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Wirtschaft in der Dauerkrise: Absteiger Italien

Von , Rom

Krise in Italien: Italiens wirtschaftliche Probleme Fotos
REUTERS

Spanien erholt sich, Portugal und Irland auch - nur Italien steckt noch immer tief in der Krise. Premier Renzi spart und senkt die Steuern, doch das Land bewegt sich kaum. Denn Bürokratie und Korruption lähmen jede wirtschaftliche Initiative.

Ducati: Der Name klingt so wie der Sound dieser Motorräder, satt und rund. Wirtschaftlich läuft es allerdings nicht mehr so gut bei der Firma aus Bologna, der Absatz stottert. Deshalb hat der deutsche Automobilbauer Audi, dem Ducati seit 2012 gehört, der Belegschaft einen Pakt angeboten: Die Produktion wird auf drei Schichten ausgedehnt, sieben Tage die Woche, damit sinken die Produktionskosten, steigt die Wettbewerbsfähigkeit und vermutlich auch der Absatz. Dafür verspricht Audi-Ducati viele neue Jobs und hohe, gewinnabhängige Prämien.

Am Wochenende arbeiten, das ist zwar nicht unbedingt schön, aber inzwischen beinahe der Normalfall im globalen Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze. In Spanien hat Renault gerade mit einer ähnlichen Kombination 1300 neue Arbeitsplätze geschaffen und der Chemiekonzern Bayer aus Leverkusen hat die weltweite Produktion von Aspirin im nordspanischen Asturien konzentriert. In Italien geht so etwas nicht.

"Don Camillo und Peppone" gegen Audi

Auf keinen Fall. Das war die Reaktion von Bruno Papignani auf den Audi-Antrag, er ist der Bologna-Chef der Metallarbeiter-Gewerkschaft Fiom. Der als knallhart und stramm links bekannte Arbeiterführer suchte sofort einen mächtigen Verbündeten im eher konservativen Lager. Gemeinsam mit dem Erzbischof von Bologna will er dafür kämpfen, dass die Ducati-Arbeiter "sonntags in Ruhe zur Messe gehen können". Das klingt so wie in den berühmten Büchern und Filmen mit "Don Camillo und Peppone", die oft streiten aber gemeinsam gegen das Böse stehen. Das war allerdings in den fünfziger Jahren.

Doch nicht nur die Einheitsfront von Arbeit und Klerus steht gegen allzu forschen unternehmerischen Elan. Auch die wie Mehltau über dem Land liegende Bürokratie blockiert jede Art von Initiative nach Kräften. Und die weit verbreitete Käuflichkeit der Politik tut ein Übriges, dass der Wirtschaftsstandort Italien immer weniger wettbewerbsfähig wird.

Seit 2005 sind die Lohnstückkosten um 17 Prozent gestiegen, die italienische Wirtschaft hat massiv Marktanteile verloren. Die Industrieproduktion ist auf das Niveau der frühen neunziger Jahre gesunken. Im aktuellen Bericht des Weltwirtschaftsforums zur Wettbewerbsfähigkeit rangiert das Land gerade mal noch auf Platz 49.

Fiat ist ein typisches Beispiel für den Niedergang. Der Auto-Hersteller war 1970 noch größer als VW, technisch in der Spitzengruppe - heute hinkt er der Konkurrenz weit hinterher. Ohne seine florierende Chrysler-Tochter wäre er womöglich schon pleite. Ein einziges neues Fiat-Modell schaffte es im vorigen Jahr noch unter die 50 meist verkauften Autos in Deutschland: Der kleine Fiat 500. Mit Fiat ging die gesamte Autobranche abwärts, Italien fiel von Rang 11 der autoproduzierenden Länder auf Platz 21.

Oder Alitalia, die einst stolze italienische Fluglinie. Nach endlosen Kämpfen ist sie heute am Ende. Dringend wird ein Retter gesucht - und vielleicht auch gefunden: Die arabische Airline Etihad will einsteigen, im Gegenzug aber jeden fünften Job streichen. Und auf den Schulden bleiben italienische Banken oder die Steuerzahler sitzen.

