben. Dann kamen die dicken Importbrocken und brachten bis zu zehn Ferkel pro Wurf zu Welt. So begann das Drama.

Heimlich, so heißt es, würden in manchen Gegenden noch immer neue Wuchtschweine aus dem Osten ausgewildert. Was die Jäger heftig dementieren.

Wildschweinbraten? Nicht schon wieder!

Überhaupt ist offenbar gerade das Jagdvolk gar nicht so froh über das enthemmte Jagdrecht. "Ach was", sagt einer beim Festessen zum Abschluss der regulären Jagdsaison im toskanischen Dorf Prata, "wer kann denn ständig auf die Jagd, und wem macht das Spaß?" Drei Monate lang, von November bis Januar an allenfalls drei Tagen pro Woche zur gemeinsamen Treibjagd mit der "squadra", wie bislang die Vorschrift ist, "das ist okay, mehr ist Unsinn!"

Die Umstehenden brummen Zustimmung. Zumal ja die Ehefrauen schon jetzt über ihre jagenden Männer meckern: Ständig sind die weg, und am Abend bringen sie kiloweise Wildschwein mit, das keiner mehr essen mag.

Gut, man kann es verkaufen. Für sieben Euro pro Kilo war das ein nettes Zubrot. Aber wenn es demnächst in Hülle und Fülle angeboten wird, werden die Kunden knapp, und der Preis fällt.

Und dafür durchs Unterholz kriechen? No grazie, Waidmannsdank!

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Lecker: Rezept für Nudeln mit toskanischer Wildschweinsauce

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