Drohende Italien-Panik Warum Deutschland wieder helfen muss

Italiens Krise droht zu eskalieren. Und die Euro-Verantwortlichen scheinen die gleichen Fehler zu machen wie im Fall Griechenland. Alarm!

Luigi Di Maio, Giuseppe Conte und Matteo Salvini (v.l.)
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Luigi Di Maio, Giuseppe Conte und Matteo Salvini (v.l.)

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Italiens neu-populistische Regierende haben angekündigt, mehr Geld auszugeben, als es ihre Vorgänger versprochen haben - seitdem herrscht helle Aufregung. Mal poltern Brüsseler Kommissare, dass so etwas nie dagewesen sei. Mal liest man, wie Italien jetzt ungehemmt Schulden mache. Und an den Finanzmärkten scheint ähnliche Sorge zu herrschen. Immerhin sind italienische Staatsanleihen offenbar so unbeliebt geworden, dass sie nur noch mit höheren Zinsen an Mann und Frau zu bringen sind - eine Art Risikoprämie darauf, dass die Italiener ihre Schulden vielleicht bald nicht mehr bedienen könnten.

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Heft 44/2018
Italien greift an. Europa droht die nächste Schuldenkrise.

Jetzt lässt sich darüber streiten, ob das, was die Regierung in Rom da angekündigt hat, all die Superlative der vergangenen Wochen faktisch rechtfertigt. Das eigentlich Bedrohliche ist, dass sich die Panik zu verselbständigen begonnen hat - und der Italo-Absturz in jedem Moment zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden kann. Und dass damit - weil es diesmal um Italien und nicht um das kleine Griechenland geht - eine weit schlimmere Eskalation droht als in der ersten Eurokrise. Gut möglich, dass es sogar in unserem ureigenen Interesse ist, dem Land mit den Populisten dann aus dieser Spirale wieder herauszuhelfen.

Klar, es kommt einer Provokation gleich, was die Regierenden in Rom da gerade veranstalten. Und man muss auch keine Sympathie für das Poltern von Luigi Di Maio und Matteo Salvini haben. Aber ganz im Ernst: Ein Staatsdefizit von 2,4 Prozent der Wirtschaftsleistung in einem hoch entwickelten Land ist kein Grund, den betreffenden Staat vor der Pleite zu sehen. Auch bei einem hohen Altschuldenstand nicht, wie ihn die Italiener haben. Das wird weder ein plötzliches Hochschnellen der Staatsschuldenquote mit sich bringen. Noch ändert es sehr viel am Grundbefund, dass Italiens Staatsfinanzen jenseits der Zinslasten aus alten Zeiten solider sind als die vieler anderer Länder. Lässt man die Zinszahlungen außen vor, weist der Haushalt nach wie vor einen Überschuss aus.

Dass die Risikoprämien auf italienische Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit seit Mai teils panikartig hochgeschnellt sind und mittlerweile über drei Prozentpunkte liegen, muss andere Gründe haben, sagt die französische Ökonomin Véronique Riches-Flores: "Die Märkte testen ganz offenbar, wie weit die Europäische Zentralbank gehen würde, um Italien zu retten." Sprich: Es gibt eine Menge Investoren, die mal darauf wetten, dass die EZB das Land fallen lässt. Sie stoßen einfach mal ihre Anleihen ab - und sehen dann zu, ob die Euro-Hüter noch dagegenhalten, um den Zinsanstieg zu bremsen. Gewinnen die Spekulanten, wäre Italien inmitten einer Kapitalflucht früher oder später dazu gedrängt, wieder eine eigene Währung einzuführen.