Jeder dritte Italiener muss Verwandte um Hilfe bitten

Mit rund 133 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gehört Italien zu den am höchsten verschuldeten Staaten der Welt. Während es in anderen Krisenländern der Euro-Zone, wie Spanien oder Portugal oder Irland, langsam aufwärts zu gehen scheint, kommt Italien einfach nicht aus der Misere heraus. Die Zahl der Arbeitslosen soll Prognosen zufolge im laufenden Jahr noch einmal um 300.000 steigen. Dabei liegt die Quote schon jetzt bei rund 13 Prozent, fast doppelt so hoch wie in Deutschland.

Von den vergangenen Jahrgängen der Schul- und Hochschulabsolventen findet etwa die Hälfte nicht einmal Minijobs für ein paar hundert Euro. Jeder dritte Italiener verdient nicht genug, um damit über den Monat zu kommen. Er muss Eltern oder andere Verwandte um Hilfe bitten. An Sparen ist kaum mehr zu denken: Legten die Italiener früher - ähnlich wie die Deutschen - rund zehn Prozent ihres Einkommens beiseite, sind es mittlerweile nicht einmal mehr vier Prozent.

An der Krise des Landes dürfte sich so schnell nichts ändern. Zwar sagt die EU-Kommission für dieses Jahr ein leichtes Wirtschaftswachstum von 0,6 Prozent voraus. Aber das ist nicht genug für eine Trendwende.

Dabei macht die Regierung unter dem jungen Matteo Renzi, 39, mächtig Dampf. Seit Februar ist er im Amt und hat seither eine Menge auf den Weg gebracht:

  • eine Steuersenkung für zehn Millionen Arbeitnehmer, die jedem etwa 80 Euro mehr Kaufkraft im Monat bringt;
  • für Unternehmen sinkt die Gewerbesteuer um zehn Prozent,
  • Außenstände des Staates bei Lieferanten und Handwerkern von rund 80 Milliarden sollen jetzt zügig zurückgezahlt, künftige Rechnungen umgehend beglichen werden;
  • zur Finanzierung sollen die Top-Gehälter im Staatsdienst gekappt, die meisten Dienstwagen abgeschafft, Büroräume für Staatsdiener verkleinert werden.

Eine wirtschaftliche und kulturelle Revolution

Dergleichen ist keinem seiner Vorgänger gelungen. Aber es reicht noch lange nicht. Italien hat sich so an sein kuscheliges Gemisch aus Schlendrian und Selbstbedienung gewöhnt - nicht zuletzt durch die Ermunterungen des viermaligen Regierungschefs Silvio Berlusconi -, dass es eine wirtschaftliche und kulturelle Revolution braucht, um die Verhältnisse zu ändern.

  • Jeder vierte Euro an Steuern wird hinterzogen, etwa 120 Milliarden Euro pro Jahr.
  • Vermutlich noch mehr kostet die Korruption, die Steuergelder in private Taschen schleust.
  • Viele Milliarden Euro haben halbfertige Krankenhäuser, Sportstätten, Autobahnabschnitte verschlungen, die nie mehr fertig werden, sondern verfallen.
  • 13 Milliarden Euro Verlust kosten die Staatsunternehmen den Steuerzahler im Jahr.

Der Wirtschaftsstandort Italien ist nicht wettbewerbsfähig. Energie ist teurer als in anderen Ländern, die Produktionskosten sind viel höher. Der Bau einer Lagerhalle wird in den USA in 26 Tagen genehmigt, in Italien braucht es die zehnfache Zeit. Welcher Ausländer mag da investieren? Wer es doch tut, wird beschimpft, wie der deutsche Versicherer Allianz. Als der die italienische Finanzgruppe Unipol kaufen wollte, schrieb die Zeitung "La Repubblica" vom "blitzkrieg del panzer Allianz".

