Von Hans-Jürgen Schlamp
Rom/Hamburg - Mario Monti hat den Zeitpunkt für seine Rückzugsankündigung vorsichtig gewählt. Er habe den Rücktritt bewusst am Wochenende verkündet, um den Märkten Zeit zu geben, sich bis zur Börsenöffnung am Montag von der Nachricht zu erholen, sagte der italienische Ministerpräsident der Zeitung "La Repubblica". Doch Silvio Berlusconi durchkreuzte diese Strategie. Er hatte nur wenige Stunden vor Montis Rückzugsankündigung seine erneute Kandidatur verkündet - und damit europäische Politiker und die Finanzmärkte nachhaltig geschockt.
Der Mailänder Leitindex stürzte am Montag auf ein Drei-Wochen-Tief, Anleger stießen italienische Staatspapiere reihenweise ab. Dabei hatte sich die Aufregung um das kriselnde Land in den vergangenen Monaten deutlich gelegt. Ein wichtiger Grund dafür war Montis Reformpolitik. Sie war für die Investoren das Signal, dass Italien seine Probleme anpacken will.
Tatsächlich hat Monti wichtige Reformen angestoßen. Aber das meiste davon ist noch nicht am Ziel angekommen: Entweder muss es noch vom Parlament abgesegnet werden oder es fehlen Ausführungsbestimmungen und nötige Begleitgesetze. Die größte Befürchtung von Investoren und europäischen Politikern ist, dass wichtige Neuerungen nach dem Regierungswechsel wieder zurückgenommen oder nicht weiterverfolgt werden.
Gegen diese "Kommentare einiger europäischer Politiker und Medien" zu seiner Kandidatur polterte Berlusconi unterdessen heftig am Montagabend. Sie seien ein "Angriff": "Weniger auf mich persönlich, sondern auf die freie Wahl der Italiener", so Berlusconi. Er unterstellte, die offensive "Einmischung" in innere Angelegenheiten sei dazu da, den Aktienkurs der italienischen Unternehmen zu schwächen, damit sie leichter Übernahmekandidaten werden. Damit trägt Berlusconi nicht zu einer Beruhigung der Märkte bei.
Auch wenn er bekräftigte, ein "überzeugter Unterstützer Europas" zu sein, will er wie alle anderen Parteien im jetzt beginnenden Wahlkampf nicht mit unpopulären Maßnahmen in Verbindung gebracht werden.
Die Parteien wollen sogar ans bereits parlamentarisch beschlossene Monti-Erbe ran. Die Mitte-Links-Partei PD etwa will die Arbeitsmarkt- und Rentengesetze wieder ändern. Berlusconi hat bereits angekündigt, die Immobiliensteuer und andere Belastungen wieder abzuschaffen.
Damit rütteln die Politiker genau an den Errungenschaften, die Monti als Erfolge verbuchen konnte:
Ein weiteres wichtiges Projekt von Monti ist die Schuldenbremse. Ab 2014 soll sie für ausgeglichene Haushalte sorgen. Um das zu schaffen, wurde ein Sparpaket geschnürt. Es könnte bis 2014 insgesamt rund 26 Milliarden Euro bringen. Doch die Schuldenbremse ist noch nicht perfekt. Sie ist zwar beschlossen und in der Verfassung verankert, doch das entsprechende Gesetz für die praktische Umsetzung fehlt noch. Dieses eine Projekt möchte Monti noch zu Ende bringen. Bevor er abtritt, will der Regierungschef zunächst noch das Gesetz über die Schuldenbremse im Parlament durchbringen.
Immerhin gibt es auch Projekte, die trotz Montis Rückzug noch gute Chancen auf Umsetzung haben:
Ein Lichtblick sind auch die Staatsfinanzen. Sie sehen nicht so schlecht aus, wie die hohen Risikoaufschläge für italienische Anleihen vermuten lassen: Der sogenannte Primärhaushalt, bei dem Zinszahlungen ausgeklammert werden, weist einen Überschuss aus. Die EU-Kommission geht davon aus, dass die Neuverschuldung sowohl 2013 als auch 2014 unter der in den EU-Verträgen festgelegten Drei-Prozent-Hürde liegen wird. Außerdem exportiert das Land inzwischen wieder mehr als es importiert.
Berlusconis Kandidatur als Scherz abgetan
Ob er selbst noch einmal bei der Parlamentswahl im Februar oder März antritt, hält Monti offen. "Ich denke zum derzeitigen Zeitpunkt nicht an diese spezielle Frage", sagte er am Montag in Oslo. Für Anleger steht aber bereits fest, wen sie auf keinen Fall auf dem Chefsessel der italienischen Regierung sehen wollen: "Für die Märkte ist die mögliche Rückkehr Berlusconis als Ministerpräsident nicht nur mit Angst, sondern regelrecht mit Schrecken verbunden", sagte ein Börsianer in Mailand.
Berlusconi stand bereits vier Mal an der Spitze der Regierung. "Er war oft genug im Amt und nie hat sich etwas bewegt", sagte der Chefvolkswirt der HSH Nordbank, Cyrus de la Rubia. "Unter Berlusconi gibt es meiner Meinung nach keine Chance, dass der Reformkurs des Landes fortgeführt wird."
Ein italienischer Beamter der EU-Kommission sagte, er habe die Kandidatur Berlusconis im ersten Moment sogar als Scherz aufgefasst. "Berlusconi ist wirklich das Letzte, was unser Land braucht. Wenn er wieder an die Macht kommt, beantrage ich die belgische Staatsbürgerschaft."
mit Material von Reuters und dpa
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