Das Kerndrama typischer Finanzkrisen

Womit wir uns im Prinzip wieder dem Drama nähern, das die Eurozone zwischen 2010 und 2012 schon einmal fast zerbrechen ließ: dem Kerndrama typischer Finanzkrisen. Was mit ein paar Tests von Spekulanten beginnt, kann sich binnen Tagen verselbständigen. Und außer Kontrolle geraten, wenn nicht schnell gegengehalten wird:

  • Je höher die Zinsen auf Staatsanleihen steigen, desto teurer wird es für die Regierung, ihre Schulden zu bedienen - womit sich ein Teil der spekulativen Prophezeiung von selbst erfüllt.
  • Je tiefer sich die Zweifel festsetzen, desto mehr Anleger bringen ihre Ersparnisse aus mehr oder weniger diffuser Angst ins Ausland - was heute per Mausklick möglich ist.
  • Es folgen Ratingagenturen, die das Land herunterstufen. Was die Lage noch schlimmer macht. Eine sich selbst verstärkende Panik, die immer schwerer zu stoppen ist.
  • Bis tatsächlich keiner mehr die Anleihen kaufen will: pleite.

So muss es nicht kommen. Das Risiko ist allerdings deutlich höher, als es manch einer derzeit einräumen mag (um den Psycho-Effekt nicht zu verschlimmern). Die Zinsen sind gestiegen, Banken berichten über Kapitalflucht, und an diesem Wochenende könnte die Ratingagentur S&P ankündigen, Italien auf nahe Ramschniveau herabzustufen. Womit das Land immer näher an den Status rückt, bei dem nach den Regularien auch die EZB keine solchen Staatspapiere mehr kaufen dürfte. Was die Krise sofort eskalieren ließe.

Noch läuft zwischen den Regierenden in Rom und der EU-Kommission in Brüssel das Pokern darum, wer nachgibt. Und es gibt Analysten wie Holger Schmieding von der Berenberg Bank, die darauf setzen, dass die Populisten ähnlich wie einst der Grieche Alexis Tsipras irgendwann Etatfetischisten werden und auf Kürzen umschwenken - und die Märktepanik verschwindet.

Die Psychospirale so schnell wie möglich stoppen

Ob es dazu kommt, ist allerdings fraglich. Wie sollten die anderen also reagieren? Die Lehre aus der ersten Eurokrise ist eigentlich klar: Bevor die Panik an den Finanzmärkten eskaliert, muss die Notenbank intervenieren und als letzte Instanz die Psychospirale so schnell wie möglich stoppen - so wie Mario Draghi das (nur reichlich spät) im Sommer 2012 getan hat, indem er ankündigte, "alles was nötig ist" zu tun, also notfalls unbegrenzt Staatspapiere selbst aufzukaufen, um die Pleite zu verhindern.

Allein die Ankündigung reichte, um die Panikspirale zu stoppen. Weil die Ankündigung ganz offenbar glaubhaft war, musste niemand, der Anleihen der getroffenen Staaten hatte, um sein Geld mehr bangen. Schluss mit Panik.

Hier beginnt diesmal das neue Drama. Die Euro-Verantwortlichen haben als (vermeintlichen) Ersatz seitdem ihre Rettungsfonds aufgestockt. Und die EZB hat ihre Staatsanleihekäufe ausgeweitet. Gleichzeitig wurde jede neue Hilfe mit neuen Auflagen versehen. Und die EZB hat sich auferlegt, nur eine bestimmte Summe Anleihen von bestimmten Ländern zu kaufen. Etwa von Italien. Dafür mag es im Einzelfall gute Gründe geben. Nur ist es dann eben keine Garantie mehr - und eine Einladung für Spekulanten, das Ganze zu testen. Siehe oben.

Das Ergebnis könnte sich bald fatal auswirken. Weil es festgelegte anteilige Obergrenzen gibt, dürfen die Euro-Hüter nach aktuellem Stand kaum weitere italienische Anleihen kaufen. Und die Rettungsschirme, die es seit der Eurokrise außerdem noch gibt, kämen den Vereinbarungen zufolge auch nur zum Einsatz, wenn die Regierung in Rom dann auch ordentlich kürzt und Steuern anhebt - was das Gegenteil davon wäre, wofür sie gerade erst gewählt wurde.

Hinzu kommt das politische Problem, dass natürlich keiner jetzt gern einer populistischen Regierung beispringen will, die das Poltern gegen Europa zum Maßstab ihrer Politik gemacht hat.

