EU-Gelder für Brautmoden und Altenheime Forschungsförderung auf italienische Art

Milliarden Euro aus EU-Kassen fließen in den armen Süden Italiens. Doch bei der Verteilung des Geldes geht es mitunter abenteuerlich zu. Selbst Autowaschanlagen und Sportplätze werden nicht ausgespart.

Schönes Kalabrien, armes Kalabrien
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Schönes Kalabrien, armes Kalabrien


Als am 7. März 2010 im Kodak-Theatre in Los Angeles ein Oscar an den Kameramann Mauro Fiore verliehen wurde, war die Freude in der 900-Seelen-Gemeinde Marzi besonders groß.

Der wegen seiner Kameraführung im Film "Avatar" gefeierte Preisträger wurde nämlich 1964 dort, in der süditalienischen Armuts-Region Kalabrien, geboren. Zwar war er bald darauf mit seinen Eltern ins verheißungsvolle Amerika übersiedelt, aber wen stört das schon. Marzi führt nun stolz den Beinamen "Geburtsort von Mauro Fiore".

Weil das allein nicht viel bringt, schmiedeten die Dorfoberen gleich einen Plan, wie man damit die "Lebensqualität und die territoriale Attraktivität" ihres Örtchens dramatisch verbessern könnte: Ein "Haus der Filmkunst und der Fotografie", aus Stahl und Glas, mit einem großen Kinosaal, Studios und Hörsälen würde Menschen aus nah und fern anlocken. Um sich in Marzi zum Kameramann ausbilden zu lassen oder um interessante Kinofilme anzuschauen.

Preisträger Mauro Fiore
DPA

Preisträger Mauro Fiore

Die Finanzierung war kein Problem. Schließlich hatte die EU Italien für den Zeitraum 2007 bis 2013 rund sechs Milliarden Euro zugebilligt, um "Aktivitäten für Forschung und Innovation in den vier Regionen Apulien, Kalabrien, Sizilien, Kampanien zu unterstützen", wie es in der Definition des Programms heißt, "und daraus Motoren für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung zu machen". Etwa 300.000 Euro davon gingen nach Marzi. Der italienische Staat legte noch 100.000 Euro aus eigenen Beständen drauf. Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Dorfkinos als Entwicklungsmotor hatte offenbar niemand.

2014 sollte alles fertig sein. Ist es aber bis heute nicht. In der Kommune heißt es, "es dauert noch". In der amtlichen Übersicht über den Verlauf des Projekts CUP F56D11000280005 steht nur: "Kein Datum verfügbar". Ob und wann der Kinotraum im Bergdorf wahr wird und, noch viel wichtiger, ob er den Menschen dort tatsächlich helfen kann, ihre Lebensbedingungen zu verbessern, weiß niemand. Man kann es hoffen, aber Zweifel sind angebracht.

"Europäische Fonds, italienische Mysterien"

Wie in Marzi sind einige tausend Projekte tief im italienischen Süden mit EU-Milliarden konzipiert, finanziert und viele davon wohl auch fertig gestellt worden. Zweifel über den Nutzen haften vielen davon an. Das italienische Wissenschaftsmagazin "Le Scienze" hat dazu eine Untersuchung in Auftrag gegeben und jetzt veröffentlicht. Die Überschrift: "Europäische Fonds, italienische Mysterien".

Der Bericht beschreibt ein unglaubliches Kuddelmuddel an großen und kleinen Projekten, die insgesamt an einem Mangel leiden: Es gibt kein Konzept, was, warum finanziert werden soll. Deshalb gibt es auch quasi nichts, was nicht bezuschusst werden kann.

Subventioniert werden zum Beispiel Matratzenhersteller und Brauereien, Altenheime, Bed-and-Breakfast-Anbieter, Hand-, Fußball- und Beach-Volleyball-Plätze, Bäckereien und Ölmühlen, Web- und Energie-Projekte jeglicher Art, Schneidereien für Brautmoden, Hersteller von Holz- oder Metallmöbel, Schwimmbäder und Abfüllanlagen für Mineralwasser. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Der Nachprüfung schon. Viele der geförderten Aktivitäten sind Ein-Personen-Betriebe ohne Internet-Anschluss. Manche haben nicht einmal eine reale Adresse. Selbst die Adressen-Ortung mit Google Earth geht mitunter ins Leere, führt zu einer unbefestigten Straße ohne Häuser irgendwo im Nirgendwo. Aber das Geld hat seinen Empfänger wohl gefunden.

Es gibt viele kleine, aber auch große Empfänger jener EU-Hilfen, darunter eine Großbank, Universitäten und Unternehmen mit bekannten Namen, wie Fiat oder Telecom. Doch auch in diesem Segment sah die Untersuchung der Wissenschafts-Zeitschrift mehr Nebel als Licht. Bei vielen Projekten sei nicht erkennbar, warum sie eigentlich mit Steuergeldern gefördert werden sollten, worin die Effekte für den Wirtschaftsstandort liegen könnten. Bei der Herstellung von medizinischen Pflasterstreifen etwa oder von Nudeln ohne Gluten. Liegen da wirklich die Zukunftschancen für den armen Süden Italiens?

