Veränderte Statistik Italien schmuggelt sich aus der Rezession

Neue EU-Regeln für die Berechnung der Wirtschaftsleistung machen es möglich: Italien befindet sich doch nicht in der Rezession - weil Drogenhandel und Schmuggel ein Schrumpfen zu Jahresbeginn verhindert haben.

Passanten vor Geschäften in Mailand: Technisch nicht mehr in Rezession
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Passanten vor Geschäften in Mailand: Technisch nicht mehr in Rezession


Rom - Italien ist der Rezession entkommen - allerdings vor allem auf dem Papier. Grund für die gute Nachricht sind die geänderten Regeln der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR), nach denen auch illegale Geschäfte wie Waffenhandel, Prostitution und Schmuggel in die Berechnungen einfließen.

Der Effekt im Falle Italiens ist kurios: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal ging demnach nicht wie bislang berechnet um 0,1 Prozent zurück, sondern stagnierte. Zwar schrumpfte die Wirtschaft der neuen Berechnung zufolge im zweiten Quartal um 0,2 Prozent. Eine Rezession ist aber definiert durch zwei aufeinander folgende Quartale im Minus - eine Bedingung, die derzeit bei Italien nicht mehr gegeben ist.

Ähnliche Effekte gibt es erwartungsgemäß in allen Volkswirtschaften - auch in Deutschland. Das Statistische Bundesamt hatte die neuen VGR-Regeln ebenfalls erstmals bei seinen Berechnungen für das zweite Quartal angewandt.

Die neuen Regeln zur Anrechnung der Schattenwirtschaft sind auch nicht die einzige Änderung. Entscheidend ist unter anderem auch, dass nun das Geld, das Unternehmen in Forschung und Entwicklung stecken, als Investitionen verbucht werden - und nicht wie bislang als Vorleistungen, die nicht zum BIP gezählt wurden.

30-Milliarden-Euro-Paket

Unabhängig von der unverhofften statistischen Verbesserung will Italien seine Wirtschaft mit milliardenschweren Steuererleichterungen ankurbeln. "Der Unterschied zwischen dem Haushaltsgesetz 2014 und dem für 2015 ist, dass es nun 18 Milliarden (Euro) weniger Steuern sind", schrieb Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi am Mittwoch per Twitter, nur wenige Stunden vor einer anberaumten Kabinettssitzung zu Beratungen über das neue Stabilitätsgesetz für das kommende Jahr.

Das Paket mit einem Gesamtvolumen von 30 Milliarden Euro beinhaltet außer Steuererleichterungen für gering bezahlte Beschäftigte, Haushalte und Unternehmen auch neue Ausgaben in Milliardenhöhe. Es wird erwartet, dass die Pläne einerseits durch Einsparungen an anderer Stelle, aber auch durch ein höheres Haushaltsdefizit gedeckt werden.

Dies könnte Rom Ärger mit der EU-Kommission einbringen. Dabei geht es unter anderem um die wichtige Defizitgrenze von drei Prozent der Wirtschaftsleistung, die Italien bislang aber noch einhält. Auch Finanzminister Pier Carlo Padoan versicherte, sein Land nutze die nach den Regeln mögliche Flexibilität. "Wir haben einen offenen Dialog mit der Kommission", zitierte ihn die Nachrichtenagentur Ansa.

vks/dpa/Reuters

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winkler00 15.10.2014
1. Einladung an die Mafia.
Statt der Bekämpfung des Verbrechens muss sich nun jedes Land Niederlassungen der Kriminalitaet anbieten. Die haben wenigstens ein zweistelliges Wachstum. Mir ist zwar schleierhaft, wie dss in die VGR erscheint und warum denn keine Steuern erhoben werden. Man kann sich bei Negativer GR immer ein Ausgleich des Defizits durch kriminelle Handlungen beziffern. Wer will das nachprüfen. Man sollte wirklich nur der Statistik glauben, die staatlich gefälscht wird.
dissi_dent 15.10.2014
2. Der EURO ist gescheitert
Es ist schon ein Treppenwitz der Geschichte, wenn nun auch Umsätze aus "illegale(n) Geschäfte(n) wie Waffenhandel, Prostitution und Schmuggel in die Berechnungen einfließen". Viel interessanter, wenn auch nicht ganz neu ist aber die Information, dass Italien die steuern senkt. Das erfolgt grundsätzlich zu Lasten einer höheren Staatsverschuldung, die wir über die Inflation (Ich meine nicht die vom stat. BA ermittelte Preissteigerung) am Ende mitbezahlen. Systembedingt existiert in der EURO-Zone ein Schuldenwettlauf: Das Land, das überdurchschnittlich hohe Schulden hat, profitiert von der Inflation. Länder, wie D mit unterdurchschnittlichen Schulden zahlen drauf. Frau Merkel und Herr Schäuble: Weiter so Thumbs up! Der wesentliche Inhalt des Artikels ist, dass Italien als Defizitsünder Steuern senkt
also_wirklich 15.10.2014
3. Riesenpleite
Unsere Fingerabdrücke erfasst, von Fremden unsichtbar eingebaute elektronische Türsperren blockieren uns die eigene Haustür, die Schattenwirtschaft bald besser und mehr angerechnet als die eigene Wirtschaft, in der die weiße Weste alles ist und wahr. In der Vertrauen und das Wissen über gut und schlecht noch was gilt. Wir sind moralisch bankrott. Das kann sich verstärken. Bis hin zur Herrschaft des Satans! Jetzt brauchen wir ganz viele gute Kampfsportler, Leute die nicht weich in der Rübe sind und das richtige tun und sagen. Die Jediritter die der schwarzen Macht trotzen.
käthe 15.10.2014
4. Wer hat sich das eigentlich ausgedacht?
Illegale Geschäfte in die VGR einrechnen - super Idee, da kommt Italien wahrscheinlich bald auf Platz 1 in Europa und die Mafia gibt künftig Quartalsberichte heraus??? Es wird immer absurder...
TheFrog 15.10.2014
5. Abliefern, was verlangt wird...
Erst wird gerechnet, nach alten Regeln, und es kommt nicht das gewünschte Ergebnis. Na gut, dann ändere ich eben die Regeln....und schwupp die wupp....bin ich auf einmal auf der sicheren Seite, Kredit- und Förderungswürdig. Das klappt leider nur bei Staatshaushalten oder Grosskonzernen. Diese ganzen Zahlenspielerein finde ich nur noch unterirdisch, angefangen bei Italien bis hin zur "schwarzen Null" in Deutschland. Aber auch in Deutschland kommen langsam die Versäumnisse, Tricksereien unseres "Kofferträgers" und so manche andere Dinge an das Licht der Realität. Aber...Alle sind auf einem guten Weg.
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