Wirtschaftskrise Italiens Banken beben - und die Bürger zahlen

Als wäre die Finanzkrise nie weg gewesen: In Italien müssen die Steuerzahler schon wieder mit Milliardensummen für Pleitebanken einstehen. Es wird nicht das letzte Mal sein.

Filiale der Banca Popolare di Vicenza
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Filiale der Banca Popolare di Vicenza


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In Italien wackeln die Banken mittlerweile fast im Wochentakt. Anfang des Monats stand das drittgrößte Geldhaus des Landes, die Banca Monte dei Paschi di Siena, auf der Kippe. Das 1472 gegründete, älteste noch aktive Kreditinstitut hatte seit Langem viele faule Kredite in den Büchern, zuletzt kamen noch Milliardenverluste dazu.

Knapp neun Milliarden Euro fehlten plötzlich zum Überleben. Drei Milliarden, so hoffen die Banker im toskanischen Siena, werden risikofreudige Anleger ihnen noch einmal leihen. Den großen Rest, sechs Milliarden Euro, muss der Staat zuschießen. Damit wird, wenn man sich über Details noch einigt, die Quasi-Pleitebank zu 70 Prozent Staatseigentum. Die Steuerzahler zahlen die Rechnung. Wie üblich in solchen Fällen.

Üblich ist auch, dass, wenn alle zahlen, einzelne kassieren: die Bosse der Krisenbanken, zum Beispiel. So wurden im vorigen, verlustreichen Jahr unter den Monte-Paschi-Vorständen insgesamt 13 Millionen Euro verteilt. Bankchef Fabrizio Viola, Jahresgehalt 3,3 Millionen Euro, wechselte vor der endgültigen Bruchlandung zwar den Arbeitgeber, nicht aber das Metier. Er wurde Chef bei der Banca Popolare di Vicenza. Das ist eine der beiden norditalienischen Banken, die in dieser Woche reif für die Rettung sind. Die andere ist die Veneto Banca.

Eine Bank zum Ein-Euro-Schnäppchenpreis

Auch bei diesen neuen Kandidaten, die am Wochenende vor dem Bankrott gerettet wurden und nun immerhin abgewickelt werden sollen, steht natürlich der italienische Steuerzahler fürs Gröbste grade: Bis zu 17 Milliarden Euro hat Roms Finanzminister Pier Carlo Padoan zugesagt. Fünf Milliarden sollen sofort fließen, mit dem Rest werden die faulen Kredite der beiden Geldhäuser abgelöst. Vielleicht laufe das ja so gut, dass weniger Milliarden aus der Staatskasse fließen müssen, sagt Padoan.

Die gesunden Teile der beiden Pleitebanken, also die sicheren Kredite, die Immobilien und was es da sonst noch geben mag, die bekommt nicht der Staat. Die kauft Italiens größte Privatkundenbank, Intesa Sanpaolo, zum symbolischen Preis von einem Euro.

Ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk, wie die Zeitung "La Repubblica" spottet, sei das natürlich nicht, beteuert Intesa-Chef Carlo Messina. Im Gegenteil: Ohne das Engagement seiner Bank hätten die Kunden der beiden bankrotten Banken deren Schalter gestürmt und einen "Dominoeffekt" bei anderen Geldhäusern ausgelöst.

Jetzt, durch den Deal zwischen Staat und Intesa-Bank, würden "schwere soziale Folgen" vermieden, Arbeitsplätze gerettet, 30 Milliarden Euro Ersparnisse von zwei Millionen Haushalten und die Geschäfte von 200.000 Unternehmen gesichert, denen bei einem Konkurs der beiden Risikobanken von heute auf morgen die Kredite gekündigt worden wären. Genauso sieht es auch der Finanzminister: Es habe keine Alternative gegeben. Alles andere, so Roms Regierungschef Paolo Gentiloni, sei "nur böse Propaganda".