Ohne Stoppmechanismus könnten Italiens Staatsfinanzen bald kollabieren

Die Konsequenz daraus ist so klar wie dramatisch: Ohne Stoppmechanismus für die Angstspirale könnten Italiens eigentlich gar nicht so unsolide Staatsfinanzen bald tatsächlich kollabieren - weil sich die Panik verselbständigt. Nicht weil es dafür objektive realwirtschaftliche Gründe gäbe.

Noch setzen Optimisten darauf, in einem solchen Fall diesmal wenigstens alle anderen Länder der Eurozone abschirmen zu können - und anders als in der Krise 2010/2011 vor einer Eskalation zu schützen. Doch ob das inmitten des wahrscheinlich größten Währungsbebens seit Langem wirklich gelingt?

Durch eine italienische Pleite wären gleich reihenweise deutsche und französische Banken getroffen. Auch die ohnehin schon schwächelnde deutsche Konjunktur könnte kippen - und die erste Rezession seit Langem drohen. Italien steht ja nicht nur für rund fünf Prozent der deutschen Exporte. Sondern ist auch wichtigster Handelspartner von Frankreich, das wiederum Deutschlands zweitwichtigster Absatzmarkt ist.

Es hat etwas Absurdes sich vorzustellen, dass Deutsche und Franzosen in Kürze die Euro-Notenbank darin unterstützen könnten, einer rechts-links-populistischen Regierung zu Hilfe zu kommen. Gut möglich, dass es schon in Kürze so weit ist. Nicht um Italiens Regierung zu retten, sondern um größeren Schaden von unserer Währung abzuwenden und die nächste finanzielle Katastrophe auch für uns zu verhindern.

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Seite 1
GP1 26.10.2018
1.
"Nicht um Italiens Regierung zu retten, sondern um größeren Schaden von unserer Währung abzuwenden und die nächste finanzielle Katastrophe auch für uns zu verhindern." Klar, wir retten Italien, Malvini und dieser andere hauen sich vor lachen auf die Schenkel. "Schutzgelderpressung kommt noch mehr in Mode. Ach Herr Fricke, sie können es einfach nicht lassen.
heino.dengel 26.10.2018
2.
Es ist klar, dass diese Debatte politisch benutzt wird, vor allem aus Rom. Alles ist schlecht, der Euro, Europa, wenn es einem schlecht geht, dann sind die Flüchtlinge schuld etc. Die Finanzmärkte sind kein Kindergarten, sie nutzen jegdwege Gelegenheit um Geld zu verdienen. Jede Schwäche wird bestraft. Danach freut man sich idR über Hilfe der EZB. Ich für meinen Teil kann den Salvini nicht mehr sehen. Irgendetwas, außer Hass predigen, hat er ja in seinem Leben nicht hingekriegt.
robert.hammer 26.10.2018
3.
Ob Griechenland oder jetzt Italien, ich kann nicht sehen warum Deutschland helfen muss. Die Länder sind eigentlich selbständig, wenn es ums Geld geht anscheinend doch nicht.
Hoberg 26.10.2018
4. Pacta sunt servanda
Der Grund warum diese Typen an der Macht sind war die Abmachung der letzten italienischen Regierung, in diesem Jahr einen Europarechts -konformen Haushalt abzugeben. Deshalb gab es keine nicht einzuhaltenden Versprechungen und wurden abgewählt. Es kann nicht sein, dass Europa die Politiker hintergeht, die gerade dieses Europa anerkennen. Und wir Deutsche sollten uns hüten zu helfen!!
mollrip 26.10.2018
5. Sehr richtig, ABER
Ein guter Beitrag zu der Psychologie der Märkte. Vernachlässigt wird aber die Psychologie der Politik. Wenn jetzt bei Italien nachgegeben wird, haben wir bald populistische Schreihälse in ganz Europa, denn „in Italien hat es ja geklappt“. Italien nicht helfen zu wollen hat nichts mit Schafenfreude zu tun, sondern mit Sorge um fie Kohärenz Europas.
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