Verschwendung oder Mafia?

Für die Frage, wer von den Milliarden wirklich profitiert, interessiert sich längst die Justiz. So untersuchen Staatsanwälte etwa bei einem Labor für Krebstechnologie laut Medienberichten seit 2014 den Verbleib von 20 Millionen Euro. Bei einem Projekt namens "Temotec", dem ebenfalls Ermittler nachspüren, sind 103 Firmen, Labors und Uni-Abteilungen in einem labyrinthischen Komplex verwickelt. Ermittelt wird, so heißt es, auch gegen einen ehemaligen Generaldirektor des Ministeriums für Bildung, Universitäten und Forschung, der zwischen 2009 und 2012 bei der Bewertung vieler Projekte federführend gewesen sein und die Mittel etwas selektiv verteilt haben soll.

Die Definition der Förderkriterien, die Ausschreibung, Verteilung der EU-Gelder - zu denen der italienische Staat noch eine Milliarde Euro dazulegte - und die Kontrolle über deren Verwendung, obliegt nicht der EU-Kommission in Brüssel. Zuständig dafür ist die Regierung in Rom, und dort insbesondere zwei Ministerien. Das für Bildung, Universitäten und Forschung und das für wirtschaftliche Entwicklung. Beide wollten dem Magazin "Le Scienze" zu alledem nichts sagen. Aber das sagt eigentlich genug.

In Brüssel, auch nicht viel besser, interessiert vor allem, dass die Mittel abfließen. Deshalb macht die EU immer weiter mit solchen Mammut-Projekten, obwohl seit Jahren auch dort bekannt ist, dass ein Teil der Gelder - nicht nur in Italien, sondern überall in Europa - bei der organisierten Kriminalität landet oder wirkungslos eingesetzt wird.

EU-Millionen für Fußballwerbung

Ausgerechnet in Kalabrien sorgte schon 2008 ein Fall fantasievoller Wirtschaftsförderung für Aufregung. Die Region profilierte sich damals nämlich als "offizieller Partner der italienischen Fußballnationalmannschaft". Sie durfte deshalb zwischen den unzähligen Sponsoren-Logos - etwa an der Wand, vor der Trainer und Spieler nach dem Match zu ihren Fernsehinterviews aufgestellt werden - auch ein Kalabrien-Schildchen platzieren. Text: "Kalabrien gibt dir mehr".

Das, so die Regionalregierung, werde massenhaft Touristen in die wirtschaftlich zurückgebliebene Gegend treiben.

Es kostete für drei Jahre ja nur 1,8 Millionen Euro. Die Hälfte davon kam sowieso aus Brüssel. Gut, zusätzlich gingen ein paar Millionen für Werbung drauf, damit das Fußball-Logo überhaupt wahrgenommen wurde. Aber warum denn nicht, wenn die kleine Plakette für Kalabrien endlich den großen Sprung nach vorn bedeuten kann?

Trotzdem regten sich manche auf, etwa der Oppositions-Europaabgeordnete Benjamino Donniici. Zugunsten des Kicker-Sponsorings sei in Kalabrien der Ausbau touristischer Infrastruktur zurückgeschnitten worden, empörte sich der. Das sei so verrückt, "dass es ins Guinness-Buch der Rekorde gehört".



insgesamt 36 Beiträge
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mimas101 05.09.2016
1. Ei der Daus...
ich glaube ich sattele auf meine alten Tage nochmals um und domiliziere dann in Bella Italia, südlich des Rittersporns. Und zwar als Beihilfe-, Zuschuß- und Investitionssauger. Schule für meine Erben und einheimische Novizen eingeschlossen. Das gibt dann bestimmt viele Mio die ich dann in Tratorias und Pizzerias unter die Leute bringe damit sie dann ebenfalls wirtschaftlich gesehen aufblühen mögen. Um aber dem morgendlichen Verblühen vorzubeugen wäre vielleicht eine kleine 500Betten Poliklinik mit angeschlossener Tierklinik rein möglich in Erwägung zu ziehen.
apfeldroid 05.09.2016
2.
Was Amüsantes zur frühen Stunde :)
Miere 05.09.2016
3. Braucht das Kaff da noch eine deutsche Partnerstadt?
So anders läuft es hier ja auch nicht. Mein Wohnort zB hat zwei seit Jahren aus Kostengründen abgeschaltete Springbrunnen, aber wegen irgendeines neuen Fördertopfes nun einen neuen gebaut statt die alten zu reaktivieren. Obwohl - vielleicht nehmen sie lieber Berlin als Partnerstadt. Der Flughafen ist unschlagbar.
dereuropaeer 05.09.2016
4.
Solche Stories fördern natürlich den allgemeinen EU-Frust. Da ist Brüssel gefragt , oder wofür sitzen die vielen Ex-Politiker in Brüssel ?
ivo815 05.09.2016
5. Italiens Verschuldung in Echtzeit
Wunderts wen? http://m.italiaora.org/
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