Nun werden um die 4000 der knapp 11.000 Beschäftigten ihren Arbeitsplatz verlieren, 600 von 900 Filialen geschlossen, viele wohl auch beim Übernahmekonzern Intesa Sanpaolo.

Der Retter selbst wird insgesamt aber noch ein bisschen größer und seine Aktionäre ein bisschen reicher. Der Kurs der Intesa-Aktien schoss nach Bekanntwerden des Deals gleich um 3,5 Prozent nach oben.

Eigentlich sind alle zufrieden. Die Bankenaufpasser der EU in Brüssel, die staatliche Rettungsaktionen von privaten Banken eigentlich verhindern wollen, erklärten sich eifrig für unzuständig. Es sei keine verbotene Bankenrettung, sondern ein Akt des nationalen Insolvenzrechts. Dabei seien Staatshilfen nicht verboten. Ganz richtig, heißt es auch aus Berlin. Alles okay also.

Und noch einer kann mit der rettenden Nicht-Rettungsaktion sehr zufrieden sein: Fabrizio Viola, der drei-Millionen-Abgänger der Monte dei Paschi wäre als Chef der Pleitebank in Vicenza jetzt arbeitslos, hätte ihn Rom nicht umgehend zu einem der Staatskommissare ernannt, die die ordentliche Abwicklung ausgerechnet der Bank garantieren sollen, die er bislang leitete. Nun ja, wer kennt sich da besser aus?

Zeitbomben im Depot

Die aktuellen Abriss- und Reparaturarbeiten im Geld- und Kreditgewerbe Italiens werden kaum die letzten ihrer Art sein. Die Branche hat, bis auf wenige Ausnahmen, nach wie vor große, schwer lösbare Probleme.

Die Italiener haben das Bankwesen im 13. und 14. Jahrhundert aufgebaut. Und Spötter sagen, sie haben es genauso konserviert wie es damals war: Fast 700 Geldinstitute mit viel Personal, noch viel mehr Bürokratie und ganz wenig Effizienz - das ist der Zustand des Banksektors in der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone.

Die Institute haben faule oder zumindest problematische Kredite im Wert von 200 bis 350 Milliarden Euro in den Büchern, niemand weiß es so genau. Noch weniger weiß man, wie man diese Zeitbombe entschärfen soll.

Dazu ist die Geldbranche der wichtigste Finanzier der Regierung und sitzt auf italienischen Staatsanleihen im Wert von rund 380 Milliarden Euro. Deren Kurse sind nur so lange stabil, wie die Europäische Zentralbank (EZB) die römischen Schuldscheine en masse kauft. Wenn das Ankaufsprogramm demnächst wie geplant ausklingt, drohen Kursverluste. Für manche Bank wäre das womöglich existenzgefährdend.

439.000 Euro Urlaubsgeld

Wenn es um die Schwierigkeiten und Probleme im Geldgeschäft geht, ist die Manager-Kapazität und deren Entlohnung selten ein Thema. Dabei ist das Verhältnis grotesk: Noch die größten Pleite-Banker kassieren üppige Zuwendungen. Zu den ohnehin sehr hohen Gehältern kommen horrende Abfindungen, wenn die Top-Leute von einer Bank zur anderen wechseln. So habe Ex-Unicredit-Chef Federico Ghizzoni zum Abgang 12,8 Millionen Euro mit auf den Weg bekommen, schreibt "La Repubblica". Rekordverdächtig sind auch die 439.000 Euro, die der ehemalige Banca Imi-Boss Gaetano Micciché zu seinem Vier-Millionen-Gehalt bekommen hat: Zum Ausgleich, weil er seinen Urlaub nicht genommen hatte.

Das alles scheint ganz normal zu sein. Niemand rebelliert.