Aktuell zeigt sich die ökonomische Realität beim Fall der "Costa Concordia". Das Ex-Traumschiff war vor der Küste der Toskana gekentert, 32 Menschen starben. Jetzt ist es aufgerichtet, soll demnächst in einen Hafen geschleppt, dort zerlegt und verschrottet werden. Doch wo? Bei den nahegelegenen Docks von Civitavecchia lägen die Kosten bei 200 Millionen Euro, zwei andere italienische Häfen wären mit etwa 100 Millionen zufrieden - doch in der Türkei kostet der Service nur 40 Millionen Euro.

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insgesamt 130 Beiträge
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1. Kapitalismus
hansgustor 22.04.2014
Die Italiener sind einfach nicht fleißig genug. Im Kapitalismus kann doch jeder reich werden.
2. Warum sollte sich in Italien etwas bewegen?
Pinin 22.04.2014
Ist doch nicht nötig, dafür hat doch Berlusconi extra den Landsmann Draghi auf den EZB-Chefsessel gehievt.
3. Keine vernünftige Problemlösung
privat78 22.04.2014
Wieder so ein Bericht von dem ich Sodbrennen bekomme. Wenn mehrere Schichten gefahren werden, und sogar noch mehr Arbeiter angestellt werden, dann kaufen sich also die armen Leute die kein Geld haben drei Autos ( oder was auch immer ) , oder wie soll es dann mit dem Absatz funktionieren. Übrigens wenn man mehr arbeitet steigen die Arbeitskosten, die ja angeblich zu hoch sind. Die Maschinen sind vielleicht besser ausgelastet. Die Lohnstückkosten werden eventuell etwas geringer, aber das Angebot wird größer und führt zum Preisverfall, oder die Sachen verrotten im Nieselregen. Mehr arbeiten und fleißiger sein kann wohl nicht die Lösung sein, denn wenn es alle machen würden, hätten wir ein derartiges Überangebot, das wir wirklich eine Deflation bekommen. Außerdem würden Rohstoffe knapp und teuer. Wir sollten akzeptieren das wir immer mehr Arbeitslose bekommen und trotzdem genügend produzieren können. Es wird genug produziert und genug verdient. Man müsste über eine gerechte Verteilung nachdenken. Rente bis 67 ist der absolute Wahnsinn. Wir arbeiten immer mehr und haben immer weniger. Könnte es sein das wir etwas falsch machen ? In Bezug auf Korruption und Bürokratie gebe ich ihnen recht, aber ist es bei uns anders?
4. Marktwirtschaft
ricson 22.04.2014
Mir ist irgendwie nicht ganz klar wie die Erhöhung der Arbeitszeit dazu führen kann das weltweit mehr motorraeder verkauft werden. Es wird wohl dann eher so laufen das Ducati mehr motorraeder verkauft ein anderer dafür weniger. Dann wird derjenige nachziehen und seine Arbeitszeiten ebenfalls verlängern. Ergebnis: kein Motorrad mehr verkauft aber alle arbeiten laenger. Und nach diesem Prinzip funktioniert die Marktwirtschaft im Moment. Die Arbeitsbedingungen werden Schlechter und nichts bewegt sich. Die einzige Lösung die0 große Umverteilung. Die Reichen die ihr Geld nur anlegen um Zinsen zu erwirtschaften müssen enteignet werden, das Geld gehört in die Hände derer die es verkonsumieren.
5. Soso ...
herrwestphal 22.04.2014
Zitat von sysopREUTERSSpanien erholt sich, Portugal und Irland auch - nur Italien steckt noch immer tief in der Krise. Premier Renzi spart und senkt die Steuern, doch das Land bewegt sich kaum. Denn Bürokratie und Korruption lähmen jede wirtschaftliche Initiative. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/italien-in-euro-krise-wirtschaft-in-der-krise-matteo-renzi-machtlos-a-965512.html
... , Spanien und Portugal stecken also nicht mehr tief in der Krise. Gibt es dafür eindeutige Indikatoren und könnten die dann auch gleich mitveröffentlicht werden?
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