Wirtschaftskrise in Italien Europas neuer großer Wackelkandidat

Die Wirtschaft lahmt, die Schulden sind gewaltig, und Schutzpatron Mario Draghi zieht sich zurück. Während der Rest der Eurozone im Aufschwung ist, hängt Italien hinterher - und wird zum größten Sorgenkind.

Skyline von Mailand
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Claudio Pistocchi hatte 1990 eine Schokoladentorte kreiert, die bald auch jenseits der Stadtgrenzen von Florenz berühmt und begehrt wurde. Der "Torta Pistocchi" folgten weitere Innovationen, und heute verkauft Pistocchis kleiner Betrieb mit drei Angestellten alljährlich für eine halbe Million Euro Süßwaren, selbst in ferne Länder. Eine schöne Erfolgsgeschichte - vor allem für den italienischen Fiskus.

Von seinen Einnahmen muss der Kleinunternehmer nämlich 69,3 Prozent ans Finanzamt abführen. Für Steuern mit klingenden Namen, wie Irap oder Irpef, auf die sich zusätzlich noch diverse lokale Abgaben türmen. Und jedes Jahr fordern Staat und Stadt ein bisschen mehr, so dass die Tribute an die Obrigkeit inzwischen Pistocchis Zahlungsfähigkeit überschritten haben. Er kann seine Steuern nur noch in Raten abstottern, zahlt mit den Einnahmen dieses Jahres die Forderungen aus dem Vorjahr. An Investitionen, einen Ausbau des Betriebes, zusätzliches Personal ist trotz voller Auftragsbücher nicht zu denken. Und leider ist der Tortenbäcker kein Ausnahmefall. Er kenne keinen Kleinunternehmer, sagt er, der nicht in ähnlicher Lage sei.

Den gibt es auch nicht, bestätigt ihn der Verband der italienischen Klein- und Mittelbetriebe. In manchen Städten sei die Abgabenlast zwar etwas niedriger als in solchen Steuerhochburgen wie Florenz oder Rom, aber im Landesdurchschnitt liege sie bei 61,2 Prozent. Wirtschaftliches Wachstum sei für die kleinen Unternehmen und Handwerksbetriebe damit schlicht unmöglich.

Der "siebenjährige Krieg" ist vorbei

In den Großbetrieben ist es freilich auch nicht viel besser. Und weil die drückende Steuerlast ja nur ein Problem von vielen ist - beispielsweise eine alles lähmende Bürokratie, Politik, eine marode Infrastruktur und schlechte Schulen - steckt Italiens Wirtschaft in der Krise fest.

Die Arbeitslosenquote liegt bei zwölf Prozent, bei den jüngeren Italienern sogar bei fast 40 Prozent. Die Einkommen derer, die Arbeit haben, sind niedrig. Entsprechend dürftig ist die Kaufkraft. Im Vergleich zu den anderen Ländern der Eurozone werde Italien immer weiter zurückfallen, falls sich die Wachstumsaussichten nicht deutlich verbessern, schreibt der Internationale Währungsfonds (IWF) in seinem jüngsten Länderbericht.

Das Bruttoinlandsprodukt - das umfasst alles, was im Land durch Produktion, Handel und Dienstleistungen erwirtschaftet wird - liegt heute niedriger als vor zehn Jahren, als die weltweite Finanz- und - Wirtschaftskrise begann. Und laut IWF kann es noch einige Jahre dauern, bis das Land überhaupt wieder Vorkrisenniveau erreicht.

In Europa insgesamt sei diese Krise ja nun weitgehend überwunden, konstatiert der Generaldirektor der italienischen Zentralbank, Salvatore Rossi. Nach dem "siebenjährigen Krieg" wachse die Wirtschaft in der Eurozone jetzt sogar "besser als angenommen". Die neuesten Prognosen liegen bei 1,8 Prozent Wachstum für dieses Jahr - und auch danach soll es ordentlich weitergehen.

Nur Rossis Heimat kommt nicht in Schwung. In diesem Jahr wird die italienische Wirtschaft nach der jüngsten Schätzung der OECD nur um knapp ein Prozent zulegen, 2018 werden es demnach sogar nur noch 0,8 Prozent. Damit ist Italien das Schlusslicht Europas, selbst in Griechenland läuft es besser.

Der Schutzpatron macht Schluss

Auch Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), sieht "das Ende der Krise in der Eurozone" und sprach in der vergangenen Woche, etwas verklausuliert, von der möglichen "Normalisierung" der Geldpolitik. Das löste stillen Jubel in Berlin und blankes Entsetzen in Rom aus. Denn Draghi deutete damit auf seine übliche, ganz vorsichtige Weise das baldige Ende seiner ultralockeren Geldpolitik an.

Gerade für Italien wäre das ein Schock. Um die Zinsen niedrig zu halten, hat die EZB in den vergangenen Jahren nämlich gigantische Mengen von Staatsanleihen der Euroländer aufgekauft. Was den schönen Nebeneffekt hatte, dass sich alle Staaten extrem billig verschulden konnten.

Einer der größten Profiteure dieser Politik des leichten Geldes war und ist Italien. Dem Südland hat die EZB seit Anfang des laufenden Programms 2015 insgesamt bereits jetzt Staatsanleihen im Volumen von rund 265 Milliarden Euro abgenommen. 60 Milliarden Euro an Zinsen habe Rom dadurch jedes Jahr gespart, schätzen Experten. Entsprechend wurde Draghi in Italien denn auch als Roms Schutzpatron gefeiert.