Schließlich geht es um Banken, die muss man hätscheln und schützen. Die Europäische Zentralbank versorgt die Branche seit Jahren mit Liquidität zum Quasi-Nulltarif. Und wenn die Herren des Geldes trotz aller Geschenke ihren Betrieb in die Pleite führen, bleibt der Politik in der Regel sowieso keine Alternative als einzuspringen. Schließlich will niemand riskieren, die Finanzmärkte in Unruhe zu versetzen.

Wenn selbst kleinere Banken, wie die Veneto Banca und die Banca Popolare di Vicenza, so wichtig sind, dass man sie unbedingt retten oder schonend abwickeln muss, müsste man da nicht fragen, warum "rettet" der Staat die Banken eigentlich nicht rechtzeitig, vor der Pleite? Zum Beispiel durch ganz andere Auflagen und permanente Kontrollen, um Missmanagement nicht erst drei Schritte vor dem Konkurs zu erkennen?

Oder um jene mediokren Geschäfte unmöglich zu machen, bei denen sich in den vergangenen Jahren einige reich gemacht haben - Sparer, Arbeitnehmer und Steuerzahler aber haben bluten lassen. Die italienische Justiz ermittelt in etlichen Fällen unter dem Verdacht von Untreue, Bilanzfälschung und dergleichen. Auch, zum Beispiel, bei der Siena-Bank Monte dei Paschi. Da ist der Verbleib von zwei Milliarden Euro mehr als unklar. Gerüchteweise hieß es, sie seien auf Londoner Privatkonten gelandet.


Zusammengefasst: In Italien werden zwei regionale Banken vor dem Kollaps gerettet und abgewickelt. Die guten Teile kauft die Großbank Intesa Sanpaolo, für die schlechten sollen die Steuerzahler mit Milliarden Euro haften. Der Fall zeigt: Das Finanzsystem der drittgrößten Volkswirtschaft ist in weiten Teilen marode.

insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
acculeer 27.06.2017
1. Solange nur die Italiener zahlen, ist mir das egal
aber wehe, im Rahmen der EU -Schuldenunion kommt irgendeine Pappnase aus Brüssel oder von der EZB daher und meint, wir müssen "gemeinschaftlich"..dann brennt die Luft.
idee342 27.06.2017
2. Rendite und Risiko
Wer die Rendite möchte muss auch das Risiko tragen. So habe ich es mal als Grundsatz gelernt und es kann nicht sein, dass dieses nicht für Banken gilt. Weder die Aktionäre noch die leitenden Manager tragen in erster Linie das Risiko sondern der Steuerzahler muss dieses regelmäßig zu großen Teilen übernehmen. Aktionäre und leitende Angestellte kassieren wenn es gut läuft und wenn alles den Bach runtergeht müssen andere die aufgehäuften Verbindlichkeiten übernehmen.
wecan 27.06.2017
3.
Zitat von acculeeraber wehe, im Rahmen der EU -Schuldenunion kommt irgendeine Pappnase aus Brüssel oder von der EZB daher und meint, wir müssen "gemeinschaftlich"..dann brennt die Luft.
Nö. Dann runzelt der deutsche Steuerzahler mal kurz die Stirn auf dem Weg zur Arbeit. Und dabei bleibt's. Wetten?
ErnstDesLebens 27.06.2017
4.
Zitat von acculeeraber wehe, im Rahmen der EU -Schuldenunion kommt irgendeine Pappnase aus Brüssel oder von der EZB daher und meint, wir müssen "gemeinschaftlich"..dann brennt die Luft.
Natürlich wird es so kommen. Ich denke an Sie sobald diese Nachricht veröffentlicht wird und um die Welt geht.
torflut 27.06.2017
5. @acculeer
...wirklich? Meine Prognose: So lange Mutti die Deutschland AG in ruhigem Fahwasser hält passiert nix. Wie sie das macht und wer bei diesem Spiel den größten Teil zahlt... wen juckt das? Hauptsache der Kelch geht weiter an uns vorbei! Allerdings, das Projekt "Europa" und der "Euro" könnte schneller scheitern als wir uns das jetzt ausmahlen... ?!
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