Nun, wo die Krise dem Ende zugeht, ist es womöglich auch mit der schönen Krisenintervention bald vorbei. Langsam zwar, ganz vorsichtig will Draghi den EZB-Geldhahn zudrehen, um das zarte Wachstum in der Eurozone nicht zu gefährden.

An den Renditen italienischer Staatsanleihen lässt sich schon jetzt ablesen, was das für Italien bedeutet. Denn die Zinsaufschläge sind schon wieder auf dem Weg nach oben. Musste die Regierung in Rom für ihre Papiere noch vorigen August nur eine Rendite von 1,2 Prozent bieten, sind es mittlerweile schon wieder rund zwei Prozent.

Die Schulden sind dabei enorm hoch: Stand März dieses Jahres waren es 2260 Milliarden Euro, die ja permanent bei Ablauf der Anleihen umgeschuldet werden müssen - da kommt schon bei kleinen Aufschlägen einiges zusammen. Und aus kleinen können schnell große "Spreads" werden, sobald die Schutzschirme der EZB weggeräumt werden. Zumal die Zinsen auf mittlere Sicht - in Draghis Nachkrisen-Konzeption - nicht mehr fallen, sondern steigen werden.

"Gute Gründe, nicht heiter zu sein"

Aber auch wenn das Unheil langsam kommt, es könnte verheerende Folgen haben, für den Staat und für die Banken. Die plagen sich ohnehin mit faulen Krediten im Wert von etwa 350 Milliarden Euro herum. Etliche Institute kämpfen ums Überleben. Zudem hat die Geldbranche für rund 380 Milliarden Euro italienische Staatsanleihen in ihren Büchern. Und die bergen womöglich erhebliche Risiken - wenn sich mit der EZB der größte Käufer am Markt nach und nach verabschiedet.

Der Staat dürfte nach den neuen EU-Regeln nicht so einfach wie früher als spendabler Retter für die Banken einspringen. Und er hätte natürlich auch noch weniger finanziellen Spielraum als heute. Denn das Schuldenmachen wird für die römischen Schuldenmacher wieder deutlich teurer, wenn sie dazu an die Finanzmärkte statt zu Mario Draghi gehen müssen.

"Wir Italiener", schrieb kürzlich der Finanzexperte der römischen Zeitung "La Repubblica", Massimo Giannini, haben "gute Gründe, nicht heiter zu sein".


Zusammengefasst: Die Eurozone ist wirtschaftlich auf Erholungskurs, doch Italien hinkt deutlich hinterher. Das Land kämpft mit hoher Arbeitslosigkeit, schwachem Wachstum und immensen Schulden. Und da die EZB ihre Anleihekäufe allmählich zurückfahren will, dürfte auch die Finanzierung wieder deutlich teurer werden.



insgesamt 184 Beiträge
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ekel-alfred 13.06.2017
1. Laaangweilig!
Hat sich Europa, respektive die EU , jemals außerhalb einer Krise befunden? Ehrlich gesagt kann ich mich nicht erinnern und dieser Dauerzustand nutzt sich so langsam ab. Lasst sie unter die Rettungsschirme schlüpfen, weil es alternativlos ist. Lasst uns retten, was nicht zu retten ist.
nico.v 13.06.2017
2. Ich vestehe,
Dass der Spiegel ein bestimmtes storytelling gegenüber Italien verfolgt. Das besteht darin alles so schlecht wie möglich darzustellen, woher das kommt verstehe ich nicht. Vorgestern wurden vom IWF das Wachstum von 0.8 auf 1.3 für 2017 revidiert, heute erscheint dieser Artikel. Zufall? Ich verstehe auch nicht ob es Absicht oder Fahrlässigkeit ist falsche Zahlen zu nennen. Die Arbeitslosigkeit ist auf 11.1% ich würde beim Runden auf 11% und nicht 12% tippen. Die Jugendarbeitslosigkeit ist 34% etwas weit weg von den 40%. Das Istat Bulletin zu lesen sollte nicht wirklich schwer fallen da es auch teilweise in Englisch ausgegeben wird.
Neapolitaner 13.06.2017
3. Italien kann nur ein €-Ausstieg retten
Und mit der EZB müsste verhandelt werden, wie Italien seinen enorm negativen TARGET-Saldo sowie die von der EZB gehaltenen ital. Staatsanleihen bedienen will. Es würde auf eine Streckung und partielle Umschuldung hinauslaufen. Mit einer eigenen Lira kann Italien soweit abwerten, dass das Land wieder wettbewerbsfähig wird, auch wenn das im Land selbst zu hoher Inflation führen wird. Aber einen anderen Weg gibt es nicht. Alternative wäre die Schaffung eines Süd-Euro, sofern Frankreich mitziehen würde (und Portugal und wahrscheinlich auch Spanien wären dann mit dabei).
espet3 13.06.2017
4.
Europas neuer Wackelkandidat, wird aber mit G7-Staaten wie die USA, Japan, Kanada und Deutschland stets in einem Atemzug genannt.
dancar 13.06.2017
5. Tja, der FIAT Tipo (u.a.) wird in der Türkei gebaut
...wie soll sich das Land erholen, wenn selbst ur-italienische (heute internationale) Unternehmen nicht mehr in Italien produzieren wollen, wegen Gängelung (Gewerkschaften) und Monsterbürokratie?
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